nordisch etwa 160 Archivbelege; vereinzelt synkopiert ‘nordsch’, ‘nord’
sch’; auch Großschr; einmal AkkPl -e. ─
Abweichend vom zeitgenöss Sprachgebrauch, der das Wort als Nebenform des zu bevorzugenden ‘nördlich’ u mit deutlicher Betonung des geogr Bezugs versteht,1) zeigt die Goethesche Verwendung des Ausdrucks ‘nordisch’ (bei nahezu identischer Belegzahl beider Adjektive) eine charakteristische Bedeutungserweiterung, die neben der geogr-topographischen Komponente eine umfassende kulturelle (auf die germanische Vorgeschichte ausgreifende) Dimension anklingen läßt: So steht ‘nordisch’ als variable u im Kontext unterschiedlich akzentuierte Bezeichnung für den gesamten (mittel- u) nordeuropäischen Raum, häufig in offenem od implizitem Gegensatz zur südlich-mediterranen Welt. Beide Sphären wirken als große Spannungspole, die bei Goethe (wie bei vielen seiner Zeitgenossen) für die eigene intellektuelle Profilierung zutiefst prägend sind (Italienreisen, Antikenrezeption, klassizistische Ästhetik). Als Höhepunkt in der literar Gestaltung des geistigen Nord-Süd-Zwiespalts darf ‘Faust II’ gelten (Klassische Walpurgisnacht, Helena-Episode). 1
topographisch a
als (umschreibende, mehr od minder präzise) Orts- od Lageangabe; nördlich, im Nordteil (eines Kontinents, Landes, einer Region od dgl) gelegen; auch übergehend zu 2; meist mBez auf den mittel- u nordeuropäischen, auch skandinavischen Raum; einmal scherzh-altertümelnd ‘n-e Gauen’; vereinzelt ‘N-es Meer’ für das (nördlich von Sizilien gelegene) Tyrrhenische Meer [
mBez auf eine Sendung sibirischer Mineralien] Da ich denn zu bemerken habe, daß von mehreren..Mineralien gerade der n-e Fundort nicht angegeben..ist GWBB45,177,8 Loder 22.2.29 daß es mir sehr angenehm seyn wird, unseren Reisenden [
den aus Skandinavien zurückgekehrten JGNaumann] zu sprechen..da mir..nähere Kenntniß von den n-en Gebirgen höchst erwünscht wäre GWBB36,281,9 Conta 23.1.23 K Ich werde mich..morgen [
von Wiesbaden] nach Frankfurt zurückziehen, wo ich vor meiner endlichen Rückkehr in die n-en Gauen [
nach Weimar] noch ein freundliches Wort von Ihnen zu vernehmen wünsche GWBB26,68,22 Luck 10.8.15 B9,150,8 Meyer 21.8.89 B12,187,13 Schiller 8.7.97 B49,24,17 GAChKestner [29.7.31] 31,322,1 ItR Plp
uö gelegentl wie ‘norddeutsch’ a [
Adressat war wegen des Krieges von Düsseldorf nach Hamburg umgesiedelt] Möchtest du dich..vollkommen wieder erholen und auch um deinetwillen der Friede bald die Welt beglücken, daß du in deine schöne Heimath wieder zurückkehren könnest, ich traue denen n-en Sumpf und Wassernestern, in denen du diese paar Jahre zugebracht hast, gar nichts gutes zu GWBB11,86,9 Jacobi 12.6.96 Wenn die n-en freien Reichsstädte auf einen ausgebreiteten Handel, und die südlichern..auf Kunst und Technik gegründet standen, so war in Frankfurt am Main ein gewisser Complex zu bemerken GWB29,77,7 DuW 17 Eisenach..hat das Ansehn einer n-en Gewerbstadt GWB34
2,150 VorbereitgItal 1795/96 B40,275,21 CarlAug 31.1.26 K
uö b
als Herkunftsangabe α
von Personen: in Mittel- od Nordeuropa lebend, ansässig, dorther stammend; gelegentl iSv skandinavisch; ‘n-e Potentaten/Heroen’ für Könige u Kaiser von Preußen, Rußland, Schweden Reisende haben bemerkt, daß die Sklaven sich gegen ihre türkischen Herren mit weit mehr Aisance [
Ungezwungenheit] betragen, als n-e Hofleute gegen ihre Fürsten GWB46,63,6 Winckelm Gesellsch Ein n-er gelehrter Antiquarius, mit Namen [
MF]Arendt, befindet sich hier..Er ist 1773 in Altona geboren GWBB20,278,15 ChStein 16.1.09 [
über den gebürtigen Balten JNRLenz] blaue Augen, blonde Haare, kurz ein Persönchen, wie mir unter n-en Jünglingen von Zeit zu Zeit eins begegnet ist GWB28,76,11 DuW 11 Ich..sah am 24. die beiden n-en Potentaten [
Alexander I von Rußland u Friedrich Wilhelm III von Preußen] in Dresden einziehen GWBB23,393,19 Reinhard 1.7.13 Nicht lange darauf [
nach der Verbrennung der türkischen Flotte in Tschesme 1770] ergreift ein junger n-er König [
Gustav III von Schweden]..die Zügel des Regiments GWB29,67,19 DuW 17 B12,9,11 Schleusner [nach 15.1.97] K B23,114,16 CKnebel 17.10.12
uö β
von Naturerscheinungen, Gesteinen, Pflanzen u Tieren: im (europäischen) Norden, insbes in den skandinavischen Ländern, vorkommend, von daher stammend [
Norden:] Doch wendet nun..|Zu nord'schen Himmelsfeuern das Gesicht GWB16,222 Maskenz RomantPoesie 90 [
betr Gesteinsproben aus Christiania] Beschäftigung..den Reichthum n-er Mineralien..zu ordnen und..zu etiquettiren GWBB45,294,12 Reinhard 18.6.29 K Einen gleich merkwürdigen Fall [
Trennung des Nasenknochens von der Kinnlade] habe ich an dem Schädel eines n-en Bären gesehen GWBN8,176,25 AllgKnochLehre 1 31,188,22 ItR B34,143,17 CarlAug 25.2.21 K
uö γ
von Speisen, Lebensmitteln: im Norden erzeugt ist es schon artig genug, wenn sich hier [
im Fastnachtslied der bittenden Kinder] südlicher Wein..Mehl- und Eyersemmelchen, die n-en Bratwürste ins Gleiche stellen GWB42
2,460,7 Üb Volks- uKinderlieder 2
im term techn ‘n-e Breite’2) Im Jahre 97 ging er [
der Altertumsforscher MFArendt] von Copenhagen zu Schiff nach Finnmarken und landete bey Hammerfest unter dem 71sten Grad n-er Breite GWBB20,279,7 ChStein 16.1.09 3
kulturgeogr; dem transalpinischen, mittel- u nordeuropäischen (bes auch dem skandinavischen) Kulturraum zugehörig bzw hist daraus erwachsen, dafür typisch, charakteristisch; meist in offener od unterschwelliger Gegenüberstellung zur (klimatisch begünstigten, kulturell disparaten) südlich-mediterranen Sphäre; auch im Bild; gelegentl in Berührung mit 1 Paradoxon..daß zu Neapel..noch die meiste Industrie in der ganz niedern Classe zu finden sei. Freilich dürfen wir sie nicht mit einer n-en Industrie vergleichen, die..im Sommer für den Winter zu sorgen hat..dadurch werden die schönsten Tage..dem Genuß entzogen und der Arbeit gewidmet..Gewiß haben diese Naturwirkungen..den Charakter der..ehrwürdigen n-en Nationen bestimmt GWB31,259,22 u 260,16 ItR Ich vermuthete zwar sehr bald nach..erlangter Kenntniß des südlichen Zustandes, daß dieß wohl eine n-e Ansicht sein möchte, wo man jeden für einen Müßiggänger hält, der sich nicht den ganzen Tag ängstlich abmüht GWB31,254,5 ItR O wie fühl' ich in Rom mich so froh!..|Sternhell glänzet die Nacht, sie klingt von weichen Gesängen,|Und mir leuchtet der Mond heller als n-er Tag GWB1,242 Vs 156 RömEleg VII viel mehr wunderte ich mich über eine Romanze, welche ein..Neapolitanischer Knabe..einige Wochen sang, deren Inhalt und Vorstellungsart so
n. als möglich ist GWB32,352,4 ItR Tischbein mahlt mich jetzo..Er mahlt mich Lebensgröße..Es giebt ein schönes Bild, nur zu groß für unsre N-e Wohnungen GWBB8,105,24 ChStein 29.12.86~30,242,1 ItR 2,161 Für das Gute 5 B12,200,7 Meyer 21.7.97 B21,445,18 Jacobi 19.12.10
uö gelegentl im (scherzh od iron-distanzierenden) Selbstbezug das Bild einer berühmt-schönen Frascatanerin..man befindet sich, vor ihr stehend, wie im wohlthätigen Sonnenschein..Diese regelmäßigen Züge, diese vollkommene Gesundheit, diese innerliche selbstzufriedene Heiterkeit hat für uns arme n-e Krüppel etwas Beleidigendes, und man begreift, warum unsre Kunstwerke kränkeln, weil sie ja sonst niemand ansehen möchte GWBB45,132,19 Zelter 18.1.29 1,235 Vs 41 RömEleg II 30,128,4 ItR
uö vereinzelt (auch autobiogr) neben ‘deutsch’ [
betr Unterschiede zwischen ‘Volksliedern’ u ‘Liedern des Volks’] Verziehen sei es mir, daß ich nach deutscher und n-er Weise etwas aushole GWB41
2,70,9 Üb:SpanRomanzen Inzwischen [
während der Beschäftigung mit griech Kunst] fand ich noch manche Hindernisse und konnte meine n-e Natur nur nach und nach beschwichtigen, meine deutsche Gemüthsart, die aus der Hand des Poeten alles für baar Geld nahm GWB42
2,468,1 Zu:Eurip,Kyklops
uö mBez auf Literatur, Mythologie, Bau- u Gartenkunst; auch iSv altnordisch, germanisch die Nibelungen..So viel ich, ohne sonderliches Studium dieses merkwürdigen Gedichtes, einzusehen glaube, ist, daß die Fabel in ihren großen Hauptmotiven ganz
n. und völlig heidnisch..sey GWBB19,443,24 Eichstädt 31.10.07 Siegfried und Siegurd, n-e Ritterfiguren GWB16,458 Maskenz RomantPoesie Skizze der humoristische Zug, der durch die ganze n-e Mythe durchgeht, war mir höchst lieb und bemerkenswerth GWB28,144,3 DuW 12 [
im Mannheimer Antikensaal] ich läugne nicht, daß bei'm Anblick jener so ungeheuren als eleganten Akanthblätter [
des Pantheon in Rom] mein Glaube an die n-e Baukunst etwas zu wanken anfing GWB28,87,11 DuW 11 Garten Giusti [
in Verona]..ungeheure Cypressen..die alle pfriemenartig in die Luft stehen. Wahrscheinlich sind die spitz zugeschnittenen Taxus der n-en Gartenkunst Nachahmungen dieses herrlichen Naturproducts GWB30,75,21 ItR~T1,204,27 v 17.9.86 41
1,136,2 KlassRomantItal B22,148,1 WGrimm 18.8.11
uö in Aussagen über ‘Faust’ sowie im Stück selbst als Gegenpol zur griech-röm, klassischen Sphäre; auch mBez auf den mephistophelischen Herrschaftsbereich; ‘n-es Phantom’: je einmal für den Teufel u (pl) im Hinblick auf die mittelalterliche, nicht-antike Figurenwelt in ‘Faust’ Vor die schöne Homerische Welt ist..ein Vorhang gezogen und die n-en Gestalten, Faust und Compagnie, haben sich eingeschlichen GWBB13,116,4 ChSchiller 14.4.98 Ihre letzten Aufsätze über Laokoon habe ich noch nicht gesehen..ich bin für den Moment himmelweit von solchen reinen und edlen Gegenständen entfernt, indem ich meinen Faust zu endigen, mich aber auch zugleich von aller n-en Barbarey loszusagen wünsche GWBB13,46,9 Hirt [25.12.97] K [
am oberen Peneios; Mephisto, den Lamien folgend:] Die n-en Hexen wußt' ich wohl zu meistern,|Mir wird's nicht just mit diesen fremden Geistern GWB15
1,140 Faust II 7676 [
Mephisto zur Hexe:] die Cultur, die alle Welt beleckt,|Hat auf den Teufel sich erstreckt;|Das n-e Phantom ist nun nicht mehr zu schauen;|Wo siehst du Hörner, Schweif und Klauen? GWB14,122 Faust I 2497 B12,181,23 Schiller 5.7.97
uö nordisch-literarisch
zu ‘nordisch’ 1a habe..mich entschlossen nach Baden am Rhein zu gehen..Möchten Sie..mir..einige Nachricht geben, was..in unserm nordisch literarischen Kreise [
in Jena] Bedeutendes vorgeht GWBB27,94,20 Eichstädt 13.7.16 nordisch-moralisch
zu ‘nordisch’ 3 Wenn man diese Stadt [
Neapel] nur in sich selbst und recht im Detail..und..nicht mit einem nordisch moralischen Policey Maasstab ansieht; so ist es ein großer herrlicher Anblick..eine Stadt die man übersehen kann und doch so unendlich manigfaltig und so lebendig GWBB8,216,19 ChStein 25.5.87 nordisch-überseeisch
zu ‘nordisch’ 1bβ die Ähnlichkeit [
der mecklenburgischen u preußischen Geschiebe] mit den nordisch überseeischen Felsgebilden ist allzu auffallend, als daß man sich die Verwandtschaft verläugnen könnte GWBN9,285,17 Üb:Hoff
Syn GWB
nördlich zu 1b und 3
GWB
nordländisch 1) vgl zB die entspr Wortartikel in Adelung2 3,521 sowie Sanders 2.1,4442) vgl Zedler 24(1740),1282 s v Nordische Breite Undine KramerU.K.