BEGNADEN vb. mhd. begnâden,
mnd. beg(e)nâden.
älter wmd. (rip.) auch benaden
(vgl. mnl. benaden
): ⟨1369⟩ ind benaden dan die erven
weist. 2,760 G. 1407 sulchen bruͦchigen zo benaden
akten gesch. verf. Köln 2,186 S.; vgl. schon ahd. begenâda
f.: ⟨11.jh.⟩ so lônot er sinen begenâdon Notker
2,280 (gl.) P. 1
gnade walten lassen, erlösen. a
jmdn. gnädig behandeln, von schuld, leid, not, einer verpflichtung erlösen; häufig im christl. sinne ‘einen sünder erlösen’: ⟨u1120/30⟩ si heten an ir brudir garnet swaz in wære begegenet, do si sine angist sahen unde in niht wolden begnaden
milst. genesis 90,33 D. ⟨A13.jh.⟩ he .. sal gebi eini
n halbin virdunc .. wollin su in abir bignade, daz mugin su tu
mühlhäuser reichsrechtsb. 3152 M. ⟨u1240/50⟩ swaz leides ie gewan der lip, / begnadet in ein reines wip Ulrich v. Türheim
Rennewart 24262 DTM. ⟨1331/5⟩ valle vor Marien sun, / bit daz er dich begnade! / ruwe, bichte uf lade!
Daniel 2961 DTM. 1412 die frowe huͦb an an der stette / zuͦ weynende vnd sprach kleglich / o herre ir söllent begnaden mich / ich wond ich hette recht getan Hans v. Bühel
Dyocletianus 80 K. 1522 das die barmherzigheit gottes bereit syge, die sünder zuͦ allen zyten begnaden Zwingli
1,218 E./F. hs.1551 o lucifer, begnadt mich! / ain schmidt war ich auf ertrich. / das eysen verkhaufft ich teur
passionssp. Tirol 429 W. 1560
(mit gen.:) gott seiner seel begnaden sol! Sachs
7,440 LV. ⟨1637⟩ begnade mich, schaw, herr, doch an, / was mir von feinden wird gethan Opitz
op. [1689]4,24. 1890 der seelsorger, der namens der gemeinde Xti
(Christi) den sünder behandelt, ist im besten falle selbst ein begnadeter sünder Achelis
theol. 1,497. 1934 wenn es so ist, und ich weiß: es ist so, dann begnade euch gott! Tügel
Blehk 211. b
rechtssprl. ‘einem verurteilten die strafe erlassen, mildern’; älter gelegentl. mit genitiv- oder präpositionaler ergänzung: 1316 war auch unser einer niht in der frist oder mer, den schul wir dannoch mit teil ein iar begnaden
samml. hist. schr. u. urk. 5,100 F. ⟨1362⟩ do begnodete er
(könig Rudolf) sü
(die abtrünnigen bürger) mit solicher gedinge, daz sü im gobent viertusent marg, daz sü und andere do mitte gezühteget werent, daz ez nüt me geschehe Klosener
in: (Straßb.) chr. dt. städte 8,46. 1485 einen iren burger .. zuͦ begnaden und im die straf, darinn er von minen herren ist, abzelaßen
qu. schweiz. gesch., n. f. II 1,277. ⟨1511⟩ so du .. die warhait guͤtlich bekennen, moͤchtest du villeicht darumb nit getoͤdt, sonder begnadet, oder sonst in ander weg gestrafft werden Tengler
n. layenspiegel (1544)106b. 1537 auff fürbit dises will ich dich deines lebens begnadet haben Schaidenreiszer
odyssea 211 W. 1604 die christliche fraw Justa aber .. sambt dero .. töchtern warden .. mit dem leben begnadet J. Mayr
epitome 2296b. 1665 daher ward derselbe zum tode verurteilet, doch auf Festus und Philips vorbitte mit der landes verweisung begnadet Bucholtz
Herkuliskus 59a. 1779 daß euch nur darum Saladin begnadet, / weil ihm in eurer mien’, in euerm wesen, / so was von seinem bruder eingeleuchtet Lessing
3,34 L./M. 2
beschenken, ausstatten, privilegieren. a
jmdn. (als akt der gnade, huld, als auszeichnung) mit etwas beschenken, ausstatten, begaben, rechtssprl. auch ‘
belehnen’; jmdm. etwas gewähren. selten mit sachobjekt: ⟨u1160⟩
(hierher ) unser muͦter weget uns umbe den uater unde umbe den bruͦder. .. suen si bescirmet, den begenâdet sîn
(gottes) uorbesiht, den erhôhet sîn maginchraft
st. trudperter hohes lied 132,18 M. ⟨M13.jh.⟩ lieber hêrre Jêsu Kriste, begnâde uns mit dîner diemüetigen güete
dt. mystiker 1,377 P. ⟨1391⟩ wie ewir heilikeit von gewonlicher güte in
(Nicolaus von Schiffenburg) mit der kirchen zcu Culmen gnediclich habe begnadet
cod. dipl. pruss. 4,143 V. 1435 und als wir dann durch gnad und furderung .. zu demselben lant zu Gehren komen, belehent und damit begnadt worden sein
urkb. Ndrhein 4,1,255. u1500 welche land mit allen metallischen ertz begabt vn̄ doch vortrefflich mit silberertz begnad seyn Rülein
bergbüchl. 93 P. 1519 e.
f. g. wolt mich gnedicklich die selb disputation zcu halden begnadenn Luther
brw. 1,373 W. 1558 neid nicht, den das glück thut begnaden! Sachs
4,105 LV. 1645 solchem versprechen giebt der hertzog glauben, begnadet ihn mit einem schönen rappir, einer guldenen ketten Harsdörffer
gesprächsp. (1641)5,476. ⟨v1678⟩ die tochter gottes, die natur, hat uns mit zweyerley gaben begnadet Butschky
rosen-thal (1679)44. ⟨v1688⟩ anno 1696. wurden Hanß Neuber, köhler und sein weib .. von gott im julio mit einer jungen tochter begnadet Lehmann
schauplatz (1699)950. 1724 angebethene Tulia, .. hat mich der himmel dannoch mit euerer gegenwart begnaden wollen? Stranitzky
haupt- u. staatsaktionen 1,73 WLV. ⟨v1872⟩ wen die musen so begnaden, / fühle höher sich erhoben! Grillparzer
51,233 S. 1905 auch in unserm gärtchen hat diesmal der frühlingsgott den goldregenstrauch mit einer ganzen portion blüten begnadet Dehmel
ausgew. br. 2(1923)76. 1975 dreimal glücklich wird seyn, wen ein so liebwerthes geschöpf mit gunst begnadet Wollschläger
Joyce, Ulysses (2001)552. —
als part.adj. begnadet
i. s. v. ‘mit besonderen fähigkeiten, gaben versehen, besonders begabt, talentiert’
; zuletzt fast ausschließlich so. bis ins 17. jh. mit bezug auf göttliche gnade; älter auch mit hypallage i. s. v. ‘
verliehen’,
insgesamt selten mit sachbezug: ⟨M14.jh.⟩ andehtige guͦte bredien des erlúhteten begnodeten lerers bruͦder Iohans Tauwelers Tauler
7 DTM. hs.14.jh. daz der mensche in der zit der unschult niht bedorfte der begnaten gabe
Thomas v. Aquin, summa theol. 196 M./S. ⟨v1510⟩ dz Ana warm wasser fand in der wuͤste, .. o du Ana, das ist bey vnß als vil, als ain begabter, vn̄ begnadter mensch Geiler
schiff (1514)49d. 1648 o holdselige jungfer sey gegrüsset / o begnadete mutter sey geküsset Klaj
weihnachtged. A 11b. 1878 jenes .. gefühl .., das der dümmste zuschauer mit einem male findet, wenn er einem begnadeten talente gegenüber sitzt Anzengruber
ergbd. 32,28 B. 1896 wie oft seitdem habe ich diesen begnadeten erdenwinkel wieder aufgesucht Grosse
ursachen 272. 1941 nur besonders begnadeten sind solche entdeckungen vorbehalten Kwasnik
chemiker 56. 1972 in dem genie-gedanken des 18. bzw. des 19. jhs. .. demzufolge kunst die schöpfung des begnadeten genies ist
in: musik in schule u. ges. 203 K. 2005 in den kleinen gebäuden des Alten Marktes, einst sitz der begnadeten Mostarer gold- und silberschmiede
n. zürch. ztg. (29.9.)53a. b
rechtssprl. ‘etwas (eine stadt), jmdn. mit einem privileg, besonderen rechten versehen’
; oft in formelhafter reihung: 1276 da begnate uns unser herre kunch Ruͦdolf mit unde bechante uns unserr raehte
stadtb. Augsb. 1 M. 1318 alle irre brieve und vriheyt, die si haben unde da sie mite begnadet unde bevestint sint von keysern
urkb. Mühlhausen 343 H. ⟨1435⟩ als nun der romisch kunig die stat Bamberg genediglichen begnadt mit seiner gulden pullen
chr. Bamb. 1,50 Ch. 1531 diewill wy .. mit meideborgischen rechte .. privilegirt, begnadet und confirmirt .. gewest
brand. schöppenstuhlsakten 1,126 S. ⟨1533⟩ nachdem .. etliche neue, groß nutzbare bergwerke in unsern graf- und herrschaften .. mit allen regalien der orten begnadet und befreyet seyn
corp. ivr. metallici 1382 W. 1599 über die drei vorige jahrmärckt, .. deren sie vor etlich menschen gedencken begnadet und befreihet gewesen
obrhein. stadtrechte I 803. 1688 daß die, die in der stadt besessen wehren, begnadet wehren mit der fürsten und der herren brieff Beier
handwercks-zünffte 249. 1714 daß er
(Johannes Baptist Ganser) .. mit grossen privilegien und ehren-titlen ist begnadet worden
in: Abraham a
s. Clara
kramer-laden (1710)2,58. 1791
(die regenten) stifteten städte und begnadeten sie Herder
14,450 S. —
mit objektwechsel auch ‘besondere rechte, privilegien verleihen’: 1621 erhaltung unserer .. rechten gerechtigkeiten und begnadeten freiheiten
acta publica 4,255 P.Scheider