gegenüber ,
s. sp. 2215
unter gegen,
wo angeführt ist, wie ursprünglich, mhd. beide praep., gegen
und über,
schon für sich dieselbe bed. hatten (
vgl. noch jetzt gerade über,
und vor über
u. 3,
a),
wie dann beide gesellt wurden, anfangs frei wechselnd über gegen (
altn. yfir gegnt)
oder gegen über,
letzteres aber bald den platz behauptete, jedoch getrennt bis in unser jahrh.; dazu hier noch folg. 11)
die beiden praep. nahmen ursprünglich und lange das abhängige wort zwischen sich. 1@aa)
ohne erkennbaren casus: daʒ die fursten (
kurfürsten) uf sant Laurencientag einen, des namen sie doch nit wissen, meinen zu Reuse uf den stul gein Lanstein uber zu einem romschen konige zu seczen.
Frankf. reichscorr. 1, 61 (1400); die zwei ende der ketten ... heften sie auf die ecken des leibrocks gegen ander uber.
2 Mos. 39, 18, gegenander uber 28, 25 (
s. u. gegeneinander).
noch im 18.
jahrh.: ich und die Schmidt sitzen hier gegen einander über und schreiben ihnen beide. Klopst. 11, 85; zwei söhne von zwei müttern gegen einander über. Göthe 24, 211 (
aus m. leben 4); wir setzten uns gegen einander über. 23, 73 (
wanderj. 3, 6): ich stand gegen Lilli über. 48, 62 (
aus m. l. 17); er sasz gegen Stilling über. Stilling
wand. 160. 1@bb)
der casus ist aber der dat., den gegen
eben von haus aus hat, eignerweise eben nur bei gegenüber
erhalten: gleich gegen sanct Marco über. Kiechel 158; gegen ihnen und den zünften über sasz das volk. Klopstock 12, 158; sein grab, das gegen Golgatha über einsam,
unter alternden bäumen, in felsen gehaun war.
Mess. 10, 34; leichnam gegen sich über am kreuz. 11, 1336; gegen dem hohen Golgatha über. 12, 186; sie fanden gegen des grabes eingang über ... 17, 236; gegen ihm über, auf dem andern ufer des flusses, stand Psyche. Wieland 1, 303,
wo die entstehung noch erkennbar ist, eig.: über den flusz hinüber; gegen dem khalifen über. Klinger 6, 18; Makarie in ihrem sessel gegen ihnen über. Göthe 21, 176; die platanen sieht sie gegen sich über. 17, 360 (
wahlv. 2, 13); der platz des neuen hauses, gegen dem schlosz über. 17, 86; ich sah mich gegen dem hohen wall über. 48, 59 (
a. m. l. 17); als sie gegen mir über waren, rief Friedrike .. 25, 354; ich sehe Friedriken gegen ihr über stehn. 26, 23; wenn du da oben stehst (
auf der kanzel), und rechts in dem chor des unglücklichen Johann Friedrich grab, und seinen nachkommen (
den herzog) gegen dir über ..
an Herder 10.
juli 1776,
aus H.s nachl. 1, 63; der lohgerber gegen uns über. Bettine
br. 2, 21.
und das ist noch jetzt hie und da z. b. in Thüringen auch bei gebildeten das geläufige. 1@cc)
auch der acc. erscheint, doch, wo eine bewegung auszudrücken ist, wie er da auch bei bloszem gegen
sich früh geltend machte (
sp. 2206
ff.): sie setzten sich neben einander, gegen sie über der göttliche fremdling. Klopstock
Mess. 14, 673; sie legten sich zu dem mahle, der fremdling allein, sie gegen ihn über. 14, 754; lasz uns hier auf den wall gegen die mauren über sitzen (
uns setzen). Stilling
jug. 64. 22)
auch ohne solche trennung hielt sich gegen über
lange, als zwei wörter geschrieben und gewiss auch gesprochen (
d. h. über
mit spir. lenis). 2@aa)
ohne casus dabei, wie adverbial: warf sie (
Hagar) den knaben unter einen bawm und gieng hin und satzte sich gegen vber von ferns eins bogenschosz weit.
1 Mos. 21, 16; giengen hin und tratten gegen vber von fernen.
2 kön. 2, 7; nah darbei der marstall und die jaghundsställ, gegen vber das federspil und die vogelhäuser.
Garg. 281
a (gegenüber 350
Sch.); gegen vber,
e regione. Schönsl. S 8
b; nicht über einen rohrschusz (
weit) gegen über fuhren wir nach Giocca. Kiechel 158; siehet, dasz der fuchs gegen über stehet.
Lokman 4; gegen über gelegen. Aler 865
b; gegen über ist ein garten. Weber
teutsch-lat. wb. 332
a; gegen über durchfuhr die weiche des nackens die spitze. Bürger 238
b (
Il. 22, 327)
u. o.; wenn ich nachts von dir gieng .. stand er (
der himmelswagen) gegen über. Göthe
Werther 1775
s. 219, 1787 gegen mir über
s. 304. 2@bb)
das abhängige wort aber ward endlich aus dem trennenden zwischenraum entfernt, weil allmälich gegen
und über
unmittelbar zusammenzugehören schienen, d. h. es war vergessen, dasz der dat. eigentlich blosz zu gegen
gehört und von ihm herrührt, während über
sein abhängiges wort längst verloren hatte. man nahm den störenden dat. nun voraus, was bei gegen
doch unmöglich ist (
wol aber bei entgegen): das rathhaus liegt dem schlosse gegen über, er sasz mir gegen über Weber 331
fg., der schon blosz dieses angibt, die wbb. werden diese bewegung unterstützt haben; der stadt gegen über. Steinbach 2, 887; der schönen nymfe gegen über. Wieland 9, 51 (
Musar.); vor dieser bank, dem ofen gegen über, stand der tisch. Stilling
jug. 39; ihr gegen über, knie an knie und fusz an fusz ist meine stelle. Bürger 19
a; zwar kaum sichtbar und matt, doch schön und hehr, wie dem vollmond gegen über im braunen gewölk .. der farbige bogen. Neubeck
gesundbr. 23. 2@cc) über
wird auch, getrennt von gegen,
dicht zum verbum gezogen: auf eine gegen ihr übergestellte tafel. Kant 3, 121; nun vergegenwärtige man sich die viere, wie sie .. gegen einander übersitzen. Göthe 22, 131 (
wanderj. 2, 7),
uns jetzt befremdend, da uns nur einander gegenübersitzen
u. s. w. geläufig ist. 33)
das vereinigte gegenüber. 3@aa)
es erscheint doch auch schon sehr früh: gegenuber,
ex opposito. voc. inc. teut. h 4
b; gegenüber,
gerad vor über. Maaler 163
a (
zur erklärung vergl. vor über,
e regione Dasyp. 206
b,
wie noch dän. lige over for
gegenüber),
während Dasyp.
trennt gegen über,
ex opposito 189
b;
jenes ist auch vielmehr vom standpunkt des wörterbuchschreibers aus gesehen, wie denn Maaler
im zusammenhange trennt: ein läger grad gegen dem anderen vber schlahen 441
c.
im 18.
jahrh. gegenüber Rädlein, Ludwig (
aber nur im stichwort, in den beisp. er wohnet gerade gegen uns über), Steinbach 2, 887,
der es auch in den beisp. meistens fest hält: der stadt gegenüber vor anker liegen
u. ähnl., während Frisch 1, 329
a noch die wahl läszt: der brücke gegenüber,
aber gegen der stadt über. Adelung
wehrte sich noch gegen die vereinigung, sodasz er gegenüber
für sich gar nicht aufführt (
s. sp. 2215
m.),
wie auch Campe
noch auf gegen
verweist, wo er nur mir gegen über
oder gegen mir über
angibt. die vereinigung wurde wahrscheinlich befördert und entschieden durch volle betonung von über,
an das nun gegen
seinen eigenton halb abgab. 3@bb)
bei schriftstellern (
die doch in solchen dingen gern in den druckereien gemaszregelt werden),
doch auch schon im 16.
jahrh.: aldo die alt vestung gegen dem meer stehet ... und gleich gegenober (
s. sp. 2215) die neue vestung. Kiechel 159,
der doch gewöhnlich trennt; wie oft mein prinz ihm gegenüber gesessen. Wieland
n. Amadis 1771 1, 87; ob die philosophie des guten Phanias der schönen nimphe gegenüber bei einem schmaus so gar gemächlich sasz ..
Musar. 1768
s. 50,
später wieder getrennt, s. unter 2,
b (1824 12, 34); das bildnis, welches ihm gegenüber hieng.
Agathon 1773 2, 145; und gegenüber thut die thür von elfenbein sich aus dem harem auf.
Oberon 5, 20; (
den du) oft so unerträglichen gesichtern gegenüber stellst. Göthe 1, 79; das sind zwei zeugen, die noch beide leben! man stelle sie mir gegenüber ... Schiller
M. Stuart 1801
s. 52 (1, 7). 3@cc)
so ist gegenüber
erst seit etwa 50
jahren wirklich durchgesetzt, dasz man es nun blosz als einfache praep. oder adv. behandelt. im erstern falle ist man aber nun mit dem dativ des abhängigen wortes ins unsichere gekommen, das ja ursprünglich hinter gegen
zu stehen hatte, dann dem ganzen vorausgenommen ward, womit es doch noch dicht bei seinem gegen
blieb. seit jedoch über
das übergewicht hatte, und da diesz vorausnehmen bei uns nicht geläufig ist, nicht recht grammatisch aussieht, so versuchte man es mit der nachstellung, die nun wol als neu auch feiner klingt, z. b.: vielleicht dasz andere gegenüber ihnen glücklicher sind als wir. Freytag
handschr. 1, 78; gegenüber diesen unerquicklichen thatsachen darf man nicht vergessen
und ähnliche wendungen sind nun beliebt. ebenso mit nachstellung nl. tegenover ons huis,
noch bei Halma 770
a getrennt tegen over. 3@dd)
und noch eine andere wendung drängte sich ein, die eigentlich nichts als französisch gedacht ist, aber jetzt im unaufhaltsamen vordringen, keine ehre für unsern stil, d. h. mit von
statt des dat., wie ein nach franz. art umschriebener gen.: zu Oggersheim, gegenüber von Mannheim. Hebel 3, 24,
d. i. vis-à-vis de
M.; mit dem oft wegwerfenden stolz .. der Preuszen gegenüber von ihren deutschen volksgenossen. Pfizer
briefw. zweier Deutschen 227.
veranlaszt ist es wol dadurch, dasz man überhaupt vielfach sich wunderlicher weise gewöhnt hat, statt des guten gegenüber
das franz. vis-à-vis
als feiner zu bevorzugen, im sprechen und im denken. 44)
zu bemerken ist noch 4@aa)
dasz auch hier, wie bei allen räumlichen praep., her
und hin
zutreten können, um die richtung der bewegung zu bestimmen, ob von mir fort (hin)
oder zu mir her,
z. b.: die mahlstatt weisen wir oben ans dorf neben dem weg gegen dem gerichtsstein herüber vor dem wald.
weisth. 1, 794 (15.
jh. rhein.),
d. i. dem gerichtsstein gegenüber nach dem dorfe zu; hingegen über schrien die seraphinen. Fleming 312 (hingegenüber
Lapp. 254),
d. i. auf der andern seite von hier aus gesehen. 4@bb)
wie gen
für gegen,
so auch genüber: genüber öffnet sich das haus. Uhland
ged. (1847) 368; das sagst du und stehst ruhig mir ge'nüber? Grillparzer
gold. vliesz 246, doch mir ge'nüber lasz den eitlen schein.
das. 4@cc)
die zusammensetzung mit zeitwörtern ist schwankend (
wie bei gegeneinander
u. ä.),
nur bei partic. und subst. verb. ist sie entschieden, weil darin über
den umspannenden ton bestimmt auf sich zieht, z. b. gegenüberliegend, gegenüberstellung,
während bei gegenüber liegen, stellen
das zeitwort seinen eignen ton noch meistentheils behält. schon Stieler
im register führt an gegenüberliegen, schreiben, sitzen, stehen, wohnen,
während die folgenden wörterb. damit sehr sparsam sind. 55)
auch als subst. n., das gegenüber,
was mir gegenüber
liegt, steht: sie lenkten vom hauptwege ab, um zu einem wenig besuchten platze am see zu gelangen, der ihnen ein reizendes gegenüber anbot. Göthe 17, 337 (
wahlv. 2, 11).
auch von menschen: ein unterhaltend gegenüber (
bei tische). Engelschall
bei Campe. bei Campe
auch vom gegenübersitzen o. ähnl. selber: man überraschte sie in einem traulichen gegenüber,
wie franz. un vis-à-vis,
dem es überhaupt nachgebildet sein wird.