wiegenlied,
n. ,
schlaflied für ein wiegenkind; nl. wiegelied.
zuerst in md. vokabularien des 15.
jhs.: fescennina wygeleit Diefenbach
gl. 231
c;
crepitaculum eyn wijgen liet
ebda 157
a.
das wort scheint aber im spätmhd. und frühnhd. noch wenig bekannt zu sein, jedenfalls sprechen die häufig nachweisbaren umschreibungen für sein fehlen: fescennine sanghe ouer die wyghe
gemma voc. (
Köln 1495) J 2
b; gesang vber die wyegen (
Augsburg 1512) Diefenbach
gl. 231
c; entslaffgesangk der kinde
festenne ... dicuntur carmina, quae nutrix canit movendo cunas, voc. theut. (
Nürnberg 1482) g 4
b; frauen gesangk, so sie die kinde wiegen
fescennine, ebda i 1
b; gesangk der weijber so si die kind stillen
nenia vno modo fescennine, voc. incip. teut. (
Speyer um 1485) i 2
b;
voc. primo ponens theut. (
Straszburg 1515) J 1
b.
erst seit dem späteren 17.
jh. wird das inzwischen sprachüblich gewordene wort regelmäszig in die lexika aufgenommen: nenia ein gewäsch ..., unnütze reden,
alii volunt etiam esse der kindermuhmen ihre albern lieder, die sie den kindern zum schlaffen singen, da auch seltzam zeug gnug drinnen ist, wiegenlieder Corvinus
fons lat. (1671) 923 (
in der ausg. v. 1646
fehlt das wort bei sonst gleichem text); man hat geistliche und weltliche wiegenlieder Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 2123; wiegenlied
heisst ein gedicht, welches bey der geburt eines vornehmen kindes verfertiget, womit der mutter ein geschenk gemacht und welches bey wiegen gesungen wird (1781) Kindleben
stud.-lex. 216
ndr.; das wiegenlied
ein lied, ein kind in der wiege damit in schlaf zu singen Adelung 5 (1786) 218.
später als wiegenlied
werden wiegengesang
und wiegensang
gebräuchlich, ferner, mehr als gelegenheitsbildungen, wiegenmelodie
und wiegenweise,
s. d. an alphab. stelle u. vgl. norw. vuggesang, -wise,
schwed. vaggsng, -visa. 11)
die schriftsprachliche tradition setzt, zunächst noch spärlich, zu anfang des 17.
jhs. ein; seit dem 18.
jh. ist das wort reichlich bezeugt: viel schöne wiegenlieder J. Pollio
christl. trostschr. (1609) B 4
b; bei einer armen hirtin musz man sich nichts als eines simplen wiegenlieds versehen, so sie die lieb und andacht singen machet K. R. v. Greiffenberg
zwölf andächt. betracht. (1678)
voransprache; so sind die engel doch zu dienen ihm bemüht, und singen ihm zum lob eine süsses wiegenlied Lohenstein
himmelschlüssel (1680) 2, 26; trinck- und wiegenlieder darff man eben nicht immer ohne unterschied läppisch nennen Mattheson
vollk. capellmeister (1739) 70; das griechische wiegenlied, das von ihm (
bischof v. Damala) handelt Herder 20, 312
S.; alles ist still in der kleinen gasse — ein wiegenlied und das nachtropfen der dachrinnen sind die einzigen laute, welche die stille unterbrechen W. Raabe
s. w. I 2, 58; ein Nonsberger kindlein, das in einem winzigen wännchen lag, während die mutter italienische wiegenlieder in seine ohren summte Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 303; von ganz besonderm reize sind die gemischt lateinischdeutschen weihnachtlichen wiegenlieder A. Schweitzer
Bach (1948) 5. 22)
gebräuchliche metaphorische verwendungen. 2@aa) wiegenlied
für etwas die aufmerksamkeit einschläferndes, illusionen erzeugendes: sonderlich aber sind triumphe ... und andere prächtige auffzüge rechte wiegenlieder, die dieses wunderliche kind (
d. volk v. Rom) einwiegen müssen Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1494
a; hypothesen sind wiegenlieder, womit der lehrer seine schüler einlullt Göthe II 11, 132
W.; allmähliche verbesserungen waren das wiegenlied des hofes Dahlmann
gesch. d. frz. revol. (1845) 61; die kunst war uns in Deutschland in jahren politischer verzweiflung wie ein täuschendes wiegenlied, mit dem wir wünsche in den schlaf lullten, die nur zu hegen oft ein verbrechen war Herman Grimm
Michelangelo (1890) 2, 438. 2@bb)
töne und geräusche werden einem wiegenlied verglichen: rauschet mit den stillen flüssen, deren sprudelndes ergüssen das schönste wiegenlied durch sein geräusch erregt Stoppe
Parnasz (1735) 129; der tag ist eingenickt beim wiegenlied der glocken A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 3, 191; aus dem dumpfen brausen des meeres tönete es mir immerfort, gleich einem finsteren wiegenliede: aquis submersus — aquis submersus! Storm
s. w. (1898) 3, 288; Mariens müde stimme, der er horchte wie einem wiegenlied O. Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 613. 2@cc)
ferner begegnet noch: ihr schläfer ihr, von erde zugedecket, von ew'gen wiegenliedern eingesungen Platen
w. 1, 181
Hempel; dem hab ich solch ein wiegenlied gesungen, dasz er auf immer eingeschlafen ist Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 2, 176. —