wehklage,
f. ein wort der nhd. schriftsprache und von da ins nnl. gedrungen: weeklaeghe Kilian (1777) 792
a; weeklaage, weeklagt Kramer (1759) 2018.
auch dän. veklage,
schwed. veklaga
sind junge entlehnungen aus dem nhd. ursprung. klage
vereinigt zwei in ihrem ursprung zusammenfallende, im gebrauch weit auseinander entwickelte bedeutungen: '
querimonia'
und '
gerichtliche klage'. wehklage
ist verdeutlichende zusammensetzung mit dem subst. weh,
die jene erste bedeutung sichert. das bestreben zu unterscheiden tritt gerade in den frühesten belegen hervor: du aber mache eine wehklage vber die fürsten Israel Luther (1545)
Hesek. 19, 1; du menschenkind, mache eine wehklage vber Tyrum
Hesek. 27, 2;
entspr. 28, 12. 32, 2,
im citat bei H. Sachs
gemerkbüchlein 22
neudr. damit tritt wehklage
neben jammerklage (
s. da): jammerklage,
sive wehklage,
ejulatio, lamentatio, qviritatus Stieler 963,
ist aber im gegensatz zu diesem dem mhd. noch durchaus fremd. schon darum ist Wilkens
herstellung unt man wêklage von im vernam
Tyrol u. Fridebrant 22
für überliefertes unde we man klage
unmöglich. noch die vorlutherischen bibeln kennen wehklage
nicht, bei Luther
ist es dann vorhanden, wo jene klag, daʒ seuftzen, wainen
bieten. die hd. wörterbücher buchen wehklage
seit 1561: die weeklag ein kläglich weinen vnd heülen, ein jämerlich geschrey von grossem kumber vnnd leid Maaler 487
b,
die meisten bringen nichts erhebliches bei: Golius
onom. 224; Frischlin
nomencl. 79
b; Emmelius
nomencl. 93; Ravellus 401
a; Pomey 3, 338
b; Rädlein 1, 1038; Frisch 2, 429
b. Kinderling
reinigkeit 292 und Campe
verdeutschungswb. 393
a empfehlen wehklage
als ersatz von lamentation. zur schreibung weheklage
s. u.weheklagen,
form, 2).
gebrauch. 11)
während die klage auch stumm
oder geheim
sein kann (
s. th. 5, 908),
äuszert sich die wehklage
stets in lauten. von synonymen steht somit jammer
am nächsten, doch ist er stärker, die wehklage
besser formulirt, ein unterschied, den Weigand
wb. der synonymen2 2, 202
f. glücklich an Schillers
braut von Messina vergegenwärtigt: der chor läszt über seinen getöteten fürsten die stimme der klage und wehklage erschallen, aber über den stummen erwacht lauter unermeszlicher jammer
bei der mutter, als sie die leiche erblickt. so theilen sich beide wörter in das feld, wo sie neben einander stehen: wo er weilet, ist der frühling, lacht er, blumen aufgebrochen, leid und jammer, weheklage stirbt dem weg, den er erkohren Tieck
schriften (1828) 1, 28.
andere synonyma stellen sich mehr gelegentlich daneben: es traf nur leider ein, was zeichen, fall und heulen und manche weheklag zuvor hat angedeut Neukirch
in Hoffmannswaldaus u. a. gedichten 3, 224; allgemein verbreiteten sich wehklage, elend und mangel Raumer
gesch. der Hohenstaufen (1823) 1, 46; denn zu allen zeiten haben die menschen das nahende alter übel empfangen ... oder sind doch in wehklage darüber ausgebrochen J. Grimm
kl. schriften 1, 194; das haus fand er erfüllt von wehklag' und getön Rückert
werke 11, 60. 1@aa)
dasz wehklage
die laute, in worte gekleidete klage ist, wird gern betont, oft durch ein benachbartes verbum: auch hab ich gehört die wehklage der kinder Israel Luther (1545)
2. Mos. 6, 5; (
worin ich) das gewimmer der weheklagen nicht hörte Schubart
leben 1, 52; mein got, mein got, warụm verlẹst-duo mich, von meinem heil entwichen hindersich, enteussert weit vom rugzen iǽmerlich meiner wẹklage? Schede
psalmen 78
neudr.; mein knän war meinem damahligen bedüncken nach der glücklichste, weil er mit lachendem munde bekante, was andere mit schmertzen und jämmerlicher weheklage sagen musten
Simpl. 1, 22, 12
Kurz; er ... rief ihre namen den leeren öden wänden des hauses ... in lauter thränender wehklage vergeblich zu Lenz
ges. schriften 3, 132
Tieck; unglückseliger! zürnte sie mir, dir weint' an der lippe wehklag'; und du hörtest nicht hin Klopstock
oden (1889) 2, 104;
seltener durch attributive zusätze: darinn nur eitel wehklag sind, die er aussbreit mit worten hoch H. Sachs
werke 18, 343
Keller-Götze; warum, frug er, erfüllst du aber hier den leeren wald mit deinen wehklagen? Musäus
volksmärchen 1, 27
Hempel. 1@bb)
noch mehr als klage
selbst (
s. th. 5, 907)
musz wehklage
auf pluralische ausdrucksweise hindrängen, da bei ihm der gedanke an den ausdruck der klage in worten stärker ist. Luther,
der bis 1541
klagel. 5, 15
übersetzt hatte: vnser reigen ist jnn wehklage verkeret,
läszt 1545
den plural siegen. weiterhin bleibt dieser gleich häufig: gott erhort jre weeklagen, vnd gedacht an seynen pundt
Zürcher bibel (1531)
2. Mos. 2 D; ein mensch, der seine wehklagen von gesellschaft zu gesellschaft trägt, ist ein pedant seiner traurigkeit J. E. Schlegel
werke 5, 74; keine wehklagen über andere, so gegründet sie seyn möchten Lavater
verm. schriften 2, 90; die bauren ... fiengen mit lauten wehklagen an, wenn ihre hütten einstürzten Miller
Siegwart 2, 485; daher eilt das zeitalter auf seiner bahn weiter, ohne auf die wehklagen eines hypochondristen zu hören G. Forster
sämtl. schriften 5, 66; das glück und die wehklagen begünstigter und unbegünstigter liebe scheinen ... aus buchen und wald, aus meer und luft laut zu werden H. Steffens
was ich erlebte 1, 318; ihre wehklagen dringen durch mark und bein Kotzebue
sämtl. dram. werke (1827) 3, 188 (
sonnenjungfrau 3, 8).
citat aus der Lutherbibel klagel. 5, 15
ist: ich wil ewr feyertag in trawren verkeren in denselben tagen und ewer gesang in wehklagen H. Sachs
werke 15, 246
Keller; die freude über dies gericht frischgefangener fische ward plötzlich in schmerz und wehklagen verwandelt G. Forster
sämtl. werke 2, 184. 1@cc)
neben die laute wehklage
des natürlichen menschen stellen cultur und kunst die geschriebene und die in poesie gekleidete: diese trauwrigkeit bewegte
d. Faustum, dasz er seine weheklag auffzeichnete, damit ers nicht vergessen möchte, vnd ist disz auch seiner geschriebenen klag eine
volksbuch v. Faust (1587) 110
neudr.; mit der wehklage Davids ... hatte der sterbende zutrauensvoll auf gott sein haupt geneiget Herder 19, 91
Suphan. das kunstwort für diese art wehklagen, elegie,
tritt daneben: die ganze elegie ist eine nachahmung der wehklage Ezechiels über Tyrus Jung-Stilling
werke 3, 343
Grollmann; Mimnermus und Solons elegieen, die wehklagen aus der jüdischen gefangenschaft in Jeremias und den psalmen rühren uns Herder 18, 458
Suphan; erst spät brachte Simonides ... durch seine wehklagen ... die benennung elegie ... in umlauf C. A. Böttiger
kleine schriften 1, 10
Sillig. 1@dd)
als höhere form steht neben dem wilden wehgeschrei (
s. da)
über einen toten die wehklage
als totenklage, in diesem sinn ist sie (
s. th. 5, 908
f.)
mit besonderem ceremoniell ausgebildet gewesen, berichte über diesen κομμός oder planctus brauchen das wort: alle wände hallten von der wehklage ihrer frauen Gerstenberg
Ugolino 3 (
nat.-lit. 48, 244); nach diesen wehklagen erholt man sich, bringt den leichnam aus dem palast und begräbt ihn Göthe
Weim. I 41 II 47; in den sechzigern strafte Xenofanes die wehklage um den gestorbenen Osiris Voss
antisymb. 68; allgemeiner jammer und wehklage in steigenden und fallenden tönen Ritter
erdkunde 5, 1044; als er die urne der todten verwahrt in trockenem boden mit wehklag' und gestöhn, kam er, verlassend das land, hin zu Kolophons höhe, und erfüllte mit trauer die bücher, ihr geweiht A. W. Schlegel
Athenäum 1, 121.
die wörterbücher denken der totenklage als einer vergangenen sitte: wehklage ... besonders das ehemalige klagegeschrey vor den sterbehäusern Adelung, Campe,
und brauchen den ausdruck in freierer weise: eine wehklage über einen todten,
bewailing or bemoaning of one deceased Ludwig (1716) 2413; sein tod verursacht im gantzen lande eine wehklage,
ejus mors per totam regionem gemitum et lamentationem concitat Steinbach (1734) 1, 857.
freier auch bei neuen schriftstellern: nach einigen mondenwechseln schlummerte vater Benno ins ruhige grab hinüber und wurde von seinem pflegling zur erde bestattet, unter groszer weheklage aller frommen seelen im Erzgebürge Musäus
volksmärchen (1805) 3, 190; in keinem trauerhause fehlt es an jemand, der auf eine so lächerliche weise zu weinen weisz, dasz er die wehklage der anderen fast in unordnung bringt Immermann
Münchhausen2 4, 77; so wird bei Moschos die wirkung der ... tat (
des kindermords) in den wehklagen der gattin ... geschildert H. Brunn
kl. schriften 3, 225. 1@ee)
auszer im fall ernstester trauer und noth gilt die wehklage
als unmännlich: schon ein kleineres übel kann einige klagen rechtfertigen, es ist aber nicht hinreichend, einer wehklage, bei dem billigsten und theilnehmendsten zuschauer, wenn er nicht partheiisch ist, verzeihung zu verschaffen. man kann über den kaltsinn eines freundes ... klagen; aber nur der hilflose verlassene arme kann wehklagen, wenn er in dem härtesten froste ohne erquickung und erwärmung erstarret Eberhard
und Maasz
versuch e. synonymik3 3, 457.
darum gilt sie auch für minder wirksam: mehr als des dulders weheklage rührt ergebene gelassenheit das herz Collin
bei Campe. den wörterbüchern ist sie eine function der frau: wehklage wie eine frau führen Hederich (1729) 2615;
ebenso Nieremberger (1753); wie ein altes weib eine wehklage führen,
fœmineo plangore uti Steinbach 1, 857.
so mit vorliebe in romanen: nun möget ihr leicht gedencken, wie der jungfrau musz zu muthe gewesen seyn, bey solch einem scheuszlichen wurm zu wohnen, was vor hertzens-angst und wehklagen sie daselbst geführet, ist nicht zu beschreiben
volksbuch v. geh. Siegfried 64
neudr.; zu hören vom gebirge her, im gebrülle des waldstroms, halb verwehtes aechzen der geister aus ihren höhlen, und die wehklagen des zu tode sich jammernden mädchens Göthe
Weim. I 19, 124; die männer muszten oft ihre ganze autorität anwenden, ehe sie (
die Indianerinnen) zu bewegen waren, sich den begierden von kerlen preis zu geben, die ohne empfindung ihre thränen sehen und ihre wehklagen hören konnten G. Forster
sämtl. schriften 1, 182; sie empfand, dasz es unpassend sei, sich mit nutzlosen bitten oder lauten ausbrüchen des schmerzes und der wehklage zwischen Julius und die bewaffnete macht ... zu werfen Holtei
erzähl. schriften 5, 90.
neben der frau ist das kind träger der wehklage: er hörte eine jugendliche stimme (
den jungen Friedrich), die, zornig und drohend, durch ein unmäsziges weinen und heulen durchbrach. er hörte diese wehklage von oben herunter, an seiner stube vorbei, nach dem hausplatze eilen Göthe
Weim. I 21, 223; die mutter vernahm die weheklage des jünglings Hölderlin
ges. dicht. 1, 204
Litzmann. auch weiblich gedachte abstractionen äuszern wehklagen: nur beugt sich die wehmuth drüber, und ihrer wehklage hauch weckt all die seufzenden töne Schubart
sämtl. ged. 2, 164. 22)
von der wehklagenden frau und frauenstimme geht eine übertragung aus, die die klägerin selbst nach ihrer wichtigsten function benennt. die ceremonielle totenklage schob man nach alttestamentlichem vorbild als lästige pflicht auf berufsmäszige klageweiber ab (
th. 5, 908. 927),
deren gebahren miszliebig genug sein mochte, um wehklage
im sinne von '
jämmerliches weibsbild'
zu rechtfertigen: da bringt sie ein häszlich gerippe zum vorschein, eine wehklage, der kein gast bescheid thäte, wenn sie ihm einen trunk zubrächte Musäus
physiogn. reisen (1778) 2, 192.
von hier aus konnte die vorstellung von wesen, deren einziger beruf die wehklage in diesem sinne ist, in den volksaberglauben übergehen. 2@aa) Adelung
erzählt 1801
von einem stückknecht, der 1798
bei Wermsdorf in den rohrteich fiel, drei tage und nächte um hilfe schrie, aber von den bauern nicht gerettet wurde, weil man sein geschrei für die stimme der wehklage
hielt, die vor dieser gegend warne. von fällen dieser art mag der aberglaube, den Adelung
als von den Wenden herrührend bezeichnet, stammen. im gleichen sinn kennt wehklage
schon Stieler 963: wehklage
etiam dicitur prœfica ... alba nympha diabolica, dagegen 2459
in kindsgestalt: eine wehe
etiam appellatur spectrum nocturnum, specie infantis, quod prœ foribus moribundi plangit et lamentatur instar prœficœ, alias eine wehklage;
und noch Liechtenstern
sachwb. (1834) 10, 288: wehklage = klageweib, klagefrau, ein vermeintliches gespenst, welches vor gefährlichen stellen warne, und todesfälle vorher anzeige.
litterarisch selten: Ayos. und was wird aus mir?
Ada. eine wehklage um mitternacht, ein gespenst auf unserm grabe Kotzebue
sämtl. dram. werke (1827) 6, 243 (
negersklaven 3, 2). 2@bb)
verbreiteter und schon darum älter ist wehklage
als name des käuzchens: man hält es für das weibchen der eule und meint, dasz sein geschrei nahen tod verkünde. andere namen, die stein- und waldkauz diesem aberglauben verdanken, sind nach Suolahti
vogelnamen 321 ff. kirchenhuhn, klagefrau, -mutter, -vogel, leich(en)huhn, sterbehuhn, -kauz, -vogel, totenhuhn, -vogel,
nach th. 5, 912. 914. 6, 618 klagemuhme, leicheneule, toteneule
und totenuhr,
nach J. Grimm
d. mythologie3 1088 grabeule. wehklage
gilt zunächst am Harz: wehklage
etiam dicitur ... strix, spectrum nocturnum, planctum et ululatum excitans prœ foribus moribundi alicujus Stieler 963; eine art nachtvogel, besonders auf dem Harze, welcher zu gewissen zeiten eine klägliche stimme hören läszt Adelung;
danach Campe; wehklage
das leichhuhn Liechtenstern
sachwb. 10, 288; am Oberharz bedeutet klagmutter, klagweib, klagefrau ein gespenstiges, aber fliegendes wesen ... anderwärts heiszt es die wehklage Grimm
d. mythologie3 1088; leichenhühnchen, wehklage und klagemutter als namen des steinkauzes Brehm
tierleben3 5, 176.
von hier aus sind glaube und name litterarisch geworden: hoch auf dem dache derselben. (
kapelle) sasz eine ächzende wehklage und wimmerte ihren unglücksruf aus hohler kehle hervor ... da winkte der hochzeiter den pfeifern ... damit die gräfin nicht das miaulen der wehklage und das kreischende eulengeschrei vernehmen möchte Musäus
volksmärchen 3, 123
Hempel; der sturmwind saust die nacht hindurch, die eule heulet auf der burg, die wehklag in den eichen Boje
bei Voss
musenalm. 1779, 46.
ein anderes centrum ist Appenzell: die wéhklâga das (angenommene) weibchen von der nachteule, dessen wehklagendes geschrei (das quiecken) für eine todesprophezeiung gehalten wird Tobler (1837) 443
a.
als erklärung fügt das schweiz. id. 3, 635
hinzu: früher oft als geist eines verwünschten kindes oder einer kindsmörderin gedacht, der klagerufe hören liesz
Appenzellische monatsblätter 1838.