spleiszen,
verb. spalten, abreiszen. das wort gehört zunächst dem nd. sprachgebiet an; denn wenn auch hier die belege nicht über die mittlere zeit zurückreichen, also nicht älter sind als die hd., so sind sie einerseits sehr viel zahlreicher; andrerseits sind die drei bekannten mhd. belege sämtlich auf das mittel- und niederrhein. gebiet beschränkt und legen schon dadurch die annahme eines eindringens aus dem nl. nahe. vgl. Weigand 2, 770.
man darf in *splîtan
wol eine weiterbildung der wurzel spel-
erblicken, die in spalten (
s. sp. 1852
ff.)
und spellen (
sp. 2138
f.)
zu grunde liegt. (
so schon Kramer
dict. 2, 875
a. Wachter 1567,
bestritten von Adelung.
s. ferner Skeat 582
b. Kluge
6 371
b und Franck 939
f. lehnen weitere beziehungen ab.)
merkwürdig ist die grosze ähnlichkeit in form und bedeutung mit schleiszen,
s. theil 9, 615
ff., und mit dem alten sprîʒen Lexer
handwb. 2, 1120,
vgl. spreisze, spreiszel Adelung.
die nordischen sprachen (
einschlieszlich engl.)
haben dafür eine ablautende bildung *splittan,
s. unten, vgl. ferner splissen.
mnd. splîten Schiller - Lübben 4, 334
b f., mnl. spliten (
reiszen, bersten; sprossen; trennen),
holl. splijten,
vgl. Franck 939
f. altfries. splita,
part. prät. spliten
nur in zusammensetzungen (
aus dem nd.?),
s. Richthofen 1042
a.
mhd. splîʒen Lexer
handwb. 2, 1105,
s. unten die belege. im nhd. ist spleiszen
nie recht üblich geworden, ist indessen zu allen zeiten vorhanden und auch heute noch in gebrauch, besonders in gewissen gewerblichen anwendungen, s. unten. noch Schottel 1419,
der es zuerst bucht, bezeichnet es ausdrücklich als aus dem nd. splieten
herstammend, und ebenso führt Stieler 2093
nach der hd. form an: belg. splieten.
die sehr merkwürdige form zersplitten
in einem (
ursprünglich nd.)
Haller Hallorenliede: sein seit ward ihm zerschnitten mit einem scharfen speer, damit hat er zersplitten die hölle sammt der erd.
wunderhorn 1, 84
Boxberger stammt von den herausgebern (
handschr.: zerstöret),
s. die ausgabe von Birlinger
und Crecelius 1, 515.
die flexion ist stets die starke. Schottel 597
giebt sie dem heutigen gebrauche entsprechend an: ich spleisse, du spleissest, er spleisset (
jetzt spleiszt).
prät. ich splisz, du splissest, er splisz.
part. gesplissen.
abweichungen finden sich im sing. prät. hier giebt Stieler 2093: ich splisz, ich splisze, Frisch 2, 304
c nur: ich splisse,
erst Adelung
wieder: ich splisz;
derselbe hat den imp.: spleisz,
wofür jetzt gewöhnlich spleisze. Weigand 2, 770.
das umschriebene perf. wird in transitivem gebrauche mit haben,
bei intransitivem mit sein
gebildet. Adelung.
die bemerkung desselben, das wort werde in der schriftsprache wenig gebraucht, desto häufiger in oberd. gegenden, trifft nur theilweise zu, denn in hd. mundarten hat spleiszen
nur sehr beschränkte geltung. Schm. 2, 693
verzeichnet: spleiszen,
cond. spleiszet, splisz,
part. gespliszen,
spalten, sich spalten, abtrennen, ohne weitere angaben. für Handschuhsheim bezeugt Lenz 67
a ausdrücklich das fehlen (
dafür spaltə).
es begegnet erst wieder in Köln: spliesse, spless, gesplesse Hönig 149
a,
und Aachen Müller-Weitz 231.
dagegen ist es auf nd. boden allgemein verbreitet: splyten Richey 282. Strodtmann 380
a (
daneben spleeten 225), spliten (ik spleet, spleten,
daneben spletten)
brem. wb. 4, 957. Dähnert 452
a. Woeste 251
a, splîtn Danneil 204
a, splieten Schütze 4, 171. Stürenburg 253
b (spleet, spläten), spliten
oder splîten (splite, splitst, splitt; splêt) ten Doornkaat Koolman 3, 281
b, splîten, spleiten, splêten (
präs. splîte, splist, split,
pl. splîtet;
prät. splêt;
part. esplêten
und espleten) Schambach 205
b, špl(e)īt(e)n Bauer-Collitz 97
b;
preusz. splîten, spleiten Frischbier 2, 354
b.
hd. in Liv- und Esthland, s. Hupel 223.
aus neufries. mundarten führt ten Doornkaat Koolman
a. a. o. nordfries. splitte
und splittjan,
saterl. splîte,
wang. splît,
helg. splet, split
an. —
s. auch die zusammensetzungen abspleiszen (
theil 1, 123), aufspleiszen (
theil 1, 742), ausspleiszen (
exscindere, exscissare Stieler 2093), bespleiszen (
theil 1, 1639), durchspleiszen (
theil 2, 1688), entzweispleiszen (
theil 3, 675)
und besonders ver-
und zerspleiszen. 11)
intransitiv, (
sich)
spalten. Adelung.
so nl. splijten,
agere rimas, ducere rimas: diduci, findi, diffindi: dehiscere. Kilian;
nd. spliten,
platzen, spalten, bersten, springen, reiszen, kaput gehen. ten Doornkaat Koolman 3, 281
b.
der intransitive ausdruck wechselt mit dem reflexiven: es ist (hat sich) gesplissen,
s' è fenduto. Kramer
dict. 2, 875
b,
vgl. unten d. da das perf. mit sein
umschrieben wird, so hat man zuweilen die wahl, das intransitive oder das passiv des transitiven verbs anzunehmen, s. die stellen unter 2. 1@aa)
von festen, compacten massen, aus einander reiszen, bersten: daʒ îs undir ime spleiʒ. Lamprecht
Alex. 3177
Kinzel. dazu der causative ausdruck: so kühlet er dan seinen grimm, macht berg, und felsen spleissen. Spee
trutzn. 152 (26, 96). 1@bb)
von zeugstoffen u. ähnl.: de steyn (
petre) toryt, dat laken (
velum templi) splyt.
Bordesholmer Marienkl. 666 (
zeitschr. f. d. alterth. 13, 311).
verstärkt: dat ritt un splitt all' ût un fan 'n ander. dat is fan 'n ander spleten. ten Doornkaat Koolman
a. a. o. (
vgl. 2,
d). 1@cc)
vom menschlichen leibe: syn horne van syme halse hey (
Roland) nam ind blese id mit sulcher kracht ... dat eme der lyff enbynnen spleis.
Karlm. 458, 24.
in der regel nur von der haut: dat em syne swaerde up synen hovede untwe spleet van hette der sunnen. Veghe 430, 38.
in der nd. volksmedizin, spalten machen, aufspringen, bei dermatitis ekzematosa, rotlauf, rose, s. Höfler 664
b. 882
b,
mit reiszen
zusammengestellt, in nd. form: Maria runde, ich böte dich, dass dich die angel aus der wunde rausspringt, das rauhe ding, das dolle ding, das rietene ding, das splietene ding.
zeitschr. f. volksk. 1898, 56, 1 (
grafsch. Ruppin); du sollst nicht weh thun, du sollst nicht schellen (quellen?), du sollst nicht schwellen, du sollst nicht retten (
reiszen), du sollst nicht spletten. 203, 21 (
spr. gegen zahnschmerzen aus Zehlin).
diese letzteren stellen stehen der transitiven bedeutung näher. 1@dd)
von holz: to Franciscus dage vel eyn sne, dat van der swerenisse de bome entwey spletten.
quelle bei Schiller-Lübben 4, 335
a; in düssem jare do vel ein grot weyck schnee ... de schnee wart so swar dat he grote streve bome umme toch, unde tweyreten, spleten unde knickeden. Leibnitz
script. Brunsv. 3, 423 (Bote
chron. Brunsv. pictur. zu 1489).
gewöhnlich nicht in dem sinne '
von selbst aus einander spalten oder brechen',
sondern für '
sich spalten lassen'
: preusz. das holz splîtet gut. Frischbier 2, 354
b. das holtz spleisset
ò spleisset sich gern,
questo legno si fende, sfende, spacca facilmente. Kramer
dict. 2, 875
b. —
so auch abspleiszen,
abreiszen, abbrechen: up dem Harte velen vele bome umme und reten, und de telgen spleten af und velen nedder van swarnisse des snees.
d. städtechron. 7, 411, 17. 22)
häufiger transitiv: spleiszen ...,
findere, distrahere, disjungere. splieten. Schottel 1419; spleissen, [
da spalten]
fendere, sfendere, spaccare. lat. findere. v. schleissen, reissen. Kramer
dict. 2, 875
a.
s. auch Stieler 2093.
nl. splijten,
findere, hiulcare, hiulcum facere. Kilian. 2@aa)
zunächst von holz: holtz spleissen,
fendere, spaccare legna. Kramer
dict. 2, 875
a; einen baum nach der länge spleiszen,
arborem in pulpam caedere. Stieler 2093; unde wat des holtes ghevellet werdt, dat schuollen H. unde H. sulven spliten.
Lübecker urk. v. 1380
bei Schiller-Lübben 4, 334
b; soll hei enen witten stock splitten und hangen sie (
die gänse) mit dem halse daerzwischen. Grimm
weisth. 3, 70. —
durch spalten herstellen: reife spleissen,
fendere de' cerchi à botte. Kramer
dict. 2, 875
a; reiffe, faszdauben, dachspäne spleissen. Adelung. 2@bb)
andre wendungen, zumeist in anwendung auf menschen und thiere, finden sich im ältern nd. 2@b@aα)
zerreiszen, stets mit zusatz: greep enen hundt unde splet den entwey; unde leth den vorreder in veer stucken spliten. Korner
bei Schiller-Lübben 4, 334
b; de wulf den esel bêt unde al an stucke splêt. Gerhard v. Minden 93, 58
Seelmann. 2@b@bβ)
mit präpositionalen bestimmungen, wobei spleiszen
in die allgemeinere bedeutung '
reiszen, schneiden'
u. ähnl. übergeht: den vrouwen ... sneden se den bk up unde spleten en de kynder ute deme live. Korner
bei Schiller - Lübben 4, 334
b; he schendede den papen unde makede em quyd ... dar van he eyn man gheheten ward; dyt spleet he eme uth der hud.
Reinke de vos 1203. afsplîten: weit he (
der wolf) jenigerhande let (
glied) an mi (
dem esel), dat nu gans unde geve si, he splît it af unde vrit it al. Gerhard v. Minden 72, 11
Seelmann; tastet se an und holdet se fast und splytet ehr aff dat bast.
fastn. sp. 974, 4.
ähnlich: wann die schlacken sauber weg gezogen, reist oder spleiszt man die platten oder scheiben nach einander weg. Ercker
bergwercksarten 108
b (
wol nicht in der bedeutung 4,
b). 2@cc)
häufig ist die verbindung rîten unde splîten,
gewöhnlich absolut und unbestimmter, mit reiszen, kratzen und schlagen um sich fahren, wüten, toben, vgl. Schiller-Lübben 4, 334
b: se spranck up en unde beeth, myt eren negelen reet unde spleeth.
Reinke de vos 6056;
so auch (?): sie riszen sie spliszen wie zwen wilde girn (
geier). Liliencron
hist. volksl. 1,
nr. 44, 2 (
Stortebeker, 1402,
urspr. nd.).
in anderm sinne, geld zusammenraffen (?): vele gêstlike sîn der werlde knecht, ... umme krassen unde krîgen is al êr môt, se schaten se wôkern se splîten unde rîten.
Claws Bur 753. 2@dd)
im neund. besonders in bezug auf kleidung: 'riten un spliten:
alles zerreiszen; welches besonders von muthwilligen kindern und nachlässigen personen gesagt wird, welche viele kleider zerreiszen.'
brem. wb. 4, 958;
so schon in älterer sprache, s. Schiller-Lübben 4, 334
b; dat klet to reten oft spleten,
im ostfries. landr., s. brem. wb. a. a. o.; so auch: we einer frouwen golt eder schmiede van oeren kledern splitt of breckt.
ebenda. dazu die verbreitete imperativische compositionsbildung: een ryt un splyt '
ein zernichter, der alles reiszet und spaltet'. Richey 282. Schütze 4, 171,
gewöhnlich rîtensplît ten Doornkaat Koolman 3, 281
b. Danneil 179
b.
preusz. hei mot alles terrîte on tersplîte. Frischbier 2, 354
b.
auch anders, z. b. dat wâter rit un split,
zerreiszt die ufer. Schambach 205
b. 2@ee)
im ältern hd. zuweilen in übertragenem sinne, ein reich u. ä. spalten, in theile zertrennen, theilen, vgl. Adelung: und ensol auch dazselbe roemsche rijche bij unsern und unsers egenanten soens lebedagen in zwey oder mee rijche ... nyt gedeilet oder gesplissen werden.
d. reichstagsakten 1, 18, 39 (
Frankf. wahltag 1376);
so auch: dese vurschreven lantschaften sin nu zer zit dat groiste deil gesplissen van dem roemschen rich umb zweidracht.
d. städtechron. 14, 641, 21 (Koelhoff
cron. von Cöln 1499); nach dem ... durch stoltzen wahn im wissen das arme christenthumb in stücken ist gespliessen. Opitz 4, 347 (Hugo Grotius,
warh. der christl. rel. 3;
übers. aus dem holl.). 2@ff) wann die zeugen nicht eben auf eine weise geredet, ihr aussagen doch auf eine meinung heraus kommt, sind sie deszwegen nicht gesp[l]issene kunden oder singulares.
Jülichsche rechtsordn. bei Frisch 2, 304
c. 33)
jetzt besonders in bestimmten wendungen in der sprache des haushalts und der gewerbe. die bedeutung ist meistens nicht '
etwas auseinander spalten',
sondern '
etwas wovon losreiszen, abschälen'
u. ähnl. 3@aa)
nd. federn splîten Frischbier 2, 354
b. Schambach 205
b.
dafür de fedder spletten '
eine spalte in der feder machen'.
brem. wb. 4, 958. Dähnert 449
b.
dagegen splîtn '
besonders vom reiszen der bett- etc. federn im gebrauch, wenn die fahne abgerissen wird'. Danneil 204
a,
die fahne von der spule abziehen. Bauer - Collitz 97
b.
dafür spleeten,
s. Strodtmann 225 (4), splitten Schütze 4, 172. 3@bb) hemp spliten '
den bast von den dicken hanfstöcken ziehen'.
brem. wb. 4, 958.
ähnlich borke splêten '
die borke von den gefällten eichen abschälen und spalten, die stämme abrinden'. Schambach 205
b.
vgl. die redensart: dat is linnen, as wen 't vom ei spleten is '
das linnen ist sehr fein und weisz, wie die haut aus der eierschale'.
brem. wb. 4, 958, lâke 's wî ut em ei gespleite. Frischbier 2, 354
b. 3@cc)
ostfries. beim schellfischfange, die angel von den sitzen gebliebenen köderresten reinigen. Stürenburg 253
b. 354
a. ten Doornkaat Koolman 3, 281
b. 44)
andre bedeutungen stehen noch weiter ab und lassen sich kaum von der grundbedeutung herleiten. 4@aa) sammet spleiszen,
pannum holosericum floribus et figuris pingere, vel excidere. Stieler 2093. 4@bb)
als ausdruck des hüttenwesens bezeichnet spleiszen
oder garmachen
das wiederholte, oxydierende schmelzen beim kupfer. Karmarsch-Heeren
3 5, 169. Lueger 5, 776. Scheuchenstuel 229; spleissen, in den bergwerken, metalle im ofen von einander scheiden,
igne separare liquefacta. Frisch 2, 304
b.
vgl.: '
nur im hüttenbaue einiger gegenden, z. b. auf dem Harze, ist das spleissen
ein schmelzen, durch welches das königskupfer verschmolzen und reiner gemacht wird, welches in andern gegenden das grosze gahrmachen
heiszt. es geschiehet solches in dem spleiszofen
und der spleiszhütte
von dem spleiszmeister
und dessen spleiszknechten.
wo vermuthlich auch der begriff des scheidens oder trennens der herrschende ist.' (?) Adelung. Jacobsson 4, 230
b unterscheidet: spleissen, (
das) grosze garmachen,
fr. le raffinage de cuivre (
wie oben); spleissen auf die gare,
fr. raffinage faite une seconde fois en cuivre parfait, wodurch das in das gelf gesplissene
kupfer vollends gereinigt wird (
davon verschieden?); spleissen in das gelf,
fr. raffinage sur le jaume, das erste garmachen, in Ungarn. so schon im 16.
jahrh.: sie besuchten die müntzbräger, ... guckesbergwerck, ... sahen schürffen, weschen, rösten, ... spleissen, schlackenschlagen.
Garg. 187
a; erstlich so will ich berichten, wie die armen kupffer vor dem saigern gesplissen, und am halt verreichert sollen werden. Ercker
ertzt- u. bergkwercksarten (1580) 104
b; nachmals thut er (
der schmelzer) den spleiszofen bey den vortiegeln auff, lest das kupffer darein, und spleiszt von obstehenden 38. centen schwartz kupffer ausz den vortiegel[n] 18. bisz in 19. centen gut oder reich kupffer, das gespliessen kupffer aber wirdt ein jede scheuben auszgeschlagen. 105
a. 4@cc)
im seewesen, tauenden zusammenflechten, s. splissen; 'seilverspleiszung,
die verbindung zweier seilenden zu einem fortlaufenden seilstück.' Lueger 7, 360: nach dem essen ... wurde Heinz dem schiffsjungen anvertraut, der mit dem spleiszen zerrissener taue auf dem deck beschäftigt war; auch der knabe erhielt ein paar tauenden, die er eifrig in einander zu verflechten strebte. Storm 6, 7.