kauderwelsch,
oder kauderwälsch,
früher auch kauterwelsch
und kuderwelsch (
so noch Stieler 2423,
schweiz. Stalder 2, 431),
adj., adv. und subst. n. von unverständlicher sprache, von gänzlich fremder sowol wie besonders von solcher die durch schlechte aussprache, falsche formen, vermengung mit fremdem unverständlich wird; dann auch von krausen gedanken, einfällen, und von dingen überhaupt die verworren sind oder verwirren, ein kräftiges, mit besonderm humor umkleidetes wort: was redst du für kauderwelsches zeug! das ist ein wahres kauderwelsch! kauderwelsch reden,
bei Adelung
auch ein kauderwelscher mann.
Der älteste beleg der zu gebote steht, ist erst aus dem ende des 16.
jh., aber in anderm sinne: taglöhner, hundsentwener, landzetler, kettler, kuderwelsche, meelkäufler, kornscheufler. Fischart
groszm. 77 (607
Sch.),
also als gewerbe, s. sp. 310.
Dann im 17.
jh., aber in der bed. wirr, kraus überhaupt: so ist er (
der schäfer Floridon) mit dem maule so gewaltig fix und weisz das wetter und das gestirne eines und das andere so straff zusammen zu reimen als ein staudente, er mag auch sein wer er wil. ich kan euchs nicht versagen (
wie mhd. volsagen), wie behende er von dem kauterwelschen geschere des gefirmaments (
dem verwirrten sternenlaufe) ein stück weg kosen kan, dasz wir alle maul und nase aufsperren müssen. Schoch
com. vom studentenleben Lpz. 1657 D 2
b,
der bauer Alex redet in obersächs. bauerndeutsch; wunderseltzame tauben und kauderwelsche grillen stiegen mir damals ins hirn.
Simpl. 1, 13; weilen auch oft mancher, der edel vom geblüt, sich dem gemüt nach zimlich kauterwelsch (
confus) darein und zur sache schicket (
in ein amt). 1, 65; wie es im hauses-stand und in so mancher eh, auch oft im richteramt und wo man urthel fället, so kauterwelsch und bund gar oft und oft hergeh. 2, 260,
verbunden gerade wie 'kraus und bunt'.
und so noch in neuerer zeit: um einen so krausen kauderwälschen ritter Don Quixote. Lenz 1, 144; ein so kauderwelsches leben zu führen. Tieck 5, 363; durch eine künstliche magische vorrichtung von geflochtenen blumen und staubfäden und dergleichen kauderwälsch.
novellenkr. 4, 214.
Aber auch im 17.
jh. schon von der sprache (
so Stieler,
der es zuerst aufnimmt),
und diesz wird trotzdem die urspr. bedeutung sein: nur ich bitte euch umb gottes willen, machet mir nicht viel lateinisch in meinem titul, die wörter sind mir zu cauderwellisch.
Pickelhäring bei A. Gryphius
P. Squenz 1663
s. 8 (1698 1, 724); meine kauderwelsche (
unverständige, kindische) rede.
Felsenb. 2, 403; ich kann diese (
schriftsteller die immer neue wörter und redensarten aushecken) mit ihrer ungereimten neugierigkeit nicht besser beschämen, als wenn ich ihnen aus dem deutsch übersetzten Pantagruel des Rabelais ein kauderwälsches exempel hersetze. Gottsched
ausf. redekunst (1759)
s. 331; der kobold müszte mirs eingeblasen haben, wenn ich wüszte was die kauderwelschen worte heiszen sollen. Lessing 1, 292; kauderwelscher könnte Crispin in der komödie, wenn er sich für einen mahler ausgibt, die kunstwörter nicht
unter einander werfen. 8, 30; ein volk bei dem noch sonst wort und gedanken zweckten, bölkt jetzt ein kauderwelsch in zwanzig dialekten. Lichtenberg 5, 101 (1804 4, 367); auf diese art hatte sie standhaft das kauderwällsche deutsch jenes als pfand ihr zugestekten zettels erklärt. Hermes
Soph. reise 6, 30; sehr kauderwelsch in seinem vortrage. Möser
patr. phant. 3, 37; kauderwelsche, verworrene und knechtsgestalt an sich habende zungen. Hamann 1, 450; ohngeachtet meiner kauderwelschen mundart. 2, 305; nur dasz einem alles verunstaltet, widersinnisch und kauderwelsch vorkommen musz. Kant 3, 173;
die Elbe rühmt sich in den xenien (
no. 105): all ihr andern ihr sprecht nur ein kauderwelsch, unter den flüssen Deutschlands rede nur ich, und auch in Meiszen nur deutsch. Schiller 97
a; indem ich nun dasjenige, was mir dem inhalt nach schon bekannt war, in einem fremden kauderwelschen idiom (
hebräisch) herstottern sollte. Göthe 24, 201; drum hör es denn, wenn dirs beliebt, so kauderwelsch wie mir der geist es giebt. 56, 19; das krainische kauderwälsch. Seume; er (
der Italiener) war einmal in Deutschland gewesen und dachte wunder wie gut er deutsch verstünde. er setzte sich zu mir und frug bald das bald jenes ... ob ich der servitore sei? wenn wir arriware? ob wir nach Roma kehn? aber das wuszte ich alles selber nicht und konnte auch sein kauderwelsch gar nicht verstehn. Eichendorf
taugenichts cap. 4 (1842
s. 56).
Es ist eine allgemeine erscheinung, dasz benachbarte völker, stämme, gaue, städte gegen einander spott üben wegen ihrer sprache, ein volk in der frischen naivetät des selbstgefühls findet die fremde sprache des andern unverständlich, lächerlich, häszlich, wenn nicht sinnlos. so scheint das griech. βάρβαρος urspr. gemeint, das zuerst in βαρβαρόφωνος bei Homer vorkommt (Curtius
gr. etym. 1, 255
vergleicht lat. balbus
stotternd)
; so nennt der Slave den Deutschen sogar den '
stummen',
der nicht reden kann; franz. heiszt brétonner
kauderwelschen, d. i. bretonisch reden, nd. unverständliches gerede ên ükerwendsk snack (Dähnert, Danneil),
von den Wenden in der Altmark, in Meckelnburg uckerwälsch ( Adelung),
in Kärnten fremdartig, undeutlich reden windischen,
von den windischen nachbarn, in Schlesien polatschkern, pollaren,
von den Polen, in Leipzig polätschen, pulätschen,
z. b. von dem geradebrechten deutsch der polnischen juden, selbst in Koburg, Nürnberg bollatschen (Fromm. 2, 247),
vgl.boblatsche oben 2, 199;
henneb. schlawake Fromm. 2, 466,
von den als drahtzieher wandernden Slowaken. bezeichnend ist das oft wiederkehrende tsch
in der tonsilbe, das gerade an slavischer rede uns am meisten ins ohr fällt; man hört auch dultätschen, kalmätschen, dolmetschen, daltschen, quatschen
u. a. In Süddeutschland nun heiszt das pulätschen welschen,
so schwäb., schweiz., elsässich, bair., und welsch
unverständlich, fremd, undeutlich, von den welschen,
romanischen nachbarn; Hugo v. Trimberg
sagt von einem eitlen und ungebildeten redner, der sich mit dreistem wortschwall hilft: als ein Winde, Walch er kallet, swenn er von tiefer künste schallet.
Renn. 8694.
Dasselbe ist denn kauderwelsch,
nur in bestimmterer fassung die kauder
hinzubringt. schon i. j. 1379
erscheint in Baiern ein Berchtold Khawderwalch,
bürger zu Rain (
mon. boica 16, 450,
s. Haupt zeitschr. 4, 578),
offenbar selbst von welscher, vermutlich ital. herkunft. nun findet sich im 15.
jh. ein spottname für eine frau mit demselben kauder,
in einem bair. oder östr. liede in Neidhartischem geschmack, ihr liebhaber erwidert auf ihr höhnen und zanken: so sprich ich 'liebe kaudernetsch, du drischest hie ein läres stro'.
Hätzl. 69
a;
schweiz. nätsch
m. und f. ist schwätzer, plauderhaftes mädchen (Stalder 2, 232),
die kaudernetsch
offenbar ein plappermaul, von kaudern
plappern (
das wort besteht noch als bair. östr. name, Kudernatsch,
und scheint auch in dem '
Iundernetsch' Helbling 4, 240
zu stecken)
; dann wäre Kauderwalch
ein plappernder, radebrechender Italiener. so heiszt nl. koeterwalen '
gebroken nederduitsch spreken, van eenen Waal,
Franschman, Koeterwaal' (Weiland),
und koeteren
selbst ist gebrochen reden, koeteraar
ein kauderwelschender, undeutscher. Aber eine andere auslegung, die Weigand im
synon. wb. s. 906
befürwortete, wird mehr für sich haben. die Italiener traten früh handeltreibend im süden auf, noch heiszt bair. kurzweg walisch
ein italienischer krämer, deren sich in städten und märkten mancher angesiedelt (Schm. 4, 70), Fischarts kuderwelschen
oben, unter kleinen gewerben genannt, werden eben solche sein; in der Biberacher chronik 52
werden beisammen erwähnt die welschen hausierer, kauderwelschen Lamparter,
d. i. geldwechsler, eigentlich Lombarder (
vgl. unter kawetscher).
das stimmt denn trefflich zu kaudern,
zwischenhandeln, mäkeln, also kauderwalch
ein handelnder Italiener (
in der bildung ähnlich dem heutigen handelsjude, kornjude),
seine sprache halb welsches deutsch. so nennt man das kauderwelsch in Aachen kriemerwälsch,
krämerwelsch (
Aachener mundart 129),
in den Niederlanden kraamerslatijn (
auch latein
heiszt unverständliche sprache),
in England pedlar's French,
d. i. tabuletkrämers französisch. Vermutlich hat man schon im 15. 16.
jh. zwischen beiden auffassungen geschwankt, das nl. koeterwalen
aber scheint fast eine nachbildung des hd. wortes. s. auch krautwälsch, rotwelsch,
kinderwelsch.