vorlaut,
adj. ,
in allgemeiner anwendung erst in neuerer sprache gebräuchlich (
s. aber vorlautisch),
älter dagegen als ausdruck der jägersprache; es wird erst in den wörterbüchern des 18.
jh. verzeichnet: er ist v.,
non potest corvus tacitus pasci, nescit praeda tacite vesci Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 337
b; Adelung; Campe. 11)
in der jägersprache wird v.
vom hunde gesagt, der zu früh das wild anspricht, dann sinngemäsz, aber freier auch vom jäger (
in gleicher bedeutung freilaut
th. 4, 1, 1,
sp. 116),
s. vorlauten 1; Jacobsson
technol. wb. 1, 795
b; Behlen
forst- u. jagdk. (1840) 6, 207; 2, 661; und da er (
der hund) vorlauts (
oder subst. ?) ist, lauffen sie ihm nicht bald zu
jägerb. (1590) 5
a; wenn der jäger zu v. ist und ohne genugsames judiciren ... mit seinem anspruch herausplatzet v. Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 84; dasz er (
der jäger) nicht sogleich frey hinaus, oder, wie man es zu nennen pflegt, v. anspreche, wenn er nur eine fehrte siehet Döbel
neueröffn. jägerpract. (1754) 1, 8. 22)
von hier aus in den allgemeinen sprachgebrauch übernommen, zunächst von jemandem, der voreilig, vordringlich, unbefugt, ohne befragt zu sein, naseweis, taktlos spricht u. s. w., leicht in freiere anwendung übergehend: 2@aa)
attributiv von personen, von mündlicher oder schriftlicher äuszerung, dann auch auf vordringliches wesen bezogen: eine lustige, etwas vorlaute brünette Miller
Siegw. (1777) 595; dem vorlauten zeitungsschreiber und witzmacher Schubart
br. 1, 236
Strausz; verwirrungen, die mehr durch vorlaute als bösartige menschen eingeleitet werden Göthe IV 37, 75
W.; es treten wol so etliche vorlaute bursch vor die front heraus Schiller
kab. u. liebe 2, 2; wie man sich von einem thörigt vorlauten kinde abkehrt Fouqué
zauberring (1812) 1, 26; vorlauter, geschwätziger gelbschnabel Holtei
erz. schr. 26, 227; vorlaute und unverständige weibsen G. Keller (1889) 3, 100. —
von einem thier: der schäfer sah miszbilligend auf das vorlaute thier (
es hatte gehustet) Freytag (1886) 5, 30;
im bilde: (
ein uhu spricht:) dasz doch des lichts vorlauter rotte, die immer was zu krähen hat, gedämpft der schnabel sei vom staat Voss
ged. (1802) 6, 231. 2@bb)
alleinstehend: nannte irgend ein vorlauter einen candidaten Bode
Montaigne (1793) 5, 443; es herrscht bei vielen wohlmeinenden wie bei vorlauten die vollkommenste unwissenheit darüber Solger
nachgel. schr. (1826) 1, 644; das sind immer die hitzigen, die vorlauten Bauernfeld (1871) 6, 69. —
als subst.: ich, damals junger v. Fr. Ziegler
ges. novellen (1872) 3, 61. 2@cc)
prädicativ: ich war ... gesprächig, lustig, geistreich, v. Göthe 18, 21
W.; seid etwas zu v. und übermüthig, junger mensch Tieck (1828) 3, 46; sei oder scheine stets in gesellschaft lieber dumm als v. Bettine
Cl. Brentanos frühlingskr. (1844) 169; sie zeigte sich weder v. noch verzagt Holtei
erz. schr. 5, 103; seien sie witzig und v. G. Keller (1889) 7, 25. —
freier: ich bin etwas v. gewesen (
bezieht sich auf eine tat) Schiller
räuber 4, 5; (
der februar spricht:) und weil ich merke, dasz ich vorlaut bin, zu prangen mit den freuden dieser erde, beug ich mein haupt dem aschenkruge hin Brentano (1852) 2, 602. 33)
auf unpersönliches bezogen. 3@aa)
attributiv zunächst in eigentlichem sinne auf stimme, rede, klang, ton oder stimmorgane bezogen, dann aber in reich entwickeltem freiem gebrauch. 3@a@aα) keinem fällt es ein, sich bei dem solo eines andern durch vorlautes accompagniren ehre zu machen Göthe 22, 21
W.; (
er) hätte gern des grafen vorlaute zunge bestraft Holtei
erz. schr. 18, 182; ich äuszerte diesen eindruck in vorlauten worten G. Keller (1889) 1, 383; dabei war mir der sonst vorlaute mund wie zugehext Carossa
verwandl. e. jugend (1928) 101; eine vorlaute frage. 3@a@bβ)
auf schriftliche äuszerung bezogen: das vorlaute büchlein des sonst so tüchtigen Holsteiners Hebbel
w. 12, 218
W.; die vorlauten zeitungsnachrichten quälen mich
briefw. zw. J.
u. W. Grimm,
Dahlmann u. Gervinus 2, 37. 3@a@gγ)
in freier anwendung auf abstracta bezogen: vorlautes, widersprechendes wesen Göthe 42, 2, 193
W.; weisz ich mich einer vorlauten neugier zu enthalten Schiller 14, 260
G.; dasz ein kaminfeuer die phantasie erhebt und den vorlauten verstand etwas zum schweigen bringt Tieck (1828) 14, 128; sie redet nicht mit vorlauten sinnen Caroline 1, 198
Waitz; in einem vorlauten anflug von kapitalistengefühl Nestroy (1890) 2, 294; dasz der vorlaute neid sich zurückzieht fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 19; da ich von dem feurigen extraweine ... etwas vorlauter laune geworden G. Keller (1889) 3, 236; die vorlaute zudringlichkeit eines betriebsamen strebers Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. 4, 540. 3@a@dδ)
in poetischer wendung: (
sie) hörten des vorlauten bergbächleins geflüster Holtei
erz. schr. 7, 119;
kühner: wo auch kein vorlauter sonnenstral sie ausspionieren soll Schiller
Fiesko 3, 4. 3@bb)
alleinstehend: ich habe aus ihrem munde niemals etwas vorlautes ... gehört Bode
Thomas Jones (1786) 6, 168; einen arzt ..., der wie alle getauften juden etwas vorlautes, widriges hat J.
u. W. Grimm
briefw. (1881) 359. 3@cc)
prädicativ: wenn die mode ein bischen v. ist Iffland
theatr. w. (1827) 10, 161; aber sie (
die hoffnung) war auch zu vorlaut Tieck
bei Wackenroder (1910) 2, 4. 44)
als adv.: denen, die so ... v. verdammen, antworte ich blosz durchs beispiel aller benachbarten nationen Herder 25, 7
S.; eine dirne, die sich zu v. in den freigelassenen raum gedrängt hatte Hauff (1890) 1, 9; dem v. kindischen geschwätz war er nicht hold G. H. v. Schubert
selbstbiogr. (1854) 1, 59; da ich mich v. benommen hatte Laube (1875) 1, 9; mich vorlaut zu meistern masz niemand sich an Gotter
ged. 3 (1802) lxxvi. nun wird albernheit ihr vorlaut nicht die schönste feier stören Grillparzer 4, 141
Cotta; nicht ehrbar ist, des scheuen weibes weg vorlaut zu kreuzen Freytag (1886) 3, 219.
frei: auch der ginster ... hat seine gelbe v. duftende blüthe A. v. Warsberg
odysseische landschaften 1, 127. 55) Adelung
stellt auch eine mildere bedeutung auf: '
jemand wird in einer gesellschaft v.,
wenn man seine stimme vor allen anderen höret'.