sündig,
adj. ,
peccatorius: '
mit sünde behaftet'
und '
von sündlicher art',
je nach dem beziehungswort, aber häufig nicht scharf unterscheidbar. ahd. suntig,
as. sundig,
mhd. sündec,
substantiviert bis in die mitte des 12.
jh. für peccator: got, wis mir milti suntigomo (
mihi peccatori)
Tatian 118, 3; ther suntigan so queliti Otfrid III 17, 48; dir wirdo ih suntigo pigihtic Steinmeyer
ahd. sprachdenkm 314.
so auch afries. sondich Richthofen
fries. rechtsqu. 415;
später persönliche substantivierung selten: hiesz und liesz sündig und selig (wie man spricht) ohn unterscheid da hinein Kirchhof
wendunmuth 2, 260
lit. ver.; es spricht der sündige den sünder frei Schiller 12, 561
G. das wort, seit beginn des nhd. durch sündlich
zurückgedrängt, tritt gegen ende des 18.
jh. wieder in den vordergrund, lockert sich aber seitdem und erweitert die grenzen seines ursprünglichen gebrauchs. 11)
am ausgeprägtesten im religiösen bereich (
vgl.sünde I): 1@aa)
als festes epitheton bei mensch, geschöpf u. ä., besonders im christlichen sprachgebrauch, der mensch als solcher, im natürlichen, kreatürlichen zustand: argang fon mir, wanta ih suntig man bin
Tatian 19, 8; ih filo sundiger mennisco (11.
jh.) Müllenhoff-Scherer
denkm. 1, 295; lasse mich sündigen menschen ein einig wörteli zuo dir sprechen Seuse 450
Bihlmeyer; wie darf der sündige mensch von dem heiligen gott gnade erwarten
M. Meyr
erz. aus d. Ries 3, 213;
fest geworden: wir armen sündigen menschen darvon gespeiset ... werden
manuale curatorum (1516) 59; uns arme sündige menschen Cl. Brentano (1852) 4, 26; ich armer, sündiger mensch bekenne gott ..., dasz ich ... folgende sünden begangen habe
kath. katech. f. d. erzbistum Köln (1915) xviii; die gedachten stellen handeln von der strafbaren vermischung der liebe zu gott und einem sündigen geschöpfe Gottsched
anmut. gelehrsamkeit (1751) 7, 349; der tod ist das zerschellen des sündigen geschöpfes S.
Brunner erz. u. schr. (1864) 2, 126; selig
oder gerecht
als gegensätzliche begriffe: sundig oder selig vor gotte
theologia deutsch 35
Mandel; das der sündige mensch gerecht werd Joh. Nas
antipap. (1567) 1, 179
b; beleidigungen der sündigen welt sind dem gerechten nötige züchtigung Klinger 3, 87.
daneben in bestimmtem gebrauch, der in besonderem sinne oder masze sündige
mensch: es waz ein riche sundick man, den sere rewen began sine groze missetat
kl. mhd. erz. 3, 61
Rosenhagen; dasz solche gestalten (
geister) dem sündigen menschen (
Richard III.) erscheinen G. Freytag (1886) 18, 378;
steigerungsfähig: wenn man auch mit seinem versehen vor Jehovah stand und vor keinem vielleicht sündigeren menschen Herder 12, 118
S.; und von dem ersten übertreter Adam bis auf den aller sündigosten Judam Niclas v. Wyle
translationen 94
Keller; auch in der kirchlichen sprache: und kein priester soll einem sündigen menschen misztrost geben Grimm
dtsche sagen (1891) 1, 127.
seltener prädikativ und nicht, wie bei sündlich 5
und sündhaft 2,
in der unpersönlichen formel: daz ich dich niht wan sündec vant!
v. d. jungesten tage 52
Will.; der selben menschen ding wirt oft guot, die sich doch für sündig und gebrechenhaftig halten Tauler
sermones (1508) 36
a; so unwissend und sündig die menschen waren, so elend waren sie auch Chph. v. Schmid (1858) 1, 130;
gelegentlich mit präpositionaler erweiterung: bin suntig in githankonjoh leidlichen werkon Otfrid III 17, 60; und sich für sündig in der warheit hette Tauler
pred. 267
Vetter; doch käme wider die götter sündig heim das heer Droysen
Äschylus (1841) 54. 1@bb)
sehr gefestigt seit alters auch in einer reihe verwandter verbindungen, in denen sündig
wie unter a
als allgemeinstes charakteristikum begegnet: 1@b@aα)
bei menschlichen gemeinschaftsformen wie geschlecht, volk, welt u. ä.: in thesemo furleganen cunne inti suntigemo (
in generatione ista adultera et peccatrice)
Tatian 44, 21; und endlich für ein sündiges geschlecht mit tausend martern starb Zachariä
poet. schr. (1763) 3, 213; die himel ... die doch dem sindigen volck waren verslossen
erste dtsche bibel 3, 13; er war mir wie ein prophet, der sein sündiges volk zur busze ruft Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 1, 308; für die sündige menschheit G. Freytag (1886) 19, 36; sie sind verstoszen in die sündige welt
volksschauspiele in Bayern 45
Hartmann; vierzig tage strömte der regen und vierzig nächte auf die sündige welt Mörike
w. 1, 66
Maync; zornig erblickt er die sündige erde Schubart
s. ged. (1825) 3, 10; als sie (
Maria) vor zwölfhundert jahren auf der sündgen erde wohnte Cl. Brentano (1852) 3, 252; und die alten landsknechte atmen beklommen (
im himmel) den rauch, der von sündiger erde gekommen Münchhausen
ballad. u. ritterl. lieder (1908) 28; wie Ninive, die sundig stat Hans Sachs 22, 387
K.-G. 1@b@bβ)
bei teilen der leiblich-seelischen wesenheit des menschen: also ist es! gott liesz ihn unser sündig fleisch anziehn Lohenstein
geistl. gedanken (1708) 43; der am sterbebette in sündigem fleische stehende priester Bismarck
ged. u. erinn. 2, 163; das raffet er mit seinen sündigen henden hinweg 2.
Maccab. 5, 16; wie wolltest du mit deinen sündigen augen sehen den leib Mahumets Seb. Münster
cosmogr. (1550) 1121; dy suondige sele (14.
jh.)
bei Türk
wortschatz d. pred. Dietr. v. Gotha 119; si hat ein geladen sündig herz Seuse 175
Bihlm.; ein sündiges herz macht den leib krank Petri
weiszheit (1604) 2, y 5
b; ein ... sündig gewissen Seb. Brant
v. d. losen füchsen (1546) i 2
b; doch möchte ich keinem anderen raten, meine ohren durch solche sündige gedanken zu entweihen Hauff (1890) 1, 181. 22)
im sittlichen bedeutungsbereich (
vgl.sünde II)
bleibt der gebrauch farbloser; sündig
und tugendhaft
treten gegeneinander: kommt sie (
die seele) hinab in ein sündiges oder tugendhaftes geschlecht der menschen Herder 26, 344
S.; wie ein sündiger enkel, der sich plötzlich vor dem bilde eines tugendhaften gestrengen ahnen sieht Scherer
kl. schr. 1, 93; jeder, der eine confession schreibt, ist in einem gefährlichen falle, lamentabel zu werden, weil man nur das morbose, das sündige bekennt und niemals seine tugenden berichten soll Göthe
gespräche 2, 317
W. v. Biedermann. in erotischem sinn: wie er selben seines bruder weip zu sundiger wollust gehaben mochte Joh. v. Neumarkt
leben d. heil. Hieronymus 199
Benedict; ich ... koche liebestränke und kraftsuppen und helfe schwachen gliedern zum sündigen vermögen auf maler Müller (1811) 2, 159; des himmels braut berührt mit sündigem verlangen Schiller 14, 42
G.; der asket wird von sündiger begier gepackt O. Ludwig 5, 284
E. Schm.-St.; da nie ein starker oder gar sündiger affect an ihr sichtbar wird Stifter (1901) 1, 121; da er alsdenn mit dem lichte hervorwischte und den patron mit seiner sündigen clientin in einer solchen absolution antraf Joh. Riemer
der polit. maulaffe (1679) 185. 33)
in abgeschwächter bedeutung (
vgl.sünde II C
und III)
begegnet sündig
nur im sinne von '
unrecht, tadelnswert',
weniger wohl aus selbständiger weiterbildung, als in jüngerer anlehnung an sündlich 4,
seit ende des 18.
jh.: gieb nicht länger so sündiger widerspenstigkeit nach J. H. Voss
s. ged. (1802) 5, 91; anfangs dachte ich, sie unterlieszen es aus sündigem hochmut Schücking
bei Annette v. Droste-Hülshoff
briefe 329
Schücking; sündge huldigungen preszt man von den zungen Rückert
poet. w. (1867) 1, 145;
als kräftige verstärkungsformel zur kennzeichnung von verschwendung oder ungehörigem aufwand: unbekümmert um das elend der massen führte der hof des prinzregenten sein sündiges prasserleben Treitschke
histor. u. polit. aufsätze (1886) 1, 324; gestern und heute war ich an einer tafel, wo gefressen ist worden, ... ein sündiger überflusz war da Tischbein
bei Göthe I 32, 18
W. seltener: es half groszvater nichts, dasz er schimpfte; er muszte den sündigen preis zahlen Zillich
zw. grenzen u. zeiten (1936) 415. 44)
vorwiegend in jüngerer sprache und in beschränktem umfange erscheint sündig
als beiwort bei handlungen und bei gegenständlichen, vom handelnden subjekt losgelösten begriffen, entsprechend sündlich 1: ein ieglich sündig werck Geiler v. Keisersberg
zehen gebott (1516) 15
b; die zeichen der sündigen tat Klinger (1809) 3, 106; was sie (
die menschen) im sündigen genusz stören könnte Bettine
dies buch gehört d. könig 1, 65; solche sündige gebete Schiller 14, 121
G.; ich will den sündgen namen nicht mehr nennen Tieck (1828) 2, 140; Faust tröstete sich, durch eine gute handlung die sündige nacht versühnt zu haben Klinger (1809) 3, 108; im sündgen umfang deiner mauern ward Richard der zweite hier zu tod gehaun
Shakespeare 9, 110; endlich bin ich gewarnt worden, dasz ich die sündigen bücher meide G. Freytag (1886) 9, 12. 55)
adverbieller gebrauch nur vereinzelt und fast durchweg in verbindung mit adjektiven: die wut einiger neueren poetiker gegen die bisherige ehrbarkeitssprache ... ist fast sündig-dumm Jean Paul 49-51, 438
Hempel; die sündig-unnatürlichen kleiderlumpen Bogumil Goltz
jugendleben (1852) 3, 251;
sehr selten beim verbum: sie liebt ihn sündig C.
F. Meyer 3, 405
Knaur.