sickern,
verb. allmählich und tropfenweise flieszen. eine iterativbilduug zu dem germanischen verbum sîhan,
vgl. seihen (
sp. 205
ff.), seigen (
sp. 187)
und (
das zweite) siegen,
sowie Kluge
6 364
a. Weigand 2, 706. (
eine ganz parallele bildung ist auch sickeln,
s. oben.)
in den ältern germanischen sprachstufen auffallenderweise nicht bezeugt, nur ags. vereinzelt sicerian Bosworth-Toller 870
a.
auch die nhd. schriftsprache verhält sich lange ablehnend gegen das wort: ab hoc siek
puto venire verbum sickern,
et durchsickern,
humectari, inhumigari, humore penetrare. Stieler 1654 (
s. auch unter siefern); gesickert (ich habe
et bin)
praes. ich sickere,
guttatim percolor. Steinbach 2, 589.
neben sickern
findet sich auch siekern, so bei Adelung ('
nur im gemeinen leben üblich')
und Jacobsson 4, 160
a (
bei Campe
als nebenform),
s. auch siegern.
in der litteratur ist sickern
erst im 19.
jahrh. geläufig geworden; der älteste bekannte beleg steht vielleicht bei Kant: die glorie in der höhle von Antiparos ist blos das product eines sich durch gipslager durchsickernden wassers. 7, 217 (
krit. der urtheilskr. 1790 § 58). —
mundartlich ist sickern
in Deutschland allgemein verbreitet: schwäb. sikern,
seigern, tropfenweis rinnen Schmid 494, sickern,
sintern, abrinnen Schm. 2, 222 (
schwäb.);
tirol. sikern Schöpf 674;
in Handschuhsheim (sikan) Lenz 65
b,
henneb. (durch)sickern
durchdringen, -tröpfeln, -quellen Reinwald 1, 151,
vgl. 2, 117. Spiesz 234;
rheinisch (
Koblenz, Jülich, Berg) sickern Klein 1, 154;
hess. sêkern Vilmar 385 (
daneben sockern 387, suttern 408);
thür. siker Hertel
sprachsch. 228,
nordthür. seikere,
langsam herabflieszen Kleemann 21
a;
siebenbürg. sîkern Kramer 123;
nd. sîkern ten Doorkkaat Koolman 3, 182
b. Danneil 192
b,
und sickern Mi 79
a (
dazu sîker
rinne, rinnsal, furche im watt, wodurch wasser abflieszt ten Doornkaat Koolman
a. a. o. Stürenburg 246
a). —
vergl. ferner die zusammensetzungen ab-, aus-, durch-, einsickern (
theil 1, 120. 972. 2, 1685. 3, 295), heraus-, hervor-, hindurch-, über-, vor-, zu-, zusammensickern. —
neben sickern
finden sich im gleichen sinne theils verwandte bildungen, wie sicknen, siegern (
s. diese), seigern (2,
sp. 202),
theils lautliche varianten mit abweichendem vocal: sückern, söckern (
s. Stieler
unter siefern), sockern (Vilmar 387), süchern (Stalder 2, 417),
theils ähnliche bildungen aus andern wurzeln, wie siefern,
nd. siepen, siepern, sippern, zippern; sintern; suttern (Vilmar 408),
s. diese. 11)
im eigentlichen sinne von flüssigkeiten, '
nach und nach in unmerklich kleinen tropfen durch eine feine öffnung dringen' Campe,
in diesem sinne mit sein
conjugiert. wodurch sickern: das wasser sickert durch den lockern felsen.
ebenda; das wasser sickert durch den hut,
aqua guttatim per pileum transit. Steinbach 2, 589; so trug man den toten vorbei an den gräbern, durch die pferdedecke sickerte blut. Anzengruber
3 2, 225; sein blut, dem wamms entquollen, rinnt ab in furch' und spur; warm sickert's durch die schollen. Freiligrath
5 3, 75.
übertragen: nur einzele tropfen des mondlichts sickerten durch zerstreuete mit zweigen übersponnene bergöffnungen durch. J. Paul
Tit. 2, 192. woraus sickern: es ist wein aus dem fasse gesickert. Campe; wo ich es (
das strohlager), um es vor der aus den wänden sickernden feuchtigkeit zu schützen, bald hier-, bald dahin breitete. Gutzkow
ritter vom geist 5, 410; und mit thränend eignen augen schaute ich die dicken tropfen aus den groszen steinen sickern, und ich hörte weheklagen die gebrochnen tempelsäulen. Heine 1, 448 (
Jehuda ben Halevy 2).
ferner: wie's krüglein, das am brunnenstein zersprang und dessen inhalt sickert auf den grund. Lenau 2, 526
Koch (
don Juan 839).
überhaupt langsam und tropfenweise flieszen, von quellen: dort ergieszt der volle see sein übermasz in ein fliesz .. hier bespült es elsenbüsche, .. sickert über die nassen wiesen. Alexis
hosen12 s. 6; eine junge esche, welche mitten in einer waldlücke auf einem niedrigen erdwalle emporwuchs, von einer sickernden quelle getränkt. Keller 1, 202; nur selten schwillt zu einem kleinen bache der wasserstreif, der sickernd über kiesel rinnt. Anzengruber
3 5, 280.
im bilde, nur noch langsam rinnen, versiegen: der müde strom des heil'gen lebens in deinen adern sickert schon. Lenau 2, 273
Koch (
Savon. 11,
v. 1786).
thüringisch auch für '
fein regnen',
vgl. sickerwetter. Hertel
sprachsch. 228. 22)
mit verschobener beziehung, flüssigkeit durchdringen lassen: das fasz siekert. Adelung; das fasz sickert, hat gesickert (
beachte den unterschied im hilfszeitwort). Campe; wenn sich die abendröthe drängt an sickernden geschiefers lauge. Droste - Hülshoff 1, 127.
oberhessisch auch von langsamem trinken: was sêkerst du so lang? Vilmar 385.
so nd. sikern '
vorzugsweise von gefäszen, die nicht fest schlieszen, aus denen vielmehr die flüssigkeit tropfenweise hervorquillt'. Danneil 192
b f. 33)
nicht hierher gehören nürnbergisch sicken, sickern,
säuerlich werden (
für zicken) Schm. 2, 222
und würzburg. sickira
quälen, beunruhigen Sartorius 115 (
s. sekieren
sp. 403).