verwehren,
v. ,
ahd. farwarian, firwerian Graff 1, 928;
ahd. gloss. 1, 88
St.-S.; mhd. verwern
recht selten: mhd. wb. 3, 515; Lexer;
auch frühnhd. nicht häufig, den wbb. des 16.
jh. unbekannt; später ziemlich allgemein, z. b. Stieler
stammb. 2511; Kramer 2 (1702) 1285; Steinbach, Adelung, Campe.
schwäb. Fischer,
bayr. Schmeller-Fr. 2, 971;
els. Martin-Lienhart 2, 845;
kärnt. varwir'n
deutsche mundarten 5, 252
Fromm.; lux. ma. 468;
niederhess. Hofmann 252;
köln. Hönig;
ostfries. Stürenburg 316;
nordfries. Jensen 118. II.
ausgestorbene oder nur vereinzelt vorkommende bedeutungen. I@11) sich v.
mit dem gen., sich gegen etwas wehren (
vgl. erwehren): ich zittert ängstiglich, so dasz ich konte weichen kaum, und seiner mich verwehren
Reinicke fuchs (1650) 228; mancher arbeit gern, dess hungers sich zu verwehren Dannhauer
catechismusmilch 1, 216. I@22)
bewehren, mit wehr versehen: man soll auch auf 30 000 verwährter mann, die mit aller wehr versehen seindt, zum vorraht mitfüren 3000 fuszknechtspiesz Fronsperger
kriegsbuch 2, 43
b;
freier, mit etwas versehen: ich will drauf leben und sterben, dasz er alle leute mit guten fleische verwehrt Chr. Weise
bei Kürschner 39, 108. I@33) '
bei dem süddeutschen salzbergbaue: mittels eines wehres verschlieszen' Veith
bergwb. 541. IIII.
verhindern, fernhalten, abwehren: prohibere ahd. gloss. 1, 88
St.-S.; interdicere, vetare, prohibere Stieler;
prohibere, inhibere, arcere Steinbach; verhindern, verwehren Stosch 2, 529.
in neuerer zeit zuweilen absolut: wenn sie (
unsere kunstproduzenten) auf klima und natürlichen boden sich als verwehrende oder begünstigende bedingungen für die kunst berufen R. Wagner
ges. schr. 3, 211; fast bis zu den fernen meeren kann ich den ernsten schweren verwehrenden himmel sehn Rilke
buch d. bilder2 50; von einem höheren war nichts zu erwarten, denn ein höherer, der verwehren und gewähren konnte, war nicht da Hans Grimm
volk ohne raum 1, 26. II@11)
einem etwas verwehren. II@1@aa)
verhindern, dasz einer etwas thut: es ist eine thorheit, den flöhen wollen das hupfen verwehren Moscherosch
gesichte (1650) 2, 314; man musz niemahls aus nachlässigkeit den feind sich stärken und zu vollen kräften kommen lassen, so man ihm solches bey zeiten verwehren kan v. Fleming
teutsche soldat 269; (
die Russen) würden aber suchen, wenn es ihnen nicht verwehret würde, diesseits der Oder zu kommen Lessing 18, 390
M.; kann doch eine blosze postenkette von grenzwächtern nicht einmal den schmugglern das einschwärzen verwehren Fr. L. Jahn
w. 2, 466
E. substantivergänzung wird meist von wörtern gebildet, die eine handlung bedeuten: die sie ... vielmehr angefeuert, als dem Fritzen seine nachstellungen verwehret Grimmelshausen 4, 569
Keller; was das gepräge der pracht trug, erbitterte sie, weil ihre umstände ihnen jeden genusz der reichen verwehrten Schiller 4, 100
G.; die mattgeschliffenen scheiben, die den gefangenen vermöge ihrer höhe und undurchsichtigkeit jeden blick himmel- und erdenwärts verwehren
briefe von u. an Herwegh 71; das gebüsch an meiner seite verwehrte mir die aussicht Storm 2, 114.
am häufigsten sind ausdrücke der bewegung: die schildwach mir verwehret den freien lauf ins feld Mittler
volkslieder 889; hurtig sagt den Weserfrauen, dasz sie ihm die fahrt verwehren
F. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 159; der neuangekommene, dem die rückkehr nach Frankreich verwehrt war Ranke 8, 119;
besonders im sinne von durchgang, übergang, zugang oder eingang: denen königl. schwedischen den pas über die Weser mit gewalt zu verwehren Chemnitz
schwed. krieg 2, 51; einer anzahl sickingenscher pferde den übergang über den Rhein nicht verwehrt zu haben Ranke 2, 78; dem feind den durchzug zu verwehren Steub
drei sommer in Tirol 2, 46; ihm allen zutritt verwehren Ziegler
asiat. Banise 120; denn die gratien haben da keinen aufenthalt gesucht, wo ein ewiges eis die berge bedeckt und ihrem nackten und zarten fusze den zugang verwehrt Schwabe
belustigungen 1, 53; die traurigen reste, die uns den eingang der burg verwehrten, waren die leichname tapfrer männer Göthe 18, 383
W.; der chor des don Cesar will ihm den eintritt verwehren Schiller 14, 79
G.; eine kaste ..., die (
jedem andern) ... den eintritt verwehren kann Bismarck
polit. reden 1, 142
K.; uns das landen zu verwehren G. Forster
s. schr. 2, 294.
auch mit infinitiv und satzergänzung: so wollet ihr mir denn verwehren, die geschworne treu bisz in den tod zu beobachten? Ziegler
asiatische Banise 32; da er seinen eigenen unterthanen nicht verwehren kann, seeräuber zu werden G. Forster
s. schr. 4, 251; sie konnten mir also auch nicht verwehren, dasz ich in gedanken ihnen den zepter aus der hand und den hermelin von der achsel nahm Thümmel
reise 1, 118. II@1@bb)
mit objecten, die keine handlung bedeuten, aber den begriff einer handlung in sich schlieszen oder auf eine handlung hinweisen: er soll auch seinem weib kein ehrlich freud verwehren Moscherosch
gesichte (1650) 2, 345; mein volles herz will hier sich in der nächte stille der last entledigen und seufzt, dasz seine fülle ihm selbst der klagen trost verwehrt J. A. Schlegel
verm. ged. 1, 234; so hat er monde sich verzehret, ... hat töne seinem schmerz verwehret Bettine
Günderode 1, 435.
zu den verbindungen mit wörtern der bewegung stellen sich wendungen wie: aber der grosze Adrast verwehrte ihm ... den weg Heinse
s. w. 3, 369
Schüdd.; das felsmassiv, welches den weg auf dem grate mir verwehrt v. Barth
Kalkalpen 406; denen man auch die hölle, zu einer sondern straf, verwehren wolte Moscherosch
gesichte (1650) 1, 370; den römischen handelsleuten den offenen marckt zu verwehren Lohenstein
Arminius 2, 929
b; als priester kann man mir den tempel nicht verwehren
deutsche schaubühne 4, 393
Gottsch.; dasz sie, wenn ihnen die brücke der hoffnung verwehrt ist, auf der brücke der furcht hinüber gehen Börne
ges. schr. 6, 195. II@1@cc)
verbieten, untersagen, verhindern wollen, ohne dasz die macht, es thatsächlich zu verhindern, gewährleistet ist: wir seind auch nicht die heiligsten engel in unserer jugend gewesen und können ihnen deszwegen nicht eben so hart verwehren, was uns damahl auch gefallen Schoch
studentenleben b 1
b; warum solte alle ergötzligkeit ... fürsten verwehret seyn? Lohenstein
Arminius 1, 86; was euch von eurer nothdurft übrig bleibt, davon verwehr ich euch nicht, ihr ein geschenk, nur nicht zu oft, zu machen Göthe 19, 18
W.; spieszbürgerlich ist, dem fürsten das halten einer mätresse verwehren ... zu wollen Schopenhauer
w. 4, 413
Gr. II@1@dd)
einem etwas versagen, verhindern, dasz er es erhält oder anteil daran bekommt: ich gedacht, ich wolt dich ehren, aber der herr hat dir die ehre verwehret
4. Moses 24, 11; der wund, ob welcher ich mich queele, wird aller heilung kraft verwehrt Stieler
geharnschte Venus 48
ndr.; das sacrament sei ihm verwehrt Lenau 541
B.; und sein masz bier den tag, das wollt ich ihm auch nicht verwehren O. Ludwig 2, 220
Schm.; selten in dem sinne, dasz etwas unerwünschtes ferngehalten wird: ihr (
die musen) habt ... dem hertzen allen gram verwehrt J. Chr. Günther
ged. (1735) 182. II@22)
nicht ganz so häufig ohne dativergänzung: II@2@aa)
verhindern: etlich edellüt hettend gern die pündtnuss mit Bern verwert, mochtends nit Tschudi
chron. helv. 1, 425; (
Artaxias) konte mit genauer noth verwehren, dasz er von den hitzigen Armeniern nicht getödtet ... ward Lohenstein
Arminius 1, 227; dasz eben an diesem tage das neunfache grüne kraut soll verwehren, dasz einer, der davon isset, das fieber bekommen könne J. G. Schmidt
rockenphilosophia 2, 219; als aber vollends der späte herbst die blätter streifte und der nordwind mit ungestümem brausen jeden schritt auszer dem hause verwehrte Nicolai
Seb. Nothanker 3, 107; (
er) hat seine schwester, welche ihm sein vieles stehlen vorwarf, eigenhändig erwürgt und seinen vater, der den schwestermord verwehren wollte, auf das unbarmherzigste zu tod geprügelt Grabbe 1, 243
Bl. (
Gothland 4, 2).
ungewöhnlich ist, dasz nicht die handlung, sondern ihr ergebnis als object steht: weil er nicht bey zeiten die schantz, welche die keyserliche bey C. neu aufgeworfen, verwehret ... hatte S. v. Birken
verm. Donaustrand 191. II@2@bb)
besonders in älterer zeit abwehren; von feindlichem angriff: ob wol Tiberius ... der Langobarder einfall verwehrete Micrälius
altes Pommerland 1, 76; Franck und Jubil verwehren der Gallier vorbruch Lohenstein
Arminius 2, 231.
von unglück, schaden: Kramer (1700) 1, 541
b; seines herrn schaden und nachtheil in alle weise und wege abwenden und verwehren Menantes
neue briefe 589; abend und morgensind seine sorgen, segnen und mehren,unglück verwehren sind seine wercke und thaten allein P. Gerhardt
bei Fischer-Tümpel 3, 429.
von klimatischen und witterungseinflüssen: (
ein fuhrknecht will) das wetter stillen und verwehren, das es nicht alda einschlagen solle Hennenberger
preusz. landtaffel 36; die viehställe wohl bedecken, doch nicht das licht allzusehr verwehren
allg. haushalt.-lex. 1, a 1
b. II@2@cc)
ungewöhnlich eine sache v.,
verhindern, dasz sie jemand nimmt: (
der hund,) ders häw verwert, des er nicht gneust B. Waldis
Esopus 1, 104
K. II@2@dd)
verbieten: der das gesetz verehret, nichts thut, was es verwehret Pfeffel
poet. versuche 4, 16; denn man könne die geistlichen ehrenbezeigungen, die dem oberhaupte der kirche erwiesen würden, überhaupt nicht verwehren Ranke 31-32, 56; liebhaben in ehren, kann niemand verwehren Erlach
volkslieder 2, 6; ein trunk in ehren, wer wills verwehren? Böhme
volksthüml. lieder 237.
bitten, dasz etwas unterbleibt: ich schicke niemand entgegen, da du es ausdrücklich verwehrt hast Bismarck
briefe an braut und gattin 560. —