verthun,
verb. ,
schon in ahd. zeit reich belegt: fartôn, fertuon, firduon Graff 5, 321
f.; mhd. vertuon
mhd. wb. 3, 145
b; Lexer 3, 278; verthuen, verthun, verthon
voc. inc. teut. ii 6
a; Diefenbach
gloss. 606
c, 462
c, 6
a;
schweiz. verthuon Frisius (
s. unten); Maaler 434
ab.
sonst verthun Alberus, Calepinus (
s. unten); Stieler 2359; Kramer 2, 1083
b; Dentzler 314
b; Frisch 2, 374
a; Adelung; Campe.
altsächs. fardôn Gallée
vorstudien 63;
mnd. vordôn Schiller - Lübben 5, 340
b;
mnl. verdoen Verdam 618
b; Kilian 584
b;
nl. verdoen.
vgl. altengl. fordôn,
perdere, destruere, interficere, seducere, scelerare Bosworth-Toller 304
b.
lautlich bemerkenswerth ist der alem. conj. präs.; schweiz.: das er nit mer auff diser fart über sein lehen oder eynkommen verzeere und verthüye,
accommodet Frisius 19
b;
elsäss.: (
dasz der papst) das gelt .. von den leüten schind und schab, und verdieg daʒ unnützlich Murner
an den adel 50
neudr.; schwäb.: das er so vil gelt verthie
quelle v. 1601
bei Fischer 2, 1392.
vereinzelt taucht die unorganische weiterbildung verthunen
auf: abortire Diefenbach
gloss. 636
a; ihrem verthunen gemesz
bei Fischer.
im bair. erscheint die fortbildung vertuenitzen (Schmeller 1, 577)
bei Sachs: mit schiesen ich nit vil verthu; ich musz dir teglich sehen zu, wie du mir thust vil geldts verschmieszen (
var. verthunitzen) 21, 94, 12
Götze. den lebenden mundarten ist verthun
allenthalben geläufig: schweiz. verthue, verthoh Tobler
Appenzell 189
b; Seiler
Basel 107; Stalder 1, 280;
elsäss. vertuen Martin-Lienhart 2, 641
a;
schwäb. vertu
n Fischer 2, 1391
f.; österreich. fatan Castelli 125;
tirol. verthuen, vertüen Schöpf 788, 773;
ostfränk. vertun Spiess
Meiningen 269;
hess. fadon Schöner
Eschenrod 91; fərdón, fərdúe.n Leihener
Cronenberg 33
b;
luxemb. verdin, verdôen, verdunn;
siebenbürg. verdân
lux. wb. 458
ab;
waldeck. f
erdoun Bauer-Collitz 32
a.
nd. verdoon:
ostfries. Stürenburg 310
a; Doornkaat 1, 444
a;
brem. wb. 1, 227;
hamb. Richey 36;
pomm. Dähnert 519
ab;
aber neumärk. farduun
zeitschr. f. d. mundarten 4, 74.
die reiche bedeutungsverzweigung läszt in verthun
mehrere richtungen unterscheiden, die auf eine fair-
bzw. fra-
type zurückweisen. nur die letztere ist verbreitet. AA.
trans. gebrauch in verbindung mit seltenerem intransitiven. A@11) verthun
als verstärktes thun. A@1@aa)
intrans.: ob sye sollichs billich oder unbillich an uns forderen, übel oder wol verthuond Eberlin v. Günzburg 3, 103
neudr. stärker '
alles thun, was in seinen kräften, in seinem vermögen steht',
nur auf grund des Lessingschen sprachgebrauchs von Campe,
aber als ungewöhnlich verzeichnet: anstatt von einer critik zu beweisen, dasz sie falsch ist, beweisen sie, dasz sie zu strenge ist, und glauben verthan zu haben! 10, 191 (
dramaturgie 96).
vielleicht nach dem vorbilde Luthers: ein lauter euszerlich gebete, da man ... meinet, wenn so viel gelesen odder gesprochen sey, so habe man verthan, so doch das hertz nicht einmal erferet, was der mund redet 28, 78, 21
Weim.; wenn ich das thue, so ists gut und ich hab verthan 28, 286, 31; 26, 169, 30; 432, 35; wenn du dem nachlebest, so hastu vertahn,
rite mandata executus es, si, quod imperatum est, facis Stieler 2359; wenn wir demnach das jenige thun, was er für nöthig zu thun erachtet, .. so haben wir verthan Sperling
Nicodemus (1719) 2, 516.
lebendig im elsäss., '
dafür sorgen': i
ndëm han i
ch verdo
n,
dasz er nimm ge
ht ge
hn stë
hle
n! Martin-Lienhart;
auch noch thüring. (
anmerkung in der Weim. Lutherausgabe 26, 432); haben sie das buch — nun gut; so habe ich vertan, wie die Thüringer sprechen
F. L. Jahn
briefe 493. A@1@bb)
trans. '
zustande bringen, ausrichten': Dominicus sprach, das er hett so viel (
geld), das er die reis verthet Fischart
S. Dominici leben 342; ein dichter kann viel gethan, und doch noch nichts damit verthan haben Lessing 10, 122 (
dramaturgie 79); nachdem er dergestalt seine zärtlichkeit für mich vertan, hat er später nichts weiter von mir wissen wollen Storm
briefe in die heimath 63.
lebendig im schwäb. '
fertigbringen, bewältigen': i
ch ka
nn's allei
n nit vertu
n Fischer. A@1@cc)
in sinnlicher anschauung '
auseinander thun'
: schweiz. '
ausbreiten, auseinanderlegen' Stalder;
schwäb. die mah den '
auseinanderschütteln' Fischer. A@22)
eine fra-
type wie vergeben
ist verthun
in der bedeu tung '
wegthun, hingeben, austheilen'. A@2@aa)
mit sächlichem object: erogo, auszgeben, auszteilen, verthuon (
schweiz.) Frisius 481
a;
locare, elocare, auszleihen, auszthun, verthun, verpachten Apherdianus
methodus (
Köln 1601) 205; verthun ein gut,
transferre Haltaus 1905; seine waaren verthun,
consumare, vendere Kramer;
mnd. '
vertheilen, verheuern' Schiller-Lübben; '
vermiethen'
brem. wb.; ostfries. Doornkaat.
überhaupt mehr nd. und md. als obd. verbreitet. elsäss. beim kartenspiel '
drücken, für eine aufgehobene karte eine andere ablegen' Martin-Lienhart; ouch gap künec nie einer zuo sîn selbes hôchgezît so manegen rîchen mantel tief unde wît, noch sô guoter cleider, der si mohten vil hân, die durch Kriemhilde willen wurden alle vertân
Nibelungenlied 1309, 4; dasz si vil kilchen-kleinot musztend vertun, die narung ze überkommen Tschudi
helvet. chron. 1, 30; wenn die wein vortan werden
Iglauer stadtbücher bei Jelinek 853; wenn das ding (
gerücht von der toten katze im bier) unter die leute kommen wäre, wir hätten keinen tropffen bier verthan Weise
comödienprobe 240; welche ... ein hausz an der strasze auferbaut haben, damit sie ihre messer daselbst besser verthun könten Zinzendorf
kl. schriften 740; wer klug ist, mag sein pfund verthun und guten wucher treiben Günther
ged. 34; weil er credit hatte, den weinbauern ihre vorräthe abnahm, ihn (
den wein) einzeln an die benachbarten landwirthe verthat Merck
ausgew. schr. 233. A@2@bb)
in perfectivem sinne von verlagsartikeln, die '
völlig abgesetzt, vergriffen'
sind: demnach aber dasselbe (
lobgedicht) .. zu unterschiedenen malen bey mir gesucht und begehrt, solches aber vor etlichen jahren schon verthan worden, die kupferblate auch von handen kommen Neumark
palmbaum 330; wann ich denn von dem verleger vernommen, dasz die ersten exemplaria dieses werckleins bey nahe schon verthan wären Schmidt
rockenphilosophie 2, 4. A@2@cc)
weiter verbreitet ist der gebrauch persönlichen objects: das aber etliche kinder werden zuweilen verthan und weg geschickt und ihr eltern nicht gewis kennen ihr lebenlang Luther 26, 151
Weim.; dasz man hier die töchter noch anders zu verthun weis, als blosz allein an sie
d. schaubühne 4, 101
Gottsched. in der form des subst. inf.: denn jugend dient zur zucht, und schönheit zum verthun; sind diese beide weg, so läst man sie (
die jungfern) wol ruhn Logau
sinnged. 100 (412;
vgl. Lessing 7, 406); den liebenden war kein verthun bewust, als das man im bemühn zur gegen-liebe spür'te
poesie der Niedersachsen 1, 324
Weichmann. elsäss. '
versorgen, verheirathen' Martin-Lienhart. A@33)
in perfectiver verwendung. A@3@aa) '
verbrauchen, verzehren'
: attenuo, verthuon, verzeeren Frisius 134
a;
absumo, consumo, insumo, verzehren, verthun, verbrauchen, anwenden, auszgeben Calepinus 14
a, 322
b, 744
b;
älter mittelfränk. vgl. Germania 25, 353; gar seltten würt verdient der lon der vor verzert ist und verthon Brant
narrenschiff 113; nicht jedem freund solt trauen bald, du habst dann vor ein scheffel saltz mit ihm verthan, in eyer und schmaltz Eyering
proverb. 1, 644; dem kompthur zu Thorun vor syne zerunge, die her mit unserm homeister vortet
Marienburger treszlerbuch 316, 35; man verthut im winter viel liechter, viel holtz Kramer.
mittel zum leben: haben sie so viel hundert tausent gülden so lange verkleidet, verthan odder versamlet, sollen sie auch ein mal eine busze davon geben Luther 30
2, 181
Weim.; meynt ihr, wan der Teütschen saurerworbenes gut nicht alles nach Parisz für solche närrische neue trachten ubermacht würde, es könte sonst nicht verthan werden? Moscherosch
Philander 2, 78; ein mann, der durch arbeit sein brod verdient, lebt die meisten tage über sparsam und verthut gemeiniglich nur wenige groschen Rabener 4, 161; dasz, wer in Paris nicht viel zu thun oder zu verthun hat, sich in der länge nicht sonderlich da befindet Knebel
nachlasz 2, 377.
mit präpos. zusatz in etwas: in kleidern verthut der bursche in Gieszen .. blutwenig Laukhard
leben 1, 98.
von stoffen und dingen, die verbraucht oder abgenutzt werden: dieweil der berg nun brennet, und seine gegend stets vom wasser wird berennet, so dasz, wann hartz, alaun und schwefel sind verthan, ihr samen widerumb sich doch erholen kann Opitz
opera 1, 44; von dem feuer, das nichts thut, als verthun und verzehren Eichendorff
werke 3, 436; als die (
spiesze) vertan, griffen die helden zu den schwertern Wilwolt v. Schaumburg 157; er sprach 'ôwê war kom mîn sper ...? 'hêrre, eʒ ist mit tjost vertân' Wolfram v. Eschenbach
Parzival 302, 20. '
verarbeiten': die maurer haben allen kalk, die zimmermeister alles holz verthan Adelung; die butter ist verthan Campe;
doch heute nur der volkssprache recht geläufig. A@3@bb)
meistentheils '
ohne noth und auf unnütze art verwenden',
ein geringerer grad von verschwenden Adelung; verthun
ist allgemeiner als durchbringen, verschwenden, vergeuden, verschleudern Eberhard-Lyon
nr. 392; daʒ er sin guot vertaen hab ane ere und unadelichen
Schwabenspiegel lehenrecht 156; der 25. abt war liederlich, verthett vil mit weybern Stumpf
Schwytzerchron. 524
a; derselbig hett sein gut verthan mit prassen, bulerey und spiel Sachs 17, 240, 4
Keller-Götze; als aus dem teuren golde, des mancher mehr vertut, als er sein hat zu solde Fleming
d. ged. 1, 166; einen liederlichen kerln, der mehr geld verthun als erwerben kan Weise
erznarren 71
neudr.; man klagt über geldmangel und verthut, was man hat Herder 16, 183; da die beute nicht nur vertheilt, sondern zum theil schon verthan war Niebuhr
röm. geschichte 2, 237; das verthun der letzten habe, das hänseln der gläubiger .. (
wird) gepriesen Keller 3, 33.
übertragen: man läszt ihr toben wüthend hausen, schon ist die halbe welt verthan Göthe 15, 12
Weim. (
Faust 4828); du warst mein alles! jetzt verthust du nicht (
var. nichts) mehr von deinem eigenthum Schiller 3, 477 (
kabale 5, 1); wären es die häupter unserer brüder, wir hätten nicht tollere jagd um sie reiten können. jetzt ist die kraft verthan Freytag
werke 8, 306.
in sprichwörtlichen verbindungen seit alters beliebt: vil verthon und wenig gewunnen Murner
schelmenzunft 61
neudr.; dann nichts gewinnen, vil verthon, macht ein zuoletzst betteln gohn Fischart
praktik 8
neudr.; denn viel verthun, und wenig werben, ist ein guter weg zum verderben Rollenhagen
Froschmeuseler g iii
a; wie gewunnen, so verthon, wie es kompt, so wider gon Murner
narrenbeschwörung 242
neudr.; ubel gewonnen, böslich verthan Eyering
proverb. 2, 179; verthun wirs alls für unserm endt, so gibts ein richtig testament Sandrub
kurzweil 88
neudr.; unrecht guth will zween schelmen haben: einen der es gewinne, den andern der es verthue Moscherosch
Philander 1, 417 (
ähnlich Rachel
satyr. ged. 64); jung's blut, verthu dein gut, wer weisz, wie's im alter thut Schellhorn
sprichw. 142.
schwäb. sprichwörter bei Fischer. A@3@cc)
mit dativ der person, '
einem andern etwas durchbringen, ihn um etwas bringen': dan es ist gar ein gantzen wuost, daszt mir min vetterlich erb vertuost
neujahrspiel 68 (2, 381
Mone); der nit nur seinem bisthum vil entzogen, sunder auch andren stifften und kirchen vil verthan hat Münster
cosmographey 783; ein wollüstiger kerl verthut im hausstande sich und seinem weibe alle das ihrige Thomasius
kl. d. schriften 136; er war .. ein böser bub, verthat seiner mutter viel geld H. L. Wagner
theaterstücke 124. A@3@dd)
von der zeit: die zeit mit müsziggang verthun Kramer; sô vertet er sîner stunde vil an iegelîchem seitenspil Gottfried v. Straszburg
Tristan 2094; da ich in schnöder lust, in toller eitelkeit und grimmer angst verthan die beste lebenszeit! Gryphius
trauersp. 271 (
Cardenio 1, 7); so sei die zeit in fröhlichkeit verthan! Göthe 15, 21
Weim. (
Faust 5058). A@44)
in anderweitigem üblen sinne. A@4@aa)
mit persönlichem object '
abthun, verderben',
nur mhd.: dîn tugende sint sô reiner art, daʒ du den sünder niht vertuost
Winsbeke 71, 11.
bis etwa 1700
vom abtreiben der frucht: abortire Diefenbach
gloss. 636
a; ein kind, eine frucht verthun Kramer; die sich selbs döten, oder hencken, und kynd vertuont, und die ertrencken Brant
narrenschiff 93, 31; so ein frau ein kind vertuot, sol sie lebendîg in das erdrich begraben .. werden
tirol. quelle v. 1573
bei Schöpf; hat man .. baders tochter mit schoben auszundt, weil sie ein kind verthun
schwäb. quelle des 17.
jhs. bei Fischer; die die kinder vortuen ... e das sie geborn werden
böhm. quelle bei Jelinek 853.
in subst. form: wer sich mit gifft oder kinder-verthun vergreifft Hohberg
georgica 1, 35
a. A@4@bb)
mit sächlichem object, '
verderben, zunichtmachen': welt ir iwer werdekait also gar an mir vertuon? iwer adellicher ruon würde an mir gekrenket Joh. v. Würzburg
Wilh. v. Österreich 15 825; bey welchem geschöpf kann die macht seyn, gottes unsterbliches werk zu verthun; woferne das tod heiszt? Bodmer
Noah 6, 348 (
von Schönaich
ästhetik 353
verspottet).
schwäb.: das mehl, die arbeit ist verta
n Fischer.
mit dativ der person: als etwa neun soldaten dem bauren einen hahn verthaten Logau
sinnged. 140 (611).
schwäb.: vertu
e mir die sach
e nicht; dem hat ma
n's verta
n Fischer.
österreich.: ich verthu' dir schon dein versteckenspiel! Anzengruber 4, 57; du muast ma main 'n rock nöt fatan Castelli 125.
niedersächs.: die frau .. tröstete sich damit, dasz der 'alte kerl' ihrem kinde nun nichts mehr 'vertun' könne Sohnrey im
grünen klee 70.
österreich. '
geringschätzig behandeln, verachten, verschmähen': had sein huimát vorthán und sitdem had a' d' naoth Stelzhamer
dichtgn. 1, 31, 11; die ich geliebt habe, sind tot und hin — auf das lieb gotteswort seind sie gestorben. auch ich will's nit vertun Handel-Mazzetti
arme Margaret 50.
elsäss. '
verlegen, so dasz ein gegenstand nicht zu finden ist'
: hühner verthun
die eier Martin - Lienhart.
diese vereinzelt auftauchenden gebrauchsarten werden sich jedenfalls auch in andern mundarten belegen lassen. A@4@cc)
absolut '
eine that vergebens thun, eine verfehlte handlung vornehmen',
erst spät und nur vereinzelt nachzuweisen; von Paul
wb. 613
b als volksthümlich bezeichnet: ein neuer narr — zu neuer pein — wo kommt er her — wie kam er ein — der alte fiel — der hat verthan — Göthe 15, 9
Weim. (
Faust 4759); der hat verthan und versungen ganz R. Wagner 7, 192 (
meistersinger).
obd. ei mein, dö dummheiten hab'n bei uns für alle zeiten verthan Anzengruber 5, 85; das hat verthan für alle zeit ('
damit ist es aus') 2, 27.
in jüngster sprache: wer diese probleme philologisch faszt .. — der allerdings hätte bei mir von vornherein vertan
kunstwart 27, 190 (
november 1913).
neben einem er hat verthan '
es ist aus mit ihm'
kommt auch er ist verthan ('
abgethan')
vor: kömmst du mir noch mit dem dummen bauerkerl? du weist ja, dasz er so gut als verthan ist Weisze
komische opern 3, 251. BB.
der ausgedehnte reflexive gebrauch schlieszt sich theils an die einzelnen arten des transitiven an, theils vereinigt er mehrere von diesen. B@11) '
sich vergeben' (
vgl.A 2 c)
ohne schlechten nebensinn. von mädchen, '
sich aus dem hause begeben, heirathen; zu einem manne kommen': das mädchen will sich gar nicht verthun Albrecht
Leipziger mundart 231
a;
auch schles. Drechsler
in germ. abh. 11, 265; ich gebe Julien ... das recht wieder, sich selbst zu verthun und ihre hand zu vergeben
neue Heloise 3, 49 (
zeitschr. f. d. wortforschung 12, 62).
von arbeitern, '
sich verdingen'
: mnd. vor sine misdat, dat he sik twen heren vordan (
var, vormedet) heft
lüb. urk. bei Schiller - Lübben.
nhd. sich verthun zu einem herrn Kramer.
dazu ein part. prät.: mit der arbeit bin ich für die ganz wochen verthan Ludwig 2, 55. B@22)
zu einer fair -
type (
vgl.A 1),
mit leichtem übergang zu üblem nebensinn. '
sich umthun, sich vorwagen': an profiant und futter (
war) grosz mangel, so dasz sein volck etwas weiter sich auff die fütterunge verthun muste Schütz
preusz. chron. 2, m iv f; sechzig knecht ... vertetten sich zu weit, wurden der merertail erstochen Wilwolt v. Schaumburg 115; doch durften die unsern sich nicht zu weit vertuhn, weil von unterschiedlichen orten her sich starker entsaz merken lies Bucholtz
Herkuliskus 28; das man nicht aus seinem beruffe schreitte, und sich zu weit verthue Pape
bettelteuffel d 7 r.
pomm. ik hebb mi mit em to wiid verdaan, '
ich habe mich mit ihm zu weit eingelassen'; ik kann mi nig wiid verdoon, '
nicht weit wagen' Dähnert; konfusionsräthe haben in meinen geschäften .. so viel angerührt, dasz ich mich nicht weit verthun kann Arndt
briefe an eine freundin 104.
landschaftlich obd. wie nd. '
sich gleichsam auseinanderthun, sich breitmachen, groszthun' Campe;
schweiz. Stalder, Tobler: si verthue wie dreu eier im chrätli;
hamb. holst. verdoh dy man nich to veel, '
mache dich nur nicht zu breit' Richey, Schütze.
das brem. wb. verzeichnet '
sich vergnügen': sik up sine egen kanne beer verdoon, '
auf eigne kosten'. Paul
und Heyne
bezeugen als obd. '
die zeit hinbringen'. B@33)
zu der perfectiven fra-
type (
vgl.A 3). '
sich verflüchtigen, verziehen': am saume hin zog sich der pulverrauch und wollte sich nicht gleich vertun Fontane 6, 74; die besten man ûʒ holde und bat die mit dem künege gân, dâ er ir rât wolde hâ
n. in einer kemenâten si sich schiere vertâten
Dietrichs flucht 824; es gläubt es jederman, dasz die vollkommenheit sich gantz in euch verthan Fleming
d. ged. 506. '
sich völlig ausgeben, bankrott machen': (
der bischof) het sich also verthon, das sein zerung und des bistumbs auffheben kaum das halb jar kleckt Franck
chron. Germaniae 131
b (141
b); da verthet sich der graf und machet fül schulden
schwäb. quelle des 16.
jhs. bei Fischer; sô vertuont aber die dînen sich. der man hat durch dich vertân al sîn rîchtum
liedersaal 1, 528, 352
Laszberg. '
sich verzetteln, verplempern': freilich, wenn man alles nachmachen will, verthut sich viel Petrasch
lustspiele 1, 723; in kleinen fehden und wegelagereien verthat sich ihr (
der ritter) kriegerischer muth Freytag
werke 18, 41; unsere aufgabe war nicht, uns hier .. in .. knäuelkämpfen zu vertun Fontane 1, 521; dasz manche leute im land enttäuscht sind von meiner heirat und sagen, ich hätte mich vertan und sei hinabgestiegen Th. Mann
königl. hoheit 180. B@44)
im üblen sinne (
vgl.A 4) '
eine falsche oder schlechte handlung begehn, sich vergreifen, sich irren'
; schon in ältester zeit gebräuchlich (Gallée 64; Graff 5, 321
a):
altsächs. ne uerduo thi an thesamo guoden manna ('
habe du nichts zu schaffen mit diesem gerechten')
Essener glossen Matth. 27, 19;
ahd. daʒ siê sih án demo (lîchamen) fertâtin,
ut saevirent in eum Notker
ps. 68, 12.
sprichwörtlich: man hat sich eh verredt, dann verthon (
von der bürgschaftsleistung) Franck
sprüchw. (1541) 1, 112
b;
schöne weise klugreden (1548) 6
b, 24
b, 40
b; Eyering
proverb. copia 3, 190; derhalb man spricht, sich hab ein man viel eh verredet, dann verthan Sachs 3, 364, 15
Keller. alterthümelnd: der mesner hat's ja eh gewuszt; es kann ihm doch einer einmal vertun Handel-Mazzetti
Jesse und Maria 1, 363; die leute sollten französisch können, verthaten sich aber noch zuweilen Immermann
werke 20, 128.
mundartlich '
sich irren, fehlgreifen'
schwäb. Fischer; Leihener
Cronenberg; Bauer-Collitz
Waldeck; neumärk. '
sich verfassen, versehen, falsch zugreifen'
zeitschr. f. d. mundarten 4, 74.
nicht übertragen, '
sich verirren': dasz aber die schwalbe sich in hohen bergen verthue, solches lassen wir uns leichtlich .. überschwatzen Prätorius
winterflucht 70; wie auf bergen ohne bahn das volck der thiere sich verthan (
rara per ignaros errent animalia montes) Overbeck
Virgils hirtengedichte (1750) 103 (
eclog. 6, 40).
zu A 4 a
gehört mnd. mnl. nl. '
sich entleiben, sich umbringen'. CC.
das part. prät. verthan
ist in älterer sprache als adj. verbreitet, doch erlischt der gebrauch mit dem 16.
jh. es gehört offenbar zu einem reflex. verbum (
vgl.B 3, 4). C@11)
ahd. fertâno, firdâno,
sceleratus, publicanus, sacrilegus, perditus, reus, perversus, scelestus, profanus, deterrimus Graff 5, 322;
mhd. '
verbrecherisch, schuldig, verflucht, böse' Lexer 3, 279;
älter schwäb. '
verdorben' Fischer 2, 1392.
als adj. gebraucht: in dágon eines kúninges joh hárto firdánes Otfrid I 4, 1; (
da) was ein bürger Eberl Schmid, ein vertan mensch
d. städtechron. 15, 26, 17; die Winden und menig vertaun volk Richental
Constanzer concil 112.
subst. gebraucht: diê in íro súndôn ióh pegráben sint állero mánno fertânosten Notker
ps. 67, 7; fîâ fîâ fîe, fî ir vertânen! Wolfram v. Eschenbach
Parzival 284, 15. C@22)
im 16.
jh. '
verschwenderisch, liederlich': zu vil milt ist verthan Franck
sprüchw. 1, 26; disser ... was ein costelich verdoin man, ind verdede der kirchen goit
d. städtechron. 14, 692, 23 (
Cöln); der verthan sun, der in fern land gezogen und widerumb haimkomen ist zue seinem vater Berthold v. Chiemsee
theologey 132; dasz du lausiger sophist nicht den monarchen der Arcanen für einen unwissenden narren und verthonen geuder haltest Paracelsus
opera 1, 922 a; das sie abhieb den kessel sider, und heist mich ein verthonen buben Sachs 3, 68, 15
Keller. C@33)
vereinzelt ist schwäb. verta
n sein, '
aus der ordnung gebracht, verwettert, fassungslos vor schmerz durch anstrengung und ärger, erschöpft oder verstimmt' Fischer. DD.
der subst. inf. das verthun
ist vereinzelt gebräuchlich (
vgl.A 2; Avé-Lallemant
gaunerthum 2, 27).