wassersucht,
f. (K. v. Megenberg 65, 33 diu waʒʒersühte),
pl. -suchten Wirsung
artzneybuch (1584) 438.
fischbüchlein 141. Guarinonius
grewel der verwüstung 446. 11)
mit wasser zusammenhängende krankheit, einmal als '
wasserscheu'
belegt, '
ydrofaba (
hydrophobia),
id est aque motus (
l. metus)'
voc. theut. n n 3
a,
sonst aber die krankhafte, meist auch äuszerlich bemerkbare ansammlung von wässeriger flüssigkeit in organischen körpern. 1@aa)
beim menschen, schon ahd. ydropis, waʒarsuht Steinmeyer-Sievers
gl. 2, 600, 15,
hydrops, waʒʒersoht, waʒarkalb 739, 49;
mnd. mndl. watersucht Lübben - Walther 559
a. Verdam 680
b;
wfries. wettersucht Dijkstra 3, 434
b;
helg. wētersocht Siebs 303
a.
aus dem deutschen dän. vatersot (
schwed. vattensot). 1@a@aα) Isidorus spricht, welhe menschen geschickt sint zuo der waʒʒersucht, die hüeten sich vor allem süeʒem wein K. v. Megenberg 351, 30; die von der waʒʒersuht geswollen wârn, die macht gesunt envollen Jêsus Christus sâ zehant.
bruder Philipp
marienleben 5482
Rückert; die fistlen, löcher, ölschenkel grosz, die wassersucht plaag on underlasz werd dir ewig niemer ab!
fastnachtspiele 2, 865, 9; bey wassersucht und quartan stehen alle medici
an. G. T. Pistorius
jurist. sprüchwörterschatz 8, 99. 1@a@bβ)
verschiedene arten durch adj. bestimmt (
vgl. Höfler 719
a):
ascites, die herte wassersuocht Diefenbach
gl. 638
a; die hitzige
voc. opt. 36, 65
Wackernagel. Tabernaemontanus (1664) 478, kalte 69, windige 143; es ist eine gelbe und eine rothe wassersucht Coler (1623) 895
a; weiszwässerige Wirsung 433, weisze, allgemeine
onomatol. med. zergliederungswiss. (1756) 815; nasse und trockene
arzneywiss. (1772) 782; faulichte Becker
weltgesch. 9, 637. 1@a@gγ)
etwas zertheilt die wassersucht
u. ä.: die wassersucht (
solle) dardurch zertrennet werden Bock (1595) 28
b; wo anders müh und schweisz, so wie die meisten schreiben, die wassersucht verjagt. Günther 381; meines vaters wassersucht steigt näher zu dem herzen J. v. Müller 13, 397. 1@a@dδ)
gern des äuszeren gegensatzes wegen mit der schwindsucht
zusammen genannt: wollust und nothdurft sind nachbarskinder. schwindsucht und wassersucht Hippel
lebensläufe (1778
ff.) 2, 71; wasser- und schwindsucht theilet er mit dir. Herder 27, 55
Suphan; die schwindsucht ist es hier, und dort die wassersucht. Rückert
werke 8, 356. 1@a@eε)
sie ist von fortwährendem durste begleitet (
dies kann wol gelegentlich anlasz der umdeutung von -sucht '
krankheit'
zu '
begierde'
sein, vgl. 2
b α): daʒ waʒʒer was so ungesunt, des wart überal den heiden kunt von irs trankes ungenuht daʒ man heiʒet die waʒʒersuht. U. v. Eschenbach
Alexander 14210
Toischer; wenn die schreckliche wassersucht du nährest, wächst sie, dürstender stets. Herder 26, 247
Suphan; die wassersucht macht mit löschen und trincken durst S. Franck
sprichw. 1, 119
b; die wassersucht ist ein hunger aller glider, der sich mit wasser nit leszt speisen 1, 136
a. 1@a@zζ)
als eine hauptursache gilt die trunksucht: der vierte aber hat sich die wassersucht an den halsz gesoffen Rist
das friedewünschende Teutschland (1648) 127; zuletzt stürtzte ihn die weinsucht in die wassersucht v. Birken
der vermehrte Donaustrand 138; dasz weinsäufer an der wassersucht gestorben sind Meisl
theatr. quodlibet 6, 220; vollsauffen leibes krafft zubricht ... bringt hende beben, dicke bein, dorr, wassersucht und zipfferlein. Ringwaldt
lauter warheit 57. 1@bb)
bei thieren. bei pferden Seuter
roszarzney (1599) 56. Jablonski (1748) 1347
a,
bei ziegen Sebiz
feldbau (1579) 145.
M. Böhme
vieharzney (1682) 33,
schafen Suckow
naturgesch. der thiere 1 (1797) 328,
seidenraupen Prechtl 14, 322. 1@cc)
ähnliches auch bei pflanzen Campe: die wassersucht an den bäumen v. Hohberg
Georgica 3 (1715) 342
b; die wassersucht (
anasarca, hydropisie) unterscheidet sich dadurch von der bleichsucht, dasz die ganze pflanze oder einzelne theile derselben durch einen übermäszigen gehalt an wässriger flüssigkeit gleichsam aufgetrieben sind Bischoff
botan. terminologie4 1, 18. 22)
bildlicher und übertragener gebrauch. 2@aa)
sie kann mit gravidität verwechselt werden: eine dicke frau — man weisz nicht: ist sie schwanger, oder hat sie die wassersucht? Hebbel
tagebücher 2, 238
Werner. daher früher gern spöttisch dafür gebraucht, noch österr. Hügel 186: und gabe Apion der Amee so viel zu trincken, dasz sie die jungfräuliche wassersucht bekommet, und schwanger wird Widmann
Fausts leben 68
Keller; ein leichtfertiger kerl hatte ein einfältiges dirndl zum fall gebracht, die zeichen der jungfräulichen wassersucht kamen nach und nach beym tag empor Abele
künstl. unordnung 2, 136; wenn die jungfern die wassersucht bekommen, so bedeutet es gern kindtäuffen J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 1, 189; wassersucht ist schwer zu heilen.manchmal kümt sie jungfern an; diese trägt man auf den armen, bisz sie selbsten lauffen kan. Logau 2.
zug. 154 (
s. 431
Eitner); der jungfern angst vor gleicher wassersucht. Wieland 18, 135. 2@bb)
von geistigen eigenschaften. 2@b@aα) (
vgl. 1
a ε): was ist wohl unsre sünde? vergleicht sie sich nicht einer wassersucht? je mehr man dabey trinckt, je mehr man trincken will. Schmolcke
schriften 2, 368.
bes. ein bild der habgier und des geizes: diz wort heilet an unʒ die unreine waʒersucht deʒ ubelen grideʒ
die heil. regel für ein vollkomm. leben 39, 10
Priebsch; geitz und wassersucht einander gleich Xylander
Polybius (1574) 459 (
marginale zu 13, 2, 2); wie die wassersucht sich fein langsamb und allgemach ins menschenleib samblet, also wächst die begierd desz gelds allgemach Albertinus
hirnschleiffer 212; die giregen und die rîchen sol man zem mere gelîchen ... diu waʒʒersuht und daʒ mer hânt für durst keine wer. Freidank 41, 22; derselb vergleich sich eben frey mit seinem schnöden geytz verflucht als eim, der hab die wassersucht. H. Sachs 16, 441, 15
Götze. 2@b@bβ)
aufgeblasenheit: hast du die auffblasene wassersucht, wie der stoltze Goliath, hast du die mundfäul, wie der verfressene prasser Abr. a S. Clara
Judas 2, 28; (
gelehrte,) die diese schlangenbrut (
die tadelsucht) in ihrem busen füttern, den eine wassersucht der hoffart aufgeschwellt Günther 533. 2@b@gγ)
inhaltsleerer schwulst des ausdrucks: wie Seneka, der tragiker, die windsucht hat, ... so hat Lukans muse die wassersucht Herder 5, 631
Suphan; jede spur von schwindsucht des wizzes oder wassersucht der komischtändelnden einbildungskraft stört und verleidet einem gesunden geist einen schriftsteller D. Jenisch
der allezeit-fertige schriftsteller (1797) 114; invaliden poeten ist dieser spittel gestiftet, gicht und wassersucht wird hier von der schwindsucht gepflegt. Schiller 11, 103. 2@cc)
von dingen, kraftlose anschwellung: mein (
Byzanzens) wachsthum ist nur wassersucht. Lohenstein
Ibrahim Sultan (1680) 25.
auch nur '
überflusz an wasser': bey anderen ist ja niemalen in ihrem keller die wassersucht Abr. a S. Clara
etwas für alle (1699
ff.) 2, 202; mancher wirth hängt schier alle tag dem wein die wassersucht an
Judas (
Cöln 1687) 1, 253; andere mühlen haben biszweilen einen feyrtag ... im sommer, wann das wasser nicht die wassersucht, sondern die schwindtsucht bekommet 1, 129,
vgl. 1, 166.