ried,
riet,
n. arundo, canna, carex, carectum. II.
Form und verwandtschaft. mhd. riet,
ahd. riot,
älter hriot,
altnfr. ried,
altfries. reyd,
ags. hreod,
mnd. und nnd. rêt, reit,
ndl. riet,
engl. reed
setzen ein goth. hriud
und einen gemeingerm. stamm hreuða-
voraus. weder im gebiet der deutschen dialekte noch in den urverwandten sprachen läszt sich zugehöriges nachweisen. historisches interesse verdient die schon von Frisch
ausgesprochene und noch von Graff
aufrecht erhaltene vermutung eines möglichen zusammenhangs mit den aus dem römischen grammatiker Gavius
bei Gellius
citierten retae (
dixit ... amicus meus in libro se Gavi de origine vocabulorum VII legisse '
retas'
vocari arbores, quae aut ripis fluminum eminerent aut in alveis eorum extarent A. Gellius
noctes Atticae 11, 7, 4).
die von Pictet,
Kuhns zeitschr. 6, 181
ff. gewagte zusammenstellung mit sanskr. kṛt (kṛntati,
scindit),
wonach das ried
seinen namen von der schärfe seiner blätter bekommen hätte, ist lautgesetzlich unmöglich. ried
ist im hd. zuerst durch glossen belegt: hriot
palus. glossae fuldenses (
herausg. von Dronke 1842)
s. 14. reod, ried, rieth
und hreod (
in einem mit ags. gemischten codex)
carectum, riet
carex, in riote
in carecto Graff 4, 1152,
im nd. riedis
arundinis ps. 67, 31.
die lautgesetzlich geforderte, dem mhd. entsprechende nhd. schreibung wäre riet,
die jedoch, unter dem einflusz mitteld. dialekte, von der form ried
schon frühe zurückgedrängt worden ist, ohne jedoch ganz aus der schriftsprache zu verschwinden. schon im mhd. beginnt die schwankung in dem riede
minnes. 3, 91
b Hagen (
s. unten). Maaler
schreibt ried, riedächtig, riedschnäpff,
daneben aber rietgrasz, rietmoosz, rietmeiszle
und auch rietschnepff. Schottfl 1386
unterscheidet ried,
n. muscus marinus und riet,
n. arundo, canna. Stieler 1596
gibt riet
den vorzug: riet
et nonnullis ried.
die schreibung mit der tenuis wird heute in vielen fällen ein erzeugnis wissenschaftlicher überlegung sein. die unsicherheit des sprachgefühls in bezug auf den auslaut rief die schreibung riedt
hervor, die heute jedoch, ebenso wie das gelegentlich auftauchende rieth
aufgegeben ist. einen beweis für den starken einflusz der mundarten auf die entwickelung des wortes liefert auch die thatsache, dasz in Mecklenburg und Holstein auch vom hochdeutsch redenden nur die nd. form rêt
gebraucht wird, während ried
fast unbekannt ist. ried
ist von den ältesten zeiten an sächlichen geschlechts gewesen, vgl. Grimm gramm. 3, 370. Stieler 1596
hat der ried
muscus marinus, Harsdörffer (
s. unten) eine ried
im sinne von flöte,
wol in anlehnung an dieses wort. plural der älteren zeit dem sing. gleich. heute riede,
wenig gebräuchlich, und noch seltener rieder (Rückert,
s. unten). IIII.
Bedeutungen und gebrauch. II@11)
in der grundbedeutung, die einzelne riedpflanze, die rohrstaude: II@1@aa)
als lebendes gewächs. bezeichnung mehrerer carexarten (
s. riedgras),
besonders aber des gemeinen rohres phragmites communis (
arundo phragmites) Pritzel-Jessen: riet
carex Graff 4, 1152, rieth
carex Diut. 2, 276, riet
carex Dief. 101
a, ried
carex nov. gloss. 75
b, ried oder bintz
iuncus Maaler, binz, binse, papirkraut, falkenkraut, rit
onomastica duo (1574) 243
a, ried,
n. muscus marinus, riet,
n. canna, arundo Schottel 1386, ried, ein gewächse,
alga Steinbach 2, 261, riet, ein rohr,
arundo Frisch 2, 118
c, das rohr, das rieth, reit, riet, ried, der schilf Nemnich 1, 485; von den namen der riedt oder rohr .. englisch rede oder cane, flehmisch und brabändisch riet, hochdeutsch riedt und rohr. Tabernaemont.
kräuterb. 704
g; die stengel (
des zweiten geschlechts des grases) .. bringen
oben wollechtige äher, gleich dem riedt oder rohren. 637
d; bringe mit einem untüchtigen menschen deine zeit nicht vergebens zu, aus einem wilden reht oder rohr wirstu kein zucker saugen. Olearius
rosenth. 4
b;
nd. do de ek (
die eiche) dat ret besach lang, smal unde grone stan. Schiller-Lübben 468
a; daʒ êlich wîp ist in der minne als ein riet, daʒ an enden sich dem winde erbiet.
Malagis bei Lexer 2, 426; Daphnis (
Christus), o du schöner knabe, Daphnis, mir (
dem bach Cedron) so lang bekannt, oft bei mir du schnittest abe ried und röhrlein allerhand. Spee
trutzn. 178, 68
Balke; sie (
die knaben) plätschern in des teiches rinne, erhaschen die phalän' am ried, und freu'n sich, wenn die wasserspinne langbeinig in die binsen flieht. A. v. Droste - Hülshoff
ged. 55. ried
konnte als etwas geringes in älterer zeit, im bilde, zur hebung des verneinenden ausdrucks des satzes dienen: nl. hine duchtese alle niet een riet (
juncum). Grimm
gramm. 3, 729.
plur. als rieder: zünd' (
der frühling ist angeredet) in blüten opferfeuer, weihrauch, glut in düften an, und als flöten alle gräser, rohr und rieder mache neu! Rückert
ges. ged. 2, 429. II@1@bb)
die einzelne abgeschnittene riedstaude, in verschiedenen verwendungen. II@1@b@aα) ried
als stab, namentlich spanisches ried,
so Adelung
und Campe; spanisch ried,
arundo sive canna Indica; crescit enim in India, unde in Hispaniam defertur Stieler 1596; spanisch-ried, oder spanisch - rohr,
canna Hispanica Frisch 2, 118
c; zwey spanische riethe Adelung; damals der brauch war, lange spanische rieth oder stöck zu tragen. Schuppius 43;
nd. echt reit,
spanisches rohr brem. wb. (
nachtr. 2) 252; se geven em (
Jesu) ret in sine blodige hant unde kneden vor eme. Schiller-Lübben 3, 468
a; se deden dy eyn reit in dyne hant vor eyn konyncklyck sceptrum .. se nemen dat reyt uth dyner hant unde slogen dy.
ebenda; (
der hauslehrer) führte, wenn er spazieren ging, ein langes spanisches riet in der hand. Arndt
erinnerungen aus dem leben 25. II@1@b@bβ) ried,
die aus ried
verfertigte flöte: ein neu geschnitten ried worauff die hirten streiten. Albinus
Erofilos D ij
b; traurig hub er an zu klagen, blies auf einem hohlen ried, herz und mut ihm war zerschlagen, sang mit schmerzen folgends lied. Spee
trutzn. 178, 58
Balke; schau, nun eben mir zerspleiszen meine pfeiflein, meine ried; will sie nunmehr gar zerschmeiszen, ach, adé, betrübtes lied. 209, 226; schwarz bekleiden laszt auch beiden unser harfen, zink und ried, laszt, zu mehren Daphnis ehren, spielen manches traurig lied. 223, 231; lasz auch deine ried verschnaufen, lasz verschnaufen meine reim. 209, 223; bisher hab ich genossen des landes stiller ruh': ich bin schlank ümgeflossen dem groszen meere zu: nun musz ich in dem lauffen abschneiden eine ried, und hier ein weil verschnauffen, zu schweglen dieses lied. Harsdörffer
sonntagsandachten 2, 327 (
trauergesang des Jordan über den tod Christi). II@1@b@gγ) das ried
ist eine bezeichnung des einzelnen im kamm der weber befindlichen, aus rohr gemachten stäbchen, dann auch collectiv der gesamtheit dieser stäbchen und schlieszlich des ganzen kammes (
vgl. riedkamm und riedblatt). Adelung. Jacobsson 3, 416
a: wolewebern unde lynenwebern suld man tzu irn kemmen ryden unde andern getzuge sehen, das sie das mechten als vor aldirs sich geboret.
bei Vilmar 325.
niederdeutsch ret: item so schal de kam nicht smaler wesen, den unser heren mate utwiset; also mannich ret, alse he smaler were, also mannich half punt weddes unsen heren; were ok, dat he mer scherede, den in den kam horde, dat scholde he des ghelikes wedden; unde den breden kam nicht myn, den sestehalven, so mennich ret, alse he myn hedde, also mennich half punt weddes unsen heren, unde an deme smalen kamme nicht myn den enen drebindes, also mannich ret myn, also mannich half punt weddes unsen heren (
einige zeilen weiter wird ein solches stäbchen im kamm ror
genannt).
Lübecker zunftrollen 321 (
Wehrmann); item dey kemme sullen halden ... van bredde vor deme reyte (
der gesamtheit der riedstäbchen) veirdehalve elle tusschen den eggen und evendrechtlich geslagen.
statutarrecht von Dortmund (
herausg. von Fahne) 232. II@22)
collectiv. II@2@aa) das ried,
eine menge abgeschnittener riedpflanzen, z. b. zur bereitung von schreibfedern oder zum dachdecken: arundo, bedeutet reth oder rohr .. er (
der dichter, dessen aus der feder geflossene worte dem zucker verglichen werden) gebrauchet gar eine liebliche allegoriam, dann die schreibfedern sind von reth, so bey Wasit häuffig wachsen soll, und der zucker wird auch aus reth, wiewohl es anderer art ist, gezogen, will derwegen hiermit die lieblichkeit seiner schriften andeuten. Olearius
rosenth. B
b; ihre pfeile waren von schmalen, leichten indianischen reht oder rohr.
reisebeschreib. 264
b; die bauren wohneten .. in sehr schlechten von reth und schwancken ruthen geflochtenen runden häusern. 219
a; ihre schreibfedern werden .. aus rohr oder reht .. geschnitten. 322
a. ein haus mit ried decken. ein dach von ried. Campe.
nd.: dat henvör kein börger in keiner stadt syn husz, stelle edder gebuwete nicht anders den mit tegelen edder leme unnd nicht mith slechtem stro edder rethe to dack decken schölen. Schiller-Lübben 3, 468
a. II@2@bb) ried,
in collectivischem sinne mehrere neben einander wachsende riedpflanzen, das röhricht, dann feuchter boden, auf dem ried wächst, und in abgeschwächter bedeutung sumpfgrund, moorboden überhaupt, ohne dasz man in jedem falle die bedeutungsschattierungen streng auseinander halten könnte: hriot
palus gloss. fuld. 14 (
s. oben), hreod, reod, ried, rieth,
carectum (
ort, wo riedgras
wächst) Graff 4, 1152, riethe
carectum Diut. 2, 276; refang dier riedis,
increpa feras arundinis ps. 67, 31; rêt
vel ruschdyck, riet
arundinetum Dief. 52
c; ort, da riet wechszt,
cannetum Dief.-Wülcker 820; ein orth, da vil bintzen stehn, ein riedt,
junctum Calepinus 814; riet
carectum Stieler 1596; der teich ist mit rieth bewachsen. Adelung;
nd. sprichwörtlich: de im reite sit, het good pipen sniden.
brem. wb. 3, 468; do legt er sich in das riet und wainet da. Schöpf 554 (
von 1447); derhalben so pleibt dise schluszred und argumentirung desz
M. Gentiani so fest und unbeweglich, als daz ror jm ried, dasz ein jed' wind umbtreibet. Fischart
bienenk. 191
a; ir wüssend das wir vil ryet und gräben vor uns habend. Bullinger 3, 191; sehr ermüdet gelangte sie endlich zu einem feuchten ried, wo unsere beiden irrlichter hin und wieder spielten. Göthe 15, 213; was für land zu gutem ackerland übrig bleibe und welches zu nichts anderm als zu ried und holzboden tauglich sei. Pestalozzi
Lienh. u. Gertr. 2, 74; du glaubst gar nicht, wie mir war, als ich mit dem guten kinde meine ganze trotz allem und allem doch schöne vergangenheit mit all ihren stolzen plänen und wünschen vor mir stehen sah ... ich glaubte auf einem ried (
moorboden) zu stehen. Felder
sonderlinge 2, 106; sie verliesz die strasze, betrat das grosze ried (
eine mit nebel bedeckte niederung ist gemeint), welches sich in ihrer richtung weit hinzog, und achtete sorglich auf die kleinen erdhaufen, die zeichen des weges. Freytag
ahnen 6, 196; die weiher und seen am fusz der berge überschwemmten ried und wiesen. 2, 284; in weiterem kreise darum der wald, die weide, das ried, der teich.
bilder 1, 69; die tôten künege truoc man dan unt mit wunden eteslîchen rîchen man, der vunden was in mos, ûf velde, in rieden.
Lohengrin 6060; dô kom er dâ ein waʒʒer vlôʒ, daʒ was ze wênic noch ze grôʒ und enran niht ageleiʒe. dâ bî was guot gebeiʒe und ein vogelrîcheʒ riet.
Lanzelet 459; er bîʒet abe sîn geil und lât eʒ vallen zeiner miete, vür daʒ man in niht suoche mêr in holze noch in riete. Konr. v. Würzburg
lieder u. sprüche 32, 336; der snepfe in deme riede wil wilde sîn, des mac man selten in gezamen.
minnes. 3, 91
b Hagen; guot ritter der reit durch das riet, er sang ein schönes tageliet. Uhland
volksl. 141; so steinigt er (
dein acker) auch ist, so sehr ein wildes ried und ein gehäufter schlamm die wiesen überzieht, so hast du doch genug. Withof
ged. 48 (
nach: et tibi magna satis, quamvis lapis omnia nudus limosoque palus obducat pascua iunco. Vergil
ecloga 1, 47); rauschend kränzt goldbeglänzt wankend ried des vorlands hügel, wild umschwärmt vom seegeflügel. Matthisson 1, 115; jetzo schwebte der kahn am krummen gestad' um ein röhricht und braunkolbiges ried. Voss
Luise, id. 1,
v. 695; auf umbüschter bank tönt uns still gesang ferner nachtigallen. still auch säuselt laub und riet: still soll harfenton und lied durch die still' erschallen.
ged. 5, 202; es beherrscht die morastigen gründe zähe weid' und kolbiges schilf und die binse des sumpfes, schwankes gesprosz, und bei schmächtigem ried hochschaftige rohre.
Ovid 2, 75; durch wald und bach, durch moor und ried und busch hinauf, hinab, — ich kenn' mich selbst nicht mehr. Fouqué
dramat. dicht. 146; nun kommt der steeg und nun des teiches ried, nun steigen der alleen schlanke streifen. A. v. Droste - Hülshoff 37; die kröte schwillt, die schlang im ried; jetzt (
am abend) ist's unheimlich drauszen seyn, der haidemann zieht! 56; im hirne summt es wie ein lied, das mit den flocken möchte steigen, und, flüsternd wie der hauch im ried, an eines freundes locke neigen. 92; ich hör' im forst den jäger blasen, ich sehe wie die rinder grasen, der storch durchs ried hochbeinig stelzt und schimmernd sich das mühlrad wälzt. Geibel 4, 27.
im sinne der riedbewachsenen oder überhaupt der feuchten, sumpfigen gegend hat das ried
sich häufig zur ortsbezeichnung versteinert, und wird dann von dem ried
in der bedeutung rodeland (
s. unten)
in vielen fällen kaum noch durch locale detailforschung zu sondern sein. so werden z. b. die Donauniederungen bei Ulm das ried
genannt, wobei wieder nahe berührung mit ries (
s. dort)
stattfindet: das testament von einer gans ausz dem Nördlinger Ried. Fischart
Garg. 54
a; eine stund oberhalb Ulm heiszt es im Ried, ... im Elsasz heiszt der ganze strich am Rhein, der mit wald bewachsen und unbewohnt ist, das Ried. it. das gelände von Gamsen bis an Beinheim. Frisch 2, 118
b; rîd,
die niederung an der Helme Jecht
Mansfelder mundart 87
b; kamen ir etlich hundert derselben ins Riedt (
bei Ulm).
Zimm. chron. 2, 564, 37; zogen das Riet hinab geen Geggingen. 2, 188, 29; selbigs tags .. ist graf Endres .. vom Bussen das Riedt heraufzogen, in willen, zu seinem haimwesen zu der Scheer zu reiten. 2, 289, 13; schalmutzen, schalmeussen niemant schied, das beschach vorm Raubenstain (
Greifenstein) in dem ried. Oswald v. Wolkenstein 10, 4, 2.
auch in den beiden folgenden belegen scheint das ried
einem am bestimmten locale haftenden namen schon nahe zu stehen: item die von Breity und Nüristorff habent ouch in disen nachgeschriben höltzern und rietten gemeind und nutzend, die in gemeind wise, des ersten in dem holtz Hanaspeer, in dem acker Hagenrüty, in dem obern riett, in dem nidern riett, und in den rütlinen, so dar inn ligend, in dem holtz, in ban und im Badelsperg, und gaat die gemeinsomy in dem ban untz in das vorderloh. Grimm
weisth. 1, 80 (
Zürich 1439); umb ir allment uff dem riet da sol jedermann sin vich zu sinem rinderweg intriben ungevart, daz nieman dem andern daz werren sol, als daz von alter herkomen ist. 1, 88 (
Zürich 1417).