wendig,
adj. ,
im späten ahd. (
s. Notker
unter 1 a
und b
α)
aufkommende bildung, die —
nach bedeutung und verbreitung zu urteilen —
unmittelbar von wenden
abgeleitet worden (
s. Wilmanns
dt. gramm. 2 [1899] 461)
und nicht rückbildung aus den etwa gleichzeitig und sporadisch auftretenden kompositen ist (hwîl-, leid-, missa-wentîg,
nach Kluge
stammbildungsl. [1926] 102
u. 117
weiterbildungen alter zusammensetzungen mit -wandi
gleich ae. hwīl-, lāðwende,
s. auch Wilmanns
a. a. o. 504
f. sowie die belege bei Gröger
d. ahd. kompos.-fuge [1910] 364, 379
u. 401).
dem nhd. ist wendig —
vielleicht in anschlusz an lat. versutus, versatilis —
im sinne von '
beweglich'
geläufig, in der alten bedeutung 1
hingegen —
von mundartlichen ausläufern abgesehen, s. u. 1 b
α und β sowie im wb. d. luxemburg. ma. 484 —
unüblich und durch andere bildungen, insbes. abwendig,
verdrängt worden ('wendig
für abwendig
ist veraltet' Heynatz
antibarbarus 2 [1797] 627). 11) '
sich wendend, wandelbar'
u. dgl. '
mutabilis' (Alberus
dict. [1540] O 3
b; Widerhold
dict. [1669] 415
a);
vgl. abwendig
und wetterwendisch. 1@aa)
attributiv: res mutabiles ... diu uuendigen ding Notker 1, 281, 25
P.; (
meine seele) ist uuendeg
mutabilis; er (
gott) ist unuuendig
inmutabilis Notker(
s. gloss.) 2, 154, 19
P. (
ps. 41, 5); die, durch ihre (
der aktiven truppe) tapfferkeit eroberte ... lande wrden meistentheils auf die jennige spendiret, welche theils in den stuben hinterm ofen gesessen, theils allererst newlich, nach wendigem glcke, zu der evangelischen partey kommen Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 101; Florabella wendigs hertz
Venusgärtlein 141
ndr.; ein wendiger mensch
een veranderlyk mensch Kramer-Moerbeek
dt.-holl. wb. (1768) 415
a;
so noch vereinzelt in neuerem sprachgebrauch, wobei allerdings die moderne bedeutung 2
hineinspielen mag (
s. dort u. vgl. Riehl
unter 1 b
β): er musz einen zähen willen haben, nicht einen wendigen
qu. a. d. j. 1935;
das mod. schwäb. kennt wendig
in der bedeutung '
krumm (
von holz, brückenbalken, fensterläden)' Fischer 6, 1, 679. 1@bb)
häufiger prädikativ (
s. auch die hist. belege bei Fischer
schwäb. 6, 1, 679
sowie Schmidt
elsäss. 417
u. vgl. zum mnd.-mndl. gebrauch Schiller-Lübben 5, 669; Lübben-Walther
hdwb. 572
u. Verwijs-Verdam 9, 2, 2147). 1@b@aα) wendig werden;
meist im sinne von '
rückgängig, abgewendet werden, unterbleiben'
: et quod impossibile est non fieri necesse est fieri unde daz uuendîg neuuirdet. taz feret pe nôte sô Notker 1, 527, 30
P.; noh sîn uuort newirt uuendig
ebda. 2, 4, 6 (
ps. 1, 3); ... manec frouwe klagte, daz niht wendec wart sîn reise Wolfram v. Eschenbach
Parzival 433, 13
Lachmann; nach dem bereittet sich keyser Karl gen Ach zu ziehen, das wirdig heiltum zu sehen, das aber wendig ward (15.
jh., 2.
h.)
städtechron. 3, 285 (
Nürnberg); also das si nit wissen mogen, ob der tag einer oder si beid wendig oder fur sich gon werden (1530)
polit. corresp. d. st. Straszburg (1882) 1, 539; so wurde des kOenigs anschlag auch wendig B. Hertzog
chron. Alsatiae (1592) 2, 118; also ward die reisz wendig Stumpf
Schweizer chron. (1606) 590
b.
von personen, '
zur umkehr bewegt, anderen sinnes werden': er ward ye wendig und rait an dem andern tag gen Costentz Richental
Constanzer concil 137
lit. ver.; da stiesz er den kopf so hart an der thür, das er gedacht und wendig ward, er welt es nit thuon Kessler
sabbata 155
hist. ver. St. Gallen; als er die gantz statte vmbgangen ... vnnd in das rahthausz kommen, da die burgerschafft ware versamlet, hatte er jhnen gute vertrOestung gethan vnd sie hergegen eyn gut hertz gefaszt, aber inn kurtzer zeit wider wendig worden A. Henricpetri
general historien (1577) 176; wendig werden
cangiar pensiere, changer d'avis Rädlein 1 (1711) 1047;
auch '
abtrünnig werden, abfallen': welcher ausz jnen wendig wrde, der sOelte dem andern vier tonnen golds geben Achatius
chron. Sleidani (1557) 35
b; man schreibet, dasz Carolus über die Sachsen (darumb dasz sie offtermaln wendig und vom glauben abfällig) also ergrimmet worden, dasz er auff einen tag ihrer fünff tausend mit dem schwerdt habe hinrichten lassen Werner
chron. v. Magdeburg (1584) 5; daher wer Christum recht geschmeckt, der wird nicht leichte wieder wendig
gesangb. d. brüdergemeinde (
31741)
nr. 997,
v. 1;
so noch hess.: mei schatz der is mer wennig worn im Argensteiner feld; eich wolt dasz ihn der schinger hett un ich ein beu'l voll geld Vilmar
Kurhessen 449 (
bauernreim); er eass'r wenk (< wennig) worn Crecelius
oberhess. 905; (von) einer sache wendig werden '
davon befreit (
ihrer ledig)
werden': vnd sagten im genade so daz wendic die magt wart der flvste vnd ovch die hohzit niht frevden pfendic
jüngerer Titurel 1582
Hahn; das er (
der ohne hoffnung liebende ritter) wendig wurd der strengen mynne purd
liederb. d. Hätzlerin 175
Haltaus; alt hundt macht man sehr schwerlich bendig, alt schalck wird nicht von schalckheit wendig Fischart
w. 2, 428
Hauffen. 1@b@bβ) wendig machen; etwas ~ '
rückgängig machen, enden, abwenden, abwehren'
u. dgl.: mache wendie mir mîn klagen Wolfram v. Eschenbach
lieder 7, 39
Lachmann; ja hat der herre ir got si getrost und der herre wirt wendig machen ir gevencnisse (14.
jh.) Cranc
prophetenübers. 353
Z.; (
der sohn des markgrafen von Brandenburg) solt des koniges von Polant dochter genomen haben, das doch der Romsch konig hernoch wendig macht, das sie des koniges von Denenmarg brdersün versprochen wart E. Windecke
denkwürdigkeiten 184
Altmann; Jud Eberlin, bist du dess gstendig, oder wilt du solches machen wendig?
Endinger Judenspiel 78
ndr.; so sol er auch wie ob stet söllichs mit gericht wendig machen, damit söllichs nit in ainen geprauch und gewer kum (1565)
österr. weist. 1, 219; aber solicher zug ward wendig gemacht
Weiszkunig 277; wendig machen die erfüllung eines traums
détourner Schrader
dt.-frz. 2 (1784) 1616; jem. ~ '
zur umkehr bewegen'
in verschiedener anwendung: die mich en deser reysen zo Parijs funden ind mich aldae wendich maichten A. v. Harff
pilgerf. 3
Groote; das ... ein grosser venedischer hauptmann sich in die flucht kehrt und der erste war, der das venedisch volck wendig macht (1558) Frauenholz
heerw. 2, 2 (1937) 91; dadurch wurden auch die flchtigen Pressen wendig gemacht Schütz
hist. rer. Pruss. (1592)
buch 1, H 1
a; ein herzog hoch verständig führet selbst sein kriegsheer, kein feind machte ihn wendig, setzt auf gut, blut und ehr (1621)
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 78; Klajus hAette dieses verlAengert, wann ihn nicht eine wunderseltsame begebenheit wendig gemacht S. v. Birken
Pegnitzschäferey (1645) 41; weil die sündhaffte seele offt dahin geräth, dasz sie gott den rücken zukehret, seine stimme nicht hören will und vor ihm fleucht, so läst er doch auch hiedurch sich nicht wendig machen, sondern folget ihr nach und schreyet hinter ihr her: kehre wieder, kehre wieder! Chr. Scriver
seelenschatz (1737) 1, 120
a; jem. von etwas (jem.) wendig machen '
davon abtrünnig machen, abbringen' (
s. Diefenbach
gloss. 288
b s. v. impedire): die gantze stad Rom von uns (
dem teufel) wendig und abfellig zu machen (1537) Luther 50, 129
W.; uber disz alles, seind jhm noch andere unnd newe beschwerden unnd unbequemligkeiten, die ... ihn von solcher fürgenommener raisz hetten wendig mOegen machen, ... frgefallen
F. Alber
Ignatius Loiola (1591) 62; von solchen meinen guten und ernstlichen vorsatz will ich mich durch bOese gesellen nicht mehr wendig machen lassen Harsdörffer
teutsch secretar. (1656) 1, 2, 148; weil aber solches in unser macht nicht stehet, mus man sich ... von der tugendbahn nicht lassen wendig machen Butschky
Pathmos (1677) 335; lasset euch weder liebe noch leyd von ihm wendig machen Chr. Scriver
seelenschatz (
111737) 1, 570
a;
hierzu noch die oberhess. wendung: er hot mer's mâdche wenk gemoacht Crecelius 905;
auch jemandes herz, sinn
oder willen wendig machen '
wandeln, verkehren': warumb macht jr der kinder Israel hertzen wendig, das sie nicht hinber ziehen in das land, das jnen der herr geben wird?
4. Mos. 32, 7; er glaubt unserm herrgott ein gut wort geben und seinen willen wendig machen zu können W. H. Riehl
deutsche arbeit (1861) 168;
bzw. '
von etwas abwenden': welche (
eltern) vermeinet, seinen sinn zugleich von Serotina wendig zu machen Harsdörffer
Heraclitos (1661) 214. 1@b@gγ) wendig sein, bleiben; '
abgewendet sein, unterbleiben'
u. dgl.: dâ mite ist wendec al mîn klage Wolfram v. Eschenbach
Parzival 795, 14
Lachmann; der kampf mac wendic niht gesîn wan Engeltrût, diu tohter mîn, diu muoz erlœset werden Konrad v. Würzburg
Engelhard 4097
Gereke; versehe mich aber, dwil nunmehr der reichstag wendig, ... das nichts darus wirdet (20. 4. 1528) G. Blarer
br. u. akten 1, 114
Günter; hiemit bleib diser zug auch wendig Stumpf
Schweizer chron. (1606) 754
a;
mit präpositionaler richtungsbestimmung vereinzelt im sinne von '
hingewendet': sin arbeit, sines herzen ruf was ot zu gote wendec
passional 424, 65
K. 1@b@dδ) wendig lassen '
von einem akkord u. s. w. los lassen' Stalder
schweiz. 2, 445. 22) '
beweglich' (
vgl. gewendig teil 4, 1, 3, 5476
sowie kehrig
teil 5, 427). 2@aa)
im sinne von '
leicht wendbar' (
vgl. kärnt. wèndik '
was gewendet werden kann' Lexer 255): das ringrunde, schnelle, eingeschmierte, wendige ... wagenrad Harsdörffer
poet. trichter 3 (1653) 384; sondern die pferde wendig und kerig zu machen W. Dilich
kriegsbuch (1607) 71; ein wendig pferd, schiff
etc. cavallo, vascello ben reggente, maneggevole etc. Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1318
a; zu vorderpferden wurden (
bei der artillerie) die gröszten pferde gewählt, die gleichzeitig wendig und gut in der hand der reiter sind Alten
hdb. f. heer u. flotte (1909) 1, 547; die Franzosen und Italiener versuchen es mit überkomprimierten dreiliterwagen, sind ungeheuer schnell und wendig (20. 7. 1933)
daheim 6
b. 2@bb)
gleichbedeutend mit gewandt, geschickt; '
sich schnell einer neuen lage anzupassen verstehend': aber dis tyrannisch bott macht ein weyb wendig Seb. Münster
cosmogr. (1550) 956;
versutus ... wendig, tckisch, listig Corvinus
fons lat. (1646) 961; wenn doch einmal die 'insel' geboren werden sollte, so war der wendige, in allen gewässern des damaligen literatur- und kunstbetriebes befahrene mann (
O. J. Bierbaum) kein ungeeigneter geburtshelfer R. A. Schröder
aus kindheit u. jugend (1935) 170; der wendige, spitzbübische osten werde tausend wege finden, den erlass zu umgehen L. Feuchtwanger
d. falsche Nero (1947) 61;
seltener mit vorwiegendem bezug auf körperliche gewandtheit: händig und wendig
geschickt, anstellig, rasch bei der arbeit K. Sallmann
neue beitr. z. dt. ma. in Estl. (1880) 67 (
s. auch Hupel
Lief- u. Esthl. [1795] 262
u. Frischbier
pr. 2, 463); wie eine katze geschmeidig und wendig, stieg Wolfgang (
beim klettern) voran (19. 4. 1934)
daheim 9
b;
und sachbezogen: was ist denn die sogenannte karriere anderes, als ein wendiges spekulationsgeschäft mit der gerade herrschenden richtung? Werfel
Bernadette (1948) 157; im schluszakt, dieser witzigen erneuerung der altfranzösischen tanzform, sei (
diese anwendung) überaus geistvoll und wendig in einem höchsten sinn zu nennen Th. Mann
Faustus (1948) 415;
in amtlichen berichten des zweiten weltkrieges begegnen auch fügungen wie wendiges feuer, wendige abwehr. 2@cc)
als mundartliche einzelanwendung erscheint: wendig '(
vom vieh)
schwer zu bändigen, störrisch, böse' Unger-Khull
steir. 630
a; wènnech '
mannbar'
luxemburg. ma. 484.