[]strolch,
m., (
auch schwach flektiert);
landstreicher, spitzbube; schlechter, verwahrloster mensch. die ältesten belege (1609)
finden sich nach Kluge
rotwelsch (1901) 1, 126
anm. in einem Karlsruher kopialbuch, das die akten eines diebsprozesses zu St. Peter im oberen Schwarzwald enthält (
die ableitung strölchling '
herumtreiber'
bereits 1580
in einer schweiz. rechtsquelle bei Staub-Tobler 11, 2241;
vgl. auch den für 1633
bezeugten ochsennamen strolcha
sowie den flurnamen strolchwiese
bei Fischer
schwäb. 5, 1875).
in literarischer bezeugung erscheint strolch
erstmals 1670
bei Grimmelshausen
und wird noch im 17.
und 18.
jh. vorwiegend von schweizer und südwestdt. schriftstellern gebraucht; erst mit dem 19.
jh. setzt eine breitere schriftsprachliche bezeugung ein. lexikalisch ist das wort zufrühest verzeichnet in der zu Basel gedruckten clavis linguae latinae Dentzler
s (1697) 2, 280
a: strolch
erro, vagabundus (
noch nicht in der ausgabe 1686). Stieler (1691), Kramer (1700/1702), Steinbach (1725; 1734)
und Frisch (1741)
führen strolch
nicht an; doch gelangt es bereits 1727
in das dt.-lat. wb. des Luxemburgers Aler (
Köln 1727) 2, 1855
a und 1768
in das dt.-ndl. wb. von Kramer-Moerbeek 2, 332
a. Adelung 4 (1780) 836
kennt nur das '
obd.'
kollektivum strollchengesinde '
landstreicher'
und das vb. strollchen (
s. u.). Campe 4 (1810) 718
b bucht auch strolch
als obd. mundartwort, gestützt auf Fulda,
der es 1788
in seiner allg. teutschen idiotikensammlung 526
in dem sinne '
grober mensch'
für das schwäb. und schweiz. bezeugt hatte. der alem. sprachraum (Staub-Tobler
schweiz. id. 11, 2240; Fischer
schwäb. 5, 1875; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 631)
ist jedenfalls das mundartliche kerngebiet des wortes, das von hier aus —
z. t. auf dem wege über die schriftsprache —
in benachbarten und entfernteren obd. und md. sprachlandschaften fusz gefaszt hat: es lebt mundartlich in Tirol (Schöpf 721; Schatz 613)
und Hessen (Crecelius 819; Kehrein 1, 397),
doch auch am nördlichen saum des mitteldeutschen (
Elberfelder ma. 159
a; Damköhler
Nordharz 181; Fischer
Samland 88)
sowie im ostmitteldeutschen (Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 579
a).
dem nd. ist es fremd geblieben. strolch
und das später bezeugte vb. strolchen
stehen auf alem. boden neben strollen '
ziellos umherstreifen'
und stroll,
m. '
landstreicher, vagabund'.
von dieser wortgruppe ist für die erklärung von strolch, strolchen
vermutlich auszugehen, doch bleibt die art der lautlichen oder suffixalen erweiterung (
antritt der auslautenden gutturalen spirans)
ungeklärt. die von Kluge-Götze
15(1951) 774
bf. angesetzte gleichung hören-horchen: strollen-strolchen
könnte überzeugen, wenn sich strolch
als rückbildung aus strolchen
erweisen liesze. zu beachten bleibt das frühe auftreten des wortes in einer rechtsquelle mit rotwelschem einschlag, vgl. auch strolche,
vb. '
lungern'
im Berner mattenenglisch zs. f. dt. wortf. 2, 54.
die formalen schwierigkeiten behebt zwar die annahme Storfer
s wörter u. ihre schicksale (1935) 336
f., wonach ital. astrologo,
lombard. strolago, strolegh '
astrolog im heerestrosz; gaukler, vagabund'
durch schweiz. und schwäb. landsknechte, die im 15./16.
jh. in Italien kämpften, in die alem. maa. und in das rotwelsche versetzt worden wären; doch läszt sich diese vermutung nicht weiter stützen. literarische zeugnisse: ich und meines gleichen armer schlucker mit sambt denen müssigen landlauffenden strolchen, deren alle winkel voll stecken Grimmelshausen
ewigwähr. kalender (1670) 7
a; (
ich vergasz,) dasz es ein grosser unterscheid wäre zwischen demjenigen elenden, der weder arbeiten kan noch etwas zu erarbeiten bekommen mag, und zwischen einem unsichtbar herumfahrenden strolchen, wie ich damal war ...; davon jenem seines leben auffenthalt anzupacken erlaubet, diesem aber das zuchthausz gebührt (1672) Grimmelshausen
vogelnest I 121
Scholte; (
jeder weisz,) dasz die bettler, landsknecht, strolchen, zigeuner und andere mauszköpffe sich keiner andern ursachen halber deren von ihnen selbst ersonnenen so genannten rothwelschen sprachen gebrauchen, als andere ehrliche leuth ... zu betriegen (1673)
ders., Simpliciana (
Teutscher [] Michel) 211
Scholte; gottlose epicuraeische strolchen und landstreicher Klingler
von verpflegung d. armen (1693)
bei Staub-Tobler 11, 2240; fremde und unbekannte persohnen ..., die aber nichts als wohlgekleidete strolchen und betrüger seynd
qu. v. 1766
ebda; ein landfremder strolch, der in den scheunen übernachtet und monate lang nicht aus den kleidern kommt Pestalozzi
s. schr. (1819) 2, 261; ist er (
der reisende) endlich an dem orte seiner bestimmung angelangt, so musz er sich wieder gleich einem strolchen vor polizeybehörden stellen Haller
restaur. d. staatswiss. (1816) 2, 129; alle augenblicke wird jemand 'eingeführt' (
in die stadtvogtei) ..., ein strolch, eine dirne, ein freigeist H. Laube
ges. schr. (1875) 1, 217; mäuse und ratten hatten so überhandgenommen in der stadt (
Hameln) wie raubritter und strolche im herrenlosen, heiligen römisch-deutschen reich W. Raabe
s. w. I 6, 171; (
die herren muszten) auf strolchen und gesindel achten J. Gotthelf
bei Staub-Tobler 11, 2240; aber der colonist stiesz im walde auch auf widersacher, auf herrenlose strolche, welche von viehdiebstahl lebten G. Freytag
ges. w. 16 (1887) 442; in der zwieselkeusche hatte sich ein gesindel zusammengethan von strolchen und zigeunern Rosegger
schr. (1895) I 1, 270; (
Unrat) machte sich in seinem bespritzten kragenmantel lustig über den wohlaufgenommenen, aussichtsreichen menschen, wie ein höhnischer strolch, der unerkannt und drohend aus dem schatten heraus der schönen welt zusieht H. Mann
d. blaue engel (1950) 48; einer der strolche, ein breitschulteriger mensch in zerlumpten kleidern, hatte sie um den leib gefaszt Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 191.
allgemein als schimpfwort, um die nichtswürdigkeit oder verwahrlosung eines menschen auszudrücken (
vgl. Pansner
schimpfwb. [1839] 68
a): was? antwortet er (
der wirt), du strolch, wilstu mein heerberg verschreyen? Grimmelshausen
Simpliciana (
zweite continuatio) 29
Scholte; (
der könig:) ... was? ich den schimpf erleben? ha! meine tochter! mir! von einem solchen strolch (
tölpel aus dem wald)! von einem schuft mir enkelchen zu geben! Wieland
s. w. (1794) 18, 143; doch nicht obdach blosz und atzung, in verschwenderischer fülle, gab der fürst (
von Mexiko) den fremden strolchen (
den spanischen eroberern) H. Heine
s. w. 1, 375
Elster; wenn der hund (
Vieweg) mein buch vor einem vierteljahr versendet hätte, wie er recht gut gekonnt, so wäre jetzt bereits das schicksal desselben entschieden ... aber darin scheint das gewissen, das der strolch bei jeder autorversäumnis anruft, aufzuhören (1856) G. Keller
br. u. tageb. 2, 395
Ermat.; reitet ihn denn der teufel, dich diesem strolch (
einem reichen spekulanten) und tagdieb (
zur frau) zu geben?
ders., ges. w. (1889) 6, 296; die strolche, die den vertrag von Versailles gemacht hatten, die hockten jetzt (
nach ansicht d. entlassenen soldaten) obenauf Anna Seghers
d. toten bl. jung (1950) 98.
in intimerem umgangston auch in gutmütigem sinne: aber ich werde indiskret, Louise, doch musz ich dir dies schreiben, um dich zu fragen, wie es kommt, dasz der strolch Freiligrath (
Schückings freund) dich so äuszerlich nennt, das ist ja vorbei geschossen (1843) L. Schücking
br. 183
Muschler; Gustav Siegmund war kürzlich ein halbes jahr in London als mediziner, hat dich (
Freiligrath) aber nicht aufgesucht, der strolch (1855) G. Keller
br. u. tageb. 2, 379
Ermat.