verunreinigen,
v. , Diefenbach 130
c, 228
c, 297
a, 300
a, 303
a, 446
a,
nov. gl. 112
b, 128
b.
in den frühnhd. wb. häufig, z. theil neben verunreinen:
gemma gemmarum, Faber (
s. u.), z. theil allein gebucht: voc. inc. teut.; Alberus (
s. u.); Frisius 245
a; Maaler (
s. u.); Calepinus
XI ling. 256
a; 320
a; 323
a; 734
a.
später allgemein; Adelung, Campe.
mundartlich schweiz. id. 6, 990;
schwäb. Fischer 2, 1396;
obers. Müller - Fraureuth 2, 618.
in bedeutung und gebrauch besteht zwischen verunreinen
und verunreinigen
kein unterschied, daher werden beide wörter gemeinsam besprochen; die belege für verunreinen
stehen zuerst. nur transitive verwendung, unrein machen, kommt vor. weit überwiegend ist die grundbedeutung rein,
sauber, frei von schmutz, seltener unvermischt, frei von nicht zugehörigen bestandtheilen, s. u. III.
zum theil sind wohl beide bedeutungen nebeneinander im bewusztsein. vereinzelt ist die grundbedeutung so abgeblaszt, dasz nur noch '
entstellen'
in ganz allgemeinem sinne übrig bleibt: nicht einmal unaustilgbare narben verunreinigen dem auge des physiognomen ein gesicht Lavater
physiognom. fragm. 4, 205. II.
beschmutzen, beflecken: attaminare, fedare, inquinare coinquinare, polluere Diefenbach
glossar.; defedare, defecare, coinquinare, convicere nov. gl.; inquinare, maculare, deturpare, inficere; infectus, verunreynet, befleckt
gemma gemmarum; inquinare, polluere, obscenare voc. 1482; ich verunreinige, befleck, besudel, bestencker Alberus l l 1
b;
foedare, lutare, maculare, coinquinare Maaler;
maculare Apherdianus;
conspurcare, contaminare Faber. I@11)
körperlich: das antlütze, daz vil schonre was denne aller menschen antlütze, daz wart gehalslekt unde wart mit speichelun verunreint
Pfeiffers Germania 7, 334 (
predigten, 13.
jahrh.?); aber der raigel helt seinen aftern gegen dem habich und verunrainet in mit seim mist Konrad v. Megenberg
b. d. natur 168, 20
Pf.; er nistet in unrainikait und verunraint auch sein aigen nest 228, 1; das sind schendliche unfleter, die ir eigen nest verunreinen Luther 34, 1, 75
W., ebenso sein eigen nest verunreinigen Friedrich Wilhelms
sprichwörterregister bb 2
nr. 16; Möser (1842) 3, 121; denn das du (
die fliege) alle ding beschmeist, verunreinst, verderbst, wie du weist H. Sachs 9, 149
K.; wenns (
das kind) schon die gantze nacht solt weynen oder sich zehen mal verunreinen Waldis
Esopus 1, 131
Kurz; weil es (
das kind) die windeln verunreinigt Salzmann
ameisenbüchlein 43;
ähnlich: sich verunreinigen '
einen wind fahren lassen' Müller-Fraureuth 2, 618; wann sie nur ein spülwasser auszschutten, geschahe es der mas, das dem guten herren sein laden damit verunreiniget und besprenzt ward Wickram 2, 126
B.; der spiegel, dessen oberfläche verunreinigt wird J. G. Forster
sämtl. schr. 9, 311.
die luft verunreinigen: wâ er (
der drache) wont, dâ verunraint er den luft mit seim âtem Konrad v. Megenberg
b. d. natur 269, 18
Pf.; nicht duften darf dein mund von rauchgetränkes duft, damit nicht schon dein hauch verunreint seine (
des brahmanen) luft Rückert 8, 506;
übertragen: haben sie (
die unzüchtigen weiber) den luft mit hürischem gesang verunreiniget Ambach
vom zusaufen B 4
a. I@22)
eine mittelstellung zwischen eigentlichem und bildlichem gebrauch nehmen die wendungen ein die hände in blut verunreinen Arigo
decamerone 147; 247; 486
lit. v.; Fischart
flöhhatz e 2;
buch der liebe 120
d, verunreinigen Montanus 217
B.; Lindener
rastbüchlein 29
lit. v.; mit blut verunreinigen Spangenberg
ausgew. dicht. 149;
griech. dramen 2, 111
lit. v.; an dir verunreinige ich mein schwert nicht Herder 16, 280
S. übertragen: sich den mund auch nur mit nachgesuchten lästerungen verunreinigen Göthe 38, 270
W. I@33) durch geschlechtlichen verkehr verunreinigen:
incestari, -e, Diefenbach;
incestare, schänden Corvinus; he vorunreinde gude vruwen und juncfruwen, geistlik und wertlik
chron. d. d. st. (
Magdeburg) 7, 93; welcher mit seines vatters weib sich verunrainigt hett
büchlin das der hailig apostel Petrus gen Rom nicht kommen c 1
a; ihr ehebette ... verunreinigen und beflecken mit ehebruch oder hurerey Luther 34, 1, 74
W.; solche leute, die ... ihren leib ... mit hurenlieb verunreinigen Schupp (1663) 1, 197. I@44)
übertragen: I@4@aa)
die verunreinigung betrifft denjenigen, der eine handlung ausübt, eine eigenschaft bethätigt: I@4@a@aα)
reflexiv: aber inwendig sint si vol unkäusch mit gir und treibent ir unfuor mit küssen, mit unzimlichen reden und mit mærlein und verunrainent sich lesterleich und pœsleich Konrad v. Megenberg
b. d. natur 250, 19
Pf.; da widder sie (
die mönche) ... sich von in (
ihren angehörigen) söndern, und eben damit sie wollen am reinisten sein, sich fur gott aufs schentlichste verunreinen Luther 32, 327
W.; habt ihr in der sünden pfuhle, draus ihr jetzt zurücke kehret, habt ihr in der schule des verraths, der tücke euch verunreint? Rückert 1, 127; ein unrein hertz verunreiniget und versündigt sich in allen dingen Luther 17, 1, 111
W.; dasz eine nonne den Terenz studierte, damit sich andere durch die lesung desselben nicht verunreinigen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 2, 87.
sich durch berührung, umgang mit andern v.: das du in eim frembden land bist? das du dich verunreinigst unter den todten Luther
bibel 5, 144
Bindseil; kein kastenunterschied, ..., keine furcht, sich durch andre zu verunreinigen Ritter
erdkunde 3, 734. I@4@a@bβ)
passivisch: si selbe (
die Juden) wol behûten daz si sich icht dâ mûten in daz râthûs ze wandern, daz si mit enander wurden icht verunreint von snôden sachen und vermeint Joh. v. Frankenstein
kreuziger 5823; und meynen, wenn sy fleisch essen, sie werden verunreynet Luther 10, 3, 26
W.; sie (
die Juden) gingen, um zum fest verunreint nicht zu werden, ins richthaus nicht hinein, sie standen vor dem haus Rückert 11, 174. I@4@a@gγ)
activ: seele, gewissen v.: ir ... solt nicht euer seelen verunreinigen an irgend einem kriechenden thier, das auf erden schleicht Luther
bibel 1, 229
Bindseil; wir würden gewisz unser gewissen verunreinigen Schleiermacher I 12, 109. I@4@a@dδ)
eine handlung, eigenschaft verunreinigt
den, der sie ausübt, bethätigt; wie unrain die gedancken des menschen sein, mügen sy in nit verunrainen, so die vernuft nit darein verwilligt A. v. Eyb
spiegel der sitten 25
a; wie aussm hertz ausgeen pœs gedAenck, eepruch, huoererey und mer andere stuck, die den menschen verunrainigen Berthold v. Chiemsee 370; so sieht nun Aristoteles auch die leidenschaften an als etwas den menschen verunreinigendes Solger
vorlesungen über ästhetik 16.
ebenso das object einer handlung: was zum mund eingeet, das verunrain nit den menschen Berthold v. Chiemsee 530,
ähnlich H. Sachs 22, 19
G. und mit verunreinigen: Luther
bibel 6, 37
Bindseil; Nas
antipap. eins u. hundert 2, h 1
b; Sachs 22, 70; Arnim 9, 206
Grimm. für den menschen selbst stehn auch hier ähnliche begriffe wie oben γ: alle sunden wundent di seele, di unkusze virunreinet lib und seele
heilige regel 6, 32
Priebsch; nie hat der gedanke mitzuwirken meine seele verunreinigt Kotzebue
dram. w. 35, 133. I@4@bb)
die verunreinigung wirkt nach auszen. I@4@b@aα)
auf menschen: durch verführung, böses beispiel: dise frucht (
die hoffart) ist denn warlich ain same des teüffels. dadurch manig hertz verunraint wirt Tauler
sermones (1508) 47
b; solche (
irrlehrer und sünder) er meyden soll auf erd, das er nit mit verunraint werd H. Sachs 1, 372
K.; so du wenest, dich hab got beraten, so hat dich verunrainiget der teüfel A. v. Eyb
deutsche schr. 2, 81; schon hat der heidnische sauerteig dich verunreinigt Kotzebue
dram. w. 3, 77.
durch umgang und berührung: durch seine gegenwart, und dasz im heiligthum das böse übel ihn ergriff, sind wir verunreint Göthe 39, 375
W.; dasz die frau in manchen beziehungen als unrein und verunreinigend gilt Ratzel
völkerkunde 2, 275. I@4@b@bβ)
auf geistige, meist religiöse werthe: profanare Diefenbach, Faber; dise verunreinen den namen der gantzen dryfaltigkeit Geiler v. Keisersberg
pater noster f 5
b; das keyn befleckung der ketzerey odder argwohn in dem römischen reiche unsern heyligen glauben verunreyne
bei Luther 15, 256
W.; alle dergleichen flecken, wie beflecken, wie verunreinigen sie deine religion Lavater
verm. schr. 2, 363.
besonders von heiligthümern, heiligen stätten: wie sie das gotshauss mit irem sündtlichen leben verunreint hette Montanus 414
B.; dein geist verunreint dieses paradies Göthe 10, 160
W.; wie verödet und verunreint jetzt die stätte, wo am boden noch die lichtspur von dem fusze der propheten Heine 1, 446
E.; daz bild der göttin nehmlich sey durch Orests raserey verunreinigt Schiller 6, 262
G. weltlich: das die red eyne speis des gemütes und der seelen ist, welche speyse der menschen bosheyt pflegt zu verunreynigen Fischart 3, 310
H.; dasz der miszbrauch die den helden gebührende ehre bey den meisten völckern sehr verunreinigt ... hätte Lohenstein
Arminius 1, 342
a; sie dichten, um leidenschaften zu empören, oder gar zu verunreinigen Herder 24, 373
S.; weil mir die heilige idee der kunst verunreinigt war Gutzkow
ges. w. 4, 69.
auf örtliches bezogen: falschú lere, mit der alles land wurdi verunreinet mit kezerlichem unflat Seuse 68
Bihlmeyer; die ungeheuer, die sie (
die erde) durch ihre laster verunreinigen Fr. Th. v. Schubert
verm. schr. 4, 153. IIII.
in älterer zeit oft mit krankheitsstoff oder gift v.,
anstecken, vergiften; inficere Diefenbach,
gemma gemmarum; intoxicare voc. inc. teut.; sich v.,
inficere se, venenari Dentzler;
mundartlich Fischer,
schweiz. id. 6, 990 (di vischwaiden vergiften und v.),
hierher auch sich veruneinen,
vergiften, von thieren 1, 276. die (
schlange) verunraint daz wazzer mit ihr vergift Konrad v. Megenberg
b. d. natur 274, 32
Pf.; da kam eines nachtes ein vergifter wurm und verunreinet im sein beyn
heil. leben i. d. winterteil 95
a; wenn sich die schafe oder lämmer nach ostern von der neuen weyde verunreinigen
viehbüchlein 58; daz er (
der speichel) alles verunreiniget, was er anrieret. die leftzen entpfingend eyssen darvon, und warden die backen geletzet und verwundet Murner
bei Hutten 5, 409
Böcking. auch in diesem sinne von der luft: dasz ... letstlich der luft (
durch eine seuche) in diser stat verunraint werden möchte
chron. d. d. städte (
Augsburg 1563) 33, 221.
bildlich: also auch diese geistliche lepra vergiftet die seel und verunreynet sie vor gottes augen Luther 9, 557
W. IIIIII.
zur grundbedeutung rein,
frei von fremden bestandtheilen: III@11)
körperlich: dasz er nichts nimpt, dasz dem goldt zuwider ist, oder dasselbige verunreine oder verlezte Ercker
erzt u. bergwerksarten 81
b; verunreyniget wein Sebiz
feldbau 414; (
der bergteer) ist ... oft mit erde und sand verunreiniget Zappe
mineral. handlex. 1, 121; reines oder wenig verunreinigtes kupfer K. E. v. Bär
reden u. versch. aufs. 3, 315.
ungewöhnlicher: der homogenen, nie zu homogenisierenden lichter nicht zu gedenken, welche sich einander verwirren, verunreinigen, in einander greifen, sich stören Göthe II 2, 107
W. III@22)
von geistigem, namentlich von der sprache: dass wir unser reine muttersprache auss fremdgierigkeit nicht sollen verunreinen Harsdörfer
frauenzimmergesprechspiele 3, 309; es wird aber nicht allein die teutsche sprache ... durch die vielfaltigen frömbden wörter verunreiniget Schottel
haubtsprache 144; wenn nämlich die schriftsprache eines volkes auch noch so sehr verunreiniget wäre Kinderling
reinigkeit d. deutsch. spr. 6.
von andern geistigen werthen: je mehr die göttliche güte rein, und je weniger selbige von einigem eigennutze verunreiniget ist
d. neueste a. d. anmuth. gelehrs. 1, 805; aber im verlauf der zeit verunreinigt sich die christliche lehre, ketzereien mischen sich ein Göthe 41, 1, 176
W.; während doch das wahrhafte durch das unmittelbar sinnliche verunreinigt und versteckt wird Hegel 10, 1, 13.