gleiszen,
vb. ,
glänzen, leuchten; sich verstellen, heucheln, zu *ghleid-,
einer dentalerweiterung der basis ghlei-
zur idg. wurzel ghel- '
glänzen, schimmern',
näheres s. Walde-Pokorny 1, 627.
ahd. glîzan
ist zufrühest in glossen des 9.
jh. bezeugt: nitidius glizantiu Steinmeyer-Sievers 1, 543, 11;
micat clizit 2, 334, 27;
emicans clizzanti 2, 742, 38,
ferner in Vergilglossen des 11.
jh. (
s. u.),
literarisch nur bei Notker,
vor allem in der übersetzung des Martianus Capella, s. die belege unten und Graff 4, 289.
das ahd. kennt daneben die intensiva glizzan,
nhd. glitzen (
s. d.)
und glizzinon,
nhd. glitznen (
s. d.).
im as. gehört glîtan
deutlich zu den aussterbenden wörtern, es begegnet nur einmal in alliterierender formel: lioht uuolcan skên glîtandi glîmo (
bei der verklärung Christi)
Heliand 3145
B.; trotz der angabe von Dähnert
pommersche ma. 154,
dasz gliten '
gut scheinen, gleiszen'
noch in historischen quellen begegne, ist gliten
weder im mnd. noch in den heutigen nd. mundarten belegt. mnd. glis(s)en '
gleiszen'
ist, soweit nicht ursprüngliches *gelikesen '
sich verstellen' (
hd. gleichsen,
s. o.)
vorliegt, entlehnung aus dem hd., s. u. C.
die vermutung, ein einmaliges glîten
bei Ebernand v. Erfurt 3260 (: sie liez ez ouch guot glîten an vazzen silberînen)
könne eine entlehnung aus dem nd. sein, geht daher fehl; doch s. unten gleiten A 6; gleiszen
fehlt auch allen auszerdeutschen dialekten. auf oberdeutschem boden bewahrt nur noch die Schweiz das wort, s. Staub-Tobler 2, 647;
in Schwaben ist es ausgestorben, wiewohl es hier in historischen quellen oft bezeugt wird, s. Fischer 3, 690,
ebenso fehlt es heute anscheinend auch in Bayern und Österreich. im mittleren sprachgebiet ist es hinwieder mehrfach bezeugt: glaisze, glêsz, geglêsze
dtsche maa. 6, 421
Frommann (
für die Rhön und Henneberg); gless
glänzen Spiesz
henneberg. idiot. 79; gliss
glänzen (
aus Salzungen und Winterstein) Hertel
Thüring. sprachschatz 107; gliessen
glänzen, gleiszen, sudetendeutsch glisse,
gleisznerisch sprechen Albrecht
Leipziger ma. 123; glieszen '
nur in bestimmten fällen für glänzen' Müller-Fraureuth
obersächs. 1, 425; gleisse Stauf v.
d. March
nordmähr. ma. 45; gleiszen (gleisza
Adlergebirge)
glänzen, in Nordböhmen glissen Knothe
wb. d. schles. ma. in Nordböhmen 259; es gleiszt,
davon gleiszleinwand
sles. idiot. (1787) 45.
aus dem mitteldeutschen stammt preusz. gleischen (
s. d.)
und gleisch (
s. d.).
seit dem 16.
jh. finden sich bei gleiszen
schwache formen: gleiste
Sigenot 63
Schade; gleisseten
Fortunatus (1509) 104
ndr.; Luther
hat gleisten 9, 386, 2
W. neben gliesse 6 (
Jena 1568) 478
b und geglissen 28, 675, 8
und 30
W. in der folgezeit werden die starken formen selten (
im 17.
und 18.
jh. noch bei Opitz, Moscherosch
und Lavater,
s. u.),
erhalten blieben sie bis in das jüngste schrifttum: sie glissen Stefan George
fibel (1907) 101; er glisz Eb. König
verzauberter könig (1925) 12.
aus dem meiden der präteritalformen überhaupt läszt sich jedoch ersehen, dasz das sprachgefühl schon sehr früh unsicher wurde. seit dem 19.
jh. überwiegen die schwachen formen bei weitem, s. u. unter den sprachtheoretikern verzeichnet die schwachen formen zuerst Isaac Poelmann
neuer hochdt. Donat (1671) (geglissen
und gegleiszet)
s. Paul
gr. 2 (1917) 207,
anm. 8. Duesius
grammatica (1668) 80
hat auch gliesz
neben glisz, gegliszen,
ebenso gliesz, geglissen Steinbach 1 (1734) 605.
auszer diesen formen lassen auf eine dehnung schlieszen: gliesse Luther (
s. o.), Hans Sachs (
s. u. A 4), sie gliessen Kirchhof
wendunmuth 2, 111
Ö.; J. Ayrer
proc. juris (1600) 301; Lohenstein
Arminius 1 (1689) 1162
b; Ritter
erdkde (1822) 14, 896; gegliessen Mathesius
erkl. d. epistel an d. Corinther 1 (1591) 42
a. AA. '
schimmern, leuchten, glänzen',
d. h. licht ausstrahlen oder zurückwerfen. in dieser rein sinnlichen bedeutung hat sich gleiszen,
obwohl es mhd. und frühnhd. durchaus sprachläufig ist, aus der umgangssprache vor dem jüngeren glänzen
mehr und mehr zurückgezogen, vgl.: '
im hochdeutschen ist es im gemeinen sprachgebrauch veraltet und kommt daselbst nur zuweilen noch bei dichtern vor' Adelung 2 (1775) 715.
wie die belege zeigen, erscheint gleiszen
wohl in den gleichen anwendungsbereichen wie glänzen,
doch mit weit geringerer häufigkeit und oft mit abweichender bedeutungsfärbung. A@11)
von lichtquellen, so von den gestirnen: er chan gezellen die glîzenten sternen
hic vibrata potest noscere sidera Notker 1, 765, 10
Piper; vgl. ebda 723, 17; 769, 13;
seither nur selten belegt: er liess hier gleissen schon die sonn und auch den mon
bergreihen 42
ndr.; indem der hundes-stern anjetzt so hefftig gleist und feld und wiesen kocht mit seinem schweren hitzen Opitz
opera 1 (1689) 63;
im vergleich: das sie her gleissten weit von fern, gleich wie am himmel thun die stern, als glützten inns graffen saal die fräulein Jac. Frischlin
hohenzollerische hochzeit 36
Birl.; bildlich von anderer lichtquelle, mit glänzen
zu alliterierender formel verbunden: so er (
der mensch) sich zu gott kert, so gleiszt und glantzet in im ain liecht und gibt im zuo erkennen, was er tuon oder lassen sol Tauler
sermones (1508) 12
a.
die redensart: er gleiszt wie ein dreck in einer latern Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 25
b geht zurück auf Luther
w. 38, 227, 28
W., vgl. ebda 33, 52, 23.
vergleichbar: si glaisz sam ain petelsak
lügenpredigt v. 36,
s. zeitschr. f. dt. altert. 36, 151;
in neuerer sprache nur von einem scharfen, grellen licht: heute scheint eine kalte gleiszende sonne mit wind und staub, rechtes diplomatenwetter Bismarck
br. an s. braut (1900) 398; seine (
des fichtenwaldes) wipfel fingen an sich stetiger zu vergolden und durch seine düfte schien immer gleissender das sonnenlicht Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 265; aus ihrem (
der wolken) trägen schosz zucken gleiszende blitze O. Gmelin
sommer mit Cordelia (1933) 84. A@22)
vom widerschein eines überirdischen glanzes; vgl. cornuta facies ein gliszende antlitz (15.
jh. md.) Diefenbach
gl. 152
b (
zu exodus 34, 29:
Moyses ... ignorabat, quod cornuta esset facies sua ex consortio sermonis domini): der allererst ein gott glisz, scheinet als bald ain hailosz männlin Seb. Franck
morie encomion 51
Götz.; mit einem accusativ verbunden in dichterischem gebrauch: noch in den himmlischen höhn ... die allmacht hielt sie (
die engel) ... sie gleiszten alle noch ruhe, noch freud an dem lichte, noch durst nach der nähe gottes ... noch in den himmlischen höhn verweilten sie lange wurden noch gesandt in alle welten Lavater
ausgew. schr. 8, 76
Orelli; im vergleich: ein kindlein in der wiegen, ein kleines kindelein, das gleyszt gleich wie ein spiegel, nach adelichem schein, das kleine kindelein
bei W. Bäumker
kathol. kirchenl. 1, 401. A@33)
vom glanz der augen, vgl.: nitentibus glizendien
ahd. gl. 1, 297, 25 (
zu Esther 15, 8:
gratis ac nitentibus oculis, Luther: mit genemen und mit leuchtenden augen);
nur vom sinnlichen eindruck, nicht vom auge als spiegel seelischer vorgänge: seine (
des uhus) augenring glissend ganz saffergel Heuszlin
Gesners vogelbuch (1557) 160
a; der wolff hat ... gleissende fheurende augen Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 153
a; (
böse weiber,) denen die augen gleissen wie einer katzen Mathesius
Syrach (1586) 168
b; (
der teufel) augen gliessen durch die brillengläser J. Ayrer
proc. juris (1600) 301; etliche (
leute) haben keine zungen, blau gleissende augen J. Prätorius
anthropodemus pluton. (1666) 1, 396; und drüber, wo der schein zerfleuszt, ein dunkler augenspiegel gleiszt Annette v. Droste-hülshoff
ges. schr. 2 (1879) 20
Sch. A@44)
ganz üblich von leuchtendem geschmeide und strahlenden gewändern, besonders vom glanze des goldes: glîzenta coronam (
flammantem coronam) Notker 1, 740, 27
P.; 1, 88, 30; diu ida (
vena) gleiz lutteres coldes 1, 697, 23; des tages niht erloschen was diu liehte sunne heiz, dâvon unmâzen schône gleiz, ir wünneclich gesmîde Konrad v. Würzburg
Partonopier 14466; fittiche mit gleissendem golde Luther
vorrede zum psalter, s. Bindseil 7, 323; herrliche königliche tapezerei ... welche von gold und silber gleich wie die sonne ... geschinen unnd geglissen H. Müller
türckische historien (1563) 52
b; wie die herzogin das kästchen aufschlug, gleiszten und glänzten die kleinodien mannigfalt auf dem roten samtfutter Scheffel
ges. w. (1907) 1, 110; wie ein bauer, dem der gleiszende glanz des goldes (
in einer rokokokirche) einzig und allein die herrlichkeit der jauchzenden himmel vor die sinne zwingt Weigand
d. Löffelstelze (1919) 272;
im vergleich: ir har recht als das gold geleisz Hans Sachs 3, 284, 23
lit. ver.; (
bäume und kräuter) die wie die edlen steine glissen B. Ringwald
trewe Eckart (1589) e 5
a vom persönlichen träger: tie ubermuoten chuninga ... in iro pupurun glizende (
claros nitente purpura) Notker 1, 245, 9
Piper; ein könig gleiszt und hat ein ansehen von seiner kron Luther
tischreden 4, 48
W.; sind diese die, die vor der zeit in purpur, seid und gold geglissen? Gryphius
lyr. ged. 345
lit. ver.; (
reiche,) welche sich schmücken und an allen orten gleiszen Jacob Böhme
s. w. 5, 575
Sch. mitunter auch vom verführerischen glanze unter spürbarem einflusz der unter B
angeführten bedeutungsentwicklung: weg gleiszend gold, du kalter satan weg E.
M. Arndt
s. w. 3, 216
Rösch-M. die sprichwörtliche redewendung es ist nicht alles gold was gleiszt
hat lateinische vorbilder und ist seit mhd. zeit immer wieder bezeugt, s. Wander sprichw. 1, 1789: er irvolte daz altsprochene wort: iz enist nicht allez golt daz da glizzit pfaffe Konrad
Rolandslied 1959
W.; es ist nit alles gold, das gold gleiszt Seb. Franck
sprichw. (1541) 84
b; maint ich, was glies, wer alles golde Hans Sachs
fabeln u. schwänke 4, 306
ndr.; vgl. aus späterer zeit Wieland
Agathon (1766) 2, 212; Herder 29, 575
S.; Göthe I 4, 67
W. A@55)
vom glanz der waffen, vgl. viprantia schefti clizanti
ahd. gl. 4, 23, 65
Steinmeyer-S.; sehr üblich in ritterlicher dichtung: der edel tugende riche gast sach verre glizen den glast gen im durch das gevilde her, liehte schilde, glänziu sper gevärwet wol durch hohen vlis Rudolf v. Ems
Willehalm 5978; als ein luter spiegel gleiz sin halsberc da ze wunder Konrad v. Würzburg
Engelhard 4712
H.; die hatten alle gancze (
l. glanze) krebisse an und glissen als ein spigel schone Konrad Stolle
thüring. chron. 111
lit. ver.; alle in gantzem harnasch angethon und gleisseten als die spiegel in der sunnen
Fortunatus (1509) 142
ndr.; ich kenne dich bei dem helm rot, der also weit her gleiste
Sigenot 63
Schade; man sahe den harnasch gar schön von der scheinenden sonnen gleissen oder glitzern
hertzog Aymont (1535) c 1
a; zu morgens frü waren alle felder erfüllet mit fuszknechten und gereisigen, glissen von harnisch und mördtlichen waffen Schaidenreiszer
Odyssea (1570) 229
b; die Boier ... glissen von guldinen waapenkleidern Stumpf
Schweizerchron. (1606) 163
b; der hauptmann führt drei beile, sein rüstung glänzt und gleiszt, dasz mirs wie wetterleuchten noch in den augen beiszt Uhland
ged. 1, 281
Schm.-H.; während die männer und väter eher trotzig und herausfordernd vor den gleiszenden rittern standen Immermann 6, 44
Boxb.; während die gleiszende reiterei hinter staubwolken verschwand (
bei einer kavallerieattacke) H. Carossa
das jahr der schönen täuschungen (1941) 257.
demgegenüber sonst nur vereinzelt vom blinkenden metall; vgl. ahd. splendescere glizzan
ahd. gl. 2, 626, 39,
zu Vergils georg. II 46 (
von der glänzenden pflugschar); esz niemand kein han, die obn auff dem kirchthuren stahn, welche von gelben meszing gleissen Hans Sachs 17, 414
lit. ver.; die pfeifen in der orgel gleisten von ferne schön new und hell Moscherosch
gesichte 3 (1646) 58; ihre gleiszenden, wohlverzierten geschützröhren, kanonen, metzen und karthaunen G. Keller
ges. w. (1889) 2, 179. A@66)
auch sonst mannigfach von körpern, in deren oberfläche sich das licht widerspiegelt: (
gott sei) wie eine hübsche liechte tafel und Christus wort sei wie die son, und gleich als die son auff eine solche tafel scheinet, das sie deste schöner leuchtet und gleisset Luther 12, 414, 26
W.; gebeuw von gleissendem marmor Seb. Franck
weltb. (1542) 179
b; in dem saal man viel manche schöne gleissende marmelsteine tafeln sahe
buch d. liebe (1587) 130
b; die lügen sein wie ein glas, das schön gleisset, aber gar bald zubricht Butschky
Pathmos (1677) 351; wo die sonne darein schien, da glieszen die felsen eben, als wären sie polirt Ritter
erdkde (1822) 14, 896; wachskerzen (
erhellten) den hohen raum, zwischen marmorpfeilern glisz ein hoher spiegel Eberh. König
verzaub. könig (1925) 12;
schon die höfische dichtung liebte den vergleich mit dem spiegel (
s. o.): (
säulen,) die da alle als die spiegel gleissen
buch d. liebe (1587) 167
d.
vom glänzenden gefieder und fell: und ward der pfaw sich rümen ... der schönen, glyssenden ... federn Steinhöwel
Äsop 274
lit. ver.; der otter (
hat) schöne gleyssende linde haar Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 129; sie (
die tigerin) liegt so bequem in ihrem weiten gleiszenden felle Aug. W. Schlegel
s. w. 9, 67
B. vom schimmernden gestein: nitida seu micans gleissend wie ein glimmer
M. Ruland
lex. (1612) 54; von den wällen gewälzet gleiszet der sand
M. T. Alpinus
Polydorus Vergilius von d. erfindern (
Augsburg 1537) 63
a; des sandes röhtliches gleissen Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. 5 (1645) )( )( )( )( 5
b; ...
vom spiegel der wasserfläche. ein solches grosz scheinend fewer ..., dasz die fürlauffende Donaw allenthalben von dem gleissenden wasser sichtbar gewesen H. Megiser
annales Carinthiae (1612) 1435; libellen, die über seiner (
des sumpfes) gleiszenden fläche spielend flattern Bauernfeld
ges. schr. 6 (1872) 57; da ist der sturzbach. dunkle wellen von des gebirges wettern genährt wälzen sich, wo vor kurzem noch friedlich silberne linien und lachen glissen Stefan George
die fibel (1901) 107;
vom feuchten oder fettigen glanz: der wein erfrewe des menschen hertz und seine gestalt gleisse von öl Agricola
sprichw. (1534) a 8
a,
bei Luther: das ... seine gestalt schön werde von ole
psalm 104, 15,
s. auch unten 8; grave Ludwig von Canossa schalte an etlichen weibern, die sich anstrichen, dasz sie darvon glieszen und sich einer darinn wie in einem spiegel besehen mochte, und hatte es hoch für übel Kirchhof
wendunmuth 2, 111
Ö.; (
die losung des hirsches) gleisset an der sonne als wan sie mit ohle begossen Joh. Täntzer
Dianen jagtgeheimnüsz (1682) 1, 76; (
ringer,) deren leiber über und über von eingeschmiertem öle gliessen Lohenstein
Arminius 1 (1689) 1162
b; halte das grasz gegen die sonne, gleust es noch, so ist er (
der hirsch) neulich da gegangen Chr. Lehman
hist. schauplatz (1699) 533; die haut seines angesichts ... gleiszte von fettigkeit Bahrdt
geschichte s. lebens (1790) 3, 268.
wie hier schon früh von wohlgenährtheit und sattheit: ich sehe sie (
die pfaffen) wol glatt uszgestrichen, hübsch, rein, wolgewartet ... gleissend, zart und überausz weich Hutten 4, 298
Böcking; damit die ochsen ... schöner und gleissender werden Sebiz
feldbau (1579) 32; die zuletzt aus dem Nile gestiegenen kühe Pharaonis fraszen auch die alten auf, so hundsmager und schäbigt sie selbst waren und so schön fett und gleiszend die andern (1842) Annette v. Droste-Hülshoff
an Levin Schücking, s. br. 2, 74
Sch. K. —ungewisz, ob hierher gehörend: solte der teig gleisend werden, dasz er fliessen wolte, kan man ein wenig stärckmeel darunter mischen v. Hohberg
georgica curiosa 3 (1715) 1, 156
b. A@77)
bei farbbegriffen zunächst vom leuchtenden weisz, vgl. candidus glisszende (15.
jh. md.) Diefenbach
gloss. 94
c;
albico weisz sein, weisz gleissen Frisius dict. (1556) 71
a;
candidus das scheint und gleiszt 180
a;
candidus weisz, gleissend Calepinus xi
ling. (1598) 192: das andere ist ir (
der lilie) varwe: die wisset das si vor ander varwe glisset Johannes Rothe
lob d. keuschheit 2400
N.; in weissem atlas gleissen Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 2, 3; es glänzt mein haar im kerzenlicht wie heller flachs am rocken gleiszt Agnes Miegel
ges. ged. (1927) 142.
ähnlich: der schne weiss und gleissend ist W. H. Ryff
confectb. (1548) 182
b; in den hohen alpen ... die ... mit ewigem schnee gleissen Seb. Münster
cosmogr. (1550) 504.
vom fahlen widerschein: ich sahe auf allen feldern die menschenknochen gleissen Schottel
friedens sieg 42
ndr.; ich hab sie gesehen die hexenbraut, sie hat zwei augen wie räder, durch ihre gleiszende schwanenhaut durchscheint das blaue geäder graf Strachwitz
ged. (1850) 332.
gern vom widerschein des bleichen mondlichtes: als beide endlich aus dem walde kamen und vor die hinabliegende im monde gleiszende landschaft traten Jean Paul 32, 54
H.; (
die) tannen, deren weisze stämme im mondenlichte silbern gleiszten Anzengruber
ges. w. (1890) 2, 82; die wiesenhänge gleiszten im weiszen licht (
des mondes) Hans Watzlik
d. alp (1923) 25; im fahlen mondlicht, weit umher, gleiszte der schollen (
des eisgangs) gespenstisches heer Agnes Miegel
balladen (1922) 14.
weiterhin steht gleiszen
von hellen farbtönen überhaupt, um die besondere leuchtkraft hervorzuheben: die blumen sind schön und gleissend geel wie die maszblumen Tabernämontanus
kräuterbuch (1687) 110; die flügel glissend obenfür himmelblauw Herold-Forer
Gesners thierbuch (1563) 2, 14; drei fuchsrote perücken, eine gleiszender wie die andere E. T. A. Hoffmann
s. w. 2, 131
Gr.; selbst vom glänzenden schwarz: ein schuch ... gleisset vor schwärtze
schöne, weise klugreden (1548) 13
a; die pfosten und thüren waren ausz ganzem elphenbein, darunder hin und wider das schwartze dicke ebenholtz gleisz gemacht G. Forberger
warhafftige beschreibunge (1570) 391. A@88)
der schwerpunkt der bedeutung kann sich auch so verlagern, dasz der nebensinn des ästhetisch-schönen, der sich schon im voraufgehenden zeigte, das übergewicht erhält. vom glanz der menschlichen erscheinung: tia mahtist tu gerno sehen glîzenta
quam et conspicere nitentem velles Notker 1, 760, 3
P.; in Môrlant ist ein sê, der machôt den lîb scône: der sih dermite bistrîchit, diu hût im glîzzit
meregarto v. 52,
s. Müllenhoff-Scherer
denkm. nr. 31; und ir die stiren her gleiszet fein sam ein durchgraben helfebein
fastnachtsp. 265, 6
K.; diese Helena erschiene ... rote bäcklin wie ein röszlin ... ein uberausz schön gleissend angesicht
volksbuch von Dr. Faust 96
Petsch; Blandinen, dein gleiszendes töchterlein, schwächt, zur stunde jetzt schwächt sie ein schändlicher knecht Bürger
s. w. 33
b B. von sachlichen begriffen, vgl. die glossierungen: gleissen, sauber sein, glatt und schön sein
nitere, collucere, enitere; gleissende, glantzachtig
coruscus Maaler
teutsch spraach (1561) 185
d,
ferner: nitentia dicentun (
d. i. clizentun,
ahd. gl. 2, 627, 10,
zu Vergils georgica I 153:
interque nitentia culta): gehstu dann in die stuben frei, die gleiszet hüpsch und ist gar schon Montanus
schwankbücher 441
lit. ver.; schön zu gleissen sich befleissen städt und flecken Martin Rinckart
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 1, 459; wir, so uns gäst zu hausz kommen, thun allein versorgen dasz stüel, benck ... und alle andere dinge seuberlich seien und gleiszen R. Lorichius
paedagogia principum (1595) 198;
ohne zusätzliche bestimmung: man schauet Soloturn, das gleichwol uralt heisset, in solchem wesen stehn, dasz gleichsam alles gleisset Johann Grob
epigr. 194
lit. ver.; der herrschende geschmack fordert vom wahrhaft guten, ja vom schönen selbst, dasz es im gleisenden gewande auftrete Göthe I 47, 364
W.; neben uns (
war) eine ulmengruppe um ein gleiszendes vereinzeltes häuschen Jean Paul 39, 35
H. BB.
in übertragenem sinne: '
leuchten, durch äuszeren glanz hervorragen, sich hervortun'. B@11)
der gebrauch in positivem sinne wird von der verwendung im negativen sinne (
s. 2)
so sehr überschattet, dasz er keine durchgehende tradition zeigt: ich spriche ir lop daz glîze für allez daz man lebende siht
meisterld. der Kolmarer handschrift 468, 14
B.; iustitia, die so gleisset, das dy libe sonne und sterne finster syndt Luther 34, 2, 445, 27
W.; der Römer grosses lob hat schöner nie geglissen Opitz
geistliche poemata (1645) 267 (
trostged.); die wolredenheit, welcher wir uns dieses orts nicht zu rühmen, an den burgern gleisse wie ein hyacinth Harsdörffer
teutscher secretarius (1656) 1, (b) 3
b; der tugend volle siebenschaar, die siebenfältig in ihm gleisset Ph. Zesen
helikon. rosenthal (1669) 117;
als participiales adjectiv: was ist gleiszenderes, was rainers, was leutrers, was heilligers dann Nazarenus?
hertzmaner (15.
jh.) 142
b; ich will ... fragen, ob über das gleissende, klassische ding, was die Corneille, Racine und Voltaire gegeben haben, über die reihe schöner auftritte, gespräche, verse und reime mit der abmessung, dem wohlstande, dem glanze —etwas in der welt möglich sei Herder 5, 214
S. B@22)
das übergewicht der negativen bedeutung erklärt sich aus dem zusammenfall von mhd. glîchsen
simulare und glîzen
micare; näheres s. u. C.
vom unechten glanz, der über das wahre wesen hinwegtäuscht: zuoletst des menschen gemüt also formiert und geschnitzet, das er vil mer mit dem ansehen und gleisten (
var. gleissen), dann mit dem ding würt gefangen Seb. Franck
morie encomion 40
b Götz.; es musz nur gleiszen und gelt gelten, in gold sein gefaszt, so ists gut Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 210
b; es (
mein herz) fragt nach keiner pracht, die nur von aussen gleiszt Chr. Weise
die drey klügsten leute (1675) 345; gedancken die zuerst gleissen, thun zuletzt die leut beschmeissen Lehman
floril. polit. 1 (1662) 264; kinder lassen sich nur von dem, was gleiszt, bethören Wieland
s. w. 4 (1794) 198; es gleisset arg verlockend zeitlich gut Chamisso
w. (1836) 4, 149.
noch ganz sinnlich: so alles fleisch nüt ist dann ein glyssender blum, der von stund an hinfällt Zwingli
dtsche schr. 1, 223.
persönlich gewendet '
sich ein glänzendes äuszere geben': denn wer sich wil der hoffart fleissn für andern sonderlich zu gleissn B. Ringwaldt
lauter wahrheit (1598) 37; ein mensch von welt kann derjenige wohl am wenigsten heiszen, der in armseliger einseitigkeit mit einigen todten und leeren bildern der welt gleiszet und tändelt E.
M. Arndt
schr. für u. an seine lb. Deutschen 2, 277; warum soll gleisznerisch ein schlechter sich bestreben, mit falschem scheine sich des guten zu umgeben, ein guter aber sich im gegenteil befleiszen, zu scheinen schlechter als er ist, um nicht zu gleiszen? Fr. Rückert
ges. poet. w. (1867) 8, 211;
von Klopstock
einmalig transitiv gebraucht im sinne von '
verhüllen, mit einem glänzenden äuszern verkleiden': kein krieg kann gerecht sein so den tiefen grund legt ewiges kriegs. betüncht ihn gleiszt ihn; er wird nicht gerecht
oden 2, 45
M.-P. gern in der form des part. adj.: die gleissenden hofämter, aufgeblasene titeln ... waren meine schwachisten anfechtere Lindenborn
Diogenes 1 (1742) 674; dieser liebet den prunk gleiszender wissenschaft, stapelt bücher auf bücher auf Hölty
ged. (1869) 110
Halm; (
er), der seine ungeschminkte und natürliche ... beredsamkeit allem firnisse und aller schminke eines gleiszenden witzes vorzieht
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit (1751) 3, 587; (
gespräche) ohne allen gleiszenden und tändelnden witz
ebda 9, 608; durch gleiszende versprechungen getäuscht Fr. L. Jahn
w. 1, 427
Euler; gleiszende projecte Treitschke
dtsche gesch. im 19.
jh. 1, 370;
selbst neben dem negativen begriff: für reichtum (
halten) gleiszende armuth J. G. Jacobi
s. w. (1807) 6, 183; (
ich schrieb) mythologische briefe zur enthüllung der gleiszenden unwissenheit J. H. Voss
antisymb. (1824) 2, 36;
der bildliche gebrauch greift auf den ursprünglichen sinnlichen gehalt des verbums zurück: flickwerk, möchte man es auch mit den gleiszendsten flittern behängen Holtei
erz. schr. (1861) 5, 75; der tod zerrt von allem, was mich täuschte, die gleiszenden hüllen fort 17, 196. B@33)
ausgebildet hat sich dieser gebrauch im religiös-kirchlichen schrifttum des 16.
und 17.
jh., zunächst um äuszerliche, nur auf den schein bedachte religiosität dem echten christentum des herzens gegenüberzustellen: es scheinet und gleisset nichts und ist ein gar geringe ding anzusehen, einen armen frumen pfarherr odder prediger zu neeren odder schützen, aber eine marmelkirchen bawen, glden kleinot schencken, den todten steinen und holtz dienen, das gleisst, das scheinet, das heissen königliche, fürstliche tugent. wolan, las scheinen, las gleissen, ynndes thut mein ungleissender pfarher die tugent, das er gottes reich mehret, den himel füllet mit heiligen, die hellen plundert, den teuffel beraubt Luther 31, 1, 199
W.; was für der welt gleist, leucht und scheint, das ist für got niblich, trüb und finster Caspar Gruner
wider d. gotlosen tentz (1525) a 4
b; das (
beim christen) alles von innen heraus entspring, von seinem hertzen, das es nit allein gleisz, sonder gold sei Seb. Franck
chron. u. beschr. d. Turckey (1530) n 2
b; die menschenler die gleisset ser. wer kann ir list erkennen? Hans Sachs 22, 88
lit. ver.; dasz ich ... mich nit ker an menschenleer und
gleisznerei, wie schön, hübsch und gleissen si sei
derselbe 22, 90; die baalspfaffen mit irem anhang fur der welt schön gleissen und fur heilig gehalten werden Joannes Draconites
von dem Adoney (1550) b 3
b; wir müssen gut exempel geben ... nicht als eine gleiszende hure, die da spricht: ich bin jungfrau und gleiszet in äuszerlicher zucht, ist aber eine hure im herzen Jacob Böhme
s. w. 6, 267
Sch.; also gleissest du von aussen und sprichst mit dem munde herr herr Butschky
Pathmos (1677) 209. B@44)
es war Luthers
sprachliches vorbild, das sich in diesem gebrauch auswirkte, vgl. Diez
wb. zu Luthers schr. 135: warheit ist, das recht ist, das nicht falsch ist, das nicht ein gleissen und schein hat Luther
w. 17, 1, 239
W.; alls was do gleisszet unnd scheinet, inn allen stenden verdechtig ist
briefw. 1, 431
W.; mitunter von ihm noch ganz sinnlich empfunden: juncker Laban, der heisset auff deudsch 'planck' odder 'weis', 'gleissend', wie das liecht her plickt odder scheinet ynn einem pecken, so bringet der name selbs mit, was er sey und deute, nemlich ein schön gleissender heuchler, wie der harnisch glentzet, wenn die sonne drauff scheinet
w. 24, 552, 8
f.; es (
das lügenbuch) gleist itzt im finstern als ein warhafftig und nützlich buch, aber ich wil yhm den firneys abstreichen und die farbe nemen, das yderman sehe die dieberey und lügen 23, 572, 16;
in fester formel: ist es aber on den segen, so ists verloren, es gleisse wie es wölle 24, 393, 18; wenn einer das (
gottes wort) nicht für sich hat, so ists abgötterei, es gleisse und scheine, wie herrlich und helle es wolle 28, 602, 19;
sonst: was nit sein ursprung ausz der hailigen geschrifft hat, ist nichts dann irttung, vinsternus und eitel verderbnus, wie hübsch solchs immer scheint und gleiszt S. Lotzer
schr. 76
Götze. B@4@aa)
von ihm immer wieder verwendet in seinem kampfe gegen die einrichtungen der alten kirche: das ... alle sieben weihe uns mit irem gleissen nicht irren sollen in den ampten Christi und der kirchen 38, 256
W.; die schönen ceremonien der bepstlichen kirchen ..., die drinnen gleissen
wider Hans Worst 27
ndr.; auch ganz prägnant: denn es ist in dem rechten gotsdienst kein underscheidt, sondern im gleissenden gotsdienst, welchen die menschen erfunden haben
w. 8, 550
W.; die stücke, so in der gleissenden kirchen in ubung und brauch sind gewest 30, 2, 347 (
ablasz, wallfahrten, seelmessen);
seinem sprachgebrauch entnommen: sie (
die messe) hat den gebrechen an die welt gebracht und ist anfangs irer geburt inwendig nie gesunt gewest, wie schön sie von auszen gegliszen hat Schade
satiren u. pasquille 2, 256. B@4@bb)
besonders um wert und wesen der '
guten werke'
zu charakterisieren: derhalben alle werck, wie gut sie seind, wie hübsch das sie gleissen, so sie nit auss gnaden fliessen, seind sie umbsunst
w. 2, 71
W.; (
Laban hat) ein ander weisz gehabt goth zu dinen, die nicht im glauben gestanden ist, sunder allein in wercken und in eusserlichen schein und gleiszen, hat grosz prachten furgeben mit viell beten und viel gutte werck thuen, di do seher leuchteten und gleisten
w. 9, 585, 33
und 586, 2; si ergo quis mactat filium
etc. non fidit deo sed operibus. certe es hat geglissen et speciem maximam sanctitatis habuit
w. 28, 675, 8
W.; vgl. weiter: w. 10, 3, 356, 33; 27, 381, 19; 32, 324, 34
und 39; 33, 220, 29; 34, 2, 132, 30; 34, 2, 133, 11.
daher auch: so sind alle werck greuel, wie heilig sie gleissen und scheinen Dannhawer
catech.-milch (1657) 1, 205. CC. '
sich verstellen, heucheln, gleisznerei treiben'.
diese bedeutung, die sich bei scheinen
und glänzen,
abweichend von der sonstigen parallelität der entwicklung, nicht ausgebildet hat, erklärt sich aus der lautlichen annäherung von mhd. glîchsen '
simulare'
an glîzen '
micare',
die durch assimilation des -ch-
in glîchsen
zuerst auf nd. und md. boden einsetzt, vgl. ipocritari glissen
und assimilari glissen
in einem handschriftlichen md. vocabular a. d. j. 1440
bei Diefenbach
gl. 55
c und 308
b;
beide verben erscheinen seither in quellen mehrfach in derselben lautgestalt: candeo schynen, glyssen
gemma gemmarum (1508) d 1
a;
assimulare, fingere glyssen
ebda c 2
a (
doch ipocritare glysznen
ebda n 4
b); gleissen, gläntzen
luire, item faire l'hypocrite, faindre Hulsius
dict. (1616) 141;
auch das mittelniederdeutsche trennt älteres glîs(s)en '
heucheln' (
aus *gelikesen)
nicht von später aus dem hd. entlehntem glîs(s)en '
gleiszen',
s. Schiller-Lübben 2, 121; Lasch-Borchling 1, 2, 121;
vgl. auch glijssen, lycken, polyeren
polire neben glijssen, vynsen
simulare, fingere v.
d. Schueren
Teuthonista 128
b Verdam. gelegentlich begegnen umgekehrte schreibungen: da ist die frucht auszwendig rott, aber innwendig vol unreinigkeit und gifftiger angel: als in lüstperkeit des teufels ist augenplickliche und gleichsende süssigkeit (
momentanea et apparens est dulcedo)
offenbarungen der hl. Birgitte (
Nürnberg 1502)
buch 4,
kap. 67; wie es gleichse, scheine und fule Luther 27, 2, 22
W. (
in der nachschrift des Bayern R. Rörer).
die lautliche angleichung hatte auch eine bedeutungsmäszige annäherung beider verben zur folge, so dasz das sprachgefühl die substantive gleiszner
und gleisznerei
nach dem zurücktreten und schlieszlichen aussterben von glei(ch)snen
und gleichsen (
s. d.)
unbedenklich mit dem etymologisch fremden gleiszen '
glänzen'
verband. auf einem teil des oberdeutschen gebietes unterblieb freilich der zusammenfall von ursprünglichem glîzen
und gelîchsen,
da sich die bedeutung '
simulare'
mit gleisznen (
s. d.) (
mhd. glîchsenen,
der erweiterten form von glîchsen)
verband, so dasz hier gleiszen '
micare'
und gleisznen '
simulare'
einander gegenüberstehen und in der regel streng getrennt werden, so von Seb. Franck, Kirchhof, Zwingli,
ebenso von den lexikographen Frisius, Calepinus, Henisch, Stieler, Dentzler, Ludwig
und Steinbach. C@11)
im gegensatz zum voraufgehenden umfaszt die bedeutung '
sich verstellen, heucheln'
ein zweckbewusztes tun und setzt daher einen persönlichen träger voraus. sie lebt nur wenig in finiten verbalformen: so lernen wyr nichts denn gleissen und beschönen und immer wie sich der teuffel in die gestalt eines guten engels verstellen soll Luther
w. 15, 133, 34
W.; ir müssendt gleisen und euch annemen, als ob ihr mit etwas kranckheit beladen werendt Wickram
w. 1, 257, 33
Bolte; solche unschuld kann nicht gleissen, gottes ist ihr angesicht Brentano
ges. schr. (1852) 3, 301; (
der fremde) spricht und gleiszt und ist ein bösewicht Grillparzer
s. w. 5, 25
S.; was wird erst sein wenn viele einst erstehn verführend gleissen: kommt! wir sind der weg Stefan George
der stern des bundes (1922) 99.
transitiv: auf der feste unter bloszen landmächten kann ein gefährliches übergewicht entstehen, wenn bethörungen, einschläferungen, vorspiegelungen von durchtriebener staatskunst recht schmeichlerisch gegleiszet werden Fr. L. Jahn
w. 2, 432
Euler; sonst ist dieser gebrauch nicht bezeugt. das evangelienb. des Mathias v. Beheim weicht ihm aus: di da vrezzin der witewen huosere glîsende an langem gebete (
qui devorant domos viduarum simulantes longam orationem Lucas 20, 47),
obwohl er sich im übrigen eng an die vulgata anlehnt; vgl. die sich gerecht glisenten (
qui se iustos simularent Lucas 20, 20,
in der ersten dtschen bibel: die sich geleichsenten gerechten 1, 303
lit. ver.);
ebensowenig sprachläufig war die syntaktische verbindung mit einem abhängigen infinitiv: er glysset hochzyt zu geschehen mit Philomelam ... das er versuchte den sun, ob er ein andre lieb wer hon oder nit
Terenz deutsch (
Grüninger 1499) 9
b. C@22)
dagegen um so häufiger in den nominalen formen. die belege entstammen zumeist religiösem zusammenhang. die grenzen zu den unter B
genannten belegen verschwimmen hier. der substantivierte infinitiv vertritt gelegentlich die substantive gleiszenheit
und gleisznerei: ab ich glissyns ye gepflege, got hindere myne wege
Hiob 11885
Karsten; in formelhafter verbindung: Albrecht von Mîzen der sundir alliz glîzin vor gote was ein helt vil tuir Nicolaus v. Jeroschin
chron. 18827
Str.; vgl. mit andacht âne glîzin
ebda 4749;
ferner: drum last uns sonder gleissen auch unser hertz zerreissen Fischer-Tümpel
kirchenl. 2, 319; inniglich ... ohn alles gleissen 2, 316;
in stärkerer anlehnung an gleiszen '
micare': diese antwort ... rührte mich. ich sah nicht die schlange in diesem gleiszen Aug. Winnig
wunderbare welt (1938) 26.
das part. praes. gleissend (
auch gleissen)
im sinne von '
heuchlerisch, trügerisch, falsch'
findet häufig den vorzug vor gleisznerisch: darumb wöll sich ein ygklicher vor denselbigen gleissenden verfürern hutten H. v. Cronberg
schr. 73
ndr.; dise hat ime selbst (durch aine gleissne gelert- und hailligkaitt) uber alle dise lender solchen grossen namen gemacht, das ... Tamberlanus der Parthen kaisser ... jhn wie ainen hailligen man haimsuechte A. Ortelius
schawplatz d. erdbodems (1572) 49
a; der böse wolf ... fasste den gleiszenden entschlusz, mit den schäfern auf einem gütlichen fusz zu leben Lessing 1, 224
M.; mit wie gleissendem ernst, mit wie ersonnenem schweigen decket man list und trug Herder 27, 243, 11
S.; weh euch, wenn sie (
die welt) von euren thaten einst den ehrenmantel zicht, womit ihr gleissend die wilde glut verstohlner lüste deckt Schiller 12, 501
G.; nächtlich geschöpf voll trug und list, weib, dasz du so gleiszend bist maler Müller
w. 1 (1811) 214; du aber, die hier gleiszend steht und heuchelnd in falscher reinheit niedersieht auf mich Grillparzer
s. w. 5, 176
S.; iebe, schönheit, glaube ... erscheinen dann als die nichtigen, trügerischen gespenster, die sich vor der wahrheit der wirklichkeit gleiszend und mit nüchterner heuchelei hinstellen Tieck
schr. 6,
vorber. vii.
sehr üblich neben religiös-ethischen begriffen: daz sine gerechtekeit glyzende were und glantz und were innerhalb nicht ganz
Hiob 11879
K.; wan werlich, des geloubet mir daz glissende gerechtekeit zweierleige bosheit treit (
simulata sanctitas)
ebda 13503; die überkam er mit glissener heilikeit, das er herre wart in der gantzen heidenschaft
städtechron. (
Straszburg) 9, 533; ein gleissende frumkeit ist ein zwifaltig boszheit Luther 7, 357
W.; simulata sanctitas, ein gleisende heyligkeit ... est duplex iniquitas, zwyfach schalcheit 12, 656, 1; als nun Gibertus, solches betrugs anstifter, ... durch gleissende freundtschafft vom papst hinweg gelassen ward Joh. Bentz
päbstl. chron. (1604) 244; keinem laster so feind als der ... gleiszenden menschenliebe, die nie wohlthätig sein will Herder 15, 511
S.; die gleiszende höflichkeit G. Freytag
ges. w. 13, 110.
neben negativen begriffen, ihren charakter unterstreichend: gleissende heuchelei Opitz
geistl. poemata (1645) 271 (
trostged.); mit gleiszender lüge Denis
lieder Sineds (1772) 57; gleissende eigenliebe Tieck
schr. 17, 139; gleiszender lug J. H. Voss
s. ged. (1802) 3, 47; gleiszender trug
ders., antisymb. (1824) 146.
in der festen verbindung gleiszender schein
tritt die bedeutung von gleiszen '
micare'
wieder deutlicher hervor: barfusser, welche sich verlassen uff iren glissenden guten schin Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 7
ndr.; under ainem gleissenden schein ... in sein schlosz gefürt Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 17
b; das sie durch den gleissenden schein, damit sie die zäuberer zu üben pflegen, nit betrogen werden
theatrum diabolorum (1569) 100
b; Belial ... bedacht seine sachen, ... wie er dieselben mit einem gleissenden schein fürbrächt J. Ayrer
hist. proc. juris (1600) 293; der gleiszende schein eines herzlichen vertrauens wird bewahrt, plötzlich durchbricht eine missethat den schleier G. Freytag
ges. w. 7 (1887) 280.
in verbindung mit wort
und rede,
vgl. gleiszende worte
parole finte, paroline Jagemann
wb. (1799) 528: solch herrliche gleissende reden bewegen die vernunfftigen und fuhren sie von gottes wortt (1539) Luther
br. 8, 470
W.; die stoltzen werber entphiengen in (
Telemach) mit gleissenden worten Schaidenreiszer
Odyssea (1537) 71
a; gleiszenden reden erliegt kein Hector Herder 27, 241
S.; er (
der fuchs) sagte vorher mit gleiszenden worten Göthe I 50, 160
W.; etwas anders: lasst die gleiszenden französischen redensarten Achim v. Arnim
s. w. (1853) 9, 88,
vgl. gleisznerei 2
sp. 8316.