spekulation,
f. ,
aus lat. speculatio.
ursprünglich in der sprache der mystiker die bis zur verzückung sich steigernde betrachtung des verhältnisses von gott zu den menschen, deren resultate als offenbarungen der göttlichen wahrheit angesehen wurden, eine bedeutung, die sich schon bei Boetius
de consolatione philosophiae 4, 1. 5, 2
für unser wort anbahnt: nach dirre speculacien, der langen contemplacien di selege und die clare sprach nu gar uffenbare di wort mit suʒeclicher gir: 'ja, herre, du wilt sîn mit mir'.
Elisabeth 5253
Rieger. vgl. auch spekulieren,
verb. 11)
beschauliche, tiefsinnige betrachtung eines gegenstandes, verhältnisses u. s. w., zum zweck, die erkenntnis desselben dadurch zu erweitern. vgl. oben: doch wohin versteige ich mich? ich bin noch zu neu in der welt, um tiefe blicke in den zusammenhang der dinge gethan zu haben, und zu jung, um mich in so verwickelte spekulazionen einzulassen. Wieland 33, 12 (
Aristipps briefe 1, 2); und neben diesem einbilden geht das entsprechende bestreben, in der speculation das individuelle sein aufzuheben. der mensch soll sich als creatur vernichten, der wille musz schwinden, alle werkthätigkeit aufhören. Freytag
bilder 2, 1, 331.
schon früh wurde das wort dann gegensätzlich zu wahrer, mit thatsachen rechnender forschung gebraucht. (
im gegensatz zu den offenbarungen der bibel:) also ist auch Mosis glaub nicht ein blössiger wahn und speculation gewesen, da er gegleubt, dasz er das volck Israel ausz Egypten füren werde. dann da ist das wort und verheissung gottes, darauff er sich gegründet hat am 2. capitel. Gretter
erkl. der ep. Pauli an die Römer (1566) 261; so wird der beweis sehr verkürzt, nach der analogie mit ungleicher schärfe auf den werth ihrer speculationen über die religion unserer väter und unserer kinder die vernünftigsten schluszfolgen zu ziehen, und sowohl den ungrund als übelstand ihrer willkührlichen satzungen, sophistereyen, wörtertändeleyen, pralereyen und verleumdungen künftighin aufzudecken. Hamann 4, 323; das christenthum glaubt also nicht an lehrmeynungen der philosophie, die nichts als eine alphabetische schreiberey menschlicher speculation, und dem wandelbaren mond- und modenwechsel unterworfen ist! 7, 46; (
anders gewandt:) weil ich ... ihre (
der thatsache) verhaszte evidenz und erstickte energie dem allgemeinen wortstrom der speculation entgegensetzen müszte. 3, 336; ein frauenzimmer kann sich nicht füglich der schluszkünste ... befleiszigen, ohne euch, leuten von geschmack, abscheulich zu seyn, deren eiserne gerichtsbarkeit sich bisz auf die schooszsünden der speculation erstreckt, die ihr an andern verdammt, um sie desto gröber selbst treiben zu können. 3, 293.
mit weiterem charakterisierenden zusatze: denn ich fühlte gar bald, dasz diese methode (
der physiognomik) mehr auf windige speculation, als auf frucht und nutzen in der lebenspraktik kalkuliert sey. Musäus
physiogn. reisen 3, 25; auf diesem stillen landsitz brachte er nachher etliche jahre zu, lag mit philosophischem geiste den mathematischen, und allen nur irgend zu einer gründlichen theorie der bildenden künste gehörigen studien ob, und verlor sich ganz in tiefsinnige spekulationen. Wackenroder
herzensergieszungen 79; spekulationen hat J. H. Oest. dasz auch die nacht die speculationen und unsre finsternisse sah, und flohe.
brem. gedichte 17. uns ging es, wie der nacht; wir sahen dero finsternisse, und flohen sie. Schönaich
ästh. in einer nusz 336
neudr. 22)
berechnung, überlegung, nach der ein unternehmen, vorhaben u. s. w. erfolg erhoffen läszt: zu ende der Wanzenau machten wir spekulation den weeg abzukürzen, und verirrten uns glücklich zwischen den morästen. Göthe
briefe 1, 252
Weim. ausg.; (
mit weiterem zusatze:) bei gott Sacco! ich bewundre in uns beiden die feine spekulazion des himmels, der das herz des körpers durch die eiterbeulen der gliedmaszen rettet. Schiller
Fiesko 1, 3.
dann besonders von erwägungen, berechnungen, die ein händlerisches, kaufmännisches unternehmen bestimmen: nur die spekulation des wirthes verband mit dem niedrigen eintrittspreise noch die nothwendigkeit, dasz sich jeder eine maske kaufen muszte. Gutzkow
ritter v. geiste 4, 235.
dann heute besonders dieses kaufmännische unternehmen selbst, gern als zweiter theil einer zusammensetzung: geldspekulation, handelsspekulation, häuserspekulation, landspekulation
u. s. w. 33)
besondere gebrauchsweisen, ohne dasz zusammenhang mit den vorhergehenden bedeutungen vorhanden scheint. 3@aa)
in niederdeutschen dialecten bezeichnung eines gebäckes: spekelaatsje '
kleines confect v. glattem zuckergusz, bunt angefärbt'. Stürenburg 251
a;
dafür auch in neuer latinisierung spekulatius,
in Callenberg-Grubenhagen name einer honigkuchenart. vgl. holl. speculation
nach Stürenburg
a. a. o. 3@bb) spekulation,
ein glatt gewebtes, halbseidenes tuch. Jacobsson 4, 205
a.