wunderschön,
adj. ,
zusammenrückung aus wunder schön '
sehr schön' (
s. wunder-komp.-typen A 6),
seit dem mhd., doch begegnet getrennte schreibung vereinzelt noch im 17.
jh.: Spee
trutznachtigall (1649) 120; A. Silesius
cherub. wandersmann 76
ndr. lexikalisch seit Stieler
stammb. (1691) 1391; 1755.
die im bestimmungswort nur verstärkende bildung dringt in die meisten, aber nicht in alle beziehungen des grundwortes ein. 11)
wie schön
vornehmlich im bereich optischer empfindungen und eindrücke, von dem, was durch erscheinung und gestalt äuszerstes wohlgefallen erregt. 1@aa)
von aussehen und gestalt des menschen. vorzüglich frauen kennzeichnend, seit alters in gängigen verbindungen: dô weinde âne mâze daz vil wunderschœne wîp (
Kriemhild)
Nibelungenlied 863, 4
L.; die ... wunderschöne göttin Calypso Schaidenreisser
Odyssea (1537)
vorr. 3; verwundert euch nicht wunderschöne jungfer! Stranitzky
ollapatrida 184
Wiener ndr. typisch für bestimmte stilschichten, die volkstümliche erzählsprache, die sprache des volkslieds, der sage, des märchens, aber bloszem schön
gegenüber ohne spürbar gröszeres gewicht: ein reicher kauffmann sass zu Leiptzig, der het ein wunderschönes weib (1559) Schumann
nachtbüchlein 32
Bolte; diese heilige aber wäre vordem eine wunderschöne prinzessin gewesen, in die sich ihr eigener vater verliebt br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 135; hörst du mein horn erklingen, du wunderschöne maid? Geibel
ges. w. (1888) 2, 26; er (
der falke im traum) sasz auf der hand einer wunderschönen frau und spielte mit einer goldenen krone A. Sperl
söhne d. herrn Budiwoj (1927) 136.
im unterschied zu schön
nur selten substantiviert: (
er) konte seinem gütigen verhängnis nicht genug danken, das ihme so unvermutlich diese wunderschöne in die hand geliefert A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 143; hier ist viel verschüttet! rief die wunderschöne Göthe I 25, 148
W. bei männlichen personen häufiger nur von kindern: also hettent in (
den Jesusknaben) usnan wol gezieret alle wúnne mit aller schOenhait kúnne, vil wunderschOen und wunnesam schweizer Wernher
Marienleben 5739
P.-H.; vgl. 5745; 5865
u. ö.; er der zeit ein kleiner wunderschöner knab war
theatrum amoris (1626) 284; ein zartes, wunderschönes knäblein, ... das sie unaussprechlich liebten, war ihr einziges kind Chrph. v. Schmid
ges. schr. (1858) 1, 15.
selten: ein wunderschöner mann Th. Platter 87
Boos; geführt von einem wunderschönen Italiener Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 4, 108.
auf einzelne körperliche merkmale zielend: meine liebste zu sehen und meine augen in ihrem wunderschönen angesicht zu weyden Grimmelshausen 2, 595
Keller; ein stral aus wunderschönen augen
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 161; sie hält das kind hinter den still über einander gelegten wunderschönen händen A. W. Schlegel
s. w. (1846) 9, 35. 1@bb)
von blumen und anderen naturgebilden. in ähnlichen sprachschichten wie unter a: denn, ist die rose nicht der blumen königin? ein wunderschönes kind der sonnen und der erden? Lohenstein
blumen (1680) 96; das blümlein wunderschö
n. lied des gefangenen grafen (
gedichtüberschrift) Göthe I 1, 172
W.; da erblickte sie wunderschöne rapunzeln auf einem beet br. Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 39; eine esche stand vor dem fenster, in sommerzeit ein wunderschöner baum Fontane
ges. w. (1905) I 1, 331.
hier auch fachsprachlich: die wunderschöne (
eine pfirsichsorte) Oken
allg. naturgesch. (1839) 3, 3, 2064; Metzger
pflanzenkde (1841) 804.
andererseits als für sondersprachlichen gebrauch ungeeignet zurückgewiesen: dasz er (
der unerfahrene) ein sehr gutes oder prächtiges gehörn, vor ein wunderschönes ... anspricht (
und sich damit unweidmännisch ausdrückt) Heppe
aufricht. lehrprinz (1751)
vorber. 3
a. 1@cc)
vom kosmos, von der welt, der natur und der landschaft. im älteren gebrauch wohl mehr von der vorstellung des zweckdienlichen, vollkommenen aus (
s. u. 5): die fuorten in (
Josaphat) aldâ zehant in ein wunderschœnez lant. in eine stat was dâ sîn vart daz nie sô schœnes niht enwart, diu was von liehte wol getân (
Josaphats vision des paradieses)
Laubacher Barlaam 16 305
Perdisch; das schlosz Liechtenberg ..., nachdem es dann ain kaiserlicher berg und ein wunderschöne gelegenheit hat
Zimmer. chron. 23, 482
Bar.; beschau sie beyd (
himmel und erde) vnd brich herausz (
in den lobpreis): o wunderschön wohnstätt vnd hausz!
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 3, 6
a.
aber schon im 17.
und frühen 18.
jh. auch im blick auf den eigentlichen schönheitswert: viel tausendt tausendt par der wunderschönen sternen sindt vmb den himmel her euch zu zusehn von fernen Opitz
teutsche poemata 72
ndr.; wurde diese wunderschöne felderey allenthalben, so zusagen umarmet, von unterschiedlichen lustigen wäldlein S. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 81; und säh in einer heitern nacht den wunderschönen sternenhimmel Brockes
ird. vergnügen (1721) 4, 3.
so ausgesprochen im jüngeren gebrauch, seit der belebung des naturempfindens: die gegend, sagt man, ist wunderschön Sturz
schr. (1779) 1, 254; die gegend war reizend, einsam und wunderschön Gutzkow
zauberer v. Rom (1858) 4, 153; Baltimore ... liegt wunderschön Ruge
briefw. u. tageb. 2, 265
Nerrlich. von da aus: heut früh (
haben wir) eine ... wunderschöne aussicht vom schlosse Heinrichs IV. auf die Pyrenäenkette gehabt Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1900) 507
H. v. Bism. 1@dd)
von perlen, steinen u. ä.: ein kleid ... mit grossen wunderschönen orientalischen perlen ... geschmückt Harsdörffer
teut. secretar. (1656) 1, Yy 4
b.
von mineralien im blick auf ihr makelloses vorkommen: ein wunderschöner glimmer in federgestalt ist darunter Göthe IV 36, 133
W.; vgl. 29, 194; eine wunderschöne granatmutter Ayrenhoff
w. (1814) 4, 123. 1@ee)
von dem durch menschliche kunst, kunstfertigkeit und geschicklichkeit hervorgebrachten: ich sah manch wunderschön arbeit und künstliche geschickligkeit, darob sie (
die menschen) neidten an-einander Hans Sachs 19, 384
lit. ver.; ein schlosz, das war sehr hoch, vnd fest, vnd wunderschön Dietrich v.
d. Werder
rasender Roland (1636) 1, 38; o wie lange habe ich dieser allerschönsten hand wunderschöne schrift nicht bekommen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 279; in wahrheit, das giebt ein wunderschönes wappen ab
theater d. Deutschen (1768) 12, 276; die wunderschönen ohrgehänge L. v. François
d. letzte Reckenburgerin (1871) 1, 154.
von gebäuden, aber noch nicht, wie unter 3 a,
im sinne eines ästhetischen werturteils: ward ich gefürt für einen sal ... so wunderschön, das ich es kaum mit worten auszgesprechen mag Hans Sachs 1, 437
lit. ver. im volkslied formelhaft: o Straszburg, o Straszburg, du wunderschöne stadt, darinnen liegt begraben so mancher soldat Mittler
dt. volkslieder (1865) 141. 22)
ungebräuchlicher in der kennzeichnung akustischer eindrücke: darauf üm diese zeit der schöne nachtigal die wunderschöne stimm gantz lieblich lies erklingen
Reinicke Fuchs (1650) 59; die vögel sangen wunderschön, die sonne lachte und die bäume blühten G. Freytag
ges. w. 11 (1887) 62.
am ersten hierher, doch vgl. auch unten 5: Terander lebt von seinen fingern und spielt die laute wunderschön Stoppe
Parnasz (1735) 266. 33)
über die blosz sinnliche eindruckssphäre hinaus in den bereich künstlerischer und geistiger wertung eindringend, ästhetisches und geistiges kennzeichnend, das wohlgefallen erregt. 3@aa)
von werken der bildenden kunst, im unterschied zu 1 e
als ästhetisches werturteil, aber, als uncharakteristisch, auszerhalb streng fachsprachlichen gebrauchs: wie desz Apellis hand so wunderschöne sachen als ein new schöpffer, new natur, hat dörffen machen Zinkgref
auserl. ged. 45
ndr.; den wunderschönen bau des zwingers aufzuführen König
ged. (1745) 24; der wunderschöne dom von Siena Fr. Schlegel
s. w. (1846) 6, 185; banknoten, mit den bildern Peters des groszen und der groszen Katharina, wunderschön in stahl gestochen A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 269.
nur gelegentlich auf musikalische werke bezogen: die wunderschöne arie von Jomelli: se cerca, se dice Fr. H. Jacobi
w. (1812) 1, 125. 3@bb)
in der beziehung auf literarisches fällt der blick ebenso sehr auf den form- wie auf den aussagewert, den gehalt; seit dem 17.
jh. nicht selten: und dasz manch verschmitzter mensch solche wunderschöne sachen und so manches künstlerstükk könt in unsrer sprache machen Neumark
neuspr. teutscher palmbaum (1668) 341; (
er) setzte folgenden wunderschönen brieff ... auf Chr. Weise
erznarren 65
ndr.; eine wunderschöne historie von dem gehörnten Siegfried (1726)
titel; seine strümpfe hingen hernieder wie die des dänischen prinzen Hamlet in der wunderschönen, aber graulichen tragödie von William Shakespeare W. Raabe
s. w. I 6, 399
Klemm; trotzdem bleibt der Samson ein wunderschönes gedicht Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 54. 44)
zur kennzeichnung angenehmer, beglückender, heiterer, freundlicher empfindungen bzw. dessen, was sie auslöst. 4@aa)
besonders vom wetter, von tageszeiten, jahreszeiten und den durch sie bestimmten erlebnissen: o wunderschöne zeit! ja freilich ist sie schöne (
der frühling) Fleming
dt. ged. 60
lit. ver.; dann, im wunderschönen monat mai ... gab es eine hochzeit Storm
s. w. (1899) 3, 320; ja, mein freund, es ist wunderschön, nur zu warm für die jahreszeit Holtei
erz. schr. (1861) 3, 140; es war ein wunderschöner tag, frische herbstluft bei klarblauem himmel Fontane
ges. w. (1905) I 6, 400.
allgemeiner von erlebnissen und lebenszuständen überhaupt: von dem glücke alle gaben, reichthum, ehr und schätze haben, diesz ist zwar, ich musz gestehn, wünschenswerth und wunderschön Chr. Fel. Weisze
lieder f. kinder (1767) 45; ob er sich denn nicht auch freue, es sei doch wunderschön Polenz
Grabenhäger (1898) 1, 292; damals auf der wunderschönen reise nach Wien Ina Seidel
d. labyrinth (1922) 220. 4@bb)
vielleicht von a
her auch moralische werte und innere lebensgüter kennzeichnend, vornehmlich älter, wo auch religiöse beziehung möglich ist: lauter euangelische vnd wunderschöne vnd tröstliche sprüch Mathesius
Sarepta (1571) 24
a; ihm (
gott) dancket, preiset ingemein den wunderschönen namen sein, der vberall erhoben
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 1, 190;
vgl. Spee
güld. tugendbuch (1649) 9
a; die wunderschöne freundlichkeit die löblich' einfalt, ... die wehrte keuschheit, die sie hat Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 405.
selten unmittelbar auf ein menschliches gebaren bezogen: doch grüszt er (
Jesus, der einer jungfrau erscheint) sie gar wunderschön
aus: d. knaben wunderhorn in: schr. d. Goetheges. 7, 218.
vereinzelter moderner gebrauch scheint eher als übertragung von 1 a
her empfunden: ich weisz einiges aus seinen (
Cézannes) letzten jahren, da er alt war und schäbig ... aber innen, ganz innen, war er wunderschön (1907) Rilke
br. 1906 —07 (1930) 361. 55)
in einem nur schmalen, aber schon früh einsetzenden und bis heute durchlaufenden bedeutungsstrang tritt die vorstellung des passenden, zweckdienlichen hervor. als '
trefflich, ausgezeichnet, sehr gut'
ist das wort hier auf gegenstände und vorgänge bezogen, später eher in umgangssprache und mundart als in höherer sprachschicht: nachdem aber der Franzoss ain grossen wunderschonen hauffen kurasser, rayser vnd fuessvolck gehebt, haben die walischen herrn ... den angriff nit wol rattn wellen (1525)
fontes rer. Austriac. I 1, 469; ein paar wunderschöne pistolen Chr. Reuter
Schelmuffsky 25
ndr.; gibt es ... dort ... auch so wunderschöne pfefferkuchen, wie in Gelnhausen? Brentano
ges. schr. (1852) 5, 30; wie wäre es zum beispiel mit einer giraffe? in unserm südzimmer kann sie wunderschön stehen H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 114; z'letzt han i an tremmel auszigrissen beim zaun und han'n ihm nachigschmissen, z'sammgfallen is er wunderschön Karl Stieler
ged. 4, 45
Reclam; die kleine Ruth wächst wunderschön (1902) Rilke
br. 1899 —1902 (1931) 178.