wolkenbruch,
m. ,
heftiger regengusz, platzregen; jüngere form für ursprüngliches wolkenbrust,
f. (
nd. wolkenborst,
f.),
das nach dem rückgang der hochdeutschen verbalform bresten
in der bedeutung '
brechen'
im 15.
jh. (
s. v. Bahder
wortwahl 50)
nicht mehr in der bisherigen bedeutung verstanden wurde. nd. -borst
setzte sich nicht in der schriftsprache wie das seit Luther
übliche bersten
durch, sondern das nach dem vb. brechen
gebildete -bruch.
die alten formen halten sich bis ins 18.
jh. und sind heute noch mundartlich belegt. das 15.
u. 16.
jh. zeigen eine auffallende unsicherheit im gebrauch der formen des wortes. zusammensetzungen mit der einsilbigen form wolck- (
s. o. wolke
sp. 1283)
bei Luther: wolckbrüche 30, 2, 544
W.; wolckborst
dt. bibel 1, 499
W. die form -brust
erscheint mit anlautendem p
bei Diefenbach
gl. 106
b; Schmeller-Fr. 1, 367
a;
mhd. erz. 2, 285, 31
Eul., -brost
verzeichnen Diefenbach
gl. 314
b;
lat.-dt. voc. v. 1420,
nr. 392
Schröer; Luther 41, 234
W.; (
Wetterau) Crecelius 921; -brast,
dialektisch noch in jüngerer zeit gebräuchlich, ist in anlehnung an mhd. brasten '
prasseln'
gebildet, s. Kehrein
Nassau 448; Schmid
westerw. id. 332.
die nd. formen mit metathese des r
zeigen wechselnden stammvokal: -borst
Theutonista 505
V.; s. auch Schiller-Lübben 5, 763
a; Diefenbach
gl. 106
b; Luther
dt. bibel 1, 499
W.; -barst
bei Diefenbach
gl. 106
b und n. gl. 79
b; -bürst
bei Woeste 328.
eine mischform -prucht
bei Joh. Hartlieb
dialog. mirac. 296, 20
Dr.;
varianten der form -bruch
finden sich nur vereinzelt als -broch,
s. voc. inc. teut. ante lat. (1485) oo 7
b;
wb. d. lux. ma. 489; Heinzerling-Reuter
Siegerl. wb. 329;
formen mit anlautendem p
bei Diefenbach
gl. 106
b und n. gl. 386
a; Lori
bergrecht 209.
vereinzelt steht neutr. wolkenbrust
bei Joh. v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 17640; wolkenbruch
zeigt bisweilen feminine verwendung, wohl in anlehnung an das fem. wolkenbrust,
s. Luther 30, 2, 295
W.; Gombert
bem. u. erg. (1879) 18. 11)
die mhd. belege lassen die von bresten
im sinne von '
hervorbrechen'
herzuleitende grundbedeutung des wortes erkennen: wolkenbrust (-bruch)
bezeichnet das plötzliche losbrechen, das niederstürzen des regens, der als herabstürzende wolkenmasse aufgefaszt wird (
vgl. mhd. niderbrüstic
niederstürzend mhd. wb. 1, 257).
das wort findet in der mhd. poetischen sprache mit vorliebe im vergleich verwendung, wobei stärke und geschwindigkeit des niederstürzenden regens als tertium comparationis dienen. in eigentlicher bedeutung: cathaclismus wolchenbrust
ahd. gl. 3, 324, 28 (
aus dem summarium Heinrici, junge fassung, hs. des 14.
jh.); irdranc Isleve van ener wolkenborst unde vele lûdes dar inne Eike v. Repgow
zeitbuch 466
lit. ver.; wan got hat also vertzwicket di wolken und geschicket, daz sy cleynlich zu lazen sich und by trophen sunderlich dyz wazzer vellet tropphelecht uz den wolken, daz ist slecht, durch die sache daz iz icht gantz valle nyder in der schicht, als ofte die wolkenbrust vallen durch den sunden just
Hiob 10141
Karsten; nach hageln so kümen solch gusregen. mich hilffet weder tag noch schregen vor diser groszen wollckenprust
mhd. erzählungen 2, 285, 31
Euling; grosze erschröckliche wasserflüte oder wolkenbruste
Trautenauer chron. 192
Schl.; von ainer wolckenprwcht, die in Saxen viel und vil lewtt ertrenckt Joh. Hartlieb
dial. mirac. 296
Dr.; im vergleich: reht als ain wildes wolkenbrust brast in gebirge hol, sus grüsenlich sin hant gab zol, swenne er den hufen durchbrach Joh. v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 17640
R.; dagegen: als ein wildiu wolkenbrust
ebda 14953; ez mac vor im niht enwern: er sleht lewen unde bern ..., er bristet in die stürme als ein starkiu wolkenbrust Reinbot v. Durne
hl. Georg 469
Kr.; ein fewr aisleich und groz wuetund aus dem perge schoz und als ein wolkenbrust ez floz (
var. wolkerbruch)
märterbuch 2559
Gierach. 22)
im 15.
jh. taucht die form wolkenbruch
auf, die schlieszlich die bisher üblichen -brust, -borst
und -brunst (
s. d.)
verdrängt und sich in der schriftsprache durchsetzt. mit wolkenbruch
verbindet sich vom simplex bruch
her die bedeutung '
scissura nubis',
die sich jedoch sekundär gebildet haben kann und bald wieder verblaszt. die ursprüngliche bedeutung dagegen zeigt sich in der häufigen verwendung mit den verben fallen, stürzen, niedergehen
u. ä. labrocera wolgkenbrost (
md.) Diefenbach
gl. 314
b;
catarrhacta wolckenbarst (
nd.)
n. gl. 79
b; -bruch, -pruch, -prust (
hd.), -borst, -berst, -barst (
nd.)
gl. 106
b;
nubifragium wolckenbruch
oder platzregen
gl. 384
a;
vorago wokchenprüch (
sic!)
n. gl. 386
a;
catharacta wulkinbrost
lat.-dt. voc. (1420) 392
Schr.; wolkenborst
Theutonista 505
V.; nubifragium, nimbus wolckenbroch
voc. inc. teut. ante lat. (1485) oo 7
b; ein platzschregen ...
ut quasi nubes se aperirent wolkenbruch
vocab. predic. (1486) d 3
b;
nimbus ein schlegrägen oder platzrägen, wulchenbruch Frisius
dict. (1556) 868
b;
cataracta eine wolckenbrust oder wolckenbruch Bas. Faber
thes. (1587) 146
b.
das wort cataracta
der vulgata 1. Mos. 8, 2
überträgt die erste dt. bibel durch venster (
ebenso Luther): die brunnen des abgrundes wurden beschlossen und die venster dez hymels,
s. Kurrelmeyer 3, 66, 1;
die bibeldrucke 1475
bis 1485
setzen: venster oder wolkenbruszt, Schönsperger 1487: wolkenbrüche, Schönsperger 1490: wolkenbruszt, Otmar 1507: wolkenbrüche.
ähnlich 4. kön. 7, 2 (Kurrelmeyer 5, 375, 17),
ferner ps. 41, 8 (Kurrelmeyer 7, 303, 19),
wo Luther
handschr. 1524 wolckborst
durch wasserwoge ersetzt,
s. Luther
dt. bibel 1, 499
W. und vgl. Franke schriftspr. Luthers 2, 123. 2@aa)
die älteren formen wolkenbrust
usw. halten sich noch im 16.
und 17.
jh. in der schriftsprache, schwinden dann aber im 18.
jh. ganz (
letzter beleg bei Hamann
schr. [1821] 4, 274
Roth). Luther
verwendet noch verschiedene formen nebeneinander. in eigentlicher bedeutung: a.
d. 1203 ist bei ... Rhoda eine wolckenbrust nidergeschossen Chr. Irenäus
wasserspiegel (1566) e 2
b; von ... wulckenbursten und wasserfluten (
ist) viel getreidigs im felde verdorben Cyr. Spangenberg
mansf. chron. (1572) 96
a; ein wolckenborst sey gefallen, das wetter hab angezündet Pape
bettel- u. garteteuffel (1586)
L 4
b; zu Sachsen ist eine wolckenbrust gefallen Rivander
düring. chron. (1596) 91; und läst bei solchen schweren gewitter und regen nicht wolckenbrüste fallen Herberger
Jesus Sirach (1698) 605
a; (
es ist) eine wolkenbrust niedergegangen Chr. Lehmann
hist. schaupl. (1699) 257.
im wortspiel mit brust '
pectus': führst du mich in die kreutzeswüsten, ich folg und lehne mich auff dich. du nährest aus den wolckenbrüsten und labest aus den felsen mich W. Chr. Deszler
bei Fischer-Tümpel
ev. kirchenl. 5, 350.
in der zwillingsformel wolkenbrust und sündflut
bei Luther: da ist denn der papst mit seinen schädlichsten traditionen ... herein gefallen, wie eine wolkenbrust und sündfluth
tischr. 4, 57
W.; dann es ist (layder) nu gar mit wolckenbrust unnd sindflut eingerissen und alles uberschwemmet
w. 47, 759
W. metaphorisch für grosze menge: ein iglicher hirt treibet teglich ein gantze grosze wolckenbrust von milch, buter und kese yn die stad
tischr. 1, 590
W.; wolckenburst mit ... lügen und bescheisserey
w. 30, 3, 315
W.; wolckenburst und syndflusz des unseglichen ablas
w. 8, 692
W.; unvorsehens eröffnete sich ein fenster, woraus eine grosze wolckenbrust mit allerhand materialien angefüllet, den armen geschminckten wegweiser über den kopf fiele Riemer
pol. guckguck (1684) 157. 2@bb)
seit dem 16.
jh. gewinnt die jüngere form wolkenbruch
gröszere verbreitung. vereinzelt in der bedeutung ruptura, scissura nubis: elisi nubibus ignes gond ausz einem wulchenbruch Frisius
dict. (1556) 467
b; gantz wolckenbrüch thun sich auff Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 170; wann schier ein wolckenbruch geschicht, und das gewässer weit auszbricht Spreng
Äneis (1610) 188
b; dann solchs begibt sich vil, das ein platz (
platzen einer wunde) geschicht wie ein wolckenbruch Paracelsus
chirurg. 118
b Huser; es thäten sich die wolckenbrüche auf
le cataratte del cielo si apersero Kramer
teutsch-it. dict. 2 (1702) 1384
c.
konkret gefaszt als stürzende regenmasse, meist in verbindung mit verben wie fallen, niedergehen
u. ä.; '
die plötzliche verwandlung einer groszen wolke in wasser, das plötzliche herunterstürzen der in einer groszen wolke befindlichen dünste, welches durch sturmwinde, oft auch durch das zusammenstoszen mehrerer regenwolken entstehet. es ist ein wolkenbruch gefallen.
im oberdeutschen sagt man er ist niedergegangen' Adelung 4 (1801) 1606: darnach im andern jar, anno 1384 gieng ein wolckenpruch zu Giengen ernieder, dasz sich meniglich sterbens het verwegen Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 239
b; wie er (
gott) zu Noah zeiten gantze wolckenbrüch niedergehen lies Mathesius
Jesus Syrach (1586) 3, 63
a; anno 1560 ... fiel ein wolckenbruch Hennenberger
ercl. d. preusz. landtaffel (1595) 96; wann aber grosze wolckenbrüche ... jähling einfallen Fleming
d. vollk. teutsche jäger (1719) 75; der wolkenbruch, der auf die fluren stürzt und thäler überschwemmt Hölty
ged. 119
H.; als eine schon seit langer zeit über unserem haupte hängende wolke sich plötzlich in einem wolkenbruche auf uns herniederstürzte Pückler
briefw. (1873) 2, 251; in der Schindelau ging ein wolkenbruch auf uns nieder Stifter
s. w. 21 (1928) 268.
als atmosphärischer vorgang aufgefaszt, in ähnlicher verwendung wie gewitter, schauer, regengusz
u. ä.: wer hat doch vor gehört von allen von wolckenbrüch und regengüss so überlauff der wasserflüss, das sie auch landt und leut hin nemen? Hans Sachs 11, 405
K.; begäb sich aber, dasz bey einer gruben ain schad geschäche durch wolckenpruch ..., so (
a. 1531) Lori
bergrecht 209; (
jetzt sucht er) durch ungestümm platzregen oder wolckenbrüch der erden nutz zu ertrencken Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 120
b; viel gehet ... im regen hin, viel im wulkenbruch, viel im schawer und groszem hagel Paracelsus
opera (1590) 8, 246; zu Stutgart hat ... ein wolckenbruch ein stuck von der stattmauren gerissen Stumpf
Schweizerchron. (1606) 113
a; mitten in der nacht, wenn die wolkenbrüche rissen und der luft geschüzz erkracht Stieler
geharnschte Venus 12
ndr.; seine ... heimat ist in gebürgigten ... gegenden ... wo oft ... wolkenbrüche toben Hirschfeld
gartenkunst (1779) 2, 119; der ganze himmel scheint im wolkenbruch herabgeflossen Schiller 6, 390
G.; alle blätter waren eben davon voll gewesen, dasz Merseburg an einem so fürchterlichen wolkenbruche gelitten hätte, von welchem ganze straszen zerstört worden Gutzkow
ges. w. (1872) 11, 49; ich sah auf den ... wald, der mit seinen zacken an dem himmel dahingeht, an dem die gewitter und wolkenbrüche hinabziehen Stifter
s. w. 5, 1 (1908) 20.
im vergleich menge, überfülle, plötzlichkeit bezeichnend: was ist ewr kirchen stand fur unserm evangelio gewesen denn eitel tegliche newigkeit ... dazu mit hauffen, wie eine wolckenbruch herein gerissen Luther 30, 2, 295
W.; wie wolkenbrüche ströhmten die geister der todten herzu Klopstock
Messias (1780) 582; die freude fällt auf mich wie ein wolkenbruch Fr. L. Schröder
dram. w. (1831) 2, 95; hat man nichts zu hause, so kommen die gäste wie wolkenbruch und hagelschlag Hebbel
w. 5, 283
W. in metaphorischer verwendung in bewegt-hyperbolischer sprache: ob dich hie nicht uberfallen werden plötzlich nicht allein tropffen, sondern eitel wolckbrüche mit sunden Luther 30, 2, 544
W.; ob nun wol unsers doctors platzregen und wolckenbrüch den münchen ... den weg zurreiszen Mathesius
ausgew. w. 3, 365
L.; ihr wolkenbrüch der thränengüsse Stieler
geharnschte Venus 52
ndr.; ach, welchen wolckenbruch wird nicht dein auge schütten J. Chr. Günther
s. w. 3, 26
Krämer; ein wolkenbruch von steinen E. v. Kleist
w. 1, 256
S.; jede scholle mit deutschem blut überschwemmt, als hätte es wolckenbrüche von blut geregnet Kürnberger
siegelringe (1874) 154; Beethoven ... stürzt ... einen wolkenbruch von juwelen über das volk Stifter
s. w. 1 (1904) 80.
im fluch: wolkenbruch und hagel! Göthe I 9, 113
W.; wetter und wolkenbruch!
quelle v. 1936. —