reisig,
adj. und adv. ,
abgeleitet vom fem. reise;
mhd. reisec, reisic,
mnd. reisich,
mnl. reysigh;
neben reisig
in älterer sprache reising,
besonders in bair. fränkischen quellen; eine andere nebenform ist gereisig. 11)
zu reise
im sinne von kriegszug, expeditio gehörig, '
gerüstet, besonders zu pferde gerüstet, für den krieg, bereit zum aufbruch',
in substantivischem gebrauche der reisige,
der bewaffnete, vor allem der bewaffnete zu pferde, einer, der reiterdienste thut; reisig sein, reisig werden, reisig machen
auch geradezu in dem sinne beritten sein, werden, machen. in neuerer sprache gehört reisig
der gehobenen redeweise an. es ist erst durch die bekanntschaft mit der älteren litteratur wieder in die schriftsprache aufgenommen, besonders substantivisch der reisige: alle gefangen, die edel und raisig sind.
mon. Zoll. 1, 524 (1410)
bei Lexer
mhd. wb. 2, 394; ein buchtrucker unnd bürger zu Straszburg war reisig, zohe in krieg. Frey
gartenges. 93; mit dem ich dann also in meiner jugend auf solchen reichstag auch mitreithen must, und so lang bin ich auch reiszig gewest. Götz v. Berlichingen 9; und der keiser oder fürst im lande sol darob halten das die im wehrampt rüstig und reisig seien. Luther 3, 327
a; (künig Herman) hat die Teutschen erst recht kriegen gelernt und raisig gemacht. Aventinus 1, 109, 17.
scherzhaft: im mertzen wöllen sonn unnd wider schertzen, da würd das baursvolck reisig werden, unnd ein feldordnung anrichten. Fischart
groszm. 17
neudruck; dann ich kan nicht reisig kummen auff dem blanken tichterpferde, gicht die hat mich ausgestiefelt, dasz ich jetzo sporn - losz werde. Logau 3, 147, 58;
in neuerer dichtersprache: doch nicht für immer ade! denn sie tödten den geist nicht, ihr brüder! bald richt' ich mich rasselnd in die höh', bald kehr ich reisiger wieder! Freiligrath
ges. dicht. 3, 186.
besonders attributiv bei substantiven in älterer sprache: reisiger man, reisige leute, reisige knechte (Stieler 1601). reisiges zeug, reisiger zeug
bezeichnen die reiterei gegenüber den fuszknechten: ein raiszig einspenig gesel, der wolt gar wol nütz sein zu den Wallenfelsern.
d. städtechron. 2, 89, 23; ein reisiger knecht reit ein büchsenschusz vonn Colmar. Wickram
rollwagenb. 111
Kurz; und nimpt das schwert mit dem langen spies und kurzen degen und greifft an so nacket einen reissigen kurisser, das ist den ketzer Martinum Luther. Luther 1, 366
b; item, die reysige knecht sollen kein seyden gewand antragen, auch an kappen, hauben oder hembdern nichts güldens oder vergülts anmachen lassen.
reformation guter policey. Augsburg 1530; der edelman wart auf das gelt reit eins tags über felt, mit im zwen reisig knecht. H. Sachs
meisterl. 187, 20
Gödeke; so zog der reisig zeug dieselben nacht für Wartenfels und komen bei zweien oren vor tag für Wartenfels, und traten ab zu fusz die zwei teil und gingen zu sturm an daʒ slosz.
d. städtechron. 2, 65, 2; da saumt er sich nit lang und zoch auf der stett volk wol mit 1200 pfärden guets raisigs zeugs. 5, 3, 5; muesten zue ros und fuesz fechten mit sambt dem geraisigen zeug. Aventinus 1, 110, 21; die fuszknechte zum ersten, darnach der reysige zeug.
buch der liebe 25
d; den ubrigen reisigen zeug ordenet er auff beiden seiten, das fussvolck zu bewaren, das es nicht zertrennet würde. 1
Macc. 6, 38; und die zal des reisigen zeuges war viel tausent mal tausent.
offenb. 9, 16;
ebenso mnd. reisich tuch,
daneben dat reyssetuch Schiller-Lübben 3, 452
b; jr durchleuchtigen fürsten ganz teutscher nation, lat euch nach eren dürsten, bringt keiserlicher kron aus eurem fürstentume ein reising zeug zu felt. H. Sachs
meisterl. 75, 65;
im sinne von berittenes gefolge: ein lustiger stattlicher hoff, .. dahin Salomo mit seinem königlichen apparat, trabanten und reisigem zeuge sich des morgens früh ... führen lassen. Schuppius 99.
in noch andern verbindungen, reisiger haufen: die wagenpurg, darin sich der raisig geweltig haufen vergraben het. Aventinus 1, 824, 20; reisig folk,
equitatus Dief. 207
a; und also kam hertzog Ludwig mit allem seinem zeug, mit büchsen, laitern und andern sturmdingen und mit allem seinem volk, raisig und fueszvolk, für Werd.
d. städtechron. 5, 219, 32; do man zalt 1462 jar auf montag vor vincula Petri zoch man hie ausz mit 150 pfärden, eitel ausserwölt raisig volk. 252, 24; an stelle der reisigen bankgenossen in der halle des häuptlings steht das ritterheer der belehnten dienstmannen. Freytag
bilder 1
14, 550; drob suchte der kaiser am pfäfflein oft hader. einst ritt er, mit reisigem kriegesgeschwader, in brennender hitze des sommers vorbei. das pfäfflein spazierte vor seiner abtei. Bürger 66
a, auf Stralsund stürmte der reisige zug. Arndt
ged. 197, jetzo erstand vor ihnen und sprach der reisige Nestor.
Il. 9, 52 (
ἱππότα Νέστωρ).
von pferden, zum reiterdienst tauglich, zum kriegsdienst ausgerüstet: raisig pferd,
equus bellator vocab. von 1618
bei Schm. 2, 139
mit anderen beispielen, vgl. Vilmar
id. 323; als der Türck etliche lustige reisige pfAerdt dem gegenwirtigen künig ausz Franckreych zuo einer schencke schickt. Forer
thierb. 137
a.
in dem sinne berittene mann: item an demselben suntag vor mitternacht zoch herr Rewsz von Blawen hie aus und het mer dann 300 gereisige pferd.
d. städtechron. 2, 177, 24; 200 fuszgengel und hundert gereisiger pferd. 89, 33; mit 3000 reisigen pferden. Schweinichen 1, 176.
freier: 8
gr. vor eynen reisigen zcoum. Bech
lexic. beitr. aus Pegauer handschr. 14; von den stangen im reisigen stalle auf dem schlosse zu machen.
Tenneb. amtsrechn. (1542)
bei Dief.-Wülcker 818; reisige habe,
kriegsmaterial Lexer
mhd. wb. 2, 394;
ebenso mnd.: unde wat we reysener eder reiseger have med eynander wunnen, dat scholde we deilen.
Göttinger urk. 1,
nr. 351.
das jetzige nhd. hat unter dem einflusz der alten sprache reisig
auch freier verwendet: die verschwendung des ritterlichen lebens entwickelte alle handwerke, welche reisige arbeit verfertigten. Freytag
bilder 1
14, 511; auch für den kleinen mann, der nimmer zu rosse sasz und ausgeschlossen war von dem spiel der speere bei reisigen festen, war das zuschauen und hören ein theurer genusz. 472.
in substantivischem gebrauche der älteren sprache der reisige,
der berittene, berittener kriegsknecht im gegensatz zu ritter und fuszknecht: wenn man auszzihen wolt und sich die gereisigen sampten ..., und wenn sie ein cleine weile hilten, so riten etlich ab und riten wider heim vom haufen.
d. städtechron. 2, 329, 21; also ist unsers zeugs alles mit raisigen und fueszvolck auch auf den wagenpurgwägen überall bei 850 mannen. 5, 253, 23; (
Hadrian) hat so hart ob der kriegsüebung und ordnung gehalten, das die geraisigen im vollen harnisch über die Thonau schwammen. Aventinus 1, 862, 7; item, da einer oder mehr ausz solchen reysigen erkrancken, ... der oder dieselbe sollen monatlich, so lang man im feld ligt, wie die gesunde gehalten, doch sollen jhre der kranken ... pferd und rüstungen jeder zeit in der musterung durchgeführt werden.
reuterbestallung von Speyer 1570,
art. 33; item, alle, auch jede reysige sampt andern knechten, so den reutern dienen, welche also viehisch truncken, und dergestalt voll, dasz sie jhr selbst und jhrer vernunfft nicht mächtig sind, antroffen würden, die sollen stracks gefänglich angenommen ... werden.
art. 52; darnach machet Johannes seine ordnung zur schlacht, und ordnet die reisigen neben das fuszvolck. 1
Macc. 16, 7; da schossen die reisigen den gantzen tag, von morgen an bis auff den abend, auff das volck bis jre pferde müde worden. 10, 81; Josephus der jüdische geschichtschreiber und der jesuit Pinneda ... berichten, dasz ihm (
Salomo) allzeit 6000 reisigen oder einspänniger haben auffwarten müssen ... das sind nun schöne junge leute gewesen ..., so auch die allerauszerlesensten schönsten pferde in ihrer rüstung beritten. Schuppius 108.
die neueren quellen halten die alte einschränkung der bedeutung nicht mehr voll aufrecht, meinen vielmehr oft unter reisiger
einen reiter schlechthin: rings ziehen etliche hundert reisige einen kordon um den mittelwald. Schiller 2, 261; morgen früh werden vier kamele, sieben zuverlässige sklaven, und zwey von meinen reisigen, ... vor deiner thür seyn. Wieland 8, 439; aber die gröszte wandlung war mit den reisigen vorgegangen, welche als lehnsleute und hofgenossen der edlen überall im lande saszen. Freytag
bilder 1
14, 511; nicht rosz und reisige sichern die steile höh', wo fürsten stehn.
preusz. nationalhymne; hätt' eine neue Helena den festen gleich alle reisigen entwandt, und alle prinzen aus Lutetiens palästen zu feldherrn mitgesandt. Ramler 1, 76, 41; so bald wir Achaier gegen die reisigen Trojas das scharfe treffen beginnen. Bürger 217
a;
Baumg. des landvogts reiter kommen hinter mir, ich bin ein mann des tods, wenn sie mich greifen.
Ruodi. warum verfolgen euch die reisigen? Schiller
Tell 1, 1; ja, winkt nur euren reisigen. 3, 3; im glanz der waffen sprengen die reisigen voran. Arndt
ged. 63. reisig,
beritten auch für friedliche zwecke: alle beyträge ..., welche von verständigen und erfahrnen männern, von seefahrern und landfahrern, reisigen und fuszgängern, gelehrten und ungelehrten ... zur erd- und völkerkunde ... gemacht worden sind. Wieland 30, 157. 22)
zu reise,
iter, peregrinatio. reisig
in dieser bedeutung ist in der älteren sprache selten, dem neueren sprachgebrauche gänzlich fremd. adjectivisch: mnd. reisich
zur reise geschickt, fähig; ek do juwer wisheit weten, dat ek nicht wol reisich en bon an minem live, dat ek nicht wol wanderen ne mach (1381).
Lübecker urk. 4,
nr. 81
bei Schiller-Lübben 3, 453
a; ein wander edder reisich kleidt. Chytraeus 39;
nhd. und brachten gar bald siebenzig reichsthaler zusammen samt köstlichen kleidern und andern reisigen gewehren.
Jucund. 146; alsdann kleideten sich unser sechse wie die cavalier an und lieszen uns in einem gasthof als reisige graven inmelden. 143.
anders gewendet mnl. reysigh,
pervius: reysige ende opene weghen,
viae apertae et faciles. Kilian; die so sich hin und her zu schiffe reisig machen und handeln über meer, sehn da des herren sachen. Opitz 3, 208 (
ps. 107, 12).
auch in substantivischer anwendung: ein ûʒwendiger reisiger.
Bresl. urkundenb. 1, 111, 17 (1324)
bei Lexer
mhd. wb., nachträge 347; und wies uns ein buch darinnen alle geschichten gezeichnet, welche dieses abentheuer an denen reisigen, sowohl geistlich als weltlichen standes bewiesen.
Jucund. 157. 33)
besonderes. von der bedeutung 1
ausgehend entwickelt sich in der älteren sprache ein freier gebrauch nach sehr verschiedenen richtungen. 3@aa)
fertig, gewandt, geschickt: Esau aber wird ein ackermann und jeger, schicket sich zur nahrung, als decht er ewig zu leben, wird rüstig und reisig zun sachen. Luther 4, 140
a.
so auch noch im ostfries.: hê is'n reisigen kerel. ten Doornkaat-Koolman 3, 26
b. 3@bb)
kühn, prahlerisch, hochmüthig, übermüthig, ausgelassen, frech: und alle wort so reisig lauten als wolt er ein heer zurichten. Luther 4, 288
a; denn das gantze buch ist reimenweise oder poetisch gemacht ... und das sol beweisen, das Mahmet ein rechter prophet sey, denn ein ungelerter kündte nicht so reisig reden. 8, 29
a; rot, wer ist am reisigsten gewesen.
fastn. sp. 333, 15; sie ist gar reissig frech und geil. Ayrer
fastn. sp. 67
b (2673, 16
Keller).
dann übergehend in den sinn verbuhlt, geil, vielleicht unter einflusz der obscönen bedeutung von reiten: noch kunt ich in nie reisig machen das er wolt aufsitzen und lernen reiten.
fastn. sp. 325, 9; ein reisiger mensch,
ein verbuhlter. Schmid
schwäb. wb. 430. reisig
im sinne von brünstig von thieren (eine reisige taube
a. a. o., raisige kuh. Schöpf 529)
gehört wol nicht in diese entwickelung. 44) reisig
abgeleitet vom starken verbum reisen,
nur mundartlich, der bedeutung des verbums gemäsz in zweifachem sinne. 4@aa)
zu reisen
cadere gehört reisig
zum abrutschen geneigt: wo der grund nit reisig, stickl, stainig unnd greidig.
Salzb. forstordn. bei Schmeller 2, 144.
in anderer anwendung, nd. een reisigen lief,
ein flieszender, offner leib. brem. wb. 3, 503. 4@bb)
nd. reisig
hochgewachsen brem. wb. 3, 503;
ebenso schon in älterer sprache: dar was ene iunghe reyseghe maghet.
seel. tr. 155
bei Schiller-Lübben 3, 453
a.