Wossidia MeckWBN
Schostein (lautl. šǫsḍaįn), -steen, ä. Spr. Schor-, Pl. -s
m. Schornstein Mi 76
b; Kolz 141; das zu Schor
1 gehörige Schostein, -ee- gilt allgem., nur im O von Sta@ und bei Bri. das Syn. Schottstein, -ee- (
s. d.);
vgl. Kluge-
M. 19 677
a 1. Sachliches a. Verbreitung: das Niederdeutsche Hallenhaus hatte ursprünglich keinen Schornstein, der Rauch entwick durch das Ulenlock (
s. d.) oder die Tür;
vgl. Hierd 1 a (
Bd. 3, 675); auch ein über den Herd gemauerter Swibagen (
s. d.) war nicht immer vorhanden: 'die Bauerhäuser in Meklenburg sind meistentheils ohne Schornsteine' (1837) Jb. 2, 118; 'der Wohnraum des Hauses enthält den ... Heerd mit Heerdglocke, aber ohne Schornstein' Arch. Landesk. 1865, S. 573; seit 1876 mußten Neubauten mit einem Schornstein versehen werden Verord.; vereinzelt gibt es schornsteinlose Häuser bis in die Gegenwart; auch das vor allem in Sta@ verbreitete Mitteldeutsche Ernhaus hatte ursprünglich einen schornsteinlosen Herd, im 18.
Jh. kommt der Schornstein auf, der zunächst die ganze Küche kuppelförmig überwölbt, sich allmählich verengt und in einen Lehmkamin übergeht Baumg. Bauernh. 68; 'im Strelitzschen haben die Bauerhäuser größtentheils Schornsteine' Behr. Landbauk. 94; die Häuser der bevorrechteten Stände wurden auch auf dem Lande schon früher mit Schornsteinen versehen:
s. die Abb. des Gutshauses von PaParchim@WeisinWeisin (1534) Baumg. Scheune 136; 1620 haben zwei der fünf Bauhöfe des Klosters Ribnitz Schornsteine Baumg.-Bentz. Ribn. 132; 1671 das Pfarrhaus von SchöSchönberg@SelmsdorfSelmsd Horn Selmsd. 1, 458; bei Behr. Landbauk. haben
u. a. die Entwürfe für Pächter-, Prediger-, Förster- und Holländerhäuser Schornsteine, dagegen fehlen sie bei den Häusern für Bauern und Lehrer; in den kleineren Städten setzten sich erst im 18. und 19.
Jh. die Schornsteine allgem. durch; 1725 erhielten nach einem Brand in WaWaren@PenzlinPenzl nur wenige Häuser Schornsteine Arch. Landesk. 1866, S. 69; 1757 werden für Schw Schornsteine vorgeschrieben Bär. Ges. 4, 1, 344; 'die Schwiebögen müssen binnen sechs Jahren weggeschafft und durch Schornsteine ersetzt werden' (1818) Gesetze der BrandVersicherungs-Gesellschaft der Mecklenburg-Schwerinschen Städte. b. Bauweise: über dem offenen Herd war ein Rauchfang (
s. Klock 1 d,
Bd. 4, 364) angebracht, der sich nach oben trichterförmig verengte und den Fuß des Schornsteins bildete; dieser wurde meist zumindest teilweise schräg in die Höhe gezogen, um zu starken Zug und Funkenflug zu vermeiden; zunächst waren die Schornsteine im Haus vielfach aus Lehmfachwerk: 'ein großer schorstein, so über dach ausgeführet und oben mit mauerstein ausgemauret, unter dem dach aber geklehmet (
s. kleimen,
Bd. 4, 331)' (1620) Baumg.-Bentz. Ribn. 23; später wird festes Mauerwerk vorgeschrieben: 'so sollen ... auch die Feuer-Mauren, Camine und Schorsteine vom Grunde aus mit gebackenen Steinen, Leimen und Kalk ausgeführet ... werden' (Schw 1698) Bär. Ges. 4, 2, 115; 'daß bey künftiger Aufmauerung der Schorsteine die Steine nicht in der hohen Kante gesezzet werden' (1785) Articuln für die ... Brand-Assecurations-Gesellschaft; 'Lehmkluthen ... sind ... zu Schornsteinen besser als die gebrannten, weil sie sich nicht so leicht erhizzen' Behr. Landbauk. 189; doch sollen die Brandmauer, die Glocke, der aus dem Dach ragende Schornsteinkopf und die Kanten des Schornsteins von gebrannten Steinen sein (1757) Bär. Ges. 4, 1, 344; ferner wird verordnet, 'daß ... selbiger mit Haaren, oder wenigstens mit Kaff und Heckerling vermengten Lehm in- und auswendig tüchtig überzogen werde' ebda; innerhalb der Schornsteine dürfen keine hölzernen Balken sein (1698) 4, 2, 115; insbesondere kein hölzerner Rahmbom (
s. d. 1,
Bd. 5, 757); die zeitgenössischen Schornsteine sind feuergefährlich, weil häufig Mauerplaten (
s. Muerplat,
Bd. 4, 1271) in der Brandmauer verblendet worden sind und weil die Schornsteine mittels der Fanghölzer (
s. Fangholt,
Bd. 2, 789) auf das Gebälk aufgekragt sind, das muß zu Rissen führen, wenn der Schornstein sich setzt Behr. Landbauk. 174 ff.; hölzerne Schornsteine sollen in einiger Entfernung vom Herd beginnen und lediglich als Rauchabzug dienen, nachdem sich Ruß und Funken im Swibagen gesetzt haben 94; Sa. Land,Ges. 7, 591; Nolde 1, 56; auf Schiffen: up de ollen Schäpen wir ne Kombüs' mit 'n höltern Schosteen Wo. Seem. 2, 121; vielfach endeten die vorhandenen Schornsteine im obersten Stockwerk, ohne durch das Dach geführt zu sein, oder wurden seitwärts nach draußen gezogen: 'die Schorsteine sollen nicht unter dem Dach beyseits durch die Wand, sondern gerade zum Dache aus und zum wenigsten eine Elle über dem Dache ... ausgeführet werden' (1698) Bär. Ges. 4, 2, 116; 'da in einigen Städten noch nicht alle Schornsteine aus dem Dache gezogen seyn mögen, so sollen die gefährlichen Wölfe (
s. Wulf) sofort aus dem Dache gezogen ... werden' (1818) Gesetze der BrandVersicherungs-Gesellschaft der Mecklenburg-Schwerinschen Städte; frühzeitig wurden die Bürger zur Instandhaltung und Reinigung der Schornsteine verpflichtet: 'sollen ... alle Bürgere ihre Schorstein und Feuerstätten wol verwahren und ... bessern' (Gü 1676) Bär. Ges. 4, 1, 297; 'es soll auch ein jeglicher Haußwirth seine Feurmauern oder Schorsteine des Jahrs zum wenigsten lassen 2 mahl kehren' ebda; 'so soll auch jeder Societäts-Verwandter dahin sehen, daß die vorhandene Schorsteine alle Jahr vier mahl gefeget werden' (1769) Plan zu einer Brand-Assecuration. 2. Brauch und Aberglaube: der Schornstein auf dem Haus der Warnemünder Schiffer, die nach Rostock oder auf den Darß gezogen waren, um ihren Beruf auszuüben, mußte dreimal im Jahr rauchen, dann blieb das Haus ihr eigen (1932) RoRostock@WarnemündeWarn; ick heff ne grot Hochtit mitmaakt, dor grepen sick up 'n Polterabend Brut un Brüjam üm den Schostein rüm PaParchim@Wendisch PribornWPrib; Sagengestalten kommen durch den Schornstein: Fru Gode kümmt dörch 'n Schosteen StaStargard@BabkeBabke; der Wilde Jäger wirft eine Menschenkeule durch den Schornstein GüGüstrow@SchwaanSchwaan; de willen Gös' (die ein Freischütz geschossen hat) sünd in 'n Schosteen follen SchöSchönberg@GrevesmühlenGrev; Abwehr- und Heilzauber: gegen Gewitter soll man Maibüsche inne Rod' binnen un in 'n Schosteen hängen Wa; wenn de Gasten Ohren kriggt, een Ohr an jede Eck (des Feldes) uptrecken un in 'n Schosteen hängen, denn kamen keen Vœgel bi 't Kuurn RoRostock@MarlowMarl; Bartsch 2, 161; ein Grasstück mit Pferdespur im Schornstein vertreibt die Mücken von den Pferden 155; wenn 'n Immenswarm utknäpen is, möt man ut 'n Bu wat nähmen un in 'n Schostein hängen, denn kümmt de Swarm in drei Dag' wedder LuLudwigslust@MenkendorfMenk; de Stöck von 'n Suchtenbräken warden in 'n Schostein hängt: Staak Krankh. 254; Eiter von Geschwüren öft.;
vgl. Rok 2; de Katt (Kobold) hett 'n Nest hatt an 'n Schosteen up 'n Füerhierd PaParchim@PlauPlau; de Kobold ... wier ut 'n Schorsteen flaogen Hey. Punsch. 91; dörch 'n Schosteen hett de Mudder dat hüürt, daß die Gevatter sich berieten, ob sie aus dem Kinde einen Moorrider machen wollten WiWismar@NeuklosterNKlost; wenn man Olljohrsabend in 'n Schostein kickt, sall man seihn, wat einen dat Johr passiert GüGüstrow@RensowRens; Dienstboten, die eine Stelle antreten, müssen dreemal in 'n Schosteen kiken, dann bekommen sie kein Heimweh Sta Stargard@PlathPlath; ein junges Mädchen darf das Wasser nicht unnütz kochen lassen, süs kaken dei Brüjams ut 'n Schostein rut oft; Wetterregel: rookt de Schosteen düüster, ward 't rägen PaParchim@GoldbergGoldb. 3. sonstiger sprachlicher Niederschlag: '3 ankere to dem balken unde schorsten unde ander smedewerk to der vogedie' (in RoRostock@WarnemündeWarn; 1472) Beitr. Rost. 4, 2, 3; '3 sch. eynem murmanne unde lemer, dede lemede amme schosstene uppem werckhuse' (Wi 1515) Schill.-Lübb. 4, 121
a; Slagg. 136; 'ock pralet unde pranget menniger mit synen ... Hseren, Gemekeren unde Schorstenen' Gry. Lb. 2, F 4
a; de Schorsteins Reut. 6, 278; Rdaa.: einer, der immer in seinem Dorf bleibt, geiht nich wider von Hus, as hei 'n Schostein roken seihn kann HaHagenow@RedefinRed; zum Übermütigen: du mööst ierst mal von Vadders Hus, dat du 'n Schosteen nich mihr sehn kannst Ha; schlecht gewaschene Wäsche is in 'n Teekätel wascht un in 'n Schosteen drög't LuLudwigslust@GrabowGrab; wenn die Suppe rökerig schmeckt: dei hett woll in 'n Schostein hungen WaWaren@KlocksinKlocks; dat halw Pund Spickhiring 16 Penning, wovon sall de Schosteen süs woll roken was sollen wir sonst essen Schw; von dat bäten (Essen) rookt de Schosteen ok nich von Ro; ein stark Verschuldeter hett sinen Schostein ut Schulden upmuert HaHagenow@BelschBelsch; em kiken de Hypotheken all ut 'n Schosteen Ro; bi denn' kickt de Hunger in 'n Schosteen SchwSchwerin@GadebuschGad; dat (eine verliehene Geldsumme) schriw man in 'n Schosteen mit swart Krit gib jede Hoffnung auf, es wiederzubekommen Wa; HaHagenow@BelschBelsch; scherzhaft: ick will 't in 'n Schosteen schriben, dat 't de Höhner nich utkratzen Gü Güstrow@SchwaanSchwaan; (nutzloses Reden) is ..., as wenn du in 'n Schostein röppst Heim. 5, 13
a; oll Leiw rustert nich, un wenn s' sœben Johr in 'n Schostein hängt LuLudwigslust@Groß LaaschGLaasch; wenn der Storch in den Schornstein guckt: wenn dee man nicks los kickt ein Kind geboren wird Wo. Sa.; de Kinner smitt de Ul nah 'n Schosteen rin ebda; wenn ein Kind nach seinen Eltern gefragt wird: ick bün in 'n Schosteen rinfallen StaStargard@TriepkendorfTriepk; dat Kind is in 'n verkihrten Schosteen follen wenn man es selbst gern gehabt hätte Wa; ick will nich min Mul tau 'n Schostein maken sagt ein Priemer zum Raucher Ha; RoKlock; du büst so dumm, mit di kann 'n 'n Schostein utfägen Gres; wenn hei so lang wir as dumm, denn künn hei in 'ne Schostein spucken Meckl. Heim. 4, 101; in Volksreimen: Dat de Kœksch mit de Pann ut 'n Schosteen flüggt Wo.
V. 4, 814 c; Blinn' Köhken kann nich sehn, Blas't ut 'n Schosteen 1079; Erwiderung, wenn man den Letzten (
s. letzt 1,
Bd. 4, 900) bekommen hat: Letzten kann ick gaut verdrägen, Morgen sast den Schostein fägen MaMalchin@NeukalenNKal. 4. bildl. und übertr. a. gleich Oorslock: 'Em word so angst und bang, dat ein vermenget Roeck Uth sinem Schorsteen quam und fohr em in de Broeck' Laur. Schg. 3, 322. b. Zylinder; Kopfbedeckung:
Dudendörper Schostein RoRostock@GresenhorstGres; an der Petroleumlampe: de Lamp blaakt baben ut 'n Schostein rut HaHagenow@RedefinRed; zylinderförmiger Aufbau beim Trulltrull (
s. d.), in den der Würfel oder die Kugel geworfen wurde Gü Güstrow@SchwaanSchwaan. 5. Zss.: Fabrik-,
Smäd'schostein. — Mnd. schorstê
n. — Br. Wb. 4, 677; Dä. 412
a; Da. 186
b; Kü. 3, 73; Me. 4, 377; Teu. 2, 22.