zittrach(t),
zittrache zitt(e)rich zitt(e)roch ,
m., f.; zittere, f., n. (
auch m.?).
bezeichnung verschiedener hautkrankheiten; zittrachkraut. ahd. zittaroh, zit(a)roh;
mhd. ziteroch(e).
das wort lebt heute nur in obd. und westmd. maa., früher war es vielleicht auch im ostmd. verbreitet. vgl.: die Sachsen nennen es (
das zittermal) auch sehr undeutsch eine zittracht
Alemannia 15, 228.
ableitung von germ. *tetru
in ags. teter,
dt. zitter (
s. 3zitter) =
ai. da(r)drú- '
art hautausschlag'
zur wurzel *der- '
schinden'. (
dasz ai. dadruka-
und ahd. zittaroh
eine idg. bildung *dedrukos
erweisen, ist angesichts der häufigkeit des ka-
suffixes im aind. und der beschränkung von zittaroch
auf das dt. zweifelhaft.)
vgl. weiter cymr. tarwyden,
bret. dervoeden
und lit. dedervinė '
flechte' Walde-Pokorny 1, 800; Specht
d. usprg. der idg. deklination 169.
altes maskulinum zeigen die meisten mundartbelege (
s. u.),
ferner: gegen den zitrach
arzneibuch a. d. j. 1534
bei Schmeller-Fr.
bayer. 2, 1164; und bestreich den zittrach damit Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 303
b.
auf vereinzeltes fem. deuten: für die geflecht und zittracht ... damit bestreich die flecht oder zitterich offt Gäbelkover
artzneyb. (
Eisleben 1595) 370
a; die schlechte einfache zittere oder geflächt Uffenbach
roszb. (1603) 2, 26; die zitterich und andere gebresten der häut Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 813.
vereinzeltes neutr. steht wohl analog den kollektiven auf ahd. -ahi,
denen sich das wort anschlieszt: zitterê,
n. (
Wetterau) Diefenbach
gl. 288
c;
zweifelhaft ist das neutr. in: das versegent oder zytracht
impetigo voc. theut. (1482) h 3
b.
unverschobenen dental im anlaut zeigt titturuh (9.
jh.)
ahd. gl. 2, 242, 47
St.-S. andere unverschobene formen s. unter 3zitter.
dehnung des stammsilbenvokals, die auf ursprünglich offene silbe schlieszen läszt, zeigen bair.-österr. mundartbelege: beim ziehdrocha Schramek
Böhmerwaldbauer (1915) 281; ziedarach Weitzenböck
Innviertel 72;
dazu auch zietracht
Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 4, 173.
schwächung des inlautenden dentals begegnet häufig im bair.-österr.: zidərachə~, zidrachə~ Schmeller-Frommann 2, 1164; zidarich,
m. Castelli
ma. in Österr. unter d. Enns 272.
der mittelsilbenvokal ist sehr labil, wie schon die glossenbelege zeigen: impetigo zitiroch (11.
jh.)
ahd. gl. 3, 429, 17
St.-S.; impetigo warza citaroc, citaroch, zittaroch (12.
jh.), citroh, citroch (13./14.
jh.) 1, 351, 49.
der ahd. endsilbenvokal o
hält sich vereinzelt auch noch in späterer zeit: zytroch vertreiben
arzneib. a. d. j. 1505
bei Schmeller-Fr. 2, 1164; zitteroch,
m. Schmeller
cimbr. 244.
sonst hat sich das wort in der endsilbe den neutr. kollektivbildungen auf ahd. -ahi
angeschlossen und nimmt an den starken lautlichen veränderungen dieser endsilbe teil. volksetymologisch entstellt ist cittarouga (12.
jh.)
ahd. gl. 1, 351, 51
St.-S. in frühnhd. zeit lautet die endung meist -ach
oder mit anfügung von t -acht (
belege s. u.).
seit dem ende des 16.
jhs. begegnen daneben geschwächte formen mit -ich: zittrach ... zitterich Gäbelkover (
s. o.). die modernen maa. haben vielfach -ich: zitterich, zitrich,
m. Vilmar-Pfister
Hessen nachtr. 345; ziderich Hügel
Wien 195; zittrich,
m. Schöpf
Tirol 829.
daneben kommen aber auch noch formen mit -ach
vor: zittrich, zittrach,
m. Unger-Khull
steir. 650
a; zittrach Fischer
schwäb. 6, 1246; zittrach,
m. Zingerle
Lusern 59.
umgelauteter endsilbenvokal begegnet in: zitrechten Ruland
lex. alchim. (1612) 487.
andere hess. quellen zeigen vereinfachung der endung zu e, ê (
kontraktion < ehe?
vgl. J. Grimm
dt. gramm. 2, 296
Scherer): zittere Frischlin (
s. u.); zitterê Crecelius
Oberhessen 935; zitteree (
Wetterau) Kehrein
Nassau 453;
s. auch oben Uffenbach, Diefenbach.
die flexion im sg. ist im allg. die eines st. masculinums: für wilden zitroch
qu. a. d. j. 1571
bei Fischer
schwäb. 6, 1246; der sulphur vertreibt zitracht Paracelsus
opera (1616) 1, 1047
Huser; daneben aber auch sw. flexion: der zīdràchə (
n. sg.; Bair. Wald) Brenner-Hartmann
Bayerns maa. 2, 450; für den zittrachen
arzneib. a. d. 16./17.
jh. bei Schmeller-Fr.
bayer. 2, 1164; ein zitrachten (
acc. sg.) Paracelsus
opera (1616) 1, 1047
Huser; ein citrachten (
n. sg.)
ders., chirurg. bücher u. schr. (1618) 578
Huser. in frühnhd. zeit wird das wort meist im pl. gebraucht. der nom., acc. hat in analogie zu andern pluralisch gebrauchten krankheitsnamen wie blattern, pocken
meist die endung -en (
beispiele s. u.).
demgegenüber ist die endungslose pluralform selten: die bösen zittrach (
acc. pl.) Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 303
a; zitrɐch (
sg. und pl.) Bacher
Lusern 429. 11)
bezeichnung verschiedener flechten- und krätzeartiger hautkrankheiten; vgl. Höfler
dt. krankheitsnamenb. (1899) 856.
lexikalisch seit dem ende des 15.
jhs. belegt: impetigo zitrach
vel zitracht (
Nürnberg 1482) Diefenbach
gl. 288
c; zitrochen (
pl.)
impetigo dicitur scabies sicca voc. inc. teut. ante lat. (
Straszb. ca. 1495) E 2
b; zittere, gefläht Frischlin
nom. triling. (1586) 84
a; zittermal, zittrach
mentagra, impetigo, lichen Schönsleder
prompt. (1618) Qq 7
b; zitter, zittrich
ò zittermal Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1469
c; das zittermahl ...
in einigen gegenden der zitter, zitterich Campe 5, 876
b.
literarische belege: daz ander (
der übrige teil des körpers) was belochen (
eingeschlossen) von breiten ziterochen Heinrich v.
d. Türlin
crône 19 707
lit. ver.; item bey dem prinenden hol der florentzer, ein bad dient wol für grint, räud, kretz und zitrach und vil der gleichen ungemach
fastnachtspiele 1257
lit. ver.; das siebende buch von blatern, lähme, beulen, zittrachen und löcher Paracelsus
opus chyrurg. (1566) 357; darumb von zittrachten zu wissen ist, das sie im leib nit mögen ir operation haben und werffen sich auszen auff die haut gleich einem rost
ders., chirurg. bücher u. schr. (1618) 277
Huser; für wilden zitroch in den hennden
qu. a. d. j. 1571
bei Fischer
schwäb. 6, 1246; diese (
salbe) ist gantz sicher, magst auch zu rauden, krätzen, schertzen, zitrachen, unnd was dergleichen ist, brauchen Wirsung
artzneyb. (1588) 57; eine salbe für die mägere, für zitrachten, und für den fliegenden wurm Bapst v. Rochlitz
artzneib. (1599) 459; also ist der speichel eines gesunden menschens ein treffliches cosmeticum, das alle kratzen und zittrach vertreibet Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 157; welche böse krätze (die man in Crain zittrach nennet) keiner ihm vertreiben können Valvasor
herzogth. Crain (1689) 1, 597; flechte, zietracht, schwinde oder vergehe ... ist eine exulcerirte inflammation der haut, und eine art trockener krätze, welche anfangs wie gantz kleine blättergen auffahren, hefftig jucken, und nachdem man nur ein wenig kratzet, die haut gantz rauh und schuppich machen, und sich immer weiter ausbreiten
Noel Chomel, öcon.-physic. lex. (1750) 4, 173; der zitrich ist ein besonderer scharfer roter auswurf auf der haut des menschen, welchen die ärzte unter die kräze zählen Popowitsch
versuch (1780) 643.
ähnlich beschreiben die mundartwbb. die krankheit: eine entzündung auf der haut des körpers, mit aufwallenden roten bläschen, welche sich immer mehr ausbreiten Höfer
Österreich 3, 337;
ausschlag, flechte am leib Zingerle
Lusern 59;
das zittermahl, die flechte, erhöhung auf der erhärteten oberhaut Schmeller-Fr. 2, 1164;
ein flechtenartiger trockner hautausschlag im gesicht Kehrein
Nassau 453.
vereinzelt in der bedeutung '
rotes muttermal'
neben '
rote hautflecken'
bei Fischer
schwäb. 6, 1246.
auch als hautkrankheit bei pferden und rindern: wilder zittracht (
am schweif des pferdes) Sebiz
feldbau (1580) 152; es ist der grindt und raude (
der pferde) zweyerley art, als der truckene, so keinen eyter unnd feuchtigkeit von sich gibt unnd allein den eussersten theil der haut einnimpt, und wird von etlichen die schlechte einfache zittere oder geflächt genennet Uffenbach
neues roszbuch (1603) 2, 26; '
ein hautausschlag des rindes' Unger-Khull
steir. 650
a. 22)
eine pflanze, die zur heilung von zittrach
verwendet wird, vgl. zittrachkraut;
für chrysoplenium alternifolium L. (
s. Marzell
wb. d. dt. pflanzenn. 1, 984): groszes goldmilzkraut, zittriche Holl
pflanzennamen (1833) 132
b; zittrich (goldmiltz) Waldbrühl
pflanzennamen (1841) 57; zittriche (
Tirol) Rauschenfels in:
botan. taschenb. (1801) 219.
vielleicht dazu auch: nimb wilden citrich klain zerschniten, sonnenwürbel wurtz Seutter
roszarznei (1588)
bei Fischer
schwäb. 6, 1246.