stückchen,
n. ,
dem. von stück,
nicht vor dem 17.
jh. belegt. zuerst vorwiegend in der form stückgen,
z. b. Voigtländer
oden u. lieder (1642) 62; Schoch
stud.-leben (1657) f 6
a; Prätorius
winterflucht (1678) 48; J. D. Ernst
lieb.-gesch. (1693) 95;
auch im 18.
jh. nicht selten: Stoppe
Parnasz (1735) 300;
Leipziger avanturieur (1756) 1, 68; Nicolai
lit.-br. 10, 322; Göthe IV 8, 180
W.; der doppelte guttural wird anlasz zu einschüben, die die aussprache erleichtern: stückichen Prätorius
saturnalia (1663) 190;
consonantisch im nd.: stücksken Lauremberg
scherzged. 47
E. Schröder; stüksken
u. ä. Woeste-Nörr. 260; Schütze 4, 216; Danneil 215; Leihener
Cronenberg. 116;
an den -er-
plural des simplex angelehnt ist stückger (
acc. plur.)
briefe v. Göthes mutter a. ihr. sohn 295;
anders: stückerchen Hofmann
niederhess. 235; stükskrkens Bauer-Collitz 101
a (
vgl. hierzu kinderchen
teil 5, 734);
doch auch im sing. stückerchen Frischbier 2, 383.
s. noch stückelchen,
sp. 230
und stücklein,
sp. 240.
das dem. wiederholt eine reihe von bedeutungen des grundworts. 11)
bruchstück, teil eines ganzen: gehe hauszknecht, lege diesen brieff, eh ich ihn lese, auf den hackstock und haue so lange drauff, bisz er in kleine stückgen ist Weise
erznarren 142
ndr.; hierbei zerrisz er sein gedicht in kleine stückchen wie ein kind und weinte fast Eichendorf 2, 226; hiesz man ... die ... Rheinlande in ein halbes dutzend stückchen zerschneiden E.
M. Arndt 1, 216; der mond hatte ein stückchen von sich zu hause gelassen, welches wunderbarlich anzusehen Heinse 3, 432
Schüddekopf; der ganze garten ist in lauter kleine stückchen abgetheilt Fr. L. Schröder
dram. werke 1, 21. 22)
eine gewisse menge, bzw. ausdehnung von etwas. stückchen holz, brot, papier
etc.: welches eines männleins gestalt führet und nicht so wohl aus einer wurtzel mag formiret als aus einem stückichen holtz kan geschnitzelt seyn Prätorius
saturnalia 190; ein stückchen brot, ein gläschen wein, ein mädchen, das ist hübsch und fein Mittler
dtsche volkslieder 579; Mirabeau hat in seinem kerker die göttlichsten dinge auf stückchen papier geschrieben Caroline 1, 91
Waitz; er (
der schimmel) war mein bester freund, und wenn ich ihn nicht selber brauchte, so lehnt ich ihn aus und er verdiente mir sein stückchen geld Tieck 5, 489. stückchen land, erde, welt: wo in den höheren gegenden nur ... ein stückchen ebenes land anzutreffen ist oder durch handarbeit dazu gemacht werden kann G. Forster 1, 43; indessen ich ein stückchen welt durchwandre, entdeck ich wohl das tüpfchen auf das i Göthe 15, 109
W.; o du verzeih mir, blutend stückchen erde! dasz ich mit diesen schlächtern freundlich that
Shakespeare 2, 81. stückchen weg
und ähnliche locale oder temporale verwendungen: von zeit zu zeit giebts auch wieder ein anmuthiges stückgen wegs U. Bräker 2, 84; will ich jetzt auf allen vieren ... noch ein stückchen weiter kratteln Mörike 1, 226; das stückchen von Berlin bis Tilsit ist verzweifelt lang Holtei
erzähl. schr. 1, 113. — vermuthlich ist für den schnarchenden mittelmann gesorgt, der sich ruhig von dem ersten dem besten amusieren läszt, und wenn es ihm zu arg wird, sich auf die andre seite des lehnstuhls kehrt und sein stückchen wegschläft
Frankf. gelehrte anz. 1772, 82
lit. denkm.; ich werde wohl noch ein stückgen februar im käfigt zubringen Göthe IV 1, 186
W.; wir warten noch ein stückchen Immermann 3, 20
Boxberger. stückchen arbeit: ich habe gar keine zeit, meine sinnen zu sammeln und habe dazu ein stückgen arbeit angefangen, stricte für sie Göthe iv 2, 128
W.; dies dokument, man nennts vernunft, weist jedem hier beruf und zunft und nach des groszen meisters plan sein erstes stückchen arbeit an E. Baumeister
zimmermannssprüche 4.
mit abstractis: es ist mir lieb, wenn ich bei gelegenheit ein stückchen kunstgeschichte erfahre A. W. Schlegel 9, 48; ich gönne einem armen menschen wie Platen sein stückchen ruhm ... gewisz herzlich gern Heine 3, 351
Elster; jedenfalls hat dieses stückchen romantik ... sein ende erreicht Bismarck
briefe an s. braut u. gattin 511.
in anwendung auf menschen (
s.stück II A 1 l): obgleich ich es gern gesehen hätte, ein stückchen mensch zu bleiben Immermann 2, 77
Boxberger; Spontinis grosze oper mit aller macht und pracht hat mich kalt gelassen, wie wohl ich auch ein stückchen musikus bin Holtei
erzähl. schr. 12, 34; ich bin zwar fest überzeugt, dasz ich ... immer ein stückchen kind bleiben werde H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 131; in jeder vestalin ist ein stückchen von der dirne und in jeder dirne etwas von der vestalin H. v. Kahlenberg
familie Barchwitz (1902) 41.
anders mundartlich, tadelnd: das stickchen bäcker Müller-Fraureuth 2, 582;
vgl. auch stickchen
liederliches frauenzimmer Bruns
volkswörter d. prov. Sachsen 66
b. 33)
mit dem exemplarbegriff verbunden. stückchen vieh
etc.: sein letztes stückchen vieh Musäus
volksmärchen 1, 35
Hempel; um ... ein anständiges stückchen wildpret zu schieszen Schnabel
insel Felsenburg 27
Ullrich; ein stückchen rotwild Mörike 1, 188.
geldstück: der Pariser zog ein stückchen geld aus der tasche Hauff 2, 347. 44) stückchen
ein literarisches erzeugnis: so war dieses stückchen in reinen, wohlflieszenden versen (
verfaszt) Schwabe
belustigungen 1, 478; weil er es schon in seinem achtzehnten jahre wagte, ein sehr mittelmäsziges stückchen drucken zu lassen G. Forster 5, 6; weil ich hoffen kann, dasz es (
das schäferspiel) ein gutes stückgen mit der zeit werden kann Göthe IV 1, 113
W. 55)
musikalisches stück: denn wer in der freudenhitz trinckt guten wein und höret ein liebliches stückgen darein Voigtländer
oden u. lieder (1642) 62; soll aber ich die laute schlagen, so will ich wol ein stükkgen wagen Stieler
geharnschte Venus 146
ndr.; die methode zu pfeifen und die stückgen zu componieren, ist different v. Fleming
vollk. dtsch. soldat 144; mein onkel Toby pfiff dabey sein stückchen, obgleich nicht völlig so laut, als vorher Bode
Tristram Schandi 3, 39; wenn ich zur tränke trieb und dazu ein traurig stückchen sang maler Müller 3, 376; herr, vergönnt mir, ehe ich mein leben lasse, dasz ich noch zum letztenmale auf meinem lieben horn ein stückchen blase
dtsche volksbücher 1, 52
Simrock. 66)
mittel: wenn eine magd teig zu brode knetet und greifft mit denen teigichten händen einen jungen purschen ins gesicht, so bekömmt derselbe nimmermehr keinen bart ... wie ich dieser tage diesen punct von einem weibe hörete, fragte ich sie, ob sie denn iemahls einen mann gesehen hätte, an welchem zu erweisen wäre, dasz dieses stückgen probat sey J. G. Schmidt
rockenphil. 2, 297. 77)
geschichte, erzählung, anekdote: da wolte ich ... ein lustig stückgen erzehlen Chr. Weise
d. drey klügsten leute (1675) 83; die (
husaren) erzählten einander stückgen Göthe IV 3, 87
W.; ah, da fällt mir ein artig stückchen ein maler Müller 1, 167;
als '
anekdote', '
schwank'
in vielen nd. und md. mundarten, z. b. Bauer-Collitz 101
a; Woeste-Nörr. 260; Wegeler
Coblenz 75; Hönig
Köln 175; sdöggeshen '
märchen' Christa
Trier 201;
auch '
ereignis' Block
idiot. v. Eilsdorf 95. 88)
zauberstück, kunststück: der könig wartet mit verlangen auf ihre gegenwart, und alles ist bereit, sie treflich zu empfangen. zu mehrer lust und fröhlichkeit wird meine kluge frau von rahren sachen ein stüksgen machen B. Feind
dtsche gedichte (1708) 417; es war eine zeit, wo ich auch dergleichen kleine stückchen (
taschendiebstähle) aufführte Schnitzler
kakadu (1899) 117; '
vorteil', '
kniff': die ... kunstgärtner ... mir für manches stückgen, so ich ihnen lernen muste, 2 bis 3 thaler gaben
Leipziger avanturieur 1, 68. 99)
handlung, tat: unter des herrn groszen thaten allen hat mir das stückchen besonders gefallen Schiller 12, 33
G.; mit bezeichnenden attributen, ehrbares, kühnes, dreistes stückchen: dasz ein printz eines frembden mannes ... tochter raubet, dieselbe mit gewalt schwächet und beschläfft, ist warlich kein erbar stückgen J. D. Ernst
liebesgesch. (1693) 95; ein kühnes stückchen wagen Tieck 1, 60; wir haben wohl dreistere stückchen im gebirge versucht Fouqué
zauberring 2, 65;
militärisch, attacke: hättest gestern beinahe die schlacht gewonnen durch dein tollkühnes stückchen auf unsere geschütze Hauff 1, 346. loses, schlimmes, schelmisches stückchen: es sind ihr wol zum theil schindhunde und sind auff lose stückgen und partieten abgericht, wie die schieszhunde Schoch
stud.-leben (1657) f 6
a; er hat mir ein schlimm stückgen erwiesen Rädlein (1711) 1, 856
a; wie oft entsteht in beyden arten der tragicomödien die verwicklung ... daher, dasz Hans Wurst durch irgend ein dummes oder schelmisches stückchen ... den gescheidten leuten ... ihr spiel verderbt Wieland
Agathon (1766) 2, 195. stückchen '
streich',
vornehmlich mundartlich: stöksken
toller streich Leihener
Cronenb. 116;
s. auch Hofmann
niederhess. 235; Schütze
holst. 4, 216.