verweigern,
v. ,
erheblich jünger als das seit spätahd. zeit belegte simplex (
vgl. th. 14, 1, 635).
die belege beginnen im 16.,
aufnahme in die wörterbücher erst im 17.
jh.: Sattler
phraseologey 373; 517; Hulsius (1618) 2, 119
b; 331
a; Schottel
hauptspr. 751; Stieler
stammbaum 2513; Kramer (1702) 2, 1295
a; Dentzler (1716) 316
a; Frisch, Steinbach, Adelung, Campe.
mundartl. ungebräuchlich: kaum populär Fischer
schwäb. wb. 2, 1407.
die form verwegern
bei Schottel
und neben verweigern
bei Stieler, Kramer, Ludwig
teutsch-engl. lex. 2190;
belege kommen bis in die ersten jahrzehnte des 18.
jh. vor: Leibniz
d. schr. 2, 302; Hagedorn
poet. w. 2, 164; verwegere Ettner v. Eiteritz
med. maulaffe (
s. u. 5 b); verwegerst Pietsch (
s. u. 4 g); verwegert Frisius (1573,
s. u. 3 a); Ayrer
hist. proc. juris 375 (verweigert 70; 273); Nigrinus
von zäuberern 364; Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 7
ndr.; Lohenstein
Arminius 2, 1501 (verweigern 1, 63); Hartnack
Terenz (1711) 42; verwägert Harsdörfer
frauenz.-gesprächsp. 2, 69; Heräus (
s. u. 4 b); verwegerten Rätel
Curäi chron. 349; Binhardus (
s. u. 5 a).
als sinnverwandt werden angeführt abschlagen Sattler, Hulsius, Ludwig, Krünitz, nit annehmen Hulsius, nicht geben, nicht erlauben wollen Krünitz, versagen Sattler, Hulsius, Ludwig, Schwan, verwerffen Hulsius,
als übersetzungen negare, denegare Hulsius,
recusare, renuere Dentzler, Steinbach. 11)
ganz isoliert ist einen einer sache v.: ich gehe beschämt, gekränkt, aller rechte der gastfreyheit verweigert Lessing 3, 462
M. 22)
infinitiv und part. präs. zuweilen in absoluter verwendung: vor ihm (
dem nörgler) ist alles schlecht, belohnen unverdient, verweigern ungerecht Eschenburg
beispielsammlung 2, 212; es war ein unaufhörliches fordern und verweigern Ranke 1, 132; man liebt, das mädchen stellt sich blöde und quält verweigernd sich und euch v. Cronegk
schr. 2, 265. 33)
reflexiver gebrauch: 3@aa)
nur in älterer zeit sich v.
wie sich weigern;
selten ohne ergänzung: verwaiger dich nit also sehr Spreng
Ilias 119
a.
mit dem genitiv: diser ... hat sich mit nichten des angebottenen todts verwegert Frisius
narratio de furoribus Gallicis (1573) d 3
b; die königin ... umb weiblicher scham und zucht willen sich desz ... verweigert Kirchhof
wendunmuth 2, 71
lit. ver.; dass sich der hellische grossfürst ... nicht unzeitig eines solchen begehrens verweigert ... hat Ayrer
hist. proc. juris 70.
mit dem infinitiv: als derselbige sich solches zu verrichten verweygert (
Büdingen 1597) Crecelius
oberhess. wb. 880; weil dieselbe (
die stadt Stralsund) keyserliche guarnison einzunehmen, sich verweigert Chemnitz
schwed. krieg 1, 7; als nun der hausbau vollendet und beklagter solches ein jahr bewohnet, verweigert er sich ..., das versprochene salarium abzustatten Menantes
allerneueste art 551. 3@bb)
seit dem 18.
jh. sich einer sache (
dat.) v.,
sie ablehnen, sich ihr unzugänglich zeigen, nichts mit ihr zu thun haben wollen, besonders beliebt bei Lessing: er verweigert sich dem groszmüthigen anerbieten 9, 265
M.; sie verweigerte sich allen arzeneyen 9, 276
M.; er verweigert sich der gnade, die sie ihm angetragen, gänzlich 10, 68
M.; sich dem kampfe verweigern Bürger 215
B.; P., als ihm der stab gebrochen war, verweigerte sich hartnäckig der absolution H. v. Kleist 3, 375
Schm. mit persönlichem dativ: ich häng an dir wie der rost am eisen. — und hast dich dem Hutten doch verweigert! Bauernfeld
ges. schr. 6, 214.
mit sächlichem subject, für eine behandlungsweise unzugänglich sein: sie haben (
im Ugolino) ein sujet gewählet, dessen contextur sich aller dramatischen form zu verweigern scheint Lessing 17, 245
M.; ebenso verweigert sich die kunst nicht durch regellose willkür der philosophischen betrachtung Hegel
w. 10, 1, 19.
ungewöhnlich ist statt dessen sich zu etwas v.,
sich nicht zu etwas hergeben: bei so viel verdrusz auch noch schande, dazu verweigere ich mich Göthe
gespräche 3, 280
B. 44)
in alter und neuer zeit am häufigsten etwas v.;
sofern die person, der etwas verweigert wird, genannt ist, steht sie im dativ. 4@aa)
eine handlung, ein verhalten, eine leistung v.,
die von einem verlangt, erbeten oder erwartet wird: wer auf gott allein sihet, der verwaigert niemandte die verzeihung Albertinus
zeitkürzer 32
b; weil Canutus ... die lehenspflichten verweygerte Micrälius
altes Pommerland 2, 265; der commandant ... konnte die übergabe nicht länger verweigern Göthe 33, 37
W.; der jungen gebieterin gehorsam zu verweigern Holtei
erz. schr. 10, 43; die steuern zu v. Dahlmann
gesch. d. franz. revol. 24; die annahme v. O. Jahn
Mozart 4, 690; wenn seine ältern ihre einwilligung (
zur verheiratung) verweigerten
M. Meyr
erzählungen a. d. Ries 1, 47; welche die unterschrift verweigerten Ranke 17, 126; dasz die holsteinischen truppen in Kopenhagen den eid verweigert hätten Moltke
schr. u. denkw. 6, 385; auch England verweigerte wirksame hilfe Treitschke
d. gesch. im 19.
jh. 1, 389; dasz ich mal jemand die gastfreundschaft verweigert hätte G. Hauptmann
einsame menschen (1891) 113. 4@bb) einem v.,
um was er bittet, was er verlangt oder worauf er ein anrecht zu haben glaubt: warum mir eine gunst, ein recht verweigern, das man dem mörder nicht versagt? Schiller 12, 437
G. (
Maria Stuart 1, 7).
besonders von concreten gegenständen: wie mancher sich mit dem einvettert und verschwägert, dem er vorher den stuhl zum sitzen hat verwägert, bisz er vors blinde glück sieht alle tief geneigt Heräus
ged. u. lat. inschriften 252; alles geb ich, nur verweigern musz ich dir den schlüssel blos Brentano
ges. schr. 3, 414; da man uns die pässe verweigert
jahrb. d. Grillparzerges. 1, 25; im falle man mir die pferde verweigert G. Freytag
ges. schr. 4, 394; ob uns im jahre 1866 das geld zum kriege verweigert worden ist oder nicht Bismarck
pol. reden 4, 39
K. häufig einem die hand v.: sie verweigerte ihm die hand, da er (
der arzt) sie beprüfen wollte Hippel
lebensl. n. aufsteig. linie 3, 2, 114; als ich das letzte mal bei dir war, verweigertst du mir die hand Arnim 21, 162
Gr. übertragen, einen eheantrag abweisen: hätte ihm mein onkel meine hand verweigert? Göthe 11, 176
W. (
Stella); wann hätte sie je einem freier ihre hand verweigert? H. v. Kleist 2, 248
Schm. (
Käthchen 3, 3).
im selben sinne einem ein mädchen v.: einst soll er sich in ein schönes mädchen verliebt haben, die ihm auch anfangs zugesagt, hernach aber wieder verweigert worden war brüder Grimm
deutsche sagen (1891) 1, 218. 4@cc)
in freierem gebrauch einem etwas vorenthalten, auch ohne dasz es thatsächlich gefordert worden ist: wolten sie denen andern todten Römern die ruhe im grabe nicht gönnen, solten sie solche doch einem römischen bürgermeister und feldherrn nicht verweigern Lohenstein
Arminius 1, 63
b; aber man kann einem groszen verbrecher eine art achtung nicht verweigern Göthe 45, 102
W. einem etwas absprechen: dadurch bekam er (
der erste mensch) die begriffe, die ihm der criticus verweigert, von schneidendem eisen, güldenen schilden, ährinen wagen Bodmer
v. d. wunderbaren 188; er betrachtet das mitleid nach seinen primitiven regungen, er betrachtet es blos als affekt. ohne jene zu verkennen, verweigert er nur dem funke den namen der flamme Lessing 10, 107
M. 4@dd) etwas v.,
nicht erlauben: der senat verweigerte dem volk anfangs die wahl eines neuen königs Niebuhr
röm. gesch. 1, 164; sie verweigerten den Russen den eintritt in ihre mauern Moltke
schr. u. denkw. 2, 99. 4@ee) etwas v.,
was einem angeboten wird, ausschlagen, verschmähen, nicht annehmen: hör, ob er ein geschenk wie dies verweigern kann
theater d. Deutschen 4, 24; der mann, der mich jetzt mit allen reichthümern verweigert, wird mich der ganzen welt streitig machen, sobald er hört, dasz ich unglücklich und verlassen bin Lessing 2, 227
M. (
Minna 4, 1); sie verweigerte die bezahlung (
weigerte sich, geld anzunehmen) O. Ludwig 2, 205
Schm.-St. 4@ff) etwas v.,
was sowohl angeboten als auch gefordert wird: diese, als eine gottselige fürstin, hat dem herzog von Burgund die ehe verweigert Simrock
volksbücher 2, 25; welch mächtiges bündnis er verweigert habe Hauff
w. 1, 5; wenn der andere ehegatte die wiedervereinigung verweigert
schweiz. zivilgesetzb. art. 148; diesen gegner, der die entscheidungsschlacht beharrlich verweigerte Mommsen
röm. gesch. 3, 20. 4@gg)
zuweilen ist nicht das erbetene, gewünschte, vorgeschlagene, angebotene das object, sondern bitte, vorschlag usw. selbst: du ... hast mir meiner vorschläg drey verweigert Ayrer
hist. proc. juris 273; du schenckest ihm, warum sein hertze bittet, und seinen wunsch verwegerst du ihm nicht Pietsch
schr. (1740) 105; Häschekarl war der letzte, um solch eine bitte zu verweigern v. Polenz
Büttnerbauer 3, 312. 55) v.
mit dem infinitiv kommt bis in die neueste zeit vor, ist aber nicht sehr gebräuchlich; zuweilen mit anaphorischem es: die hausväter allesammt verweigerns, dir nachzuziehn Fouqué
altsächs. bildersaal 1, 50; wenn sich der principal tätlichkeiten ... gegen den handlungsgehülfen zu schulden kommen läszt oder es verweigert, den handlungsgehülfen gegen solche handlungen ... zu schützen
handelsgesetzbuch § 71. 5@aa) v.
etwas zu thun: als aber die Ungern vernamen, dasz ihnen die Thüringer den zehenden zu geben verwegerten Binhardus
thür. chronica 38; weil er aber kein gelehrter, hat dasselb (
das kammergericht) den gesandten zur visitation zu lassen verweigert Lehman
floril. polit. 2, 842; sie verweigere den eiertanz zu tanzen Göthe 21, 161
W.; auf einer versammlung, auf der von Sachsen her gegen die Quitzows eingelaufene klagen erörtert werden sollten, verweigerten diese zu erscheinen Ranke 25, 70. 5@bb)
nicht zulassen, dasz ein anderer etwas thut: damit die erzörnte Luna mich nicht zur straffe ziehe und uns ihr helles gesichte weiter zu schauen verwegere v. Ettner u. Eiteritz
mediz. maulaffe 158; als er ihm verweigert auszuruhen Aurbacher
volksbüchlein 17.