willfahren,
schw. v.,
mit haben;
erst spätmhd. *willenvâren (
belegt nur willenvarn,
st. v., neben willevarer,
m., Lexer;
dagegen aus späterer zeit: aufzuwarten und zu willenfahren
acta publ. 3, 306),
das sich frühnhd. weiter entwickelt zu willfahren,
hauptsächlich wohl entsprechend der in dieser zeit vorherrschenden form will,
m., für mhd. wille,
m. (
oben sp. 138). —
zuerst wohl obd., gebucht von Frisius (1556) 95
a und Maaler (1561) 500
c,
beidesmal in Zürich. den zweiten theil der zusammensetzung erkannte schon J. Grimm (
s. oben th. 3, 1256-58)
als mhd. vâren,
schw. v., nachstreben, nachstellen, ahd. fârên,
das meist mit dem genetiv, manchmal auch mit dem dativ verbunden wurde; daher: ichn vâr sîns willen als ich sol
Gregorius 2239; man sol ir willen vâren
Frauendienst 857, 1; got wolte ir willen vâren
Lohengrin 32;
ähnlich: triuwe, rehtes vâren
mhd. wb. 3, 271;
noch später: foren fremdes willen, sines willens ze foren Keisersberg;
näheres zeitschr. d. allg. d. sprachv. 1908, 370.
die ältere zeit behandelt willfahren
noch als lose zusammensetzung; daher finden sich vereinzelt willzufahren (willig, der keiserlichen majestat hierin willzefaren Blaurer
an H. Bullinger [1548],
briefw. 2, 689)
und willgefahrt (also ward der burgerschaft .. alles, wie gehört, willgefart und zugelassen Sleidanus
reden [1557] 76
b);
doch ist zu willfahren
schon bei Luther
die regel. der ton bleibt mindestens bis ins ausgehende 18.
jh. auf der ersen silbe, also wíllfahren,
weshalb das ältere part. perf. gewillfahrt
lautet (gwillfahrt
Freiburger passionsspiele 63
Martin; gewillfaret Montanus 167
Bolte; gewillfahrt Moscherosch
gesichte 383;
so noch bei Campe, Göthe
und späteren; namentlich obd., vgl. zeitschr. f. d. wortforsch. 1, 314
und offenbaren).
der neuere sprachgebrauch hat sich für willfáhren
und willfáhrt
entschieden. doch ist letzteres auch schon im 17.
jh. zu belegen, s. unten die stelle aus Harsdörffer.
schon im mhd. ist anschlusz zu beobachten an varn,
fahren, st. v., vgl. willenvarn Lexer;
daher vereinzelt im prät. willfuhr Schiller 1, 59,
im part. perf. willfahren (wöltest du ihme in söllichem gehaisz wilfaren haben Schwarzenberg
Cicero 71; also hat man ihnen hierinnen willfahren
engl. comedien u. traged. a 3
b),
in 2. 3.
sing. praes. willfährst, willfährt,
was im neueren sprachgebrauch ganz durchgedrungen ist (wann er in diesem der oberkeit wilfert Clemen
flugschr. 2, 440; willfährt ihm und vergibt Ayrenhoff 2, 47;
aber: dann neigt er vor sich und willfahrt [:bart] Rückert
werke 12, 303.)
ganz vereinzelt bleibt anbildung an mhd. vüeren;
so willfrn
als variante für willfaren
und gehorsament
erste dt. bibel 7, 67; denen bösen ratgeben in solchem nit wilfuoren Murner
an den adel 5
neudr. die person, der man willfährt, steht ursprünglich, soweit sie nicht durch ein pron. possess. ausgedrückt ist, in einem von willen
abhängigen genetiv: eines willen vâren;
mit eingetretener verschmelzung des substantivs mit dem verbum folgt aber willfahren
bald dem vorgang von sinnverwandten verben wie gehorchen, folgen
und verlangt den dativ der person; so schon bei mhd. willenvarn,
bei Maaler
und als regel bei Luther;
vgl. die ähnliche entwicklung von in (nach, zu) eines willen fahren,
oben sp. 154
f.; der kreis der objecte erweitert sich dann im 17.
und 18.
jh. von personenbezeichnungen auf ausdrücke des wünschens und begehrens: einem wunsche willfahren;
auch wird gebrauch ohne erläuternden zusatz möglich. —
vereinzelt bleiben fälle transitiven gebrauchs, wohl nach dem muster von befriedigen
u. ä.: sie sint im gram und suochent nit, wie sie in wilfaren, sunder in rechen
Terenz deutsch 69
b glosse; als er aber ... nochmals bittete, ihn in das gefängnis zu legen, .. hat ihn der bannrichter willfahrt Harsdörffer
schaupl. jämerl. mordgesch. 334;
oder von bewilligen,
also mit sächlichem object: aber der bapst wollte .. nichts willfahren Rätel
Curaei chronica (1607) 109; wenn sie dieses begehren willfahren
bibl. ält. schr. der Schweiz II 1, 65;
auch mit gleichzeitigem dativobject: die Stettinischen wuszten anfänglich hierinnen dem herzogen nichtes zu willfahren Micrälius
altes Pommerland III 468;
besonders passivisch, s. oben den beleg aus Sleidanus: ihnen war von den teuflen etwas mehr gewillfahrt als andern Moscherosch
gesichte 1, 383; welches ihm auch willfahret worden ist Arnim
trösteins. 205;
vereinzelt mit vermengung zweier vorstellungen und gebrauchsarten: die versammlung willfahrte (
genehmigte) dem eintritte bewaffneter männer Dahlmann
gesch. d. frz. revol. 438.
im allgemeinen bleiben bedeutung und gebrauch durch die jahrhunderte hindurch gleich: also hat Christus ... gelernt, ... unsern widersachern zewilfaren B. v. Chiemsee
theol. 542 (
hier im sinne von nachgeben;
ebenso dem feind wilfaren, ein vertrag mit im annemmen, sich mit im vereinbaren Frisius
dict. 16
b); denn die liebe ist yderman schuldig zu dienen und zu wilfaren, auch den feinden Luther 26, 581
Weim.; so wolle er ihm einen geist zuschicken, der ihme bis an sein ende dienen werde, und nicht von ihm weichen, ja in allem und jedem willfahren, was nur seinem herzen würde belieben zu wünschen Widmann
Fausts leben 107; (
es) resolvirte der feldmarschalk .. einen zug in die ober Pfalz vorzunehmen, und hiedurch .. der stadt Nürnberg mit verwehrung des streifens zu willfahren Chemnitz
schwedischer krieg 2, 157; welches er nechsten tags zu thun sich erbotten, mit vermeldung, dasz er wol leiden möge, dasz uns ... gewillfahret werde Harsdörffer
secretarius 1, xx 8
a; als er (
der könig) dem pabst misztruwet, er hätte die botten im mer zum nachtheil gesant, wolt er inen nit willfaren Tschudi
chronicon Helveticum 1, 29; aber er willfahrte uns auf die verbindlichste art Wieland 3, 254
acad.-ausg.; er thut das, weniger um der neigung seines bruders zu willfahren, als um einem gröszern übel vorzubauen Lessing 10, 197; nachdem wir nun insoweit unsrer neugier gewillfahrt Göthe 46, 217
Weim.; was den zweiten punct betrifft, ..., so ist man auch hierin zu willfahren auszer stande IV 22, 264
Weim.; da sie ihm willfahrt und gerne lächeln mögte J. J. Engel
schriften 7, 337; die politik des Wiener kabinets wollte diesem ansinnen nur bis auf einen gewissen grad willfahren Gentz
schriften 1, 262; dasz .. ich ihrem gesuche um eine unterstützung der von ihnen unternommenen litterarischen werke nicht willfahren kann Hoffmann von Fallersleben 8, 143;
ohne ergänzung: ich gebe ihnen mein wort, dasz der herzog willfahren wird Schiller 3, 442 (
kabale u. liebe 3, 6).