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wagerecht

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

wagerecht adj.

Bd. 27, Sp. 481
wagerecht, wagrecht, adj. einer einstehenden wage gemäsz, im gleichgewicht, horizontal, vertical. 11) die formen wagerecht und wagrecht sind jetzt noch annähernd gleich häufig; für die dreisilbige form spricht die analogie der meisten bildungen mit wage, für die zweisilbige die analogie von senkrecht. während die ältesten belege nur wagrecht bieten, findet sich im 17. jahrh. wagerecht bei Comenius und Krämer, ebenso in den meisten wörterbüchern des 18. jahrh., doch haben die Süddeutschen Kirsch und Rondeau wagrecht. 22) auffallend ist, dasz das wort in den wörterbüchern z. th. als neutrales subst. angegeben wird, so bei Krämer 1204 wagerecht, n., equilibrio, auch bei Maaler, der es aber durch ein adj. erklärt: wagrächt (das), orthogonalis 478d, umgekehrt dient bei Rädlein ein subst. zur erklärung: wagerecht, adj., equilibrio 1025. die auffassung als subst. ergab sich bei prädicativem gebrauch: ein ding ist wagrecht, wo anknüpfung an das subst. recht möglich war. 33) das wort lezieht sich ursprünglich auf den stand der wage: wenn sie gleich oder recht steht, d. h. ohne ausschlagendes zünglein mit gerade stehendem wagebalken, dann steht sie wagerecht oder hat sie wagerechten stand. Rivius geht noch deutlich von der wage aus: also das das corpus B nit starck gnug sein wurde, das corpus A zu überwegen, und hinauff zu ziehen, an das ort, das der wagbalcken mit dem zünglin wagrecht inn stehen wurde. vom rechten grundt und verstandt wag und gewichts D 3b; so der balck der wagen der grundtlini oder dem horizonten gleichlichen gericht ist, nennen wirs ein gleichen, wagrechten standt, oder das ein solche wag gleich inn standt. B 3a. er überträgt den ausdruck dann auch auf die abzuwägenden gegenstände, von denen der eine mit dem andern wagerecht steht; wagerecht bedeutet zunächst nur 'einer richtig stehenden wage gemäsz': so dise beide gewichtigen cörper ann irer rechten stand verruckt werden von solchem wagrechten innsteen, als so das ein in die höhe über sich, das ander unter sich gehet. Rivius büchsenmeisterey F 3a. hierher gehört es auch, wenn wagrechter stand übertragen auf die beste proportion der räder in den uhren geht. Jacobsson 8, 114. 44) daraus entwickeln sich dann die bedeutungen 'im gleichgewicht' und 'in horizontaler lage', die nicht immer zu sondern sind (vgl. das oben sp. 359 f. über wage als 'gleichgewicht' und 'wagrechte lage' bemerkte), beides zunächst vom verhältnis eines gegenstandes zu einem andern, dann absolut. die wörterbücher heben meist die erste bedeutung hervor: wagerecht, n. (s. oben 2), equilibrio. Krämer 1204; wagerecht, adj., équilibre, poids égal d'un coté et de l'autre. Rädlein 1025; wagerecht, ad aequilibrium. Frisch 2, 414. Hederich 2569. Steinbach 2, 288; wagrecht, également balancé sur son centre, en équilibre, conforme au poids, qui a le juste poids. Rondeau; aequilibris, wagerecht, völlig gleich, holl. evenwichtig. Nemnich 1, 90. diese bedeutung 'im gleichgewicht' in übertragener verwendung: denn (nach seiner filosophie) setzt ein weiser mann sich zuerst in seinem mittelpunkte so wagerecht als immer möglich fest, und sorgt — für sich selbst. Wieland 8, 16 (Danischmed 2). sich in wagerechten stand setzen: wodurch die natur in einem jeden unter uns arbeitet uns mit den übrigen, von welchen wir entweder wirklich übertroffen oder unbilliger weise übervortheilt werden, so viel möglich in wagerechten stand zu setzen. 15, 131 (Bon. Schleicher); sich in wagerechten stand setzen, und immer im gleichgewicht halten, ist unmöglich. wer nicht leidenschaften hat, ist kein mensch. Hippel 1, 254 (lebensl. 1). als 'horizontal' hat wagerecht andre ausdrücke neben sich, so namentlich wasserrecht, wasserpasz (ndl. waterpas), söhlig in der markscheidekunst; entsprechend ist schwed. vgrät (dagegenn. vandret = wasserrecht). die bedeutung ist seit dem 16. jahrh. schon fest ausgeprägt: darauff will es auch wol acht gehabt sein, so einer wil ein schüdtt umb ein flecken fürhen, dasz sie oben umbher soll wogrecht gehn. Solms auszug und überschlag einen bau anzustellen (Köln 1556) h 1a; dasz ein jeder schusz oder harter anstosz, der wider ein maur also wagrecht antriffet, am allermeisten durchausz in solcher mauren gemerckt wirt. Fronsperger kriegsb. 2, 26a; wo der boden wagrecht und gerad ist, sollen die schwöllen, ausserhalb bey den thüren und thoren gantz seyn. würtemb. revid. bawordnung (1654) 52; hängt nicht das daseyn der meisten menschen mehrentheils an der hize eines julius mittags, oder am anziehenden anblick eines betttuchs, oder an der wagrechten lage einer schlafenden küchen-grazie ...? Schiller 2, 140 (räuber 4, 2 schausp.); ein hauptmann tritt hinter sich schreitend auf, wobei er eine kurze partisane wagrecht vor sich hält. Grillparzer 7, 34 (bruderzwist 2); er prüfte den schaft, an dem er eben schnitzte, nach seiner länge und gräde, indem er ihn wagrecht vor das gesicht hielt und darüber hin blinzelte. G. Keller 6, 31; das ist was anderes gegen plumpes mauerwerk das eure väter, mir nichts dir nichts, aufgewälzt, cyklopisch wie Cyklopen, rohen stein sogleich auf rohe steine stürzend; dort hingegen, dort ist alles senk- und wagerecht und regelhaft. Göthe Faust 2. theil 9022. bildlich: was dorten (bei Homer und Tasso) wage-recht nach spur (später: schnur) und bleymasz steht, sich nach gesetzen fügt und sondert, kommt und geht, verliehrt hier (bei Postel) spuhr und ziel. Bodmer krit. ged. 16 (1, 401) neudr. mit anspielung auf die wage der gerechtigkeit: und appelliren selten fur den gerechten richter, des recht allein wagrecht ist, und bleybt recht, da es alle richter und rechtsprecher krümmen und biegen wöllen. Mathesius hochzeitpr. 88, 5 Lösche; meynen wir ... ihre (der räuber) leichte unmoralische schaale so lang beschweren zu müssen, bis sie waagrecht mit der gerechtigkeit steht. Schiller 2, 358. in der medicin heiszt wagerechter theil des gaumenknochens der untere oder viereckige theil desselben. Pierer med. wb. (anatomie) 4, 99. in der botanik wird wagrecht abstehend, wagrecht ausgebreitet für 'horizontaliter patens' gebraucht. Krünitz 232, 471. 55) aus der bedeutung 'einer einstehenden wage gemäsz' hat sich aber auch die von 'senkrecht' entwickelt, die der jetzigen sprache unbekannt ist (vgl. über andre spuren dieser bedeutung wage III, 5, a, ε, wageschnur 2 und waglinie). wahrscheinlich ist dabei an das zünglein zu denken, das senkrecht ist, wenn der wagebalken gerade steht; vielleicht auch an die wasserwage anzuknüpfen, die einsteht, wenn das bleilot (auch wage genannt, s. oben sp. 366) senkrecht hängt. für die erste auffassend spricht folgende stelle: nimb ... in acht das zünglein dasz ausz dem wagenbalcken hervor gehet und in dem wag-gericht sich beweget; zu sehen ob es dem gesagten wagericht gleich stehe, und ob es wagerecht, gleich gewicht, gerad gleich sey, ob die wage gleich instehe. Comenius 766. wagerecht bezeichnet somit zunächst 'rechtwinklig auf eine horizontale grundlinie auftreffend' (wie sich das einstehende zünglein zum wagebalken verhält), dann überhaupt 'senkrecht': waagrächt (das), orthogonalis. Maaler 478d; senkelrecht, justrecht, wagrecht. Schottel 504; senkelrecht, wagrecht, arcuatim. Stieler 1552; wag-rechte linie, linea perpendicularis. Kirsch 2, 377; wagrecht, perpendiculaire. Rondeau; wagrecht linien (die sich im erdmittelpunkt schneiden). Dürer underweysung der messung mit dem zirckel u. richtscheyt A 2b; so bald als eine lini von der perpendicular- bley- oder wag-rechten lini abweichet, macht sie angulum obtusum, wenn die öffnung über den rechten winckel auch nur ein haarbreit were. Wend. Schildknecht beschreibung festungen zu bawen (1652) 139; die basis oder grundlini (eines rechtwinkligen dreiecks), item cathetus, die wagrechte auffrechte lini, sonst auch linea perpendicularis genant; endlich auch hypothenusa, die lehnlini. ebenda; linea perpendicularis oder waagrechte lini ist, welche von der bley- und wasser-waage zugleich gemacht wird. verursachet auff beeden seithen zween gleiche winckel. v. Birckenstein handgriffe desz zirckels und linials (Wien 1686) 10; sie (die perpendicular-linie) wird auch sonst bley- loth- senck- waag- und winckel-rechte linie genennet. mathemat. lex. (1734) 950. vgl. auch oben 4 die stelle aus Bodmer.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Wagerecht

    Adelung (1793–1801) · +3 Parallelbelege

    Wagerecht , adj. et adv. der Horizontal-Linie gleich, horizontal, von Wage, Gleichgewicht; wasserrecht, wasserpaß. Im Be…

  2. 19./20. Jh.
    Konversationslex.
    Wagerecht

    Meyers Konv.-Lex. (1905–09)

    Wagerecht , s. Horizontal .

  3. modern
    Dialekt
    wagerecht

    Rheinisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    wage-recht -γə- Adj.: nach dem Nhd. RA.: Eich kann of zihn Meder en e w. gehal Flasch scheissen wer starken Durchfall ha…

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Zerlegung von wagerecht 2 Komponenten

wager+echt

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Cotta, M. (2026). „wagerecht". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 15. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/wagerecht/dwb?formid=W01822
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Cotta, Marcel. „wagerecht". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/wagerecht/dwb?formid=W01822. Abgerufen 15. May 2026.
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Cotta, Marcel. „wagerecht". lautwandel.de. Zugegriffen 15. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/wagerecht/dwb?formid=W01822.
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