störenfried,
m. , '
der friedensstörer, unruhstifter'
u. s. w., imperat. bildung (
zu 1stören,
verb. 2,
a, α),
in der form störfriede
bei Christ. Irenäus (
s. unten). —
als störefried
noch bei Krünitz 174, 626
und Campe (
doch '
gewöhnlich hört man störenfried'
ebenda)
und bei den Östreichern F. Bach (
gedichte 3, 109
bibl. deutscher schriftst. aus Böhmen)
und Bauernfeld,
doch auch im norden und mittel Deutschlands: mag störefrieden nur verboten seyn, die freye fahrt (
Hamburgs) mit drangsal zu verriegeln Weichmann
poesie der Niedersachsen 3, 77; sie hat ihm weisz gemacht, wir alle wären froh, wenn der verdammte mops läg in präsepio; man wäre lange schon des knurrens, schnarchens müde und habe keine ruh vor diesem störefriede Kotzebue
dram. w. 40, 259 (
und wiederholt bei ihm; doch möglichkeit, dasz er es seiner Wiener zeit verdankt).
nach Buchner
anleit. z. deutsch. poeterei (1665) 56
ist unser wort '
fast nur bey gemeinen leuten in brauch' (
ein offensichtlich auf völliger verkennung der wortstructur beruhendes urtheil). —
die flexion ist stark, entsprechend der älteren weise von friede (
s. th. 4, 1, 1
sp. 181): der störenfried, des störenfried(e)s Hayneccius (
s. unter h) u.
s. w. in ihrer erhaltung wohl durch den personalen inhalt des wortes gefördert. aa)
möglich, dasz für unseren wortbegriff einiges kostüm aus höllischen kreisen entlehnt wurde, vgl. zusammenrückungen wie der neidische geist und rechte störenfried Mathesius
Sarepta 235
a (
vgl. werke 3, 218); o weh euch, ir Judaskinder, ir störenfridt und teufelischen hetzhundt Joh. Nas
antipap. eins und hundert 3, 83
a; nun aber richtet der störfriede, der sathan, alles hertzleidt unter und zwischen den eheleuten, und auch sonsten an Christ. Irenäus
Adam u. Eva (1570) y 7
b; (
es hetzt) der unruige hellische mordgeist und störfriede grosze potentaten, könige ... in und wider einander
spiegel des ewigen lebens (1585) Nn 4
a; weil aber ... der höllische störenfried allerley unkrautssahmen unter den christen auszustreuen gehässig (
ist) Hohberg
georgica 1, 37.
vgl. noch wie denn dargegen die störenfriede Belials kinder sein Mathesius
Syrach 2, 17
a,
eine neigung, die weltanschauung und kunst des reformatorischen zeitalters gleich nahe lag. bb)
mannigfach '
der die ruhe, den frieden seiner mitmenschen stört',
oft durch entsprechende begriffsbeiordnung weiter erläutert (
so im bereich des landfriedens u. s. w.): Johannes der teufer muszte ein störenfried und aufrührer gewesen sein Joh. Prätorius
calvinisch gasthausz zur narrenkapfen genant (1598)
vorr. 3
b; von zanksüchtigen und störenfrieden also (
sagen) Nigrinus
papist. inquisition 206; als dieses (
die abgöttischen ceremonien) gestillet, hat der störenfried (
der polnische adel) zu einstellung der neuen religion, wider den hertzogen einen auswendigen krieg erreget Rätel-Curäus
chron. des herzogt. Schlesien (1607) 3; du bluthund und störenfried Rinkhart
christl. ritter 54
neudr.; (
Friedrich II.,) der gefürchtete störenfried, der rebell gegen kaiser und reich, erschien der nation jetzt als der weise beschirmer des rechtes Treitschke
deutsche geschichte 1, 67; (
heute ungewöhnlich:) gelegentlich sind auch störenfriede (
in die Indianerdörfer) eingefallen K. v.
d. Steinen
naturvölker Zentral-Brasiliens 213 (Ratzel
völkerkunde 2, 317); da Mars, der störenfried, sich rüstete zum kriegen Neumark
neuspr. palmbaum 10; das wunderschöne feld, da eitel freude blühet, kein störenfried hinsiehet Treuer
deutscher Dädalus 1, 498; so schlaget oder schieszt mit pulver oder schrot so einen störenfried ohn alle gnade tot Henrici
ernst-scherzh. u. sat. ged. 4, 251; dann erst wird in unsern tagen Deutschland siegreich alles schlagen, jeden störenfried und feind Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 5, 157 (Fr. L. Jahn
werke 1, 247; 2, 842); dieser atheist und störenfried Jean Paul
Siebenkäs 4, 55; wer immer in der geschichte förderlich gewesen, ist zuerst ketzer und störenfried ... gewesen Lagarde
deutsche schr. 154 (Treitschke
histor. u. polit. aufs. 2, 237);
vgl. noch: bistu nicht auch der störenfried? der sich der himelsruhe genied, mit allen schanden und schelmerein Hayneccius
Hans Pfriem 66
neudr.; da kömmt der störenfried und will mein haus verwirren! Musäus
volksmärchen 1, 130; ein solcher störenfried in meiner familie zu werden! Fr. L. Schröder
dram. werke 1, 6; da habe ich mir einen schönen störenfried ... in das haus geladen Immermann
w. 3, 122; sie sind der störenfried in ihrem eigenen hause Mich. Beer
werke 709; sie hielten mich bisher für einen störefried, für den bösen geist Asmodi, der die ruhe der künftigen ehe in vorhinein bedroht Bauernfeld
ges. schr. 3, 219. cc)
verblaszt (
und harmloser als das vorige),
überhaupt '
der eine störung, unterbrechung verursacht' (
vgl. 1stören,
verb. 2,
b, β): das gute mädchen, wenn sie kein störenfried sein wollte, muszte dem paar gesellschaft leisten Meyr
erzählungen aus dem Ries 1, 56; doch da wollte der zufall, dasz gleich nach ihm der doctor als störenfried eintrat, und es gab nichts als ein zerpflücktes gespräch G. Freytag 6, 221 (
vgl. Immermann
werke 5, 208); ein vorzügliches beispiel davon ist die satzung, dasz, wenn jemand einem öffentlich redenden ins wort fällt, dem störenfried ... ein derbes ... loch in den rock geschnitten wird Mommsen
röm. geschichte 3, 285; bei feierlichen aufzügen waren sie (
die reichsgrafen) in der regel die störenfriede, indem sie irgend eine streitfrage des ranges oder der reihenfolge dazwischen warfen Häusser
deutsche geschichte 1, 83. dd)
von einem abstracten begriff: (
der gesichtspunkt des glücks) der störenfried in der wissenschaft Nietzsche
w. 2, 23. ee)
mit einem abhängigen gen.: nach einem siegreich durchkämpften nachttreffen wider den furchtbarsten störenfried dieser marken Fouqué
jahreszeiten 4, 258; sie stellten diesen staat dar als den störenfried Europas Treitschke
hist. u. polit. aufs. 1, 164.
auch: es würgt der aufgereizte bär die störenfriede seines schlummers Kretschmann
w. 2, 227; diesen störenfried meiner ruhe (
verscheuchen) Fontane I 4, 85; der preussische bevollmächtigte ... erschien wie der störenfried der deutschen einigkeit Treitschke
deutsche geschichte 3, 30; es war Deutschlands mission, den störenfried der ruhe Europas (
Frankreich) unschädlich zu machen
neue preusz. zeit. (1871)
nr. 106 (1.
beil.). ff)
mit adject.: ein rechter störenfried Schottel
teutsche haubtsprache 87; sondern vielmehr von innerlichen stöhrenfrieden Prätorius
reform. astrol. 228;
vgl.den häuslichen störenfried Gutzkow
w. 5, 206 (8, 299);
wie er war zum friedlichen fürsten ... bestimmt und machte sich statt dessen zum europäischen störenfried
Strausz schr. 11, 207; da sollte mir nicht irgend ein unbefugter stöhrenfried in den weg treten dürfen Fouqué
altsächsischer bildersaal 2, 610; in diesen bald ränkevollen, bald rathlosen zwisten war Lubecki der beständige störenfried Gervinus
gesch. d. 19.
jahrh. 7, 70; der wilde störenfried Gutzkow
w. 6, 239. —
berührung des ausgangs unter a: mit einem leibhaftigen störenfried lässt sich fertig werden L. v. Francois
letzte Reckenburgerin 1, 220. gg)
im verbalen gefüge (
meinungsweise): einen als störenfried betrachten,
vgl. Strausz
schr. 6, 261; man kommt sogar soweit, männer wie Savonarola ... als störenfriede anzusehen, die mit rohen händen in ein harmonisches gewebe packen Herman Grimm
Michelangelo 2, 211; in Luther und Friedrich dem groszen ... störenfriede erblicken Treitschke
hist. u. polit. aufs. 2, 237. — (
thätlich:) der störenfried tritt dazwischen, ruht nicht (Arnold
kirchen und ketzerhistorie 245
a)
u. s. w. — den störenfried entfernen Gutzkow
ritter vom geiste 4, 32; den störenfried ... aus den mauern von schlosz Eichengrün jagen Holtei
erz. schr. 9, 151; aus dem fenster werfen,
als wunsch bei Laube
ges. schr. 8, 114. hh)
mehr nur '
wesen, gesinnung eines störenfriedes': wenn B. sich entweder auf seinen störenfried steift oder ihn leugnet G. Freytag 14, 192; und ist zwar bis anher geschehn, das man sich keines zanks versehn, bis heut allein, da der gespan herein ist kommen, weis von wann, der ist des störenfrieds gefliessn, obs schimpf oder ernst, kann ich nicht wissn Hayneccius
Hans Pfriem 38
neudr. (
s. geflissen th. 4, 1, 1
sp. 2144).