1DÄMMERN vb. ohne nachweisbaren zusammenhang mit ahd. demar
m., n., mhd. demere
f. (
s. 1dämmer
m., n.),
aber früher als das erst um 1775 spontan neugebildete 2dämmer
m., n. gebildet, so daß sich nur dämmerung
f. als ausgangspunkt anbietet. im 17. jh. aufkommend, s. 1
und 1663 Schottel
haubtsprache 1301, 1691 Stieler
stammbaum 290. literarisch gängig seit etwa 1750 bei und um Klopstock. 1
für die halbe helligkeit kurz vor sonnenaufgang oder das halbdunkel kurz nach sonnenuntergang, als vorgang oder als zustand gesehen. meist es dämmert, der morgen, der abend dämmert,
aber auch in der beziehung auf in der dämmerung wahrzunehmende gegenstände: u1632 biß es demmert vnd tag vnd nacht sich schier scheiden wöllen Aitinger
vogelstellen (1653)105. 1755 durch dämmernde schimmer des tages enthüllt Klopstock
messias 2,31. 1756 nach und nach enthüllet sich nun die dämmernde gegend
(am morgen) Zachariä
schr. (1772)2,5. 1827 ich bin der letzte gast im haus,/ und eh’ es dämmert, wandr’ ich aus W. Müller
ged. 296 DLD. 1859 schon dämmerte der abend Gutzkow
zauberer (1863)5,90. 1905 die nacht entweicht, im osten dämmert die morgenröte Ruederer
morgenröte 31. 1956 es dämmerte schon .. die ersten lichter sammelten die kommende dunkelheit um sich Doderer
dämonen 169. im zusammenhang eines bildes: 1844 alle länder und orte .. über denen noch eine schwache abendröthe allmählig versinkender cultur dämmerte Heideloff
bauhütte (1844)122. 2
(nur) halbhelles, gedämpftes licht verbreiten, schimmern (dies besonders in der anfangs häufigen beziehung auf lichtquellen) oder halbdunkel, undeutlich sein, ins unscharfe umrißlose verschwimmen; oft ohne erkennbare grenze zwischen beiden aspekten. in der zweiten hälfte des 18. jhs. mit vorliebe in dieser anwendung, dann hinter 1
etwas zurücktretend: 1751 um die mitternachtzeit, bey dämmernden traurigen lampen Klopstock
messias 1,135. 1800 der spiegel des Boden-sees mit seinen dämmernden ufern
athenaeum 3,36 Sch. 1829 das zimmer war dunkel, nur eine kerze dämmerte hinter dem grünen schirm, man sah wenig Goethe
I 24,318 W. 1834 von gärten, die überm gestein/ in dämmernden lauben verwildern Eichendorff
gesamtausg. 1,35 B./G. 1913 weihrauch duftet süß und birne/ und es dämmern glas und truh Trakl
dicht. [121965]14. 1960 oben
(im treppenhaus) fiel ja noch licht ein, der treppenschacht tauchte ab ins dämmern Gaiser
pass 243. bildlich: 1775 ach! wie so geschwinde/ dämmert und blicket
(glänzt)/ und schwindet die lust Goethe
jugendw. 2,118 ak. dabei vereinzelt mit abhängigem akk. objekt (s. 3): 1796 sie wußte noch jetzt so manchen schimmer von freude in seine finstere seele zu dämmern
F. H. Jacobi
w. (1812)5,362. 3
vom späten 18. bis tief ins 19. jh. hinein gelegentlich in der bedeutung verdunkeln, trans. oder (vereinzelt) refl.: 1769 und ach! meine thräne dämmert/ und bricht mir die sonnenblicke Herder
29,315 S. v1803 bis zu einer fernen wolke/ sich sein rettungssegel dämmert
ders. 25,630 S. 1863 wie der schatten/ der dämmernd mir den blick umwebt Halm
ausgew. w. 3,271 Sch. 4
übertragene bedeutungen, mit möglichem ansatz in 1
wie in 2,
in den siebziger jahren des 18. jhs. vielfältig aufkommend bezeichnen unbestimmte zustände oder vorgänge verschiedenster art. a
in der sprache der empfindsamkeit und des sturm und drang zur kennzeichnung aufsteigender oder andauernder gefühle und leidenschaften (auch sofern sie äußerlich wahrnehmbar sind) im sinne des webenden, geisternden, auch des brütenden, lastenden: 1770 ich seh es, sie zürnt!/ das wölkchen laune/ dämmert schon auf ihrer stirn Klopstock
oden 1,215 M./P. 1777 was ist das, das mir so oft in der seele dämmert, als wenn ich nicht mehr wäre? ich schwanke im schatten Goethe
I 12,57 W. 1788 mit der dunkeln stirne, auf welcher die gluth der liebe so furchtbar dämmert Klinger
w. (1809)2,354. 1790
ebd. 2,247. noch vergleichbar: 1954 was ist’s, mein herz, das dich wie nacht umschwebt?/ ach, alles leben scheint schon überlebt,/ der toten nähe dämmert im geblüt Schneider
sonette 139. b
am häufigsten im bereich des bewußtseins, des erkennens oder der erkennbarkeit, für das, was ins gestaltlose, undeutliche sinkt oder (noch) darin verharrt: 1774 das ist ein gefühl ohne gleichen, und doch kommt’s dem dämmernden traume am nächsten, zu sich zu sagen: das ist der lezte morgen Goethe
Werther 1,146 ak. 1847 ach! wo hab ich solche nasen/ schon gesehn? ../ qualvoll dämmernd die erinnrung Heine
s. w. 2,234 W. 1943 den kindheitserinnerungen eignet eine besonders starke magie. sie sind die fernsten, dämmerndsten Staiger
meisterw. 51. namentlich, und besonders jünger, für die tatsache, daß etwas nur geahntes zur bewußtheit und klarheit drängt, dies gelegentlich deutlich zu 1
in der beziehung auf die morgenröte: 1752 doch ist ihr bild der welt schon dämmernd aufgehellet,/ so fühlen sie doch schwach und ohne deutlichkeit Wieland
natur 93. 1808 vielleicht dämmert auch hier, in der natur des sterbenden thieres der erste strahl eines bewußtseyns Schubert
ansichten 291. 1926 nebenher dämmern andere große erkenntnisse Moser
musik 1,24. 1946 nachdem er dem dickhäuter etwa eine viertelstunde lang zugeredet hatte, schien diesem plötzlich eine erinnerung zu dämmern Gerlach
vierfüssler 60. c
von b
her (auch umgangssprachlich) fest geworden es dämmert mir
ich beginne mich zu erinnern, ich fange an zu begreifen: 1773 der kennt nicht meinen ganzen dank,/ dem es da noch dämmert,/ daß, wenn in ihrer vollen empfindung/ die seele sich ergeußt, nur stammeln die sprache kann Klopstock
oden 2,2 M./P. 1817 als ob er sich an etwas erinnert fühle, .. endlich sprach er, als ob es ihm dämmerte A. v. Arnim
3,226 G. 1875 die ausstellungen, die sie an meinem buche machen, nehme ich willig und dankbar
an. es dämmerte mir selbst manchmal, daß diese methode nichts weniger als das ideal literarhistorischer forschung sei E. Schmidt
brw. 52 R./L. 1926 es gibt nur ein (vulgäres) wort, das wirklich gut zu seinem verhalten in dieser periode paßt: ‘bei ihm dämmert’s’ B. Schmid
seelenleben 205. 1949 der redner hatte in seinem geschwätz etwas ausgesprochen, was Geschke schon lange dämmerte, aber jetzt erst klar war Seghers
d. toten (1950)548. d
nicht selten in prägnanter beziehung auf sachliche gegebenheiten oder vorgänge, die im aufstieg oder im niedergang begriffen sind; auch hier eher von 1
als von 2
her: 1787 jezt schlug sie laut die heißerflehte schäferstunde,/ jezt dämmerte mein glük Schiller
1,164 nat. 1841 wären wir nur erst in ordnung, aber sie dämmert erst ein wenig, und erst zwei zimmer sind in bewohnbarem zustande W. Grimm
unbekannte br. 313 Sch. 1868 wann .. das ende dämmert der götter und dinge Jordan
Nibelunge 1,200. 1949 es ist charakteristisch, daß in den totalitären staaten auch die kunst dämmert. die ursache ist, daß sie unmittelbare erlebnisse verlangt, die aber gerade dort am wenigstens möglich sind Grabowsky
demokratie 201. 5
in anwendungen auf bestimmte (sehr verschiedenartige) menschliche zustände oder verhaltensweisen dem bildlichen ausgangspunkt gegenüber weitgehend verselbständigt aber mit dem für die ganze wortsippe bezeichnenden merkmal eines zwischenzustands; in gewissen anwendungen zu umgangssprachlichem oder sonstwie begrenztem gebrauch neigend und z. t. neben kompositionsbildungen wie vor sich hin-, in sich hineindämmern. a
nach innen gewandt sein, für einen aus den sinnlichen und rationalen bezügen gelösten zustand: 1777 ist das leben?/ ists traum?/ .. ich dämmre! ich schwanke!/ komm, süßer gedanke,/ tod! bereite mein grab Goethe
I 12,58 W. 1924 Hans Castorps gedanken verwirrten sich .. aber die stille im saal, die tiefe aufmerksamkeit, die ringsumher alles in bann hielt, wirkte auf ihn, sie weckte ihn förmlich aus seinem dämmern Th. Mann
ges. w. [1960]3,177. v1956 ein fluidum von vertiefung und lautlosigkeit ist um ihn
(den dichter) .. sie
(die andern) stören ihn nicht .. er dämmert, er hat streifen um sein haupt, regenbogen, ihm ist wohl Benn
1,590 W. b
dumpf, energielos, ziellos dahinleben. als modewort im goetheschen zeitalter, vgl. Goethe-jb. 10,82 G.: 1810 arbeit schändet nicht, nur das unthätige dämmern, die verderbliche seuche des zeitalters Jahn
w. 1,257 E. 1817 merkwürdig wie man sich zusammen nehmen kann wenn man muß. ich habe in meinem leben viel zu viel gedämmert Goethe
IV 28,129 W. 1934 eines tages wurde dann auch Wega Elisa jäh, .. aus dem dämmern ihres geistes und ihrer seele gerissen Tügel
Blehk 12. c
im anschluß an a
oder b
für eine entsprechende fortbewegung, aus der studentensprache, im frühen und mittleren 19. jh.: 1813 dämmern heißt: ohne bestimmten zweck, und ohne vorgesetztes ziel spazieren gehen; was man wohl ‘schlendern’ nennt. vorzüglich geschieht es in der dämmerung
gött. student 154. 1826 so dämmr’ ich auf und ab im hellen saal,/ und kreuze muntrer tänzer bunte reihn Immermann
Cardenio 4. 1854 wir wollen eine stunde und darüber dämmern und dann zurückkommen .. er
(der kellner) wußte, was das dämmern .. zu bedeuten hatte; da strichen sie über die straßen und verfolgten die mädchen Klencke
parnass 1,47. vgl. daneben mdal. weit verbreitetes dammern
und dämmern
im sinne von schlendern, müßig herumlaufen, das wohl erst über nd. dammeln
und dämeln
hier anschluß an dämmern
findet, s. dämeln
und dammeln. d
im halbschlaf sein: 1808 das magst du/ wohl der mutter erzählen, die früh im bette noch dämmert Voss
Theokrit 103. 1851 eben wollten sich Mullrich und Kümmerlein wieder .. in die sessel strecken .. und ein bischen ‘dämmern’, wie sie den diensterlaubten halbschlaf nannten Gutzkow
ritter (1850)4,372. 1960 während Giulietta mit geschlossenen augen im bett lag, dämmernd Andersch
d. rote 86. auch für narkotische oder sonstige zustände der benommenheit: 1919 wir sind wie trinker,/ gelassen über unsern mord gebeugt./ in schattiger ausflucht/ wanken wir dämmernd Werfel
ged. (1927)258. Th. Kochs