märlein,
n. ,
dimin. zu mär
und märe,
in der bedeutung ähnlich entfaltet wie märchen
sp. 1618
fg., aber seit dem vorigen jahrhundert fast ganz von diesem verdrängt: fabula, ein gemeine red, oder ein erdichtung, die der warheit gleich ist, ein merle. Dasyp.;
fabulosa narratio, ein erzelung eins merlins.
ebenda; merel,
fabella, fabellula. voc. inc. theut. n 5
b; das märle, fabel,
apologus, nugae, fabulae. Maaler 281
b;
es bezeichnet 11)
eine kleine erzählung: sô hœret ditze mærelîn, daʒ ich von der wârheit hân (
diese wahrhaftige geschichte).
ges. abent. 2, 408, 22;
gewöhnlich als erzeugnis der einbildung, und der geschichte
gegenüber gestellt: mit disen und der geleichen bewerung bewert er, das in den büchern der christenlichen kirchen weren histori als die merlein und unbeweret von den lerern.
bibel 1483 414
b (
vorrede Hieronymi zu Daniel: his et talibus argumentis apocryphas in libro ecclesiae fabulas arguebat); (
man soll den kindern) in der that geschehene historien anstatt der mährlein, auch biszweilen sittenreiche fabeln in der schul erzehlen, welche sie so leicht als albere mährlein ihrer päplkäten merken. E. Weigel
tugendlehr (1682) A 2
b;
daher im sinne einer unwahren und unnützen erzählung oder rede (
vgl.märchen 2
und 4,
sp. 1618
fg.): märlin hören, oder der fablen zuolosen,
advertere aurem fabulis, märle sagen, unnütz geschwätz treiben,
nugari Maaler 281
b; und treibent ir unfuor mit küssen, mit unzimleichen reden und mit mærlein. Megenberg 250, 19; da pei (
an den bremsen) verstê die pœsen, die daʒ guot nümmer geredent von irn nâchgepaurn, aber ervorschent si ain pœs mærl, daʒ praitent si gar weit. 299, 21; das etliche diesen psalm haben ins gerücht gebracht, das die münch und nonnen jn sollen beten wider jre feinde, und wo er wider jemand gebetet würde, so müszte derselbige sterben, das sind aber lügenteidinge und mehrlin. Luther 3, 306
b; und wenn wir von gott hören, achten wirs gleich so viel als werens der geukler mehrlin. 354
b; denn die papisten, ob sie tausent büchlin schreiben, so sinds doch jmer die alten faulen merlin, die ich für sieben jaren verlegt (
widerlegt) habe. 515
b; lisz, sing und sag der tugent preisz, das du in gutem werdest weisz. meid märle die man sagt und list, darinnen ler der schanden ist. Schwarzenberg 124
b; und (
die frauen an Christi grabe) sagten, was sich habe erzeigt in ihrem angesicht; man hielt es aber anders nicht, als ob es märlein wären. P. Gerhard 54, 105; nur geduld! die welt ist noch (
weder) so blind, noch so verführter sinnen, dasz sie durch solche träum und mährlin zu gewinnen. A. Gryphius (1698) 1, 447; märlein tragen,
üble nachreden oder gerüchte verbreiten: zum sibenzehenden dich schem das du nachsagst diesem und jem als was du hörest auf und nider, tregst also merlein hin und wider, welches denn viel haders ursacht, widerwillen und zwitracht, dardurch bringst du das wort darvon, seist ein märlein tragender man. H. Sachs 2, 1, 83
d; das jauchzen der Philister, wenn Simson blindlings mahlt, ist warlich nicht so grosz, als ihre frölichkeit, so bald sie nur die schoosz voll neuer mährlein trägt, sie giebt und nimmt novellen von knecht und mägden
an. Günther 979; märlein
auch kindermärchen (
vgl.märchen 6
sp. 1619): och sol man den kindern etliche merlin sagen; historien oder etlich ersame liedlin sol man in singen.
anz. für kunde d. vorz. 1865
sp. 108 (15.
jahrh.);
im wechsel mit fabel: die alte jüdische weiber, welche ihren kindern allerhand mährlein erzehlen: als zum exempel, wann ein mensch sterbe, so komme er widerumb in das paradeis, darausz Adam und Eva vertrieben, da werde es lustig hergehen .. welche und dergleichen fabeln mein seeliger groszvatter doctor Helvicus ausz ihrem talmut in die teutsche sprach versetzet hat, diese fabeln wurzelten endlich also ein, dasz auch die alten, welche in ihrer kindheit diese mährlein gehöret hatten, dieselbige so hoch hielten, als wenn es Moses und die propheten geredet hätten. Schuppius 826;
und ebenso die thierfabel bezeichnend: gedachte er desz schönen sprüchworts, so ausz dem mährlein von der mausz und ihrem töchterlein gesponnen ist. Matthesius
ebenda 830. 22) märlein,
person oder gegenstand einer solchen erzählung: wie mancher schauplatz wird dein trauerspiel erneun, und die person von dir der leute mährlein sein? Günther 1042; der du des himmels fluch, der leute mährlein wirst. 1045; der tugend nahm erlischt, sie ist zum mährlein worden. Haller
schweiz. ged. 108 (102, 7
Hirzel); Zeus Kronion hat uns böses schicksal bereitet, dasz wir beide würden ein mährlein künftiger enkel. Stolberg 11, 215,
ὡς καὶ ὀπίσσω ανθρώποισι πελώμεθ' ἀοίδιμοι ἐσσομένοισιν.
Il. 6, 358.