vorbilden,
verb. ,
jünger als vorbild,
doch nicht von ihm abgeleitet, sondern zusammensetzung, von vor
und bilden (
trennbar)
aus geformt, s. fürbilden
th. 4, 1, 1,
sp. 665
und fürbillen
sp. 667;
mhd. vürbilden Jelinek 905; vorbilden,
imaginari, praefigurare, delineare Maaler 475
a; vorbilden,
imaginarsi, item ripresentare Hulsius (1618) 271
a; fürbilden
et vorbilden,
suspicari, cogitatione effingere, item exemplum praebere, exemplo esse, vulgo praefigurare Stieler 149; vorbilden,
persuadere, permovere, adducere oratione, repraesentare, vid. fürbilden,
cum quo coincidit 150; vorbilden Kramer 1 (1700), 111
a; für- und vorgebildet, ich bilde vor,
imaginem cujus reddo Steinbach 1, 107; Frisch 1, 98
c; Adelung; Campe;
noch bei beiden fehlt die uns geläufigste bedeutung: im hinblick auf einen zweck oder eine bestimmung vorbereiten, tauglich machen. ungetrennt: er (
der zimmermann) vorbilde ihm dann dasselbig (
haus) vollkommen Paracelsus
op. (1616) 2, 657. 11)
indem vor
in räumlichem sinne genommen wird, bezeichnet das verbum zunächst das darstellen eines gebildes für sich oder für andere; dabei entsteht neben der sinnlichen bedeutung auch eine übertragene: gedankliche darstellung bezeichnend. 1@aa)
in eigentlicher bedeutung: ein falscher spiegel, darinn ein ding betrieglicher vorgebildet wird, als es im werck selber ist Harsdörffer
frauenz.-gesprächsp. (1641ff.) 1, b 8
b; es werden aber allerley wurtzeln also zubereitet, dasz sie die menschliche gestalt vorbilden Grimmelshausen
simpl. schr. 4, 277
Kurz; (
wandstickereien) mehrenteils die heidnischen getichte des Ovidius vorbildend Bucholtz
Herkuliskus 760; das sechste schauessen vorbildende den berg Aetna Lohenstein
Armin. 2, 434
a; (
sinnbilder,) welche nur die art und ursach ihres todes vorbildeten Lindenborn
Diogenes (1742) 2, 49; dieser grosze künstler hatte die edle idee, inwendig im berlinischen zeughause ... die reue allegorisch vorzubilden Nicolai
reise d. Deutschland (1783) 7, 14; dasz ich ... an der natur selbst umrisz versuchte oder nach erzählungen mir gegenden vorbildete Göthe 49, 1, 337
W.; das eine (
medaillon) bildete ein sonderbar jugendlich aussehendes weibliches gesichtchen vor Jean Paul (1826) 21, 34; auf der dritten (
stufe) vorgebildet war ein jüngling und eine jungfrau Jac. Grimm
kl. schr. 1, 191.
in diesem sinne ist das verbum veraltet. 1@bb)
in der freieren bedeutung von darstellen, ein gebrauch, der ebenfalls der älteren sprache angehört; es kann dabei auch die bedeutung von vorbild
einwirken, indem der einbildungskraft etwas typisches dargestellt wird, doch ist auch eine ganz neutrale darstellung gemeint: so man ein andechtigen geystlichen christen wil verston oder v. Eberlin v. Günzburg 2, 25
ndr.; das haben die poeten sehr fein mit diser geschicht vorgebildet Fischart 3, 195
Hauffen; was vor lere und erinnerung ich in diesem H. Pfriem habe v. wollen Hayneccius
Hans Pfriem 6
ndr.; entwerffen und v. Harsdörfer
gesprächsp. 1 (1644), 242; nun will ich euch die gantze sache in einem gleichnüsse
v. Chr. Weise
erznarren 162
ndr.; weil nun sein ängstiges antlitz mir die wichtigkeit der sache mehr denn zu viel vorbildete Lohenstein
Armin. 2, 1103
a; der natürliche traum wird zum öfftesten von dem underschidlichen geblüt vorgebildet Abr. a
s. Clara
Judas (1686ff.) 1, 2; man musz den leuten die unwürdigkeit einer fremden herrschafft ... wohl vorbilden v. Fleming
vollk. t. soldat (1726) 268; (
man darf in der fabel) eine rose als verliebt ... v. Gottsched
crit. dichtkunst (1751) 447; sein kreuzestod ward als ein blutiger kampf zum siege, zur errettung der welt vorgebildet Herder 19, 94
S.; dasz ich vielen menschen widerwärtig und verhaszt geworden und dasz diese mich auf ihre weise dem publicum vorzubilden gesucht Göthe 42, 2, 60
W.; und lasz ihr vorgebildet seyn mein herzeleid und meiner selen kummer Postel
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721
ff.) 1, 336.
reflexiv: dann bildeten sich ihm die reizenden aussichten einer bessern zukunft vor Wieland
Agathon (1766) 1, 55. 22)
es entwickelte sich leicht die bedeutung, dasz etwas dargestellt wird, was sich mit der wirklichkeit nicht deckt (
vgl. einbilden),
gewöhnlich mit dem dativ verbunden. die bedeutung ist aber oft schwebend und der übergang von neutraler anwendung her unmerklich. Adelung
bezeichnet diesen gebrauch als oberdeutsch, d. h. nicht schriftgemäsz. 2@aa) seltzame begäbnüsse, welche ... von furcht und aberglauben ihnen vorgebildet waren Lohenstein
Armin. 2, 1060
b; worte, so einige sorgfältigkeit vorbildeten, allein sie giengen nicht recht von hertzen A. Olearius
insul Formosa 52; (
dasz sie) sich nicht so sehr beschweren dörfen, als ihnen der erste zorn vorbildet Petrasch
lustsp. (1765) 2, 630; so haben uns die poeten ein streitendes, uneinig tobendes chaos vorgebildet Göthe II 9, 179
W.; nach dem staarstechen bildet die empfindlichere netzhaut alles gröszer vor Jean Paul 7/10, 43
H.; dem vater weisz er grosze reichthümer vorzubilden Tieck (1828
ff.) 14, 314; wer weisz es, was die furcht den guten kindern vorgebildet Göthe 11, 239
W. 2@bb)
besonders oft in älterer sprache sich v., sich etwas v.,
sich vorstellen, wobei auch hier der sprachgebrauch dazu neigt, eine selbsttäuschung zu bezeichnen, doch ist neutrale anwendung ebenso häufig: sich eine sache schwer oder leicht v. Kramer 1 (1700), 111
a; ich bilde es mir vor, ... gewöhnlicher vorstellen Braun
dtsch. orthogr.-gramm. wb. (1793) 291
b;
auch nd. ten Doornkaat-Koolman 1, 537
a; dasz also die unmüszige, unrüwige seele auch ihr selbst den augenblick nicht vorbildten kan, darinnen sie müszig sey W. Spangenberg
dicht. 4
M.; wann er in seinem gemüht ihm vorbildete, wie er ausz seinem castell oder schlosz auszfiel Bastel v.
d. Sohle
don Kichote (1648) 18; also dasz ich mir etlich mal vorgebildet, ob solte ich in dem euszersten Lappland ... sein Moscherosch
ges. (1650) 2, 795; haben wir ursach, uns zu fürchten; so sollen wir uns weniger gefahr und mehr sicherheit v. Butschky
Pathmos (1677) 2; der zweyvierteltact hebt zwar; doch nie so, wie es die Franken sich im strome der begeisterung vorbilden Schubart
ästhet. d. tonkunst 272; ich habe ... mir die arbeit leichter vorgebildet Göthe IV 8, 52
W.; da sich alles so ganz anders gestaltete, als er es sich vorgebildet hatte Tieck (1828
ff.) 17, 66; in unsere briefe wird er seine indiscrete nase stecken, das kann ich mir ganz klärlich v. A. v. Droste-Hülshoff
br. an L. Schücking 279; ich weisz schier nicht, was mir mein hertz für unglück vorbildet mit schmertz Dähnhardt
gr. dramen 1, 172; du bildest dir hie schon in den gedanken for das näu Jerusalem und seine liechte thor Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsche s. reimgedichte (1647) 9; und in erfüllung gehet, was ich mir in süszen träumen gaukelnd vorgebildet Schiller (
Maria Stuart 5, 9) 12, 570
G. 2@cc)
das part. prät. im sinne von vorgestellt, aber auch von eingebildet, vorgespiegelt u. ä.: die vorgebildete freude, welche bey ehestem wiedersehen unsere hertzen beseligen wird (
wenn vor
hier nicht im zeitlichen sinne zu verstehen ist) Ziegler
asiat. Banise (1689) 323; vorgebildete (
angebliche) schuldigkeit der ehfrauen Lohenstein
Armin. (1689) 2, 97
b; die thätigkeit gewinnet bei einer vorgebildeten gefahr dasjenige nicht, was sie bei einer wirklichen ... findet Möser 3, 89
A.; ein vorgebildetes und vorgespiegeltes ding der kunst Stifter (1901
ff.) 4, 1, 143. 33) vor
im zeitlichen sinne genommen (
vgl. vorbild 5): '
als ein bild, d. i. sinnliche vorstellung einer künftigen sache, vorstellen, ... gleichsam vorher abbilden; besonders in der theologie.' die eherne schlange bildete Christum vor; der israelitische gottesdienst war dazu bestimmt, den Messias vorzubilden Adelung.
von dieser engeren bedeutung ausgehend wird das verbum dann in dem freieren und allgemeineren sinne des vorausweisens, hindeutens auf etwas späteres gebraucht; auch kann die bedeutung vorliegen, dasz etwas künftiges in den ersten anfängen oder bedingungen angelegt ist; diese anwendung vor allem hält sich in der neueren sprache: durch alle diese ding, sagt ... die h. kirch, seie vorgebildet und figursweisz angedeut worden, das die siben doctores der rö
m. kirchen ... solten auch siben sacrament in der rö
m. kirchen auffrichten Fischart
bienenkorb (1588) 179
b; vor seinem end ward ein comet gesehen, den etlich achteten seinen todt vorbilden Stumpf
Schweizerchron. (1606) 173
a; du solt auch unterricht sein, gut und bösz zeichen der wunden erkennen ... und wissest ihre bedeutung, was sie vorbilden Paracelsus
chirurg. schr. (1618) 1 c; dasz die ganze künftige welt in der gegenwärtigen stecke und vollkommentlich vorgebildet sey Leibniz
d. schr. (1838ff.) 2, 49; den sichtbaren gegenstand ..., der ihr den künftigen liebhaber unter den fürsten von Hechelkram v. muszte Immermann 1, 56
B.; alle möglichkeiten sind in unserm tiefsten innern vorgebildet Hebbel
tageb. 1, 272
W.; mit schalkhaftem behagen sehen wir den mann vorgebildet in den zügen des kindes Treitschke
hist. u. polit. aufs. (1886ff.) 1, 57; reifer schönen volle busen bildete die Ceres vor Hagedorn
poet. w. (1764) 3, 78; kein glanz vom opferfeur auf dem vorbildenden altar Cronegk
schr. (1771) 1, 282; ach dein Isak wurde gewürdigt, gottes opfer, das opfer, das nun auf Golgatha blutet, vorzubilden Klopstock
Messias 9, 296. 44)
die vorstellung des zeitlichen vorhergehens der handlung kann zurücktreten oder ganz schwinden, dagegen tritt dann eine andere bedeutung hervor, dasz etwas als sinnbild für ein anderes oder auch als typus, muster, vorbild gilt (
vgl. vorbild 4): das feste vertrauen gegen gott und verachtung menschlicher hülffe vorzubilden, mahle ich einen adler über dem ancker schwebend Treuer
d. Dädalus (1675) 1, 56; weilen die groszen gebäu einen rechten vielfrasz v. können Abr. a
s. Clara
etwas f. alle (1699ff.) 2, 89; mit einem halb schwartz und weiszen mantel, wodurch sie (
ordensfrauen) ihren vorigen weltlichen und ietzigen geistlichen stand vorgebildet Amaranthes
frauenz.-lex. 1380; von den sieben geistern vor seinem thron, welche der siebenarmigte leuchter vorbildete Jung-Stilling 3, 24
Gr.; weil er (
Chamisso), als individualität, mir die ganze neufranzösische literatur, so weit sie durch deutsche befruchtung ins leben gerufen wurde, ... vorzubilden schien Hebbel 10, 414
W.; Platos seele bild ich dir vor: sie flog zu den sternen (
der adler auf dem grabe) Herder 26, 18
S. 55)
vorbereiten, dasz etwas für einen zweck, eine bestimmung geeignet wird: liebe ist vorbildende schöpferische kraft
F. H. Jacobi (1812
ff.) 6, 92; (
gemüthsbewegungen,) welche ein richtiges handeln vorbilden
aus Schleiermacher
s leben 2, 203; dem dazu (
zur kultur) physikalisch vorgebildeten Nord-Amerika Ritter
erdk. (1822ff.) 2, 24; dieses erdenleben ist nur ein v. für das jugendleben des geistes Bettine
Göthes briefw. mit einem kinde (1835) 2, 67. —
in neuerer sprache meist eingeengt auf persönliche geistige vorbereitung für eine bestimmung, einen beruf; besonders das part. prät. ist häufig: zum historiker vorgebildet, gründlich, ungenügend vorgebildet; auf dem gymnasium seiner vaterstadt vorgebildet studierte er in Göttingen philologie; zum wesentlichen hats dich förmlich vorgebildet (
was du in der schule gelernt hast) Rückert 8, 221. 66)
hierzu vorbilder, m., im sinne des verbums Campe;
vgl. mhd. vorbilderîn,
f. Lexer 3, 462. —