tüncher,
m. ,
im frühen nhd. auch: düncher H. Sachs
fab. u. schwänke 5, 69
ndr.; Dasypodius
dict. (1547) 2, C 3
a; Duez
dict. (1664) 2, 107;
entrundet: dincher Dasypodius
dict. (1536) 44
b;
qu. v. 1622
bei Fischer
schwäb. 2, 464;
mit offener qualität des stammvokals: döncher Nigrinus
widerlegung ...
der 1.
centurie ... Johan Nasen (1570) E e 2
b; toncher (15.
jh.)
s. u.A 1;
als orthogr. varianten finden sich: düncker Frisius
dict. (1556) 347
b (
bei Maaler: düncher
s. u.A 2); thncher Decimator
thes. (1608)
index; vereinzelt mit pleonastisch antretendem suffix (
s. Henzen
dt. wortbildung [1947] 162): tuncherer Tucher (
s. u. A 1)
und mit erweitertem suffix (
s. Henzen
a. a. o. 161): tünchner Jung-Stilling (
s. u. B 1); Thümmel
s. w. 6 (1854) 146;
mnd. dönneker, donneker Schiller-Lübben 2, 542. —
nomen agentis zu tünchen (
s. dort),
das seit dem 15.
jh. nachweisbar und —
sich gegenüber sinnverwandten wörtern wie gipser (
s. teil 4, 1, 4, 7541), glätter (
s. ebda 7751), kleiber (
s. teil 5, 1068), weiszer (
s. teil 14, 1, 1208), weiszbinder (
s. ebda 1201)
und weiszfärber (
s. ebda 1209)
im sprachgebrauch durchsetzend —
ein gängiges wort der nhd. schriftsprache (
nicht der mundarten)
geworden ist. AA.
als handwerksbezeichnung des baugewerbes. A@11) '
verputzer, die wände verputzender maurer' (
zu tünchen A 1): dy buwinde kunst had undir er sechz houpt hantwerg. daz erste ist kalgwerg und ist eyn houpt hantwerg und had vel ander hantwerg undir em alz steynmetzcen, murer, toncher, kalgkborner, zcigeler, topphir, steynbrechir ... und der glichin
hs. d. 15.
jhs. in: anz. f. kde. d. dt. vorzeit 3, 273; ein steinmetz, tuncherer, pflasterer, decker oder zimmergesell Tucher
baumeisterb. d. st. Nürnb. 67, 17
Lexer; wann dir der Kötzler das hausz raumbtt und du eins tünchers bedarfst, so brauch des vetter Paulus Scheürl seinen, den maister Jörgen (3. 9. 1586) Paumgartner
briefw. 79
lit. ver.; deren lOecher eins so die tncher in werendem bawen in die maurn machen vmb jre gerst damit auffzurichten
theatr. amoris (1626) 262;
crustarius ein tuoncher oder klicker (
zu nd. klicken
mit lehm mauern oder bewerfen) Corvinus
fons lat. (1646) 236; wurden solche wänd ... durch den tüncher verworfen
qu. v. 1666
bei Fischer
schwäb. 2, 464; tncher,
m., intonicatore, incrostatore Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
b; du schelm, dein vater war ein mauerntüncher
Shakespeare (1797) 8, 132; übrigens wolle er auch den herrn förster bitten, dasz er als guter nachbar mitunter den maurern, tünchern, zimmerleuten und schlossern ein wenig zuschaue Riehl
gesch. aus alter zeit (1863) 2, 74. A@22) '(
die wände mit einem weiszen, glatten kalküberzug versehender)
weiszer, weiszfärber' (
zu tünchen A 2;
vgl. weisztüncher
teil 14, 1, 1227);
dies wird die geläufige anwendung im nhd.: crustarius ein glesster, gletter, dincher Dasypodius (1536) 44
b; düncher, weyszger, der die mauren gypset oder weyszget
tector, crustarius Maaler
teutsch spraach (1561) 93
a;
tector ein tncher, der die hAeuser weisset Corvinus
fons lat. (1646) 871; der tüncher ...
im gemeinen leben weisser Adelung 4 (1780) 1103; der maurer arbeitete, die gesprungenen wände (
an Wilhelms elternhause) auszuzwicken, und der tüncher, ihnen glätte und ansehen zu geben Göthe I 51, 176
W. (
s. auch ebda 25, 221); während die tüncher inwendig über hals und kopf weiszten Hegel
w. (1887) 19, 1, 280; im obern (
stock) fuhr der grosze pinsel des tünchers unermüdlich über die wände, und weiszliche gestalten mit groszen schürzen trugen die kalkgefäsze trepp auf trepp ab Freytag
ges. w. (1886) 5, 46; tünchen ... eine wand mit ... tünchkalk anstreichen ... geschieht durch den tüncher Mothes
ill. baulex. (1881) 4, 379; tüncher ...
pargeter, house-painter ... blanchisseur Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 782. A@33) '
anstreicher, maler' (
zu tünchen A 3 a): diesem hatte der tncher sein hausz von aussen mit allerhand gauckeley vnd narren bemahlet Zinkgref
apophthegmata (1639) 288; wir (
die maurer) müssen es sogar noch gut heiszen, wenn der tüncher die spur unserer hände völlig auslöscht und sich unser werk zueignet, indem er es überzieht, glättet und färbt Göthe I 20, 98
W.; auch der schmuck der bauernhäuser innen und auszen mit allerlei bunten schnörkeln des tünchers (den man hier, und zwar oft mit vollem recht, einen 'maler' nennt) pflanzt sich aus den Alpen über die südbayerischen hochflächen fort, gegen das Donauthal hin mehr und mehr verblassend W. H. Riehl
land u. leute (
21855) 208; wie ihr mir die zimmerwand, meister tüncher, sollet malen? grün die felder, jeder rand gelb, dazwischen blaue strahlen. dasz im winter auch dasselbe wie im sommer mich erquickt: wiesengrün und aehrengelbe mit cyanenblau gestickt Rückert
ges. poet. w. (1882) 2, 595; wir wollen dem tüncher die farbe selbst mischen Freytag
ges. w. 5 (1887) 45;
vielfach in abschätzigem sinne —
im bewuszten gegensatz zu '
kunstmaler' —
gebraucht (
s. auch unter tünchen A 2): er ist nur ein tncher, klatt-
ò klatschmaler
egli non è ch'un' imbiancatore, cioè schimbiccheratore, imbroglione, v. schmierer Kramer
teutsch-ital. 2 (1702) 1162
b; am längsten schlug sich meine bittere laune mit dem tüncher herum, der sich erfrecht hatte, den namen jenes glorreichen malers auf seinen schmierlappen zu prägen Thümmel
reise i. d. mittägl. prov. 10 (1805) 56; tüncher und subordinirte künstler, welche fähig waren arabesken hinzuzeichnen, fanden sich eher Göthe I 47, 238
W.; an der wand der kirche hingen ... bilder, die von einem tüncher verfertigt schienen ... jedes derselben war geistlos Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 5, 206. BB.
metaphorisch. B@11)
in anschlusz an biblische wendungen (
s. auch unter tünchen B 2)
erlangt tüncher
die bedeutung '
scheinheiliger': sprich zu den tnchern, die mit losem kalck tnchen
Hesekiel 13, 11 (
vgl. die mnd. fassung bei Schiller-Lübben 1, 542); sie (
die heuchlerischen, scheinheiligen priester) bertnchen seine (
des landes) snden, die tncher einer losen wand! Cramer
s. ged. 3 (1783) 282; o wie matt und wie ekel werden einem ... die sophystereien [!] der philosophen ... o ihr tnchner mit osem kalk! — wie sehr schimmert der alte greuel durch Jung-Stilling
s. schr. (1835) 1, 346. B@22)
wie kleisterer (
s. teil 5, 1135)
und schmierer (
s. teil 9, 1087 [3])
findet sich tüncher
dann auch allgemein im sinne von '
betrüger, heuchler, schmeichler, schönschwätzer': die rohe, gottlose welt, Epicurer, schwermer vnnd corruptelisten, schmirer, tncher und maulchristen, lest er (
der teufel) als seine trewe hoffdiener, wol zu frieden
M. Christoph. Irenaeus
Adam u. Eva (1570) N 2
b; o wie solte er (
Luther) synergisten, maioristen, adiaphoristen unnd theologische juristen haben lehrnen heucheln, schmeicheln den grossen potentaten und also hofieren, dasz die wahrheit darber not und fahr litte. item, die klgesten tncher, schmierer, kleisterer, weicher und vergleicher, ja reformatores der religion J. Westphal
hoffarts teuffel in: theatr. diabolorum (1587) 2, 17
b; nach dem sprichwort: ... ein maulaff und ein lapp, ein tncher und ein weisser, ein trieger und bescheisser ... ein ochs und ein rind sind all gschwister-kind Moscherosch
gesichte (1650) 1, 465; hie ist nun nicht zu lAeugnen, dasz ... solche falsche krAemer und falsche tncher unter den priestern vorhanden sein, die so schmeicheln J. W. Petersen
hochzeit d. lammes (Offenbach a. M., o. j.) 253; wo wollen denn die falschen lober und tncher bleiben, so denen jenigen die seligkeit so frei zusprechen, die denen thOerichten jungfrauen ... lange nicht beikommen, noch das wasser reichen?
ebda 35. B@33)
für einen vergleicher, der über alle gegensätze hinwegtäuschend zum frieden rät: Luthers schrifften sind wider solche rotten, secten vnd dergleichen halbhOeszler, vergleicher vnd tncher vorhanden Cyr. Spangenberg
böse sieben (1562) Hh 4
b; sie (
die welt) wil nicht gerne, das man jhr das gewissen sol rren, wil gerne tncher, pacemsprediger, gerstenprediger haben S. Artomedes 56
pred. (1604) 197; die vergleicher seind wie tncher, fAerber vnd kleysterer Lehman
flor. polit. (1662) 2, 805.