grollen,
vb. II.
form. zu beachten ist, dasz die wenigen mhd. belege u (ü)
zeigen: sô man in dâ von (
von der unkiusche) prediget, sô winket einer ûf
den andern unde grüllet ûf in: 'jâ wâ wil dîn sêle hin?' Berth. v. Regensburg 1, 82
Pf., wohl im sinne '
murren',
s. u. II 3 a; (
die brüder) richtin ûf der vestin mit wer sich kegn den gestin ûf ein widdirgrullin
N. v. Jeroschin 24564; grollen, grullen, grüllen
stomachari Diefenbach 554
b;
noch heute nd. grullen Doornkaat-Koolman 1, 700
b; Woeste 86
b; Mi 29
b;
literarisch herrscht seit dem beginn des nhd. durchaus die o-
form, die ihren vocal vom subst. empfangen haben kann, in der aber vielleicht auch zwei ursprünglich getrennte verba, ein deverbativum *grulljan (
zu grellan,
s. Wilmanns 2, 54)
und ein denominativum grollōn
zusammengeflossen sind; grüllen
ist schriftsprachlich im nhd. ziemlich erstorben (
doch s. u. II 3 a),
es scheint aber für die vorgeschichte von grölen
in betracht zu kommen, s. d. 1
anfang. IIII.
bedeutung. II@11)
im älteren nhd. ist am entwickeltsten eine bedeutung, die nicht den affect an sich, sondern zugleich mit ihm die töne seiner äuszerung bezeichnet; daraus entwickelt sich, ganz wie bei dem stammverwandten grellen (
s. sp. 104),
schlieszlich eine reine schallbezeichnung; nur geht grollen, grullen
mehr auf rollende, dumpfe töne, grellen, grillen
auf helle, schrille: grollen, rauschen
strepere, strepitare, crepitare; grollen als die katzen, lollen, lullen,
mussare, mussitare, murire, numeros non verba canere, sonum imitari; grunnire, murmurare Henisch 1749,
der hier freilich z. th. von Kilian
abhängig ist, s. löll th. 6, 1144;
ähnlich aber auch bei Stieler 707; Kramer
teutschital. 1, 567
c nimmt das verb. rein als schallwort ('
verb. fatto dal suono')
und glossiert es nur mit bruire, rombare, trombare, brontolare. II@1@aa)
von menschen '
zornig murren': brummen, grollen, grollen im zorn und im unmut
stomachari Diefenbach 554
b;
vgl. (
der erzbischof v. Mainz) vast ser in sinem zorn vil ubermütiglichen grolt
M. Beheim
reimchron. 49; ob schon der hohe meister mit dem orden dawider grolleten und murreten
monum. hist. Warm. 8, 255; alle gottlose verdampte menschen .. werden wider gott und seine gerechtigkeit grüllen und murren
M. Chr. Irenäus
spiegel d. hellen (1588) 309
a; (
als er) mit seim gesprech die hantwerck schmecht, nun war die bursch vast wol bezecht und fiengen darob an zu grollen H. Sachs 17, 238
K.-G.; da seyn denn die knechtlein auff einander ergrimmet, - - grollen, gruntzen, stossen
theatr. diabol. 260
b;
in besonderer sphäre: auf das sie nicht in ansehens irer morgengab anfiengen wider die menner zuo grollen, stoltzieren und ungehorsamen St. Vigilius
de rebus memorandis (1541) 51
a;
und ähnlich noch spät: weil einmal im jahr sich gern jedes erholt, wenn man zu elf monat zu haus brummt und grollt Raimund 1, 19; frau, dann grolle nicht, roth im angesicht! J. H. Voss
sämtl. ged. 5, 53.
wie bei grellen (
s. d. 2)
ist auch hier, wenigstens im bair., die entwicklung bis zu '
heulen, plärren, weinen'
vorgeschritten: er grolt als ain ku die kelbern wil oder ain fraw dies zwank hat Schmeller 1, 994; das abscheuliche hjänen und grollen der stadtvocalisten
ebd.; grollen '
weinen' v. Klein 1, 165; Schöpf
tirol. 215; Zaupser 33; 'o jesses', hat der kloane grollt Karl Stieler
ged. 2, 59
Reclam. II@1@bb)
auch von thieren gewöhnlich als äuszerung des unmuts: (
der hund) grollet und bysset Keisersberg
bilg. 146
b; '
heftig bellen, wie fleischerhunde' Loritza
vienn. 55;
vom stier Schöpf
tirol. 215; der tauber grollt Campe,
wohl aus dem nd.; vgl. de duffert sit up't hûs to grullen Doornkaat-Koolman 1, 700
b; 'grollen
wird zur brunstzeit das geschrei des hirsches beim kampfe mit einem andern genannt' Behlen 3, 501; das dumpfe grollen eines gorillas Brehm
thierl. 1, 82
Pechuel-Lösche; (
der gefangene gorilla) begleitete jeden .. abgetragenen teller mit .. einem .. grollenden husten 1, 70. II@1@cc)
am reinsten tritt der charakter als schallwort zur bezeichnung eines dumpf rollenden geräusches hervor bei der anwendung auf unlebendiges; altgebräuchlich ist: dönet im (
dem unsettigen frasz) der magen, grollet ihm der bauch C. Harberinus
spiegel d. hauszucht (1553) 251
b; da hebte ihm der leib gähling an zu blähen, das gedärm zu grollen Er. Francisci
d. alleredelste unglück (1670) 35; es grollet mir der bauch Kramer
teutsch-ital. 1, 567
c;
wohl auf dieser formel fuszend: dasz mir davon die ohren grollen Tieck 13, 297;
in bildlicher beziehung auf den brodelnden kochtopf: wann der unwillen im hafen zu vil will sieden, brüteln und grollen, so hebt sie den deckel ab Fischart
geschichtklitt. 103
ndr.; die abgebrochenen töne der predigt .. klangen (
auszerhalb der kirche) .. bald in hohen fisteltönen, bald tief grollend G. Keller 1, 303;
die sinnliche vorstellung des dumpf rollenden bleibt auch in mancherlei gebrauchsweisen fühlbar, die an sich mehr den affect ausdrücken wollen: im kühnsten walde die verwachsnen schwellen, wo eurer (
der quellen) mutter kraft im berge grollt Mörike 1, 36
Göschen; zumal bei unpersönlichem gebrauch: dasz es in dem volck grollet '
brodelt, gährt' Paracelsus
op. (1616) 2, 457 c; es rollte und grollte in seinen worten wie in einer gewitterwolke Ebner-Eschenbach 4, 170;
vgl.d; in der brust des vortrefflichen (
des stadtbüttels) grollte und brummte es wie in einem dem ausbruch nahen vulkan Raabe
hungerpastor 1, 61;
sie klingt auch hörbar mit in fällen wie: gleichwohl grollte bey Mirmod noch immer der schimpf Riemer
polit. maulaffe 33; starke ausbrüche des noch grollenden schmerzes wechseln miteinander (
in dem quintett) O. Jahn
Mozart 4, 102. II@1@dd)
das schallwort hat sich nur ein groszes geltungsgebiet bis heute gewahrt, das ist die bezeichnung des tobens der elemente; besonders vom donner (
und zwar vorzüglich eines fernen, heraufziehenden oder abziehenden gewitters): wann es aber starck blitzet und der donner in den wolcken gewaltig kracht, grollet und rasselt Valvasor
ehre d. herzogthums Crain (1689) 1, 312
a; so grollen auch die sieben donner ihre eigenen stimmen Jung-Stilling 3, 528;
zumal in neuerer poetischer sprache überaus häufig: er springt ans ufer, er eilet sehr, schon grollet der donner dumpf und schwer
M. Schneckenburger
dtsche lieder 52;
gern im vergleich: mit einem solchen gelaut, als wie ein grollendes und noch etwas gelinde rasselndes donnerwetter Er. Francisci
höll. Proteus (1690) 126; seine stimme konnte grollen wie der donner Ebner-Eschenbach 1, 180; und wie ein feurig wetter, das immer näher grollt, rings steigen die geschicke still und verhängnisschwer Eichendorf 3, 507;
bildlich: das eheliche gewitter grollt nur unter seinen füszen Börne 3, 248;
auch unpersönlich: den ganzen abend hat es schon gegrollt J. Hart
bei Arent-Conradi-Henckell
mod. dichterchar. 46;
von andern elementen jünger und künstlicher: war der sturm, der schon lange gegrollt hatte, losgebrochen Spielhagen 2, 387; im grollenden sturme der allgemeinen zerrüttung Fr. Th. Vischer
ästhet. 3, 1, 47; der sturm erwacht, die wogen grollen Kosegarten
nach Sanders
synon. 1, 424; es grollt und brandet die see Heine 1, 102
Elster; ähnlich auch: seit jenem tage grollt über dieser ebne unverrückt die schlacht H. v. Kleist 2, 26
E. Schmidt: gehobene sprache dehnt diesen gebrauch gelegentlich noch weiter aus: wie dort im rothen qualm gegrollt die feldkanonen Geibel 1, 184; trommeln grollen dumpf und pfeifen schallen H. Marggraff
balladenchron. 18; aus ihrer (
der turmspitze) mitte grollte der glockenklang viele meilen weit Jung-Stilling 4, 136;
das moderne sprachgefühl empfindet das verb. in solchen fällen nicht als reines schallwort, sondern mehr oder minder als metapher von der bedeutung 2
aus. recht deutlich: wenn sich die grollenden elemente versönen Schiller 3, 54
G.; (
mir war) als sei mein grimm mit .. dieser grollenden fluth ein ding Fr. Th. Vischer
auch einer 1, 52;
nd. mundarten bewahren noch das ursprünglichere: grullen
leise donnern Woeste 86
b; de sê grulld; de dönner grulld nog lank na Doornkaat-Koolman 1, 700
b. II@22)
die heute entwickeltste bedeutung hat sich erst in neuerer zeit so stark entfaltet; sie läuft der des subst. groll
parallel. II@2@aa)
erst im 17.
jh. lexicographisch öfter mit zürnen
gleichgestellt (
vgl.groll II 1): grollen, zirnen
odisse, indignari Henisch 1749;
ähnlich Hulsius-Ravellus 146
a;
dem entspricht es, wenn ältere nhd. belege selten sind und noch mehr nach 1 a
weisen: grollte die gemain .. under einander Schaidenreisser
Odyssea 10
b; der Bayer zornig war und grollt, das ihm niemand abkauffen wolt H. Sachs 9, 263
K.; des ich zwar hab pesorget langst almal sein grollen 22, 543,
hier mit der besonderen färbung neidischen hasses (
vgl.groll II 2 a);
in jüngerer zeit ausschlieszlich im sinne von groll 3,
also von anhaltend und verschlossen bewahrten zorn- und haszgefühlen: zürnen magst du, doch nicht grollen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 115; es ist mir leid, dasz du noch immer grollst Raupach
dram. werke ernster gatt. 8, 98; die grollende erinnerung an die blutige rache des siegers Häusser
dtsche gesch. 3, 411; aus erfahrungen und erlebnissen im grollenden herzen .. gifte kochen Fr. L. Jahn 1, 359;
entsprechend groll 3 a—d
auch hier verschiedene abschattungen der bedeutung: die grollende hungrige menge Mommsen
röm. gesch. 3, 101; die schwierigen und grollenden unterthanenschaften 2, 222 (
vgl.groll 3 a
schlusz); doch hielt ich gut und grollte still und tief Grillparzer 7, 14; draus (
aus den wellen) sieht im stummen grollen mein finstres auge herauf Strachwitz
ged. 93; einer jungfrau stilles weinen, einer greisin finstres grollen Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 4; er war wohl schon viel heftiger; aber so .. bitter grollend war er doch nie Iffland
theatr. werke 4, 271; ich seh den meister tückisch grollen Arnim 19, 36; voll grollenden unmuths Fr. L. Jahn 2, 202;
überhaupt neigt die neuere kunstsprache sehr zu participialem gebrauch, zumal auch in zusammenhängen wie: der zweite wandte sich grollend von seinem volke ab Ebner-Eschenbach 4, 5; warum schlieszen sie mir grollend ihr herz? Holtei
erzähl. schr. 5, 70;
vgl.b;
mit abhängigem satz: ich grollte stets, dasz ich ein mädchen war Grillparzer 6, 167; (
in Arabien irrt) ein Polenheld und grollet still, dasz noch sein herz nicht brechen will Lenau 1 (1855), 159
Grün. sehr häufig in neuerer erzählungsliteratur ist grollen
im sinne '
grollend, unwillig ausrufen': 'wiszt ihr nicht' grollte der priester, .. 'dasz blumen ... Römerinnen ein greuel sind?' Gaudy 2, 111; 'kein wort weiter', grollte der bauer Anzengruber 1, 85;
darin scheint ein nachhall der bedeutung 1
zu liegen. II@2@bb)
nicht selten auch mit starker abschwächung des ursprünglichen affectgehaltes '
böse, verstimmt sein' (
vgl.groll II 3 e): er grollte nicht einmal. nicht ein gedanke von fluch in seinem herzen Schiller 2, 147
G.; mehr grollend als zornig warf er dem könige vor, dasz er ihn vernachlässige Laube 2, 30; Sophie, welche noch immer grollend dasteht Nestroy 2, 63; das ewige .. grollen und sorgen verdirbt einem nur die laune Laube 10, 2;
häufig ist die reimformel: mir aber nagt's am herzen schier, das schmollen und das grollen Mörike 1, 32
Göschen; deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem weibervolk G. Keller 4, 39;
von gebärden des unmuts: zwar grollt noch ihr gesicht Pfeffel
poet. versuche 1, 28; er .. grollte mit den brauenbögen wie vater H. Federer
berge und menschen (1911) 311. II@2@cc)
dieselben bedeutungs- und intensitätsschwankungen wie unter a
und b
auch bei der verbindung mit objecten; am gewöhnlichsten mit dem dativ: gemahn' ihn nicht an dich, du weiszt, er grollt uns Schiller 14, 341
G.; das militär, das ihm (
dem könig) unversöhnlich grollt Varnhagen v. Ense
tageb. 6, 179; es liegt in dieser bettelei etwas so naives, .. dasz man ihr nicht grollen kann Gaudy 5, 78;
in völlig gleichem sinne früher grollen mit: ich sollte eigentlich mit ihm grollen, da er mich .. nie besuchte Pückler
briefw. u. tageb. 6, 164; grolle nicht mit uns andern, weil du in unfrieden von einem scheidest G. Freytag 8, 108;
heute im rückgang, abgesehen von einem besonderen fall, in dem die bedeutungsvariante '
hadern mit'
die präpos. begünstigt: Napoleon grollte noch in der kriegsschule zu Brienne mit seinem beengten geschicke Droste-Hülshoff 2, 378; ich habe mit der welt gegrollt,
d. h. mit mir selbst G. Freytag 4, 366; er (
Mannhardt) grollte nicht mit dem schicksal W. Scherer
kl. schr. 1, 165;
ähnlich: und wer, wie ich, mit gott gegrollt, darf auch mit einem könig grollen Herwegh
ged. eines lebendigen 125;
auch gegen
ist früher nicht selten: am meisten grollte Stein gegen den staatskanzler E.
M. Arndt
schr. für u. an s. l. Deutschen 3, 239; Lucrezia, die .. sich zum mittelpunkte der gegen Soderini grollenden adelspartei machte H. Grimm
Michelangelo 1, 343; ich wäre zu tadeln, wenn ich ferner gegen sie grollte Holtei
erzähl. schr. 11, 300;
anderes ist ungewöhnlich: so düster schaute die wilde felsgestalt auf mich, wie grollend über die nähe dessen, der H. v. Barth
Kalkalpen 540. II@33)
nicht häufig unpersönlich im sinne '
bosen, wurmen': es grollt sie, wann sie nur daran gedenckt, dasz sie des liebsten namen hab' Orlando geben ie D. v.
d. Werder
ras. Roland 19.
ges., str. 18; das grollt mich '
ärgert mich'
mehrfach bei Gustav Schilling
nach Müller-Fraureuth 1, 443
b; 'dies grollt mich
für dies bringt mich auf ..
ist nicht gut' Heynatz
antibarb. 2, 77;
die wendung nimmt sich aus wie eine parallelbildung zu das grimmt mich,
wo freilich grimmt
aus krimmt
umgedeutet ist, vgl. 1grimmen 4;
auch mit dativ: nur dem klugen ist es ferne, dasz es ihm im herzen grollt, wenn der freund ihm wahrheit zollt Stephanie
d. j.
sämtl. singsp. 80; aber dasz er noch prahlte, .. das grollte mir J. v. Soden
doktor Faust (1797) 9;
vgl. den dativ unter II 1 c;
das nd. kennt einen reflexiven gebrauch '
sich grämen': hei grullt sik sēr um de frū.