gotisch -th-. Eingebettet in den zeitgenöss abwertenden Gebrauch1) - noch in der Zweitaufl 1792 seiner ‘Allg Theorie der Schönen Künste’ präsentiert Sulzer ‘gotisch’ als Syn zu ‘barbarisch’ u ‘geschmacklos’ - kritisiert G die terminolog Verwendung des Worts zur Bezeichnung der vermeintlich genuin ‘deutschen’ Baukunst (vgl deutsch B2a, Bd 2,Sp 1167) des Mittelalters, der er, nach dem Schlüsselerlebnis beim Anblick des Straßburger Münsters, mit neuem Respekt begegnet. Die mit der Italienreise eingeleitete Rückwendung zur antiken Formensprache läßt Begriff und Sache in den Hintergrund treten, bis spätestens die nationale Selbstbesinnung der Befreiungskriege und G-s autobiographische Rückbesinnung das Verhältnis zur Gotik erneut bedenkenswert machen; eigene Rheinreisen und die Bekanntschaft mit den Boisserées erweitern Kenntnis und Interesse über die Baukunst hinaus, der jedoch die Bezeichnung ‘gotisch’ stets in erster Linie vorbehalten bleibt. Die (polem von G u Meyer so charakterisierte) ‘neudeutsch-religios-patriotische’ Verherrlichung des deutschen Mittelalters, begleitet von allgegenwärtiger Neogotik als romantischem Modetrend, hat im Ganzen eine erneute Distanzierung G-s zum Phänomen der Gotik zur Folge2), von der nur einzelne herausragende Leistungen, wie etwa der (noch unvollendete) Kölner Dom, ausgenommen bleiben. 1 vom Stil der Gotik bestimmt, ihrem (vermeintl) Geschmack nachgebildet, nachempfunden a neutral als Stilbezeichnung, zur Formkennzeichnung von Bauwerken, Interieurs, einzelnen architekton Elementen, Zierraten, (Gebrauchs-)Gegenständen Wer die Lehre der g-en Gewölbe halbweg einsieht, wird das Gleichniswort Wiederlage verstehen GWB53,392,2 PhysiognFragm 91 Plp Hochgewölbtes enges g-es Zimmer, ehemals Faustens, unverändert .. Fausten hingestreckt auf einem altväterischen Bette GWBFaust II Regiebem vor 6567 Decoration .. Saal, in keinem Sinne g. oder [] altdeutsch. Was von Stein, muß ganz massiv, was von Holz, ganz tüchtig sein GWB11,343,14 BruchstTragöd Schema [Geist eines Toten erklimmt Glockenturm] .. da rastet er nicht, | Da gilt auch kein langes Besinnen, | Den g-en Zierrat ergreift nun der Wicht | Und klettert von Zinne zu Zinnen. | Nun ist’s um den .. Thürmer gethan! | Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan GWB1,209 Totentanz 38 GWB19,211,4 BrSchweiz I GWBNatT Regiebem vor 649 GWBTgb 26.12.15 uö in der (als gängig, üblich aufgegriffenen) namensähnlichen Bezeichnung best Gebäude, meist mBez auf historisierende architekton Elemente zeitgenöss Parkgestaltung Schönhof .. auf dem Schlosse .. Theil des Parks besehen .. Wir fuhren bis zum g-en Gebäude, gingen sodann zur Meierey Tgb 5.8.10 Bericht an Serenissimum über den Thurmbau an der g-en Capelle [eigentl als ‘Tempelherrenhaus’ bekannt] GWBTgb 26.9.16 GWBB18,19,9 JMüller [12.10.88 Korr Gr3,244] uö(selten) mBez auf Bühnenbilder zu einer hintern Thüre, die sonst immer mit Decorationen verstellt sei, diesen Abend aber, weil man [für ‘Hamlet’] den g-en Saal gebraucht, frei geworden GWB22,206,1 Lj V 12 A(JbSKipp10,53) Regie Weim 4.12.96 ‘nachgeahmt g.’ iSv neogotisch GWBB26,156,14 Schopenhauer 16.11.15 b in wertendem Kontext, nur mBez auf Baukunst, bes Ornamentik Als ich das erstemal nach dem [Straßburger] Münster ging, hatt’ ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntniß guten Geschmacks .. war ein abgesagter Feind der verworrenen Willkürlichkeiten g-er Verzierungen .. Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davor trat! Ein ganzer, großer Eindruck .. aus tausend harmonirenden Einzelnheiten GWB37,144,19 Von dtBaukunst 1773 Unter Tadlern der g-en Baukunst aufgewachsen, nährte ich meine Abneigung gegen die vielfach überladenen verworrenen Zierrathen, die durch ihre Willkürlichkeit einen religios düsteren Charakter höchst widerwärtig machten .. da mir nur geistlose Werke dieser Art .. vor’s Gesicht gekommen waren .. Hier [Straßb Münster] aber glaubte ich eine neue Offenbarung zu erblicken GWB27,274,9 DuW 9 das Capitäl des Pantheon .. Das ist freilich etwas anderes als unsere kauzenden, auf Kragsteinlein über einander geschichteten Heiligen der g-en Zierweisen, etwas anderes als unsere Tabakspfeifen-Säulen, spitze Thürmlein und Blumenzacken; diese bin ich nun, Gott sei Dank, auf ewig los! GWB30,135,11 ItR indem ich den größten Theil so genannter g-er Baukunst aus den Holzschnitzwerken zu erklären suche, womit man in den ältesten Zeiten Heiligenschränkchen, Altäre und Capellen auszuzieren pflegte, welche man nachher .. mit allen ihren Schnörkeln, Stäben und Leisten, an die Außenseiten der nordischen Mauern anheftete, und Giebel und formenlose Thürme damit zu zieren glaubte. Leider suchten alle nordischen Kirchenverzierer ihre Größe nur in der multiplicirten Kleinheit GWB47,64,3 ZTheorie bild Künste:Baukunst Inzwischen war .. der Hang zum Alterthümlichen .. wach geworden .. man wollte recht mit Gewalt zur alten Deutschheit zurückkehren. Daher .. in Gartenanlagen erbaute Ruinen .. Scheincapellen, Einsiedeleien, sammt dem ganzen g-en Spitzen- und Schnörkelwesen, welches bis in die Wohnungen, auf das Hausgeräth und selbst die Kleidung sich erstreckte GWB491,38,26 Neudt relig-patriotKunst [Meyer/G] GWBB12,48,8u11 Schleusner 22.2.97 uö c begriffskritisch; mehrf ‘sogenannt g.’ Und nun soll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, wenn der deutsche Kunstgelehrte .. seinen Vorzug verkennt, dein Werk mit dem unverstandenen Worte gothisch verkleinert, da er Gott danken sollte, laut verkündigen zu können, das ist deutsche Baukunst, unsere Baukunst .. Und wenn du dir selbst diesen Vorzug nicht zugestehen willst, so erweis uns, daß die Gothen schon wirklich so gebaut haben GWB37,147,13 Von dtBaukunst 1773 Da ich nun an alter deutscher Stätte dieses Gebäude [Straßb Münster] gegründet und in echter deutscher Zeit so weit gediehen fand, auch der Name des Meisters .. vaterländischen Klanges .. war, so wagte ich, die bisher verrufene Benennung g-e Bauart .. abzuändern und sie als deutsche Baukunst unserer Nation zu vindiciren GWB27,275,16 DuW 9 Sehr ungern bemerke: wie man uns vom Rhein her den wohlerworbenen Ausdruck Deutsche Baukunst verkümmern und Gothische wieder einführen will GWBB35,253,17 Büsching 31.1.22 GWB28,98,18 DuW 12 GWB341,84,17u24 KuARheinMain GWB492,272,10 ÜbArchitektur Schema uö in (stilisierter) selbstkrit Auslassung, anspielend auf Sulzer ua zeitgenöss Publikationen Unter der Rubrik gothisch, gleich dem Artikel eines Wörterbuchs, häufte ich alle synonymischen Mißverständnisse, die mir von Unbestimmtem, Ungeordnetem, Unnatürlichem, Zusammengestoppeltem, Aufgeflicktem, Überladenem, jemals durch den Kopf gezogen waren .. [es] hieß alles gothisch, was nicht in mein System paßte .. bis zu den ernsten Resten der älteren deutschen Baukunst, über die ich .. in den allgemeinen Gesang stimmte: “Ganz von Zierrath erdrückt!”3) und so graute mir’s .. vor’m Anblick eines mißgeformten krausborstigen Ungeheuers GWB37,144,20u27 Von dt Baukunst 1773 2 zur Bezeichnung einer (kalligraph) Schriftart [Schema zur vollständigen Beschreibung alter Manuskripte] Handschriften. | 1. Quadratschrift .. 9. Veränderung der Quadratschrift in die G-e GWB421,360,10 Plp uö(selten) → GWBaltgotisch GWBhalbgotisch GWBchinesisch-gotisch Syn zu 1a,b GWBaltdeutsch GWBdeutsch GWBchristkirchlich GWBnordisch 1) vgl das differenziert dargebotene Belegmaterial bei GLüdtke, “Gothisch” im 18. u 19. Jh, Zs für DeutscheWortforschung 4(1903),133—152 2) überblickshaft zu G-s wechselnden Einstellungen GHb34.1,437f 3) s WA I 38,289 Rüdiger WelterR.W.