zinnober,
m. ,
eine verbindung von quecksilber und schwefel, von schöner hochroter farbe, kommt selten in natürlichem zustande als bergzinnober
oder merkurblende
vor und wird in der regel aus einer verbindung von quecksilber und schwefel künstlich hergestellt. bereits im altertum bekannt und beliebtes färbmittel. der name geht auf das pers. šängärf '
mennig, zinnober'
zurück, woraus griech. τιγγάβαρι und nach umbildung κιννάβαρι; diese letzte form setzt sich im lat. cinnābari, cinnābaris
fort, der quelle der romanischen und fast aller übrigen europäischen benennungen: ital. cinabro,
span. portug. cinabrio,
afranz. cenobre (13.
jh.),
franz. cinabre (
seit dem 14.
jh.),
rumän. chinovar,
engl. cinnabar,
mhd. zinober,
nhd. zinnober,
schwed. cinnober,
poln. cynober,
tschech. cinobr,
serb. cinober;
unmittelbar aus dem griech. bulg. russ. kinowar'.
im deutschen taucht zinober
um 1220
auf (
erster beleg bei Heinrich v.
d. Türlin
krone 420
Scholl)
in der afranz. lautform, deren -o-
unerklärt ist. die älteren mundartformen (
thür. -u-
in cinuber (1523/24) Luther 14, 108
W., schles. -ie-
in zienober Lohenstein
Ibrahim Sultan 332,
dies -ie-
nach schles. zien '
zinn')
sind in den lebenden mundarten dem schriftsprachlichen lautbilde gewichen, nur -w-
für -b-
ausgenommen. in Nordthüringen ist eine redensart mit dem altertümlichen artikel ein
aufgezeichnet worden: rât wî en zinnôber Kleemann
Nordthür. 26, rût wî ä zinnôwer Jecht
Mansfeld 128
a '
ganz, sehr rot'.
die früher übliche sprachliche gleichsetzung mit sinopel
ist schon teil 10, 1,
sp. 1204
zu recht aufgegeben worden. 11)
das griech.-lat. cinnabari
war anfänglich der name einer roten malerfarbe, die aus dem harzigen saft ostindischer bäume hergestellt wurde; erst Plinius
bezeichnet mit cinnabari
den mineralischen bergzinnober. zur unterscheidung bediente man sich des zusatzes indisch:
κιννάβαρι Ἰνδικόν; nemmet ... indischen cinnobar, ... darausz machet ein salb Sebiz
feldbau (1580) 88; wie lange hat man den aus Indien gebrachten zinober zu Rom unter die artzneyen gemischt? Lohenstein
Arminius (1689) 1, 106
b.
bereits im altertum drachenblut,
αἷμα δράκοντος,
benannt; vgl.: cinnober ist trachen- und elephanten blut vermischt, wann sie mit einander gekempfft haben Alberus
dict. (1540) 19
b.
daher drachenblut
und zinnober
mehrfach in vocabularien gleichgestellt, s. teil 2,
sp. 1322
unter drachenblut 5.
den bergzinnober
nennen die vocabulare ungenau minium '
mennige, d. i. bleirot': bergzinober
minium Dasypodius (1536) 465
a;
minium minien, bergzinober Frisius
dict. (1556) 823
a; zinnober
cinnabaris ... un mineral croissant en Libye plus rouge que vermeillon, bergzinnober, minien, mening
minium, cinnabari naturale Emmelius (1592) 40.
seitdem der zinnober auch künstlich hergestellt wurde, wird natürlicher
und künstlicher zinnober (
minium nativum und factitium)
geschieden: cenobrium cynober, eyn rot verwe ghemaket van kuec sulver unde swevele (1502) Diefenbach
nov. gl. 84
a;
minium nativum berckzinober, ...
factitium gemachter zinober Martin Ruland
lex. alchem. (1612) 68;
cinnabaris, cinnabari cinnober,
minium nativum berg cinnober Zehner
nomencl. (1645) 152; zinnober,
m., du cinnabre, cinnabaris, minium factitium Widerhold (1669) 437
a; zinober
cinnabaris, minium factitium Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 364
a;
minium, aliud nativum est bergzinober,
aliud factitium gemein zinober,
aliud denique adulterinum mennig Corvinus
fons lat. (1623) 486; welche (
ader) von den alten bald natrlicher zinnaber, bald mennig genandt wird G. Kur
probierkunst (1686) 70.
ein fehler ist es daher, wenn Meinhardt
das fachwort natio
in einer Arioststelle mit eigentümlich
übersetzt: unter ihr zeigt sich der mund, wie zwischen zwey kleinen thälern, mit seinem eigenthümlichen zinnober bedeckt
bei Lessing 9, 123
L.-M. in deutsch-ital. und deutsch-franz. wörterbüchern ist die gleichsetzung mit der scharlachfarbe aus tierischem saft üblich, ital. vermiglio, franz. vermillon, vermeillon. in der fachsprache setzt sich eine scharfe scheidung erst spät durch, vgl.: wie denn die alchimisten ... quecksilber mercurium oder meni geheiszen ... und der quecksilber rote hefen oder cinober minium, daher das deutsche wort mennige bey uns blieben ist, damit man beide das bleyrot und rechten cinober nennet Mathesius
Sarepta (1571) 30
a; dann keiner kan sagen, dasz rusz unnd kohlen in einem grad standen, oder cinober und mini Paracelsus
opera (1616) 2, 155
Huser; zinnober '
ist zweyerley, der gewachsene oder bergzinnober und der durch kunst bereitete. der gewachsene ist ein mineralischer rother stein, der aus schwefel und einem lebendigen mercurio bestehet' Minerophilus
bergwerckslex. (1730) 735;
ausführlicher Noel Chomel (1750) 8, 2422. grüner zinnober
beruht auf chromoxyd. eigenschaften der farbe: schüttgelb und andere von säfften gemachte farben verschwinden gleich, zinober aber, mennig, ... und dergleichen verschwartzen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 26; man musz nämlich zu dem rothen viereck ein mit zinnober oder dem besten mennig ... recht satt gefärbtes papier besorgen Göthe II 1, 109
W.; zinnober glänzt am meisten im homogenen rothen licht
ebda II 2, 275. 22)
als farbe verwendet a)
zum malen: zinnober ...
sehr geschäzte rote malerfarbe Lueger
lex. d. ges. techn. (1894) 7, 1000; wir müssen mehr kauffen bleyweisz, darzu des mumions ein weng und einen halben vierling meng und auch etwo zwey loth spongrün, auch ein ohl esch, die sey gar schön, sampt zinober und parisrot, dieweil man uns angedingt hat zu mahln die meus mit den ratzen, die ein krieg führn mit den katzen Ayrer
dram. 2367
K.; der so häufig gebrauchte zinober trat wohl ursprünglich nicht ganz so hart hervor (
auf einem bilde von Rubens) Fr. Schlegel
s. w. (1846) 6, 196; ich tadle es indesz nicht, dasz Rubens so gern auch hier seine karnationen durch stark aufgelegten zinnober erhöhet J. G. Forster
s. schr. (1843) 3, 56; man sah darauff (
auf einem gemälde des Gordianus) ... hundert mit zinnober gefärbte mauritanische strausze H. Meyer
gesch. d. bild. künste (1824) 3, 276; auf der bühne vorn (
auf gemälden Grecos) herrscht dämmerung, in der jedoch unbegreiflich wie, unerhörte farben erglühen: zinnober, gelber ocker, krapplack Dvořák
kunstgesch. als geistesgesch. (1928) 274. b)
zum schreiben und für den druck: die apostel und evangelisten sind villeicht so arm gewest, das sie nicht haben kund erzeugen so viel cinober odder bresilien, damit sie hetten an den rand ein hendlin malen und dabey schreiben konnen: hie steht ein wunder Luther 23, 159
W.; man schrieb mit rohr ... und suchte für die verzierten anfangsbuchstaben schönes roth von den griechischen inseln zu bekommen, wenn man sich nicht mit mennige oder spanischem zinnober begnügte G. Freytag
ges. w. (1886) 17, 278; mit zinnober ist drüber geschrieben: van unser leuen frowen Adelung
magazin (1783) 2, 1, 63; ich will dafür ein acrostichon in gestalt einer lilie, mit dem feinsten zinnober gemahlt verfertigen Petrasch
sämtl. lustsp. (1765) 1, 231; dieweil sich dann auch biszher groszer widerwill von wegen der roten titel zugetragen, welche sie ohn das mit groszem kosten von wegen des zinobers, so jetzt so hoch am gelt gestiegen ... zuwege bringen (
druckerordnung 1573)
Frankf. zunfturk. 1, 145
Bücher-Schm. c)
zum anstrich von waffen und als kleiderfarbe: ein sper von zinober rôt vüert er mit wîzer banier Heinrich v.
d. Türlin
krone 420
Scholl; des schilt erschein gel unde blâ von lâsûr und von zinober Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 32 721; von samîte was ir kleit, daz under beide und ouch daz ober, noch rœter vil dann ein zinober und ein niuwez lösche
ders., Partonopier 8704
B. d)
zum schminken: denn was unser mennige und cynober (so man ausz quecksilber macht, damit sich die ROemer anstrichen) betrifft Mathesius
Sarepta (1571) 101
a; dann es kam gleich ein mahler mit seinem werckzeug daher, nemlich mit minien und zinober zu meinen augliedern Grimmelshausen
Simpl. 58
Scholte; sie schmAelert, gleicht, und schwärtzt der augen dnnes haar, die hohe Venusburg; braucht krafftmeel, eyerklaar, zinober, perlenstaub, mit bergrot eingerhret, senff, spieszglasz, weinstein-oel, das zarte haut gebieret Rachel
satyr. ged. 28
ndr.; spare deinen zinnober, schon roth über roth! Hippel
lebensl. (1778) 1, 478; dasz er (
gott) kräuter gegen verdorbene magen, und zinnober zur schminke wachsen lasse Hegel
w. (1832) 7, 1, 10; ihr habt vergessen, den zinnober von eurer nase zu wischen G. Keller
ges. w. (1889) 1, 404; gassenhure, deren dick aufgetragenes bleiweisz und zinnober man ... erkannt haben müszte Schopenhauer
w. 5, 496
Gr.; beschreibung des tätowierens: zeichnet das oberhaupt mit einem in wasser, worin schieszpulver aufgelöset ist, getauchtem stabe die figur, die er zu machen gedenkt; alsdann sticht er mit zehn in zinnober getunkten, in einer kleinen hölzernen form befestigten nadeln die bezeichneten theile Lichtenberg
verm. schr. (1800) 5, 143. 33)
zusatz zu arzneien und salben, wozu wohl häufiger drachenblut als der mineralische zinnober gebraucht wurde (
s. oben 1),
sowie zu feuerwerkspulver: (
pfirsiche rot zu machen) nimm eyn pfersigstein, setz ihn in den grund, und nach siben tagen nimm ihn wider herausz unnd thu ihn auff, aber er gehet von ihm selbs auff in denen tagen, darnach so thu zinober in die schalen unnd vergrab ihn wider fleiszig
M. Herr
feldbau (1551) 121
b; darzuo bruchten sie (
die ärzte) auch ... zinober, menii, corallen, gebrant saltz (
gegen die syphilis) Murner
bei Hutten
opera 5, 408
Böcking; binden die leut ans bett, wickelen sie inn die todenleinlach ..., arssbosselen sie, hinden ein plasen, oben auszlassen, ... coloquint, zinober, turbit, tassia ... aufflegen unnd eingeben Fischart
Garg. 254
ndr.; bleiweisz, kalt und trucken im andern, zinober kalt und trucken im dritten (
grad) Dryander
d. ganzen arzenei gemeiner inhalt (1542) 60
a; da thue ich unter ein pfund dieses pulvers, schönes weissen salmiack drey loth, gemeines zinnobers zwey qvintlein, dieses reibe ich wohl untereinander Ettner v. Eiteritz
mediz. maulaffe (1719) 133; gegen die askariden (
spulwürmer) haben sich ... zinnober und kalomel am besten bewiesen
anh. z. allg. dt. bibl. 1/12 (1771) 604; nimb ... zway loth zinober und gallitzenstain Seutter
hippiatria (1599) 440; eine truckene salbe zu machen, nimb 2 loth zinnober ... Martin Böhme
roszartzney (1618) 70; der satz zum pulver selbst ist auf ein pfund wohlgelAeuterten salpeter, 6 loth kohlen, 4 loth schwefel und ein loth mercurii sublimati oder zinnober Fleming
soldat (1726) 74. 44)
in vergleichen a)
mit der roten farbe anderer minerale: gesublimiert ... wie ein zinober Paracelsus
opera (1616) 2, 570
Huser; negst diesen dreyen ertzen, ist ein silber ertz, das ist braunroth, fast dem zinober gleich Ercker
beschr. aller min. ertzt (1580) 3
b. b)
namentlich aber des mundes und der wangen: ich wæn dâ mit man verwe, ez sîge minwe ald zinober, ir under mündel und der ober tragent liehter varwe schîn
Reinfried v. Braunschweig 2199
lit. ver.; der zinober seines mundes hat die wollen-lilien-hand so beflekket Ph. Zesen
verm. Helikon (1656) 1, 202; zienober krOenet milch auf ihren liebes-ballen (
den wangen) Lohenstein
Ibrahim Sultan 332; wie kan mein scharlach doch so bel dir gefallen? es sticht zinober ja die andern farben weg; dem purpur bleibet doch der vorzug unter allen Hoffmannswaldau
ged. (1727) 2, 56
Neukirch; dann auch der lunge: die lunge ist wie zinnober roth von farbe Fleming
teutscher jäger (1719) 163;
des herbstlichen laubes: wie wir durch laubes lohenden zinnober ... den und den baum besuchten Stefan George
d. siebente ring (1909) 132. 55)
seine starke farbwirkung hat zu übertragener verwendung anlasz geboten, a)
sowohl in poetischer redeweise, wie in den beiden folgenden belegen: die natürliche farbe eines charakters genügte ihnen nicht; denn diese kann nicht bis zur gallerie hinaufglänzen, und so lieszen sie von dem zinnober der übertreibung die frische blutröthe erst bedecken, dann verderben Börne
ges. schr. (1829) 1, 95; purpur und zinober weiset wie es mit der wahrheit steht; wenn der basiliske gleisend aus der falschen schminke kräht Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 3, 157;
als auch als benennung von roten säften, im ersten beispiel noch in verhüllender, ironischer ausdrucksweise für blut: der mahler hatte sich ... müssen mit zu tische setzen, dem war nun angst und bange. was aus dem blutvergieszen werden solte, und ob er nicht auch etwas von cinnober darzu spendieren müste Ch. Weise
erznarren 101
ndr.; sodann aber in allgemeinem gebrauch: zinnober,
m., '
im vorigen jahrhundert name eines schwarzen doppelbieres, das in Insterburg gebraut und nach auswärts verschickt wurde' Bock
bei Frischbier
pr. 2, 494
a. b)
besonders aber als name des rausches; man geht wohl nicht fehl, wenn man das vergleichsmittel in der roten farbe des minerals und der durch den übermäszigen genusz alkoholischer getränke hervorgerufenen gesichtsröte annimmt; das frühe vorkommen bei Abr. a
s. Clara
kann nicht wohl mit dem gegenwärtigen verbunden sein, da zwischenglieder fehlen; aber neuschöpfung liegt ja nahe; in Berlin tritt das wort an dessen jargonwort zimt (
s. oben)
heran und in dessen begriffsfeld hinein: der erste, der ein tuml, ein rausch, ein zinober im wein gsoffen, ist Noe gwest Abr. a
s. Clara
neue predigten 34
lit. ver.; heut will ich mir einen guten zinober ansauffen
ders., Judas 3 (1692) 172; sie (
die alten leute) kennen den ganzen zimt oder zinnober Imme
soldatensprache 13; man kann nicht sagen, dasz die rede ungeteilte freude auslöste ... von Glanz glaubte man das wort: zinnober! zu vernehmen W. Goetz
gralswunder (1926) 158; '
umstände, (
in leicht abfälligem sinne)
festmahl, fest'
Berlin. 66)
beiname einer märchenfigur E. T. A. Hoffmann
s: Klein Zaches, genannt Zinnober
s. w. 5, 1
Gr.