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schwindeln

nhd. bis spez. · 11 Wörterbücher mit Anchor-Eintrag

DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

schwindeln verb.

Bd. 15, Sp. 2661
schwindeln, verb. schwindel erregen, empfinden, treiben. ableitung zu schwindel, vgl. daselbst, wie dieses dem hd. sprachgebiete eigenthümlich (vgl. indesz altn. mik sundlar Cleasby-Vigfusson 604b). ahd. suintilôn, vertiginem pati, aporiari. Graff 6, 884; mhd. swindeln Lexer handwb. 2, 1376; vgl. Kluge5 343a. nhd. schwindeln, früher auch schwindelen, schwindlen, ohne abweichungen. das sehr seltene umschriebene perf. wird mit haben gebildet: es hat ihm geschwindelt, gli è venuta la vertigine. Kramer dict. 2, 724b; ebenso Steinbach 2, 555. 11) es schwindelt in unpersönlicher fügung: 1@aa) die person, die schwindel empfindet, wird im dativ hinzugefügt; vgl. Grimm gramm. 4, 231. so schon ahd.: suintilôt uns, uns suuintilôt, aporiamur, vertiginem patimur. Graff 6, 884 (dagegen altn. mik sundlar, s. oben); ebenso mhd. und nhd.: einem schwindeln ò schwinden, patire di ò haver la vertigine; girare, barcollare colla testa. Kramer dict. 2, 724b; es schwindelt (mir), vertigine laboro Steinbach 2, 555; vertiginem sentio Frisch 2, 250c. erst in der neuern sprache beginnt das sprachgefühl zu schwanken und ganz vereinzelt den acc. zu gestatten: mich schwindelt auf der bahn, die ich wandele! Gutzkow ritter v. geist 9, 246; oder wenn, den die flocken zu tausenden in sich verhüllten, und den schwindelte, sturm auf das gestade mich warf. Klopstock 2, 244; mich schwindelt! Houwald 2, 19 (fluch u. segen 1, 3). beides dicht neben einander: ist dir nicht auch, als trüge uns empor ein königlicher aar zur gold'nen sonne? mir schwindelt nicht; Rienzi, banget dir? Mosen werke 3, 351 (Cola Rienzi 3, 4); dich schwindelt nicht? 352. éinmal ist der acc. auch im mhd. überliefert: in dunket, wie siben sunnen an dem himel wær', und er umbe liefe, als ein gedræter topf; in swindelt' umb den kopf. minnes. 3, 312b Hagen; noch seltener fehlt eine solche ergänzung bei schwindeln überhaupt: ein mæʒlich stîgen wirret niht; von unmæʒlîchem stîgen swindelt lîhte, sô man giht. Reinmar v. Zweter 96, 5 Roethe. 1@bb) schwindeln im eigentlichen, physischen sinne: daʒ zwelft (zeichen der schwangerschaft) ist, daʒ der frawen diu haut kräuʒelt unt daʒ ir swindelt in dem haupt. Megenberg 39, 9; wem swintelt und âmacht her gêt, dem geuʒt man rôsenwaʒʒer ein. 345, 30; Pontus der richt auff und schluog Andreen von Lator mit sölicher macht das er dormisch davon ward. und do Pontus sahe das dem von Lator schwindelt, do nam er jn mit gantzen krefften bey dem helm. Pontus (1498) e 3a; wann ich fasten sol, so schwindelt mir und schlottert mir der kopff. Keisersberg bilg. 3a; etlichen menschen schwindelt, das sie umfallen wöllen, ist inen gleich als ob der himmel und das erdtrich umlauf. Dryander arzenei (Frankf. 1542) 75b; und nun vergeht mir das gesicht und schwindelts .. (er fällt in ohnmacht). Shakesp. Heinrich IV, 2. theil 4, 3. 1@cc) wenn man sich in bedeutender höhe befindet oder in eine tiefe hinabsieht: thal so tieff dasz einem, so er hinab sahe, schwindelt. Kirchhof discipl. milit. 14. wenn man einen andern in solcher lage sieht: jetzt wirft er (der springer) sich schnell in die höhe, hilf gott! mir schwindelt, wenn ich sehe, wie kühn er durch die lüfte fährt. Lichtwer 154 (fabeln 4, 27). freier, geistiger, beim anblick von etwas groszem, erhabenem: es ist nichts natürlicher ... als dasz uns vor einem groszen anblick schwindelt, vor dem wir uns unerwartet befinden, um zugleich unsere kleinheit und unsere grösze zu fühlen. aber es ist ja überhaupt kein ächter genusz als da, wo man erst schwindeln musz. Göthe 21, 42; o groszes wundergroszes ding! mir schwindelt dich zu sehn. Schiller 1, 348; mir schwindelt, seh' ich diesem jüngling zu, wie er auf unversuchten pfaden schreitend mit den geschicken wie mit würfeln spielt. Geibel 7, 46. anderes: ich war einsam, und mir schwindelte vor der gränzenlosen stille, wo mein überwallend leben keinen halt mehr fand. Hölderlin 2, 126 Köstlin. so auch es schwindelt dem blick: du begannst, Suevia's sohn (Keppler), wo es dem blick aller jahrtausende schwindelte. Hölderlin 1, 14 Köstlin; ha — jetzt hebt sichs (das tönen) im entzücken und es flutet himmelan; ach es schwindelt meinen blicken vor der wunderbaren bahn. Ludwig 1, 19. 1@dd) sonst als äuszerung einer heftigen empfindung, besonders staunen, stolz, übermuth: staunst du? schwindelt dir? ja wahrhaftig, der gedanke ist auch so schmeichelnd erhaben, dasz er selbst den stolz eines weibes betäubt. Schiller 2, 110. 270 (räub. 3, 1); schwindelt dir, weil du den Iros, den landdurchstreicher, besiegt hast? Voss Od. 18, 333. anders gewendet: sogar vom throne reicht der herrscher die hand herab, ihm schwindelt, wenn er sich betrachtet, allein zu sein. Platen 73b. vor freude, entzücken: dann aber schwindelte ihm fast vor entzücken. Arnim 2, 288. im durchgeführten bilde: mich faszt das glück ganz unerwartet an, und hebt mich heftig in die höhe, dasz mir schwindelt. Göthe 10, 242. auch andere empfindungen machen schwindeln, wenn sie besonders heftig auftreten: die eifersucht, ein übel, das er nie bisher gekannt, verwirrt schon sein gehirne; es schwindelt ihm, es schwanken ihm die knie. Wieland 10, 223; es schwindelt mir, es brennt mein eingeweide. nur wer die sehnsucht kennt, weisz, was ich leide! Göthe 2, 118. 1@ee) übler geruch, überhaupt ekel bewirkt schwindeln: jhr maul stinckt jr,nach aller begier, mir schwindelt vor jr. Ambraser liederb. 206, 12. ferner grauen: o, mir schwindelt, o mir graut! Grillparzer4 6, 219 (traum 4). so auch mir schwindelt vor etwas: wo sint mein zwen geselen hin? ich glaub vürwar, es schwindel in aus der stat vor der zukuonft mein, wan ich hab in das prot und wein mit ainem herben gift vergift. H. Sachs fastn. sp. 6, 103 neudruck. diese stelle nähert sich der bedeutung g. 1@ff) schwindelt dir? bist du von sinnen?: Pap. die zunge stammelt mir für schrecken. Mich. und warum? Pap. der käyser! Mich. schwindelt dir? Pap. ist. Mich. was? Pap. anietzt bey uns: Mich. im kercker? Pap. hier gestanden. A. Gryphius 1, 53 (Leo 3, 302). 1@gg) in Baiern bedeutet es schwindelt mir auch 'es ahnt mir, ich befürchte': wenn essen und trinken den himmel soll geben, darf ich wohl hoffen aufs ewige leben; steh doch in sorgen und schwindelt mir schier, es hab auf der seiten ein andere thür. volksl., s. Schmeller 2, 637. 1@hh) in Warschau sagt man es schwindelt mir im bauch, ich bin sehr hungrig. Wander 4, 480. 22) schwindeln steht ferner in persönlicher fügung (d. h. mit ausgedrücktem subject) von dem, was schwindel hervorruft; doch findet sich nur ganz ausnahmsweise in diesem sinne eine form des verbum finitum, z. b.: ich mache schon lange keine musik mehr; mich schwindlen die noten. Rahel 2, 463 (vgl. c). sonst nur das part. praes. es wäre daher auch syntaktisch zulässig, diese verwendung der bedeutung 3 anzureihen, indem das genannte part. häufig eine freiere verbindung mit substantiven eingeht, s. Grimm gramm. 4, 68. 2@aa) schwindelnde höhe, die schwindel erregt, oder bei der man schwindel empfindet: dort die schwindelnde höhe über schreckliche meerstrudel herhangender felsen, und hier die blinde sich herabstürzende verzweiflung. Lessing 5, 70; wodurch sie (die natur) uns .. bald in die düstre tiefe zieht, bald in die schwindelnde höhe, auf unserm geiste angehauchten flügeln, empor trägt. Klinger 12, 120; die schwindelnde höhe und die dunkle tiefe. 128. schwindelnder abhang, absturz, rand u. ähnl.: auf jeden gähen gipfel der leidenschaft mich zu begleiten, mir zu begegnen vor jedem schwindelnden absturz. Schiller kabale und liebe 4, 2; dann wieder eine gemsenjagd in einsamen, furchtbaren felsenklippen, die kletternden jäger, die springenden, gejagten thiere von oben herab, die schwindelnden abstürze. Tieck 16, 331; an dem schwindelnden hang, den verderben umringt, an des abgrunds nacht, staunten, schauerten wir nicht! Klopstock 6, 257; der (habicht), von des felsengebirgs hochschwindelnder jähe gehoben, rasch hinfährt in die thale. Voss Il. 13, 63; er steht an des Zschopauthals schwindelndem rand und blickt hinunter mit grauen. Körner 1, 176 Fischer. 2@bb) seltener von anderm, was schwindel erregt: wie muszte der mensch beschaffen sein, der in unruhigen zeiten in so schwindelnder schnelle vom gemeinen edelmanne zum reichsfürsten aufstieg? Ludwig 5, 306; er ... hielt ... einen becher in der hand, der mit einem schwindelnden und berauschenden getränke gefüllt war. Klinger 3, 262; der seiltänzer und der transcendentalphilosoph stehen gegen die, auf der erde ruhig wandernde menge, ... der anzahl nach, in gleichem verhältnisse, und das wahrscheinlich zum besten dieser künstler selbst. eine zu grosze anzahl derselben würde das handwerk verderben, das mehr durch den reiz des anschauens der gefährlichen, schwindelnden kunst, als ihren nutzen besteht. 11, 214. 2@cc) so auch von empfindungen, vgl. 1, d: als Guido noch ein knabe war .. und für die bewunderung seiner gespielen so gefährlich auf bäume und felsen kletterte dasz sie ihn für schwindelnder angst kaum bewundern konten. Leisewitz Julius von Tarent s. 26, 10 neudr. (1, 6). ganz vereinzelt findet sich hier eine form des verbum finitum, in kühner poetischer erweiterung der gebrauchssphäre: zu viel der entzückung schwindelt um mich! Klopstock Mess. 15, 821. 2@dd) ähnlich sind verbindungen wie schwindelnder taumel, taumel, wobei man schwindlig wird, oder wie man ihn beim schwindel empfindet: doch ist der schwindelnde taumel endlich vorübergerauscht. Klopstock Mess. 6, 269; mich pakte des doppelstroms wüthende macht, und wie einen kreisel mit schwindelndem drehen, trieb michs um, ich konnte nicht widerstehen. Schiller 11, 224. vgl. auch: magnetisch braust im glase der wein, und perlt, von schwindelnder ekstase wie umgequerlt! Voss 4, 119. 2@ee) adverbialer gebrauch des particips: sandkorn für sandkorn trägt er (der künstler) das wundergebäude zusammen, das uns in einem einzigen eindruck jetzt schwindelnd faszt. Schiller 10, 406; von perlen baut sich eine brücke hoch über einen grauen see, sie baut sich auf im augenblicke, und schwindelnd steigt sie in die höh. 11, 351; o mein gemahl! sie bauen immer, bauen bis in die wolken, bauen fort und fort und denken nicht dran, dasz der schmale grund das schwindelnd schwanke werk nicht tragen kann. 12, 280 (Wallensteins tod 3, 4). 33) schwindeln, schwindel haben, empfinden, zunächst im eigentlichen sinne. also ich schwindele ganz gleichbedeutend mit mir schwindelt. so von anfang an neben einander, schon ahd.: suuintilômês, aporiamur (neben suintilôt uns, s. 1); suintilôti, aporiatus est Graff 6, 884; ferner: aporiare .. suintilon Dief. gloss. 41b; vertiginare hd. swindeln 614c; schwindelen, avoir le tournement de teste Hulsius 294a; vertigine laborare Schottel 1413; vertiginosum esse, vertigine laborare, corripi mentis nubilô, turbine circumagi, et quasi rotari, ob vertiginem capitis, obscuritatem oculorum pati, scotomate in orbem versari. Stieler 1981; schwindeln, den schwindel haben, vertigine laborare Frisch 2, 250c. 3@aa) mit der person als subject: zimmerleute, mäurer und dachdecker müssen nicht schwindeln. Kramer dict. 2, 724b; der sordit rennet bald auff jn, und gab jm so ein grossen schlag auff den helm das er tämisch ward und schwindlen das er sich auf den sattelbogen muost leynen. Pontus (1482) g 2b; den schwindlenden ist sonderlich von nödten, in abbruch zu leben, sich desz weins enthalten. Wirsung arzneib. (1597) 132 A; wir .. schwindeln bey allen plötzlichen zufällen. Möser patr. phant. 4, 33; dann sieht der kühne schieferdecker keine gefahr mehr in ihrem (der leiter) besteigen, so weh dem schwindelnden menschenkinde tief unten auf der sichern erde wird, wenn es heraufschaut. Ludwig 1, 193; (im bilde:) ich ... fühle in ihrem (der blumen) dufte, sauersüszem dufte, mich so betäubt, so schwindelnd! Lessing 2, 261 (Nathan 3, 1); mich lockte sie vergebens aus dem tod, den ich erwählt, in's helle sein zurück, ich sah sie schwindeln, und beharrte doch. Hebbel (1891) 1, 95 (Genoveva 2, 2). schwindelnd hängen, vom menschen, der dabei selbst schwindel empfindet (zugleich auch bei andern schwindel erregt, vgl. 2, e); im bilde: gemäszigt glück ist immer das sicherste, da weder im dunkeln, tiefen staube du liegst, noch auf der höh' in den wolken schwindelnd hangst. Herder 15, 420 Suphan; wenn ... verrathen, ob des todenreiches thoren mein junges leben schwindelnd hängt. Schiller 1, 235. 3@bb) schwindeln machen, schwindel erwecken: stickele hohe berge machen schwindelen, praerupti montes vertiginem creant. Stieler 1981; (ich) bin auf des Götz altem schlosz herumgeklettert ... über mauerspalten, die mich doch zuweilen schwindlen machten. Bettina briefw. 1, 205. 3@cc) der kopf schwindelt: es schwindelt mir der kopf, ò ich schwindele in dieser offenen höhe, io vertigino, mi stordisco etc. mi si gira, raggira la testa, mi s' ingarbuglia il cervello in questa aperta altezza. Kramer dict. 2, 724b; wie er einsmals in der fasznacht die weinkanten zuo offt gelärt hett, ward im der kopff etwas weh thun und schwindeln. Kirchhof wendunm. 1, 140 Österley (1, 110); kaum hatte mein kopf das kissen berührt, so schwindelte er von schlaf. Arnim 1, 248; so bald dir vom seegang nicht mehr wackelt der fusz, länger nicht schwindelt der kopf. Baggesen bei Campe; vergl.: und in schlummers macht die häupter immer schwerer neigen, so schwindelnd an einander beugen. A. v. Droste-Hülshoff 2, 63. schwindelnd (ge)hirn: do du stuende an dem kriutze .. mit swindlendem hirnin, mit versertem geneigtem houbte zuo dem tode. Wackernagel altd. pred. nr. 98, 18; (er) sieht sie .. durch ihre thür entfliehn, und bleibt mit starrem aug' und schwindelndem gehirne .. dem hause gegenüber stehn. Wieland 21, 276 (Klelia 5, 161); auch der sinn schwindelt (im eigentlichen sinne): die wärme so vieler menschen, so vieler lichter, der dampf so vieler immer wieder ausgeblasenen kerzen, das geschrei so vieler menschen ... machen zuletzt selbst den gesundesten sinn schwindeln. Göthe 29, 274; o mädchen, lasz es doch, mich also anzusehn, es bricht mein herz und alle meine sinne schwindeln. Arnim 5, 85. 3@dd) vom auge: immer mehr schwindelte sein auge und brannte sein herz (vor angst, den freund schon ertrunken zu sehen). J. Paul Titan 2, 91; (im bilde:) geh, spanne deine kraft zum kühnen flug; ich musz voll demuth schweigen, mein auge schwindelt; freund, gewissenhaft, ich kann nicht folgen; meine sehn' erschlafft. Seume ged. (1826) 230; freier: ha! was staunen meine blicke! ha! wie schwindeln meine blicke! Göttinger musenalm. 1775, 223. 3@ee) der infinitiv substantiviert: das schwindlen, ein vertüncklung der augen, wenn einer wänt es lauffe als umm, scotoma. Maaler 367d; diese höhe, von welcher ich mit schwindeln hinab blicke. Adelung; daʒ ist guot für den herzriten und für daʒ swindeln. Megenberg 130, 28; diu sals .. ist guot für die âmaht und für daʒ swinteln. 426, 11; er stieg herab (vom berge), weil das innere schwindeln zuletzt äuszeres wurde. J. Paul Titan 1, 30; durch swindeln er strûchens pflac. Parz. 573, 7; ekles schwindeln zögert mir vor die stirne dein zaudern. Göthe 2, 68; endlos unter mir seh' ich den äther, über mir endlos, blicke mit schwindeln hinauf, blicke mit schaudern hinab. Schiller 11, 84. 3@ff) in poetischer redeweise sagt man auch (doch nur ganz vereinzelt) mit vertauschung der beziehung alles schwindelt (dreht sich, wirbelt) um einen, weil dem schwindelnden die umgebung zu taumeln scheint; vgl.: ach der liebende war wie in Eden, es schwindelten himmel um ihn und in ihm. quelle bei Campe. 44) zuweilen verbindet sich mit schwindeln der begriff der unsichern, schwankenden bewegung, wie sie der schwindelnde ausführt. 4@aa) straucheln, zum fall neigen: alsô tuot diu muoter: diu lât daʒ kint wol swindelôn, si lât eʒ aber nit strûchen. d. mystiker 1, 270, 6; deu sper sie dô peide zeprâchen ... Assûr swindelt vor dem zil, eʒ douchte in gar ein herteʒ spil. Heinr. v. Neustadt Apollon. 19150. 4@bb) daher schwindelnd fallen: übergewälzt mit dem tische taumelt' er schwindelnd hinab. Voss Od. 22, 85. schwindeln allein für stürzen: hinunter schwindelt tücke nach den schlüften, der freiheit burg sind eure felsenbogen. Eichendorff2 1, 379 (an d. Tyroler). 4@cc) schwindelnd gehen, wankend, schwankend, taumelnd: er begunde al swindelde gên, wand imʒ houbt erschellet was. Parz. 690, 6; er sluoc dem môre ein grôʒeʒ an daʒ ôre, daʒ er swindelunde reit. Heinrich v. Neustadt Apollon. 14110. 4@dd) schwindeln allein in demselben sinne: halbverweszt, ein wandelndes gerippe ... kam er in seiner vaterstadt an, — schwindelte er über die treppe seiner geliebten. Schiller 2, 390; da sinkt schon einer in ohnmacht, jener schwindelt umher wie eine leichenpredigt. Arnim 2, 327. ähnlich, im bilde: aber die fast immer so seltsam herum schwindelnde und so unversehens da oder dorthin fallende Nemesis führte in diesem augenblick auch mir einen herren herbey, wie ich mir am wenigsten einen gewünscht hätte. Wieland Luc. 4, 268; hinausschwindelnd ins grab des verderbens auf des lasters schwankendem rohr. Schiller räuber 3, 2 schauspiel. 55) häufig wird schwindeln in freierer, geistigerer bedeutung gebraucht, vgl.: schwindelen etiam notat aestuare, ut solent, qui aestu maris jactantur, it insanire, delirare. Stieler 1981 f. 5@aa) der kopf schwindelt (vgl. 3, b): und ist es endlich gar so weit gekommen, dasz diese filosofie ... alle arten von köpfen in gährung gesetzt hat: was wunder, wenn endlich vor lauter aufklärung ... die köpfe zu schwindeln anfangen, nichts um uns her mehr fest zu stehen scheint. Wieland 28, 336; diese unbegreiflichen dinge, wovon mir der kopf schwindelt. Voss mythol. briefe 1, 45. besonders aber in den verbindungen der verstand, sinn, die gedanken schwindeln u. ähnl.: o meine freunde, der verstand schwindelt vor den tausend warum, die man sich da fragen kann! Alexis Isegrimm 3, 278; dein schwindelnder verstand, zum irren abgericht, sieht oft die wahrheit ein, und wählt sie dennoch nicht. Haller ged.10 47; umsonst! die schwindelnden gedanken, verlohren in dem groszen blick, entfliehen in die schranken der niedern welt zurück. Uz s. 210 Sauer; hier, hier verlieren sich alle unsre gedanken, und schwindeln an ihrer endlichkeit gränze! Klopstock Mess. 13, 813; wo warst du, schwindelnder verstand? Gotter 1, 388; o, welchen sturm hast du in meinem herzen aufgerührt! mir schwindeln die gedanken. güt'ger hîmmel, wie fass' ich mich! Geibel 6, 180. 5@bb) schwindeln von empfindungen, vgl. 1, d: und die armee, von der wir hülf' erwarten, verführt, verwildert, aller zucht entwohnt — ... vom schwindelnden die schwindelnde geführt. Schiller Piccolom. 1, 3. gewöhnlich als ausdruck des stolzes, übermuts, der überhebung, ausgehend vom bilde eines, der in groszer höhe das bewusztsein seiner selbst verliert, vgl.: das sterbliche geschlecht ist viel zu schwach in ungewohnter höhe nicht zu schwindeln. Göthe 9, 16 (Iphig. 1, 3). weitere belege: so sah er aus, der stolzeste dieser schwindelnden eroberer? Klopstock 8, 208; dasz es noch niemals einer dieser schwindelnden eroberer so blutig ernsthaft mit uns gemeint hat, als dieser Germanikus. 9, 238; wie dein bruder Hermann nachschwindelt! ... Arpe, lasz diesen edlen jüngling immer mit dem manne des vaterlands schwindeln! 344; schon zitterte die Schweiz für ihre freyheit, aber das treulose glück verliesz ihn (Karl d. kühnen) in drei schrecklichen schlachten, und der schwindelnde eroberer gieng unter den lebenden und todten verloren. Schiller 7, 28; Gent und Brügges, von freiheit und überflusz schwindelnd, kündigen dem beherrscher von eilf provinzen, Philipp dem guten, den krieg an. 39; ha du schwindelst vor stolz an deinem jüngeren lorber. Klopstock 1, 239; und als er also liebte mich, ward stolz ich es zu sehn, sah mich nicht mehr und schwindelte. Herder 25, 26 Suphan. 5@cc) zuweilen tritt auch zu dieser übertragenen verwendung der begriff der bewegung, 'sich (wohin) versteigen', so mit sächlichem subject: so hoch schwindelte eure schurken-forderung nie? Schiller räuber 5, 7 schausp.; so hoch erhebt sie ihrer demut niedrigkeit, als nicht des stolzes kühnstes wagen schwindelt. Ludwig 3, 311. vgl. auch: zwar in wolken schwindelt die cypresse, doch musik erfüllt den kelch der tulpe. Platen 57a. 66) eine andere gebrauchsweise von schwindeln, die in der litteratur nur selten bezeugt, in der umgangssprache dagegen auszerordentlich häufig ist, trennt sich von den bisher behandelten und stellt sich zu schwindel 3. 6@aa) früher in milderem sinne, unbesonnen handeln. Adelung; ferner abenteuerliche, unausführbare entwürfe, pläne, versprechungen (schwindeleien) machen. ebenda. Campe. von etwas schwindeln: doch braucht ihr, väter, zeugnisse wider den mann, der von unternehmungen schwindelt, die auf solchen träumen erbaut sind? Klopstock Mess. 6, 409. — in Kindlebens studentenlex. (1781) 'närrische streiche machen'. Kluge studentenspr. 125b. 6@bb) jetzt stärker, unreelle geschäfte machen, meist geradezu betrügen, s. Avé-Lallemant 4, 607. 6@cc) daneben sehr gewöhnlich von leichtfertigem, lügenhaftem reden, flunkern, prahlen, aufschneiden, der bedeutung a nahestehend. 'als ein schwindler sprechen'. Campe. was schwindelt er wieder? einem etwas vorschwindeln. ebenda. 6@dd) sehr häufig in zusammensetzungen (von der bedeutung b ausgehend) mit acc. der wirkung: einen anschwindeln, um etwas beschwindeln; etwas erschwindeln, einem ab-, anschwindeln; sich empor, durch die welt, um etwas herum, von etwas los schwindeln u. a. m.: viele in der gesellschaft, die sich plötzlich zu tapferen fortschrittsmännern hinaufgeschwindelt hatten, sahen auf mich in ihrem stolzen selbstbewusztsein mitleidig herab. Hoffmann v. Fallersleben leben 5, 25.
21856 Zeichen · 380 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Schwindeln

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Schwindeln , verb. reg. neutr. welches das Hülfswort haben erfordert, und auf doppelte Art gebraucht wird. 1) Als ein un…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    schwindeln

    Goethe-Wörterbuch

    schwindeln Gebrauchsschwerpkt in Bed b; öfter ‘es schwindelt jdn/jdm (vor etw)’, ‘jdm schwindelt der Kopf’, seltener mit…

  3. modern
    Dialekt
    schwindelnschw.

    Pfälzisches Wb. · +2 Parallelbelege

    schwindeln schw. : 1. 'ein Schwindelgefühl haben, schwindlig sein', nur unpers., schwinn(e)le, schwindle [vereinzelt, Ch…

  4. Sprichwörter
    Schwindeln

    Wander (Sprichwörter)

    Schwindeln Es schwindelt mir im Bauch. ( Warschau. ) Um zu sagen: ich bin sehr hungrig.

  5. Spezial
    schwindeln

    Deutsch-Ladinisch (Mischí) · +1 Parallelbeleg

    schwin|deln vb.intr. (täuschen) sbordené (-dona), trapolé (-lëia), sbindelné (-nëia).

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit schwindeln

5 Bildungen · 2 Erstglied · 0 Zweitglied · 3 Ableitungen

Zerlegung von schwindeln 2 Komponenten

schwind+eln

schwindeln setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

schwindeln‑ als Erstglied (2 von 2)

schwindelnarr

DWB

schwindel·narr

schwindelnarr , m. : von schnell narren, strutel narren, unbesinten narren, schwindel narren. Höniger narrensch. 39 a .

schwindelnisz

DWB

schwindelnisz , f. : vertigo ... swindelnisse. Dief. gloss. 615 a .

Ableitungen von schwindeln (3 von 3)

beschwindeln

DWB

beschwindeln , inducere, decipere, betriegen: er liesz sich nicht so leicht beschwindeln. s. schwindeln.

erschwindeln

LDWB2

er|schwin|deln vb.tr. arjunje cun fufola, sbordené decá, trapolé decá.

verschwindeln

DWB

verschwindeln , verb. : vertiginare, virswindeln Diefenbach gloss. 614 c ; das wort ist im neuhochd. nicht gebräuchlich, jedenfalls nicht im…