winzer,
m. herkunft und form. das schwanken der wortgestalt macht wahrscheinlich, dasz winzer
aus lat. vinitor(em)
entlehnt, aber früh eingedeutscht ist und schon ahd. als wînzuril
mit anlehnung an die nomina agentis auf -il (butil, wahtil, weibil)
zum verbalstamm zeran
gezogen wurde; nur mhd. erscheinen winzurn, winzurne, winzürne;
die formen winzure, winzer, winzir
finden sich nicht vor dem 12.
jh. bezeugt; ob sie directe nachkommen von vinitorem
sind oder secundäre verstümmelungen von winzuril,
ist nicht zu entscheiden. im mhd. ist wînzürl
die geläufigste form, die nhd. diphthongiert und entrundet als weinzierl
u. ähnl. im bair.-österr. fortlebt; nhd. winzer
setzt sich erst mit dem 17.
jh. als schriftsprachliche form durch, die aus einem dialektgebiet stammt, das nicht diphthongiert und vocalische länge vor n +
consonans kürzt, wahrscheinlich dem gebiet westlich des Oberrheins, vgl. winzer Martin-Lienhart 2, 842, wenzer
lux. ma. 484.
bedeutung und verbreitung. entsprechend lat. vinitor
bezeichnet winzer
zunächst und zumeist den arbeiter im weinberg wie Tatian 124, 2 (
s. u.);
so wurde z. b. in Österreich zwischen winzer
als dem weinbergsarbeiter und hauer
als dem weinbergsbesitzer unterschieden, vgl. Kretzschmer
wortgeographie 233
anm. 4
nach Popowitsch
voc. austr. 1, 170;
in neuerer zeit gilt besonders westdeutsch auch der seinen weinberg bearbeitende und wein verkaufende weinbauer als winzer,
vgl. so bereits Heinrich Hesler
apokalypse 5159 (
s. u.);
weniger ausgebreitet ist die anwendung auf den traubenhüter oder bannwart, vgl. Seiler Basler ma. 316, Martin-Lienhart 2, 842,
bzw. den herrschaftlichen aufsichtsbeamten über den weinbau wie weinzierl
früher in Österreich, vgl. M. Heyne
hausaltert. 2, 106
anm. 33.
die mundartliche verbreitung von winzer
bzw. weinzierl
ist heute auf das elsäss.-luxemb. einerseits und teile des bair.-österr. anderseits beschränkt; schwäbisch-rheinfränkisch gilt dafür weingärtner,
ostfränk. häcker
und weingartsmann,
schweizer. und tirol. wimmer,
steir. berghold, hauer;
in älterer sprache stehen auszerdem rebmann, weinmann, weingartmann, weinhäcker
in concurrenz zu winzer,
woraus sich dessen geringe bezeugung im frühnhd. erklärt. 11)
die formen mit l-
suffix, die sich aus ahd. winzuril
entwickelt haben, stehen durch den ganzen zeitraum bis in die moderne österreichische umgangssprache durch; vereinzeltes winzurnel
bei Williram
s. u. 3. 1@aa)
echte entwicklungsstufen wînzuril, wînzürl, weinzierl, weinzerl, weinzörl
u. ähnl.: mit thiu quimit ther hêrro thes wîngarten, waz tuot her thanne thên wînzurilon (=
colonis)?
Tatian 124, 4,
vgl. winzuril
vinitor (12.
jh.)
bei Graff 5, 692; der wînzurl dô den keiser sich ergetzen bat
Lohengrin 3422
Rückert; der tac bedutet die vrist die wile die werlt stende ist, der winzurl ist gotes sun und der wingarte sin kun Heinrich Hesler
apokal. 5159
Helm; diphthongiert: ... enhatt so vil weines nicht, als mir sein weinzurel gicht Heinrich v. Neustadt
Apollonius 13454
Singer; di schidunge ... di zwischen in und Gottschalcken unter den weinzüreln und seiner hausfrawn ... geschehen was (
v. j. 1300)
monum. boica 3, 567; irer nachtpawern, daz ist Hainreich an dem aigen ... und der weinzürl (
v. j. 1324)
urkundenb. d. landes ob d. Enns 5, 382; so schafe ich ... meinem weinzurel drew phunt (
v. j. 1346)
fontes rer. austr. II 10, 310; hat ein weinzürl von Kneiting ein zimblichs mölterlen mit zeitigen amereln auff offem marckt fail gehabt
städtechron. 15, 162; wie ietzo die weinzurl
s. Urban (
verehren) Turmair 4, 176
Lexer; Sixtus der fünffte, dessen vatter ein vignarvolo oder weinzürl (
war) Abraham a
s. Clara
Judas (1689) 2, 249;
vereinzelt als '
weinhändler, küfer'
aufgefaszt, vgl. winzurel
vel schroter der wine
vinarius Diefenbach
gl. 619
c;
seit dem 16.
jh. meist entrundet, vgl. weinzierle
vinitor Schönsleder
prompt. (1619) N n 6
a: der zorn des ewigen weinzierels Jesu Christi J. Grünbeck
veränder. d. stände (1522) d 1
b; khaines herrn weinzierl (
soll) ... one seines herrn geschäfft in die weingartten gehen (
v. j. 1575)
weisth. 3, 708; das ausgebreste haist man bei den bairischen weinziereln ein schmalzkauhen
haushalt. in vorwerken 31
Ermisch-Wuttke; die weinzirl (
weinprüfer?) soll man (
folgendermaszen) halten ('
bewirten') (
v. j. 1607)
österr. weist. 3, 252; (
im märz musz der hauswirt) acht haben auf die weinzierl, dasz sie mit dem rebenschnitt recht umgehen v. Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 114;
dialektisch vgl. weinzierl Unger-Khull 628
a, Hügel
Wien 188, wainziarl Castelli 263;
mit suffixaler erweiterung weinzierler Weber
öcon. lex. 644, weinzierling Kaltenbäck
bergrechte 10, 116;
mit vocalschwächung im zweiten wortteil: swelher weinzerl von dem weingarten vert (
um 1280)
monum. boica 36, 1, 520; weinzerl, hecker Turmair 1, 558
Lexer; weinzerl Lexer
kärnt. 254, Unger-Khull 628
a;
mit vocalsenkung winczorle
vineator Diefenbach
gl. 620
b,
vgl. weinczörlermeister
Neumarkter rechtsbuch 359
Meinardus, weinzörlambt Selhamer
tuba analogica (1699) 1, 121. 1@bb)
mit dialektischer umbildung als weinzödel, weinzötel, weinzedel, weinzetel
u. ähnl. im bair.-österr., vgl. Weinhold bair. gramm. § 147 d: was ain herschaft alhie ... zu vermelden hatten ... von wegen aines weinzodl (
v. j. 1579)
österr. weist. 6, 92; so würd allen ... pergholden, underthanen und weinzötln ... verbotten (
v. j. 1730) 6, 374; alsz würdet ... allen underthanen, pergholden und weinzötlern ... anbefolhen (
v. j. 1730)
ebda; auszer des einigen weinzedel des löbl. frauenstüfts Mährenberg, weil solicher nur ein brodtdiener und kein eigentümber ist (
v. j. 1734) 6, 402; ingleichen were von den knechten, pauernsöhnen, inwohnern, weinzedlen strupfen richten will (
v. j. 1730) 10, 207; es sind nämlich die Marbacher hauer und weinzettel zu drei dritteln ungottselige leut v. Handel-Mazetti
Jesse u. Maria (1911) 149;
vgl. weinzedl, weinzettl Weber
öconom. lex. 644;
entsprechend im neueren dialekt als weinzetl
arbeitsmann im weinberg Nicolai
österr. idiot. 141, wainzödl Castelli 263, weinzedl Unger-Khull 628
a, weinzettel Schmeller-Fr. 2, 928;
auch mischformen aus weinzierl
und der wortgestalt mit d
treten nicht selten auf: und von den armen des landes liesz er weinzirdel und ackerleut
erste dtsche bibel 5, 456
Kurr.; den weinzierdlen musz man nicht gestatten, dasz sie die stöcke ausmustern dörffen v. Hohberg
georg. cur. (1862) 1, 343
a; (
weinbergbesitzer, welche sich) auf ihrer weinziedel ... zweiffelhaffte versorgung und treu verlassen 1, 330; ist darum kein rebmann, der die trauben ablesen kan, ist darumb auch kein weinzitler Paracelsus
chirurg. bücher u. schr. 173
Huser. 22)
formen ohne suffixale erweiterung. 2@aa)
in älterer sprache und mundartlich weniger häufig bezeugt, vgl. winzure
vinitor (12.
jh.)
bei Graff 5, 692, weintzure (
voc. v. 1437/38)
bei Lexer
kärnt. 254,
in wintzerlon (
v. j. 1393,
Gebweiler i. Els.)
in: Mone
ztschr. f. gesch. d. Oberrheins 7, 187: von winzirn (
überschrift in hs. B)
d. teufels netz 11358
Bar.; wen die geburschaft kuset ze winczere (
technischer leiter des weinbaus), dem sol es der schulth. lihen an mins herren statt (15.
jh., Bühel i. Els.)
weisth. 4, 125; mit man und weiben, weingarten und weinziren, zinsen und gülten Turmair
w. 1, 57
Lexer; die winzer und rebenbauern wollen den weinwax nach disem tage (
s. Urban) judiciren
haush. in vorwerken 252
Ermisch - Wuttke; mundartlich winzer (
neben winzner
s. u. 4) Martin-Lienhart 2, 842, wenzer
lux. ma. 484, winzer Christa
Trierer ma. 218. 2@bb)
in nhd. schriftsprache ist seit dem 17.
jh. die form winzer
mit kurzem stammvocal geläufig, die auch ins österr. eindringt (
s. unten winzerlied),
vgl. wintzer, ein weinbauer
vinitor H. Decimator
thes. (1615)
reg.; wintzer, räbmann
vigneron Hulsius-Ravellus
dict. (1616) 416
a; ein wintzer, wingertsman, rebenman Duez
nomencl. (1652) 145;
vereinzelt auch diphthongiert verzeichnet: weingärtner, weintzer, wintzer Kramer
t.-ital. 2, 1299
c;
in den neueren belegen läszt sich nicht überall sicher entscheiden, ob winzer
den angestellten weinbergsarbeiter, den nur für die weinernte bestellten weinleser oder den freien, einen weinberg besitzenden (
bzw. in älterer zeit den hörigen)
weinbauern bedeutet. 2@b@aα)
als arbeiter, angestellter weingärtner oder höriger weinbauer: der wintzer zinsen wird eim frembden herren was er von dem weinwachs nur wird begeren A. Lobwasser
calumnia (1883) 68; auch weinberge waren an der Mosel, am Rhein, in Baiern, man hielt auf gute reben, der unfreie winzer hatte sie in pflege G. Freytag
ges. w. 17, 304; endlich ist auch noch ein gebäude bey einem weinberge nöthig, in welchem ... der wintzer seine wohnung hat Zincke
öcon. lex. (1744) 3145; sein weinberg gränzt an die besitzungen eines ... reichen herrn, der sich einen winzer, namens Puf erkoren hatte Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 4, 261; in rebländern werden die winzer und alle für die weinlese beschäftigten ... personen das herbstvolk genannt v. Haller
restaur. d. staatswiss. 1, 439;
bildlich: ... leb wohl, mein sohn, den winzer ruft der herr in seinen garten Grillparzer
s. w. 6, 23
S.; speciell als '
traubenhüter': der allda wohnende winzer bereits vor etlichen jahren einem apricosendiebe die waden voller gehacktes bley geschossen hatte
d. Leipz. aventurier (1756) 1, 57,
vgl. Martin-Lienhart 2, 842, Seiler
Basler ma. 316. 2@b@bβ)
für den selbständigen weinbauern: ein winzer, welcher spät und früh mit saurer, doch gelungner müh der selbstgepflanzten reben wartet Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 6, 271; dasz es (
das mädchen) die weine besorge, sobald sie vom winzer oder vom kaufmann geliefert, die weiten gewölbe bereichern Göthe 1, 302
W.; die stadt gehörte zu jenen kleineren, deren ... bewohner ... fast ebenso gut winzer wie bürger genannt werden können Holtei
erzähl. schr. 20, 3; ein winzer an der bergstrasze, wo guter wein wächst L. Aurbacher
volksbüchl. (1839) 2, 190; ist der januar nicht nasz, füllet sich des winzers fasz Körte
sprichw. 549. 2@b@gγ)
ganz allgemein für einen mit weinbau beschäftigten, besonders in der weinlese tätigen mann: andere wollen, dasz von den wintzeren oder weinhekkeren die ersten gedichte gesungen worden Harsdörfer
frauenzimmergesprächsp. (1641) 5, 458; es wird ein prediger auch einem weingärtner oder wintzer verglichen
d. gewissenhafte priester (1694) 16; an dem kalkichten fels hängt von dem morgen zum abend euer winzer mit emsiger hacke, der reben zu pflegen Zachariae
poet. schr. (1763) 4, 67; (
ich) sah den emsigen winzer die rebe der pappel verbinden Göthe 1, 307
W.; poetisch gern als froher, singender, jauchzender arbeiter dargestellt: leset, keltert, füllt die fässer, juch, ihr wintzer habt es gut! G. Treuer
deutscher Dädalus (1675) 1, 152; da laszt uns hin, da laszt uns springen, und mit den wintzern lustig singen Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 3, 422; lauter tönt am heiszen rebenhügel, mutiger des winzers jubelruf Hölderlin
ges. dicht. 1, 126
Litzm.; allenthalben frohe und singende winzer, die ihre schätze einsammelten Tieck
schr. (1828) 6, 130; von allen bergen bis tief ins land hinein sangen und jauchzten die winzer Eichendorf
s. w. 3, 16. 33)
die n-
formen winzurn, winzurne, winzürne
sind nur für die ältere zeit, namentlich im alemann. gebiet belegt und aus winzurl
durch assimilierung des l
an das n
von win
entstanden; auffällig und vereinzelt bleibt spätahd. winzurnel,
das wohl additionsform von 3
und 1
ist, vgl. doh ich mînen wîngarton bevolhen habe den wînzurnelon, also du zelist, dîe sîn huoten Williram 146, 2
Seem., wînzurnela 144, 2; winzurn
vinitor (14.
jh.)
vocab. opt. 29
Wackern.; winzürne
Würzburger Strickerhandschr. bl. 91
b bei Hoffmann v. Fallersleben
fundgr. 1, 398: daz kumpt denn vom weinzurnen dar
d. teufels netz 11351
handschr. C (
um 1449)
Bar.; wolt ieman sinem winzürnen ze imbis drinken in den garten senden, daz mag er wol tuon (
um 1400,
Überlingen)
in: Mone
ztschr. f. d. gesch. d. Oberrheins 10, 311; er wart gefangen von zwain weinzürn, dy in wider gen Wien warn fürn
M. Beheim
buch v. d. Wienern 255, 6. 44)
mit anderen selbständigen suffixsilben gebildet als winzler, winzner
auftretend: wan wintzler innent dem etter kommen zu werksz, wasz sy dan einanderen thuen, da hat auch ein herr der abt über zu richten
weisth. 1, 288,
vgl. winzler Seiler
Basler ma. 316, winzlerruet Staub-Tobler 6, 1839; vintzeller
nach Höfer
etym. 3, 278
in Ungarn; ein fein gleichnis vom weinstock, wintzener und reben J. Mathesius
Syrach (1586) 8
a,
vgl. winzner Martin-Lienhart 2, 842, Seiler
Basler ma. 316.