BEKEHREN vb. ahd. bikêren,
mhd. mnd. bekêren.
zu kehren
(vgl. 1DWB 5,408); zu rückumlautenden und gerundeten formen vgl. 1DWB 5,409. regelmäßige übersetzung des parallel gebauten lat. convertere. 1 ‘
sich, jmdn., etwas wenden, umdrehen sich jmdm. körperlich zuwenden’: E8.jh.
annus reditus iar bachertaz
(‘wiedergekehrtes’
), ahd. gl. 1,472,13 S./S. ⟨9./10.jh.⟩
auertantur retrorsum .., qui uolunt mihi mala bekërda uuerthin uuithere .., thia uuilunt mi uuila
aonfrk. psalmenfragm 69,4 H. 10.jh.
conuersa retrorsum hint̄sihpichertiv
ahd. gl. 2,300,31 S./S. ⟨v1022⟩ vnde in fluht pechero ih . dîe in hazent
(et odientes eum in fugam conuertam) Notker
3,2,639 ATB. ⟨u1250/72⟩ zehant aber sô er
(der meister) den rücke bekêret, sô stêt er
(der tagelöhner) wol halben wec müezic Berthold v. Regensburg
1,17 P./S. ⟨u1300⟩ zû dem schâ- chêr sô bekart / Jesus sprach Johannes v. Frankenstein
9516 LV. ⟨M14.jh.⟩ es ist ime do zuͦ enge und zuͦ kleine, er enkan sich do nút bekehren Tauler
54 DTM. ⟨1511⟩ ob aber .. darnach der selb new fluß sich in den alten bekeren würd Tengler
n. layenspiegel (1544)25a. 1677 wenn der sultan aus der kirchen kommt, und wieder nach hofe bekehrt
(‘zurückkehrt’); wechselt er um, und nimt ein andres roß Francisci
trauer-saal 3,796. 2 ‘
sich, jmdn., etwas auf jmdn., etwas hin- oder von jmdm., etwas weglenken, -wenden’. a ‘
sich, jmdn., etwas auf etwas hin richten, orientieren’,
vor allem ‘sich gott, einer (anderen) religion, einer regelkonformen religiösen existenz zuwenden’
u. ‘jmdn. zum übertritt zu einer (anderen) konfession, zu einem regelkonformen religiösen leben bewegen’
; seit d. 16. jh. auch ‘
zu einer anderen überzeugung oder ansicht gelangen’,
seit d. 17. jh. ‘
jmdn. überzeugen, überreden’ 863/71 wis ouh drost seres sar thu thih bikeres, / bruadoron thinen Otfrid
IV 13,19 E./S. 2.h11.jh. daz .. sîe sich bechêrent ad
christianam religionem Williram
Eb 123,16 Sch./M. 2.h11.jh. daz sîe selb dîe paganos .. bekêren ad fide
m, ebd. 225,20. ⟨u1120⟩ er .. scol sich zuͦ christe becheren
jüng. physiologus 12,10 W. ⟨E12.jh.⟩ si darf des niht gedenken, daz ich mînen muot / iemer bekêre an dehein ander wîp Bernger v. Horheim
38114,13 MF. ⟨1297/8⟩ daʒ sie daʒ volc bekêrten / und den gelouben lêrten
livländ. reimchr. 63 M. ⟨E13./A14.jh.⟩ wêre daz niht ein edel leben, daz ein ieglich wêre bekêret ûf sînes nêhsten vride als ûf sînen eigenen vride
dt. mystiker 2,61 P. ⟨u1370⟩ da bechertē sich di checzer Johann v. Neumarkt
2,349 K. ⟨n1427⟩ der prister .. becherat sich in der haiden glauben Schiltberger
81 LV. u1477 welhe von natur bös synt, die werden hart zuo guoten werken bekeret Steinhöwel
Äsop 285 LV. 1521 denn ob wol der grosse hauffe vorstockt ist, sind dennoch altzeit, wie wenig yhr sey, die zu Christo sich bekeren und in yhn gleuben Luther
w. 7,600 W. 1530 beker dich nun / und übersich miner tochter ein kleinen schaden
N. Manuel
279 B. 1669 ach, sagte ich offt, köntest du doch die widertäuffer bekehren, daß sie unsere glaubensgenossen ihre manier zu leben lerneten Grimmelshausen
Simplicissimus 442 Sch. 1770 wenn ich hoffen könnte .. einen einzigen zur menschlichkeit zu bekehren! Wieland
I 7,242 ak. 1775 daß madam E. .. sich nächstens zu der allein seeligmachenden religion bekehren würden
in: Lessing
21,66 L./M. 1777 Stein und ich haben gewis 2 stund mit einander über diesen punct gesprochen. ich habe ihn aber schon ziemlich bekehrt Mozart
br. 1,96 Sch. 1839 ich würde .. sie vielleicht in manchem bekehren, aber ihre harthörigkeit macht alles unmöglich K. A. Varnhagen
tgb. (1861)1,140. 1868 der prophet .. erklärte, man müsse die ungläubigen, wofern sie sich nicht bekehrten, sofort verjagen Ranke
(1867)3,375. ⟨1878⟩ das unabänderlich geschehene bekehrt besser als tausend bittende worte Fontane
ges.-ausg. [1925] I 2,329. 1936 wenn sie einblick hätten, wieviel leiden der menschheit seit der einführung der impfung erspart geblieben sind, wären sie rasch bekehrt Frisch
du 94. 1990 wir glauben immer, die dritte welt müßte nur von den anderen etwas bekommen und wir müßten sie zu unserer zivilisation bekehren
börsenbl. (Leipz.)318a. 1999 fröhliche menschen, die anderen menschen erklären, dass es diesen schlecht ergehen werde, wenn sie sich nicht zum richtigen glauben bekehrten
süddt. ztg., DWDS-arch. 2000 wer seine meinungen ändert oder sich bekehrt, hat das volle recht zum aufrechten gang
frankf. rundschau (31.8.), DWDS-arch. 2006 nach kurzer zeit waren die ketzer bekehrt. oder vernichtet
nat. geographic Dtld. 12,65. — nicht wissen, wie einem bekehrt ist ‘
nicht wissen, wie einem geschieht’: 1666 wenn er von seinem bösen feinde wohin geführet worden, das er selber nicht gewust hat, wo er bekahrt gewesen Praetorius
anthropodemvs 1,149. 1807 ich wußte nicht, wie ich bekehrt war, wie ich daran war, was ich denken sollte Campe
wb. 1,442a. 1925 er wußte nich, wie er (wie ihn) bekehrt war
in: brand.- berl. wb. 1,532. b ‘
sich, etwas von jmdm., von etwas abwenden jmdn. von etwas abbringen’
; oft mit einer hinwendung verbunden: ⟨v1022⟩ sî
(die rhetorik) bechêret tie mennisken aba mendatio ad ueritatem Notker
1,1,60 ATB. ⟨11.jh.⟩ do uuart der segen uone in becheret ze den dieten
ders., ps. 108,18 H./Sch. ⟨u1180/90⟩ ich enmac ez niht lâzen, / daz ich daz herze von ir iemer bekêre Rudolf v. Fenis
3881,7 MF. u1250 de keiser Constans bekarde sic do van siner ketterie
sächs. weltchr. 143 MGH. ⟨2.h14.jh.⟩ bekere mich von dem bösen zu dem guten vnd volbring mein begirde
in: Johann v. Neumarkt
4,285 K. ⟨u1460⟩ es was ein jungling .. der bechert sich von der welt und nam unnsern orden an sich Hartlieb
dialogus 85 DTM. 1562 so wird vielleicht gott sich von seinem zorn bekeren Mathesius
Sarepta 63b. 1565 daß gemeyne huren .. von jhrem aller schnoͤdesten leben bekehrt wuͤrden Beuther
praxis 180a. ⟨1654⟩ ich kan mich doch darvon nicht bekehren und ablassen, wenn auch einer mit dem schwerdte mich darvon abschrecken wolte Olearius
rosen-thal, in: reisebeschr. (1696)66b. 1704
(überschrift:) auff den vom geitz bekehrten Hydaspes Wernicke
epigr. 199 P. 1899 schon glaube ich .. darauf hinweisen zu dürfen, dass ich viele von den irrlehren des socialen umsturzes bekehrt und einem ideal zugewendet habe Herzl
br. u. tgb. 3,63 B. 1946 aber der gottlose bekehrte sich nicht von seinem wesen Döblin
mensch 218. 1995 der aufenthalt im gefängnis hat mich von Marx zu Gandhi bekehrt
frankf. allg. ztg., DWDS-arch. 3 ‘
etwas umwandeln, übersetzen, heilen, (zum guten) wenden, jmdn., sich, etwas verwandeln verändern, wandeln’ 863/71 thaz suazes er gilerti, zi sarphidu, iz bikerti Otfrid
III 17,34 E./S. hs.11.jh. vbe du daz haz dines fiandes in minna pecheren uuellest
ahd. sprachdenkm 164 S. ⟨u1120/30⟩ daz wazzir ich da mit ruͦre ze bluͦte ez sich bechere, ze bluͦte muͦz ez werden
milst. exodus 136,20 D. ⟨1250/4⟩ Esau wart alse guͦt, / das er vil gar ze guͦte / becherte in sinim muͦte / .. gewan Rudolf v. Ems
weltchr. 6697 DTM. ⟨u1360⟩ auch hastu ercznei geschaffen von der erden czu bekeren
(‘heilen’) menschleiche gebrechen Johann v. Neumarkt
1,102 K. A15.jh. der wasser aus dem stain beschert / hat und auch ze wein bekert! Wittenwiler
9699 DLE. 1420 ob er in icht billich sollichen schaden bekheren
(‘heilen, ersetzen’) solt
in: Fischer
schwäb. wb. (1904)1,824. 1491 wann des sind die achtundzwaintzig mercklichi buͤcher .. in lattinschi sprach bekertt
(‘übersetzt’) Oesterreicher
Columella 1,20 LV. 2.h15.jh. aber ir fröd ward bekert in leyd
dt. volksb. 128 LV. ⟨1531⟩ also haben dise nachuolger Petri von der apostel fuͦßstaffen, armuͦt, verschmaͤhung, truͤbseligkeit, durchaͤchtung zum widerspil bekeret Franck
zeitb. 2(1550)239a. 1534 nun der Elsesser sitten haben sich in kurtzen jaren vilfeltig bekoͤrt
ders., weltb. 64a. 1539 Fileno .. so lang mit weynen und seüfftzen klaget, biß er sich gantz von vile seiner zeher in einen brunnen verkeret, so lang biß .. er wider in einen menschen bekert ward Wickram
1,85 LV. ⟨1582⟩ zugleicher weiß alß das eyß wird von der hitz bekehrt in wasser Epimetheus
Pandora (1588)148. 1583 wer eines andern thier oder vieh leidigt .. der sol .. den schaden bekehren
(‘heilen, ersetzen’
), in: siebenb.-sächs. wb. 1,491a. 1790 dass mörder, die am schiffseil gehen, / .. zu guten bürgern sich bekehren Pfeffel
poet. vers. (1789)3,10. 1942 dat wäder mag sick woll noch bekihren
sich bessern, meckl. wb. 1,743. — ‘
von einer krankheit genesen, befreit werden’: ⟨1187/9⟩ men bekeret na den sweit Heinrich v. Veldeke
Eneide 9857 DTM. ⟨u1240/50⟩ vater, bekere an der suht, / diu dir der sele fuͤget shaden Ulrich v. Türheim
Rennewart 23998 DTM. 1398 jst auer eyn mensche bekart von der sucht vnde en hat nicht wol geswetet, alzo dat he noch in groter kranheyt ys
in: frnhd. wb. 3,1107. 4 ‘
etwas zu etwas verwenden, gebrauchen, (geld) anlegen’: 1265 fv́nf vn̄ zvenzich march, die bechert vn̄ verbv́wen wv́rden an den bv́
corp. altdt. originalurk. 1,132 W. 1307 also, das man vnseren sweisteron .. funf march geltes .., ellü jar hinnan für, geben vnd bekeren sol an ir nachtmal
d. geschichtsfreund 1(1844)41. 1442 das soͤlich holtz aber nit an semlich buͥwe bekert noch verwent wirdt
(‘heilen, ersetzen’
), in: frnhd. wb. 3,1111. 1537 hab auch die
(gulden) in meinen bessern nutz vn̄ notdurfft bekert vnd gewendt
(‘heilen, ersetzen’) Hug
rhetorica 199a.Solf