verwachsen,
v. ,
mhd. wb. 3, 463; Lexer 3, 292;
mnd. vorwassen Schiller-Lübben 5, 498;
in den älteren nhd. wb. sehr häufig, z. b. Frisius 71
b; 220
a; 654
b; Bas. Faber
thes. (1587) 172
a; 337
a; Calepinus
XI ling. 236
a; Hulsius-Ravellus (1616) 360
a; Stieler 2404; Steinbach; Adelung; Campe.
gewöhnlich in den mundartwbb.: els. Martin-Lienhart 2, 785;
schwäb. Fischer 2, 1399;
lux. verwoissen Gangler, verwû
essen
lux. ma. 468;
oberhess. fawase Schöner 232;
niederhess. Hofmann 252;
obersächs. Müller-Fraureuth 2, 618;
cronenb. fərwāsən Leihener 36;
wald. f
ẹrwas
ẹn Bauer-Collitz 32
a;
westfäl. verwassen Woeste 297
b;
götting. Schambach 268
b;
pommer. Dähnert 529
a;
altmärk. verwussen Danneil 241
a;
lüb. Schumann 87.
altengl. forweaxan, forwexen Bosworth-Toller 325, 326. II.
transitiv. I@aa) '
im wachsen allmählich wieder verlieren' Schambach; er verwechst sinn und witz Seb. Franck
sprüchw. (1541) 2, 72
a; selbst einige angrenzende tatarische stämme werden mit zügen der mongolischen bildung gebohren, die sie aber v. Herder 13, 217
S. einen schaden v.: dat verwasset de göre nog wedder Dähnert 529
a; die erstaunende heilkraft der sprache, womit erlittenen schaden sie schnell verwächst und neu ausgleicht Jac. Grimm
kl. schr. 1, 262. I@bb)
seit dem 18.
jahrh. kleider v.,
aus ihnen herauswachsen: das kind verwächst die kleider Aler 2, 2031
a; gott lasze ihn (
den enkel) dieselben (
die hemden) gesund v. und zereiszen Elis. Göthe
in schr. d. Götheges. 4, 121; was ich (
an kleidern) hatte, war groszentheils v. Gotthelf 1, 88.
übertragen: er hatte seine bibliotheck v., so wie man eine weste verwächst Lichtenberg
aphorismen 1, 76
L. auch mundartlich: Martin-Lienhart;
lux. ma.; niederhess. Hofmann. I@cc)
mit wachsthum überdecken: mhd. s. Lexer: die strâze hât verwahsen nu daz gras Heinrich v.
d. Türlin
Krone 3647; so sich sclyriosis enden soll, so geht es je lenger je mehr in sein generation, am letzten krümpt es das glid, der gleichen verschwelt und verwechst es die intestina Paracelsus
chirurg. bücher (1605) 619
c.
in neuerer zeit nicht mehr üblich. das häufige part. prät. (
s. u. III)
ist daher wohl intransitiv zu fassen. IIII.
reflexiver gebrauch entspricht dem intransitiven, ist aber weit seltener: übermäszig wachsen (
s. III 3): als man silber grebt, so verwechset sich daz wasser, das mans nút wol gewinnen enkan Tauler
pred. 150
Vetter; würden die ecker früe gesewet, so würde der somen geilen und sich v.
Petrus de Crescentiis vom ackerbau 21
a.
schlecht, fehlerhaft wachsen (
s. III 2): manches kleine mädchen verspricht eine himmlische schönheit und verwächst sich hernach zu einem ganz gewöhnlichen dinge Heinse 5, 22
Sch. vernarben (
s. III 4): das merkmal dieser wunde soll sich ihr leben durch nicht v. Göthe
theatral. sendung 411
Maync. im wachsen verschwinden, sich auswachsen (
s. I a): eine krümme des körpers, verkürzung eines gliedes
u. dgl. verwächst sich Fischer 2, 1399.
im wachsen heilen: das bein verwächst sich vortrefflich Hippel
lebensl. in aufst. linie 1, 137.
zusammenwachsen (
s. III 5): mein name dicht daneben (
in einen baum geritzt) soll mit dem ihren dort sich wie zu einem leben verwachsen und verweben durch schöne lenze fort und fort Tiedge 6, 122.
festwachsen, einwachsen (
s. III 6): die hoffnung, die in der jünglinge brust fest sich und fester verwächst E.
M. Arndt
w. 6, 35
R.-M. IIIIII.
weit überwiegend intransitiv, am gewöhnlichsten das part. prät., vielfach rein adjectivisch empfunden, daher sogar gesteigert: die verwachsensten gebüsche Schwabe
belustigungen 3, 434;
ähnlich Wieland I 1, 152
ak. ausg. III@11)
vereinzelt sein wachsthum vollenden: die ähre verwächst, ohne frucht zu bringen Just. Möser
s. w. 1, 243.
das part. prät. zuweilen wie erwachsen: als der herr Christus v. war Spalatinus
klage des frids c 4
a; wenn ihr (
die töchter) v. seyd Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. 3, 266. III@22)
schlecht, fehlerhaft, unregelmäszig wachsen: dadurch werden die schwachen glieder über vermögen angestrengt und v. und werden krumm Salzmann
Conrad Kiefer 48.
ungewöhnlich: durch wachsen abnehmen, s'amaigrir par ce qu'on croist si fort Hulsius-Ravellus (1616) 360
a.
häufig das part. prät., in allgemeinem sinne verunstaltet, übel gerathen: so solche verwachsne gesellen (
bettler, schuster etc.) in die artzney gehend Paracelsus
chirurg. bücher (1618) 267
a; under den erstarrten und verwachsenen menschen Guarinonius
greuel der verwüstung (1610) 209;
übertragen: eine verwachsene seele Klopstock
gelehrtenrep. 87; um königlich seinen verwachsenen lüsten fröhnen zu können Laukhard
leben u. schicksale 2, 186.
gewöhnlich verkrüppelt, schief- oder krummgewachsen: der verwachsenen ... gliedmaszen Lavater
physiogn. fragmente 1, 106; Christophe behauptete, Minchen sey v. Hippel
lebensl. i. aufst. linie (1778) 1, 136; ein ältlicher beamter mit seiner etwas verwachsenen, nicht ganz jungen tochter Steffens
was ich erlebte 3, 9; sie ist v. und immer krank H. v. Kahlenberg
Eva Sehring (1901) 112.
von bäumen: ein altes, knorriges, verwachsenes stämmchen
Europa 2, 149
Schlegel. substantiviert: die ... figur eines hinkenden und verwachsenen Heinse
in briefw. zw. Gleim, H. u. J. v. Müller 1, 296
K.; buckliche, alle arten verwachsne, zwerge Göthe III 1, 334; von einer schärfe ... des verständnisses, wie sie bei verwachsenen ... nicht selten gefunden wird Bismarck
ged. u. er. 1, 244
volksausg. III@33)
zu stark, ungehemmt, ungepflegt wachsen, wuchern: de rogge verwasset nu te stark Schambach; weil euch (
den einsiedlern) haar und bart also verwildern und v. Abraham a
s. Clara
etwas für alle 2, 273; dasz sie (
junge bäume, die nicht gepflegt werden) ... gantz verwilden und v. Hohberg
georg. cur. aucta 3, 43
a; dasz der wald erst später ... wild verwuchs Niebuhr
röm. gesch. 3, 327.
von nutzland und anlagen: dasz die ... güeter zuo allmenden giengent und verwüechsent
Stretlinger chron. 93
Bächtold; sie ... lassen die (
äcker) verwildern, v. und verwüsten Grosser
anleit. z. d. landwirtsch. b 2
b; wie alle meine pflanzungen und parkanlagen verwuchern und v. ... werden Bismarck
briefe an braut u. gattin 101.
sehr gewöhnlich das part. prät.: der grunt, der da ist vol verwachsens unkrutz Tauler
pred. 278
Vetter; verwachsenes unkraut Voss
ged. 3, 180.
am häufigsten in wendungen, in denen v.
zugleich ineinandergewachsen, verflochten, undurchdringlich, schwer passierbar bedeutet: aus dem verwachsnen busch
deutsche schaubühne 5, 46
Gottsched; verwachsne hecken Wieland I 1, 4
ak. ausg.; verwachsene rosen J.
N. Götz
verm. ged. 1, 17; die verwachsene wildnisz Voss
Odüssee 154; das so verwachsene dickicht Göthe 37, 177
W.; die nacht verwachsener wälder H. v. Kleist 2, 188
E. Schm.; verwachsenes gehölz Platen 2, 118
R.; das verwachsene haselgebüsche Stifter 2, 85.
mit adverbien: tief in wild verwachsen hecken Dach 787
Ö.; in jenem wild verwachsenen theil des waldes Storm 7, 133; in einer dick verwachsnen laube Brockes
ird. vergn. 8, 112; von jungen, dicht verwachsenen gesträuchen umgeben H. P. Sturz
schr. 2, 60; dicht verwachsene stauden Stolberg
ges. w. 6, 249; schilf, dicht verwachsen Gutzkow
zauberer v. Rom 1, 73; eine üppig verwachsene laube E. Th. A. Hoffmann 6, 57
Gr. III@44)
mit wachsthum bedeckt, umgeben, überzogen, überwachsen werden: III@4@aa)
mit haut und fleisch: do (
über den grund des menschen) ist als manig dicke grúweliche hut úbergezogen, ... und die hant im sin innerkeit also verdeckt, das got noch er selber nút drin enmag: es ist v. Tauler
pred. 195
Vetter. gewöhnlich von wunden, die heilen, zuwachsen, vernarben, mhd.: sô daz diu strenge wunde der bitterlîchen sorgen ... müese schiere heilen und minneclîch verwachsen
Reinfrid v. Braunschweig 3449;
nhd. Frisius 220
a; Bas. Faber
thes. 172
a; ein wundmal, ein schramm ist ein zeichen einer verwachsenen wunden Calepinus
XI ling. 236
a; Hulsius-Ravellus (1616) 360
a; Stieler 2404; Steinbach; biss dass die wunden mit einer bequAemen rufen verwachst Heuszlin
Geszners vogelbuch (1563) 135; wie eine wunde verwächst, schwindet auch der kummer aus der seele Göthe 38, 81
W. auch von narben: die narbe verwächst Schwan
nouv. dict. 2, 940
a; kaum zeugt von kampf und plage verwachsner narben spur Geibel 3, 132
Cotta; zuweilen in dem sinne, dasz die narbe überhaupt verschwunden ist: die narbe ist v., oder ich zum mindesten sehe sie nicht mehr Kotzebue
dram. w. 2, 127;
ebenso von blatternarben: die blattergruben ... v. Krünitz 218, 495.
vereinzelt das adj. v.,
mit narben bedeckt, durch narben entstellt: (
die mutter) sahe durch den sale ir kinder als v. und verarmbt (
so dasz sie sie nicht erkannte)
hertzog Aymont (1535) G 5
a. III@4@bb)
mit haaren: warumb lestu den dye krone (
tonsur) vorwachsszen? (1523) Clemen
flugschriften 1, 66; in dem meer ein schröcklich meerwunder, einer grewlichen gstalt besunder, das uberal verwachsen war, wie ein ber, mit rabschwartzem haar H. Sachs 16, 229
G.; wenn er (
der kahlgeschorene kopf) erst v. Fronsperger
kriegsbuch 1, 180
a. III@4@cc)
mit holz und rinde, die über einschnitte an bäumen wächst: darunter (
unter dem felsen) stehen zwo grosse buchen, an der einen ist ein man geschnitten, der ist schier v. Thurneyszer
magna alchymia 120; dasz die zeichen, welche gern an alte und nicht an junge bäume gehauen werden, beginnen zu v. Täntzer
Dianen jagtgeheimnüsz 1, 36; diese eingeschnittene und ziemlich verwachsene worte Lohenstein
Arminius 2, 265
a; unsere namen sind ... so verquollen und v., dasz sie kaum noch herauszubringen Göthe
gespräche 6, 224
B. III@4@dd)
am häufigsten mit pflanzenwuchs. das verbum finitum ist verhältnismäszig selten: dasz sie (
zerstörte schlösser und häuser) mit neszlen und ahornen v. Fabricius
auszzug bewerter hist. 669; das (
die mauertrümmer) verwuchs mit epheu Göthe 39, 166
W.; ein weg ..., der aber dann wieder mit gras verwächst Stifter 5, 1, 205.
sehr gewöhnlich ist das part. prät.: III@4@d@aα)
von wegen, was dann die vorstellung einschlieszt, dasz der weg schwer gangbar oder wenig begangen oder schwer zu finden ist: die (
strasze) trug ihn auf verwachsenen weg und wild geräud zu einem alten gemäuer
buch der liebe (1587) 389
d; durch enge, verwachsene pfade Börne
ges. schr. 4, 49; dann ging es aufwärts halb verwachsnen weg A. v. Droste-Hülshoff 2, 95
Sch. übertragen: aber dieser weg (
der gerechtigkeit) ist gantz vorwachsen Luther 10, 1, 1, 35
W. mit etwas v.,
schon mhd.: einen waldstîc âne slihte, mit grase verwahsen unde smal Gottfried v. Straszburg
Tristan 2571; den alten weg der gOetlichen búcher, der mit bronberstauden oder mit dOernern ist v.
erste d. bibel 7, 134
K.; mit dornen verwachsene wege Bräker
s. schr. 2, 79. III@4@d@bβ)
von der landschaft: bisz er kam in ein tieffen grund, mit bäumen hoch verwachsen rund H. Sachs 21, 158
G.; auf einen sichern verwachsen bühel Xylander
Polybius 55; alle ire gter ... lagen wst und mit grasz, distlen und dornen v. Wickram 3, 170
B.; die verwachsene und bedeckte grosse insuln im Rhein v. Chemnitz
schwed. krieg 2, 482; das thal nach dem Inn hinab ist enge und verwachsen Platen
tageb. 1, 826; an einer stelle des ufers ..., die undurchblickbar mit jungem gebüsch v. war Laube 2, 7. III@4@d@gγ)
in älterer zeit oft von gebäuden: ein wüste kirch ... was mit doren v.
heiligenleben winterteil 207; weil es (
das jägerhaus) ganz mit birken und andern wilden bäumen v. ware S. v. Birken
Donaustrand (1664) 44; alte eingefallene grosze stück mauern ..., mit grasz und bäumen v. Troilo
oriental. reisebeschr. 314. III@4@d@dδ)
sonstiges: eingegangene und verwachsene gräben Hohberg
georg. cur. aucta 3, 44
b; eine mit buschwerk verwachsene grotte
theater d. Deutschen (1768) 12, 213; zum stehenden und abgestandenen, verwachsenen teich Herder 18, 150
S.; schon verwachsene schürfe ehemaliger unbekannter landsassen Ritter
erkunde 3, 59; über den mit gestrüpp und aufschlag fast verwachsenen eingang des grundes A. v. Droste-Hülshoff 2, 281
Sch.; als der vater das gut kaufte, war die höhle v. Freytag 6, 75. III@55)
zusammenwachsen: coalescere Maaler,
concrescere, coalescere Dentzler. III@5@aa)
körperlich: III@5@a@aα)
von knochen: man saget auch, dass ettliche leuth sein sollen, denen ihre bein innwendig so gantz v., dass sie kein marck haben Heyden
Plinius 30; der körper dieses knochens ist mit dem körper des os posterius beim menschen immer v. Göthe II 8, 26
W. ebenso von knochennähten: ein schädel ... mit ... fast verwachsener stirnnaht Ritter
erdkunde 2, 649; alle schädel ..., deren nähte frühzeitig verschwinden oder, was dasselbe bedeutet, verwachsen Peschel
völkerkunde 50. III@5@a@bβ)
von andern körpertheilen: bei den unteren thieren sind beide (
kopf und rumpf) noch ganz v. Schopenhauer 1, 243
Gr.; wirklich war dem armen schelm das kinn ziemlich stark mit dem hals v. Hebel 2, 303
B.; zuweilen ist er (
der wurmfortsatz) mit dem blinddarme verwachsen Sömmerring
v. baue d. menschl. körpers 5, 103. III@5@a@gγ)
bildlich von menschen: in wirbelschwung mit Julien verwachsen Schiller 1, 248
G.; die paare sind wie miteinander v. Viebig
das schlafende heer (1904) 1, 99. III@5@a@dδ)
am häufigsten von pflanzen und pflanzentheilen: insofern sie (
gewisse pflanzen) ... ineinander v. Breitinger
crit. dichtk. 1, 256; (
ranken,) die in einander zu verwachsen trachteten Rückert 3, 182;
von propfreisern: dieweil er ... mit dem stock, darein er dann geimpfet ist, verwachset Herr
feldbau (1551) 70
b.
als naturwissenschaftlicher fachausdruck: connatus, zusammengewachsen
oder v.,
wenn mehrere theile so innig mit einander vereinigt sind, dasz man sie ohne verletzung nicht trennen ... kann Bischoff
wb. d. beschr. botanik 44; Illiger
thier- u. pflanzenreich 70; Behlen
forst u. jagdkunde 6, 144; denn mannichfaltig erzeugt sich, ausgebildet, du siehsts, immer das folgende blatt, ausgedehnter, gekerbter, getrennter in spitzen und theile, die verwachsen vorher ruhten im untern organ Göthe 3, 86
W.; die einfachen oder doppelten, die freien oder ringförmig verwachsenen zähne der saamenkapsel A. v. Humboldt
kosmos 1, 19; auszer sitzend oder gestielt kann das blatt stielumfassend, v. ... sein Ratzeburg
standortgewächse 25; die staubfäden ... unten erweitert und v. Schlechtendal-Hallier
flora v. Deutschl. 19, 169. —
dazu verwachsenbeutelig, mit verwachsenen staubbeuteln Bischoff 204;