zerstreuen,
verb.,
mhd. zerströuwen,
mnd. tostrouwen,
mnld. testrooien;
das partic. zeigt im nhd. bisweilen noch -au-,
entrundung hat obd. z. th. zu -ei-
geführt, bair. ist -ä-; Diefenbach
gl. 544
a; 186
a; Frisius 427
b; Stieler 2211; Frisch 2, 347
a; z.
berührt sich im gebrauch mit aus- (
th. 1, 993)
und verstreuen (12, 1, 1798); 1)
auseinanderstreuen, streuen: jetzt dresch ich und heb auf mein heu, und ist es nasz, ich das zerstreu (
sagt der heumonat) Petri
d. Teutsch. weiszh. 2, Q q q 2
v,
wofür älteres obd. zetten
und jüngeres nhd. streuen
üblicher ist (heu streuen
heu zum trocknen ausbreiten, stroh streuen
stroh dem vieh im stall unterstreuen, dung streuen
dung spreiten, bes. auch kunstdünger streuen);
allerhand gegenstände wahllos hierhin und dorthin auseinanderwerfen, z. b. die waffen erschlagener liegen zerstreut
auf dem schlachtfelde umher, s. Lexer 3, 1087; etliche bcher ... hin und her zerstreut ... lagen Grimmelshausen
Simpl. 50
ndr.; tausend keime zerstreuet der herbst Schiller 11, 166
G.; auseinandertreiben, -jagen, -wehen: sand, so vom wind zerstreuet wird Lehmann
flor. (1662) 1, 305; der wind zerstreute die wolken Eichendorf
s. w. 3, 250;
vgl. schon Konr. v. Megenberg
b. d. nat. 77; 95;
ohne ordnung vertheilen: der mahler zerstreuet seine lichter, wenn sie nicht genug durch schatten contrastiret sind und daher das auge verblenden Adelung
2 4, 1692; 2)
ausbreiten, von einer stelle aus in verschiedene richtung lenken, um sich herum ausstreuen: Nik. v. Jeroschin 12833
Str.; die blütenblätter entfalten: d. teuf. netz 6781;
ähnlich: ain krot ... mit zersträuten (
fortgestreckten) füezen Konr. v. Megenberg
b. d. nat. 453; die ärzte ... suchen ... ihn (
den rheumatismus) auf einen wenig gefährlichen theil des körpers abzulenken und zu z. J. J. Chr. Bode
Montaigne 5, 119; die durch den gantzen leib zerstreete hitz Guarinonius
greuel 626;
lichtstrahlen z.: Göthe II, 2, 58; 217
W.; 3)
unachtsam auseinanderbringen, verschleudern, -schwenden, -geuden: wer nicht mit mir samlet, der zurstrewet (
ebenso die obd. bibeln; doch Matth. 12, 30 ver- Luther)
Luk. 11, 23; Göthe 24, 224
W.; der kirchen gter werden zerstreut Eberl. v. Günzburg
s. schr. 2, 63
ndr.; H. Fischer 6, 1153;
mhd. wb. 2, 2, 701
b; Frisch 2, 347
b; (
er) zerstreüt sein aygne hab Albr. v. Eyb
spieg. d. sitt. (1511) J 3
b;
veraltet auch mit gewalt z.,
d. h. zerstören: diese stat gantz erstört ist worden und zerstrewet (
Nürnb.)
chron. d. st. 3, 180; H. Sachs 7, 179
K.; sodann die zeit hinbringen, vertreiben: stehlen, morden, huren, balgen heiszt bey uns nur die zeit zerstreun Schiller 2, 153 (
räub. 4, 5)
G.; 4)
etwas zusammenhangendes a)
regellos auflösen, z. b. einen ameisenhaufen auseinanderstoszen: Göthe 50, 285
W.; die stücke einer buchausgabe in den handel bringen: Schiller 2, 205
G.; in der regeldetri veraltet gleich zerfällen 2
b: allg. d. bibl. anh. 37/52, 439;
dauernd für das auflösen der haare: Lexer 3, 1087; Frisius 183
b;
u. a.; (
weiber) mit zerstreuten haaren Lohenstein
Arm. 2, 1060
b; Herder 26, 81
S.; Immermann 1, 27
B.; zumeist aber eine schar menschen oder thiere auseinanderjagen, verstreuen: welche aber uberblieben, wurden also zustrewet, das ir nicht zween mit einander blieben
1. Sam. 11, 11;
Joh. 10, 12; die herd Israhel ist zerstrewet (
vor 1475 verzet,
Jer. 50, 17)
erste bib. 9, 186;
heere und flotten: dem Törcken wehr, thostrouw syn heer Nic. Gryse bei Fischer-T.
kirchenl. 1, 188; Mommsen
röm. gesch. 3, 30; er (
gott) zerstreue die feinde v. Fleming
sold. (1726)
widmg; der (
sturm) die ... flotte ... zerstreute Niebuhr
röm. gesch. 3, 606; die jAeger, wann sie die zerstreuten hunde zusammenlocken
viehbüchl. 4;
eine gesellschaft, versammlung entlassen: damit der landtag zerstreut was; jeder zog, da er mit haus sasz
Teuerdank 14
G.; die gäste zerstreuten sich Holtei
erz. schr. 4, 68; zerstreut euch im wald — ich bleibe Schiller 2, 173 (
räub. 4, 5)
G.; b)
absondern von seinen gefährten, seiner familie, der heimat, in die fremde verschlagen: Daniel 1376
H.; und der herr wird euch zustrewen unter die vOelcker (verzett,
seit 1475 zerstrAeet
erste bib. 4, 149)
5. Mos. 4, 27;
ebenso Tob. 13, 3;
ps. 44, 12;
Hes. 11, 16;
ebenso älteres verzetten
durch z.
ersetzt Jos. 23, 4
und ps. 58, 12
erste bib.; 5)
ungewöhnlich für bestreuen: alle straszen und weg mit todten cOerpern zerstreut waren H. Boner
Justin. (1532) 14
a; b)
leid, sorge, unmut, zweifel, bedenken u. a. z.: si kan mir wenden ungemach und alles mein laid zersträen Hätzlerin 1, 5, 39;
unmut: H. Sachs 11, 464
K.; zweifel: Wieland
Agath. 1, 33;
besorgnisse: Bismarck
pol. red. 2, 58
Kohl; u. v. a.; 7)
in der sprache a)
der mystik drückt die wendung daz gemüet, daz herz zerströuwen
die unruhe und ablenkung der seele von der gemeinschaft mit gott, der versenkung in das göttliche und der inneren sammlung aus: samen din sel zesamen von den uszren dingen, da sú sich inne zerstrOewet hein Seuse
d. schr. 170; 29
B.; Nikolaus v. Basel 203;
s. auch die belege unter zerziehen 1
c β; verkleinet die getruwunge und zerzúhet und zerstrǒwet das gemte, und wurt dis minneclichen influsses unenpfenglich Tauler
pred. 128
V.; unde wolte der mensche aber húte unbehuot sin, das er hiemitte zerstrǒwet wurde, es were mit klaffende, mit zit verlierende oder mit bekúmbernisse
ebda; s. auch 126; 137; 311
V.; das man damit das herz zusamen halte, das es nicht zurstrewet werde Luther 28, 77
W.; wieder aufgenommen vom pietismus: warum zerstreust du dich, mein herz, und machst dir selbst so manchen schmerz und thust so manchen fall! Woltersdorf
s. n. lied (1773) 196;
sendschreib. d. Teresa v. Jesu (1700) 399; 71;
s. hierzu und zum folgenden belege in mitt. d. schles. ges. f. volksk. 18, 101
f.; b)
in der zwischenzeit über die religiöse sphäre hinausgedrungen und auf die störungen des seelischen gleichgewichts und die zerrüttung des verstandes oder des willens bezogen; vgl. von der störenden wirkung der liebe: U. Füetrer
Seifrid de Ardem. 358, 3
P.; κωφὸς ... (
bedeutet) nicht allein taub und stumm, sondern auch gar
stupidus und
hebes, das ist im kopf und hirn unrichtig und zustreuet S. Artomedes
christl. ausleg. (1609) 1, 645;
danach ist zerstreut
also gleich albern, verwirrt, verstört, geistesgestört: der stelt sich einfeltig und schlecht, gleichsam halb alber und zerstreut H. Sachs 9, 365; 8, 307
K.; zerstreut und bsessn: Ayrer
dram. 4, 2658
K.; verwirret oder zerstreut seyn Wächtler (1714) 151; zerzerstreut im kopf
égaré Frisch
n. dict. 686; 8)
mit beginn des 18.
jahrh. s weist zerstreut,
wie es scheint unter einwirkung des franz. distrait, die moderne bedeutung a) '
unaufmerksam, durch fremdartige eindrücke abgelenkt'
auf; so vielleicht schon: du bist zerstreuet in deiner gedAechtnisz G. Arnold
leb. d. gläub. (1701) 36;
gewis aber: (
ich) habe ... zerstreuet geantwortet Gichtel
theos. sendschreib. (1709) 2, 61; J.
M. v. Loen
redl. mann (1750) 518; man saget: der mann ist ganz zerstreut (distrait),
d. i. von allerley wilden, ausschweifenden gedanken eingenommen Gottsched
beob. (1758) 435; ich glaube schwerlich, dasz unsere groszväter den deutschen titel dieses stücks (
nämlich der zerstreute) verstanden hätten. noch Schlegel übersetzte
distrait durch träumer. zerstreut seyn, ein zerstreuter ist lediglich nach der analogie des französischen gemacht Lessing (1767
hamb. dram. 28) 9, 301
M.; s. auch unt. zerstreuung 8
a; gedankenlos und zerstreut J.
M. Miller
pred. 1, 23; Göthe 45, 126
W.; Schiller 3, 378
G.; u. s. w.; indem er seine briefe schrieb, zerstreuten (
störten, lenkten ab) ihn diese gedanken unaufhörlich Tieck
schr. 17, 20; b)
an 7
a knüpft an: licht, bewegung, gewhl, getmmel, alle dinge z. uns auszer uns J. A. Ebert
Youngs nachtged. 2, 29; 3, 405;
dagegen bildet den gebrauch von 8
aus: eine reise zerstreut uns (
lenkt, zieht ab) von dem, was wir haben, und giebt uns selten das, was wir brauchen Göthe IV 10, 218.; 18, 312; 4, 7
W.; Lessing 17, 246
M.; Schiller 14, 245
G.; weil er mit zu vielem zerstreuet war Herder 16, 459
S.; sodann unter anlehnung an 3
und 7
a: fühlt, dasz er sich aus seinem zerstreuten leben sammeln ... müsse Göthe 47, 265; heute bin ich von einer zerstreuten (
zerrissenen, in vielerlei beschäftigungen nutzlos hingebrachten) woche noch ganz verstimmt IV 12, 118; IV 9, 309; (
ich) bin ... so zerstreut und zerstückelt IV 28, 288
W.; oft; so auch Herder 13, 29
S.; Treitschke
d. gesch. 4, 419;
u. a.; 9)
aus 8
folgt schlieszlich jem.
oder sich z.
jem. von seinen sorgen oder dem einerlei des tagewerkes ablenken, sich angenehmem zeitvertreib hingeben, sich vergnügen: wie die kranken zu zerstreuen, mein gesang dir diene oft Cl. Brentano
ges. schr. 3, 415; vielerlei wege ..., in welchen sie (
die menschen) sich z. und ihr vergnügen suchen Chr. Fr. Richter
adel d. seele (1739) 147; nach jenen (
plätzen) geht man, um sich zu z., zu erholen und zu vergnügen J. H. Campe (1789)
im braunschw. journal 3, 303; Pfeffel
pros. vers. 5, 54;
u. a.; 10)
das partic. zerstreut
steht in anknüpfung an 2
und 4
b für '
abgesondert, vereinzelt, getrennt und weit von einander verstreut': das land Wirttemperg ist nahet pey einander und nit zustrayt und ist schir als praidt als lang es ist L. Suntheim († 1513)
in württ. vierteljahrsh. 1884, 128; damit sie nicht zustreuet laufen wie ein haufen seuw Reuter v. Speier
kriegsord. 31; alle z. stehenden bäume Göthe II 1, 35; zerrissene, z-e studien 46, 20
W.; die rings herum z-en landhäuser J. G. Jacobi
s. w. 3, 25; stengel ... mit z-en blüten Schlechtendal
flora v. Deutschld 12, 107
H.; —
andere zss.: auf-, aus-, be-, ein-, über-, verstreuen. —
zu 8
zerstreutheit, f., 1)
unaufmerksamkeit, abgelenktsein: eine träumerische z. Tieck
schr. 5, 440; Lavater
phys. fragm. 2, 57; Fontane I 4, 49;
u. a.; 2)
zu 9: z. der wohnungen Ritter
erdk. 1, 452;
daneben zerstreutsein, n., wie zerstreutheit 1: Meiszner
Alcib. 1, 289; Jean Paul 55/58, 159
H. —