sehne,
f. gemeingermanisches wort, im got. unbezeugt: altn. sin,
f. (
auch schwache flexion ist bezeugt),
muskelband, männliches glied bei thieren; ags. seonu, sionu, senu, sinu, synu,
daneben schwache formen, sinew, nerve, tendon, dän. sene,
schwed. sena,
engl. sinew,
fries. sini, sine, sin,
f. muskelband, nerv Richthofen 1016
b (
ostfries. sîne
nd. korrespondenzbl. 10, 79),
nld. zenuw;
ahd. senwa, senawa, sinewa Graff 6, 266 (
wo noch andere formen angeführt werden),
nervus, corda, habena, retinaculum. als früheste und gemeinsame bedeutung wird im germanischen die anatomische bezeugt, die ursprüngliche bedeutung des wortes scheint spannendes band gewesen zu sein, darauf deutet vielleicht, dasz ein von den Lappen zu stricken verarbeitetes gras im norw. sinegras, sengras
heiszt; vgl. Cleasby-Vigfusson 529
a unter sin,
dagegen Fritzner 3, 345
b. Aasen
norsk ordbog 651
b.
die beziehungen des wortes auszerhalb des germanischen sind unsicher, zu beachten ist die gleiche bedeutungsentwicklung bei sanskr. snâyu, snâvan, snâvas,
griech. νεῦρον,
νεύρη,
lat. nervus. sehne
steckt wol auch in unserm hechse, hachse,
vgl. altn. hásin,
dän. hase,
ags. hóhsinu,
engl. houghsinew,
ahd. hahsanon,
subnervare Graff 4, 800. Grimm
gramm. 3, 405.
mhd. senewe, senwe, sene
mhd. wb. 2, 2, 252
a. Lexer
mhd. handwb. 2, 880, senne (
bogensehne)
mnd. wb. 6, 260;
corda, sendwe, senwe Dief. 150
c;
sona, seene 542
a;
zona, senne, sene 635
c;
nervus, zene, senne, syn, semd
vel oder. 379
a;
varex, de sene under dem knye, ein senwe. 606
c;
amentum, senebe
vel snoher, senige, senne, sene an einem armbrust. 30
a; senige Schm. 2, 287; sännwen,
nervi Maaler 341
a; die sennen an einem bogen. 370
a;
nervus in arcu, die senne am bogen. Corvinus
fons lat. (1660) 431
a; sehne,
f. nervus Schottel 1414, sene 1415; senne, sehne Stieler 2007; senne Kramer
deutschital. dict. (1702) 2, 771
b; sehne,
nervus, tendo, funis (
am bogen) Steinbach 2, 580; senne, sene Frisch 2, 265
a; Adelung
meint, die form senne
käme nur in '
einigen gemeinen mundarten'
vor. Campe
bemerkt, '
bei vielen lautet dies wort senne'.
zum gebrauch der mundarten vgl.: sêne Hunziker 239; die sen, senn Schm. 2, 287; seneba,
sehne, schnur, strick. cimbr. wb. 230
b; senn Schultze 44
b;
nd. wird sêne
mit offenem e
gesprochen. in der litteratursprache des 18.
und 19.
jahrh. ist senne
häufig bezeugt, der neuere sprachgebrauch entscheidet sich für sehne. 11)
die früher schwankende anatomische bedeutung (
vgl. ader und nerv)
des wortes erklärt sich aus der unklarheit der anatomischen vorstellungen, Hyrtl
kunstworte der anatomie 143
belegt gesichtssenne, hör-, schmecksenne,
wobei also senne
den sinn von nerv hat. nach der aufnahme dieses wortes, das zunächst auch sehne
bezeichnen kann (
vgl. nervig),
entwickelt sich allmählich eine scheidung beider, wie sie heute besteht, indem als nerven
die vom gehirn oder rückenmark ausgehenden und sich verästelnden schnurartigen organe bezeichnet, sehnen
dagegen die zähen muskelenden genannt werden, die muskel und knochen verbinden und die bewegung der glieder vermitteln. der gewöhnliche sprachgebrauch denkt vielfach an die muskeln mit, wenn er von den sehnen
spricht (kraft der sehnen, sehniger arm),
auch unterscheidet er nicht zwischen sehnen
und bändern (
verbinbindungen der knochen unter sich);
die zeugnisse des altnord. (
vgl. z. b. Vǿlundarkv. 17)
und ags. beweisen das alter dieser bedeutung, erst durch den einflusz des latein. nervus
entsteht schwanken in der anwendung des wortes; paukensehne
ist z. b. bei Oken 4, 60
name eines nerven; sehe-nerve
ò sehe - senne. Kramer
dict. (1702) 2, 739
c;
für ader (
oder nerv?)
steht sehne
noch bei Brockes: hiedurch nun breitet sich durch meine gantze brust ein süsz- und schnelles feur noch nie gespürter lust in meinem wallenden begeisterten geblüte und allen sehnen aus. 1, 148 (1739). sännwen,
nervi Maaler 341
a; gliedersennen,
vincula et firmamenta membrorum Stieler 2007; sennlein,
nervulus, tendicula. ebenda; sehne,
tendo Nemnich; dat flêsk sitt so ful senen, dat man't hâst nêt eten kan. ten Doornkaat Koolman 3, 174
a; dusse rede schaltu ome ok sagen darto: Hinrikes hals en si von hardern senen nicht denne Alebrechtes were, den he to dem dode brochte lesterlich. Eberhard
reimchron. von Gandersh. 1229; denn ohn gesetz ist die gemein, wie ein leib ohn sänen und bein. Rollenhagen
froschm. Bb 6
a; gichtrisch zuckt die starre sehne. Schiller 1, 299; do si ores allir liebistin buln gebeine gesehen hat hange an den adirn unde an den senwin. Köditz
leben des h. Ludwig 64, 11; tendones, die senen oder spannadern, und ligamenta die bandadern. Wirsung
arzneib. (1597) 658 C; die zusammensetzung unsers leibs ... ausz knochen (beinen) knorspelbein haarwachs (seenen) spanadern, fleisch mäuszlein. Comenius
sprachenth. (1657) 241; wobei die natur gesorgt hat, dasz er (
der schenkelknochen) nicht über gewisse gränzen hinausschreite, in welchen sie ihn mit sennen und andern schönen einrichtungen zurückhält. Göthe 35, 378.
besonders als sitz körperlicher spannkraft, jugendlicher frische, auch in freier übertragung: will meine dürren sehnen in eurem dienst wie ein taglöhner abarbeiten. Schiller
räuber 4, 2
schausp.; meine sehnen werden schlapp, der dolch sinkt aus meinen händen. 5, 2 (meine sennen werden schlaff.
schriften 2, 322
var.); der witz der lotterbuben geht über die sennen der männer.
trauerspiel 4, 16; (
krieger,) bei dem jede senne in ungeheurer anstrengung dahin arbeitet. Göthe 35, 309; hier spannt, o sterbliche, der seele sehnen
an. Haller 47
Hirzel; nur seine brust und seiner hüfte sennen sie waren nimmer welk noch matt. Herder 26, 432
Suphan; so viel sehnen die im grab erschlaffen. Schiller 1, 179; sieh, diese senne war so stark. Göthe 1, 106; ruhe stählet sehn' und mark, macht zu jeder bürde stark. Seume
ged. 50; von zorn die sehnen gestählet, dringt er durch klippen und waldesnacht. Grillparzer 2, 38 (5.
ausg.); da — o, lohn' es dieser thräne! — hebt sich eines armes sehne, und das unthier musz vergehn. 6, 147 (4.
ausg.); der schusz hat ihrer vieren entstrickt des lebens sennen. Rückert
poet. werke (1882) 3, 84. 22) sehne
des bogens (
oder der armbrust),
wie lat. nervus, vgl. griech. νεῦρον und νεύρη; die eigentlichen sehnen sind kein besonders geeignetes material für die bogenbespannung; entweder müssen wir für die älteste zeit den begriff noch weiter fassen (
schnurähnliches im thierischen körper z. b. auch darm),
oder es liegt eine bildliche anwendung vor, indem bei dem spannenden, treibenden theil des bogens an die spannende bewegende sehne gedacht wurde: senna,
arcus corda Graff 6, 266; senn oder senne am armbrust. Hulsius
dict. (1616) 296
a; die senn auffziehen.
ebenda; schlotternde
sive schwache senne Stieler 2007; ein pfeil von der sennen schieszen. Maaler 370
b; an demo bogen uuirt diu seneuua sô filo mêr zuogezogen, so filo man drâtor scieʒen uuile. Notker
ps. 59, 6;
humoristische schilderung eines unmöglichen bogens: er sall han eynen ywanbogen mit eyner syden senwen, mit eyner silberin strale, mit eyme lorbaumen tzeyn mit phaen federn gefyedert.
weisth. 1, 502; der hanf wurde zu senigen für die pfeile gebraucht.
quelle bei Schmeller 2, 287; men schüt ôk wol mit slapper sennen. Tunnicius 755; wenn man die sennen am armbrust zu hart spannet, so reyszet sie gern. Agricola
sprichw. 236 (1534); die gottlosen spannen den bogen, und legen jre pfeile auff die sehnen.
ps. 11, 2; mit deiner sehnen wirstu gegen jr andlitz zielen. 21, 13; do si nit pender und senig, weder werch kain hanf noch flachs zu irem schieszzeug .. hetten. Aventinus
bair. chron. 1, 322, 23; einige spannen die sehne zu straff und drücken den pfeil mit gröszerer gewalt ab als nöthig ist. Wieland
Lucian 1, 50 (1788); die verlängerte senne erschlaffte (
im bilde). Herder 16, 102
Suphan; alle wissen wir, welche witterung es sei, die die senne des besten bogens erschlafft. 18, 182; daʒ begunde dem recken sîne brust bêde erstrecken, sô die senwen tuot daʒ armbrust.
Parz. 36, 1; er treip hin an des landes grieʒ diu schif bereit ûf kampfes bîl, alsam diu senwe tuot den pfîl, der ûʒ der nüʒʒe snellet.
troj. krieg 25290; sô leget er den phîl darin und ziuhet den bogen hin von im mit der linken hende und biugt zuo im ietweder ende, swenn er zuo im der senewen bant ziuhet mit der rehten hant. Lamprecht v. Regensb.
tochter Syon 3644; in die schock si schuʒʒen, daʒ die senib erduʒʒen und nâch dem snall erklungen. Ottokar
reimchron. 16118; eym bricht der bogen, senw, und nusz. Brant
narrensch. 75, 13; dasz die senne der brust annaht'. Voss
Il. 4, 123; doch eiferig hofft' er im geiste schon die senne gespannt und den pfeil durch die eisen geschnellet.
Od. 21, 127; und doch nicht konnt' er die senn' aufziehn. 247; leicht wie der Iris sprung durch die luft, wie der pfeil von der senne hüpfet der brücke joch über den brausenden strom. Schiller 11, 80; von deiner senne kommt pfeil auf pfeil in meine brust geflogen. Platen 102
b; sich spannen werden schon gezuckte sennen. Rückert
poet. werke 1, 25 (1882). 33)
starke schnur. riemen: seniwa,
habena, retinaculum Graff 6, 266; arch, leine senne, werden die starken stricke an denen jagdzeugen benennt. Heppe
wohlr. jäger 39
a. 44)
von 2
aus erklärt sich die anwendung von sehne
im mathematischen sinne: senne, in der mesz-kunst,
chorda, eine linie innen am cirkel - kreisz. Frisch 2, 265
a;
eine linie, die zwei punkte des kreisumfanges verbindet ohne durch den mittelpunkt zu gehen, heiszt kreissehne, bogensehne
die einen bogen
abschneidende gerade linie (
vgl. Diemer
deutsche ged. 343, 19). 55) senne, das glied des männlichen geschlechts unter theils creaturen. Frisch 2, 265
a;
ebenso lat. nervus; ochsen - senne,
nervus tauri. ebenda; als prügelwerkzeug wie ochsenziemer,
vgl. oben theil 7, 1137
und Schm. 2, 287. 66) sehne
für saite (
vgl. saite 1,
b theil 8, 1666): kein sterblicher kann diese akkorde, welche die seele von dem körper entfesseln, hervorbringen ohne mich: ohne mich, der ich da wirke und lebe .., wo die sehnen der schöpfung in ewiger eintracht erklingen. Klinger 10, 130.