versteigen,
starkes verb. AA.
trans. verwendung ist spärlich und nur in älterer sprache vertreten: mhd. verstîgen,
über etwas steigen, fahren und es dadurch verletzen Lexer 3, 252; wes habt ir so mein niftel gezigen? ir hend verwüstet und verstigen? H. v. Wittenweiler
ring 173, 8; dasz sich aber ein starcker keuler, angehend oder haupt-schwein, mit gleichen und runden schaalen spüren lässet kömmt daher, weiln dieselben mit der zeit die eine lange schaale nach und nach versteigen, und stumpf gehen Göchhausen
notabilia venatoris 40 (
vgl. Chomel
öcon. lex. 8, 1050).
andern sinn hat die stelle: ich geh in den gedancken umb, wie in flöhen umbgeht der hund wil gehn auff die stuben jetzund, bisz mir die mucken thun versteign (
vergehn) Ayrer
dramen 3013
Keller. Stieler 2136
verzeichnet trans. versteigen,
ascendere, unde quis nec referre pedem nec ulterius, nisi in praecipitium, progredi possit. BB.
sonst eignet dieser sinn stets dem reflex. gebrauch. B@11)
zu weit steigen, so weit steigen, dasz man nicht ohne gefahr wieder zurück kann Adelung; sich auf die felsen, bergklippen versteigen Campe; Kramer 2, 948
c; Dentzler 313
b; Frisch 2, 328
c;
schwäb. versteige
n Fischer 2, 1360;
ostfries. ferstîgen Doornkaat 1, 468
a; doch das sie zusehen und sich selb nit vorjagen noch vorsteygen, wie den gemsen steyger geschicht Luther 7, 651
Weim.; der streitbare Aleman .. versteigt sich in jagten Lohenstein
Arminius 1, 83; kayser Maximilianus .. (
hat) sich wegen der gämbsen .. dergestalten verstiegen .. dasz .. ihme beyzukommen alle menschliche hülff umsonst Abraham a S. Clara
etwas für alle 1, 158; diese (
vögel) versteigen sich .. nie in hohe baumkronen Naumann
naturgesch. der vögel 5, 370; wie an kostbare falken fuszschellen (
gelegt werden), damit sie sich nicht versteigen Jean Paul 33, 47; die glocke seit fünfzig jahren vergessen im turm! natürlicherweise, die stiegen fehlen, so lang es mir denkt, wer sollte sich dahin versteigen! Mörike 1, 258.
bisweilen ohne die vorstellung des emporsteigens: indem ich mich beständig bereit halten musz, zu schiffe zu gehen, sobald der wind umschlägt, und mich also nicht weit versteigen darf Moritz
reisen in England 142; seht, wie ihr euch indesz die zeit vertreibt; ihr tretet ab, und diese bleibt: doch müszt ihr euch nicht gar zu weit versteigen Wieland (1794) 10, 171. B@22)
ausgedehnter ist der übertragene gebrauch. meist wird der begriff des vermessenen dabei betont: das masz des vernünftigen überschreiten Adelung;
impossibilia tentare, summa ambitione contendere Stieler 2136; Dentzler 313
b; Frisch 2, 328
c; Kirsch 2, 314
a; versteigen sie sich nicht zu hoch, zu weit Adelung;
pomm. Dähnert 527
b. B@2@aa)
zunächst schlieszt sich der ausdruck eng an das sinnliche bild an: ich habe mich verstiegen, kann nicht mehr rückwärts und vorwärts Rosegger II 1, 273; Plato versteigt sich offt in diser hohen sach, das er offt sein selbs vergessende, im selbs nicht gleich und änlich ist Franck
chronica zeytbuch (1531) 8
b; die speculativi syndt jemsen steyger die sich vorsteygen Luther 29, 672, 22
Weim.; dieses sind nur genies, nur die gattung von capricciosi, die sich auf steilen felsen und höhen auch freilich oft versteigen Herder 4, 300; weil sie das niedrige fliehen, so versteigen sie sich über alle wolken Gottsched
crit. dichtkunst 230; so versteigt ihr euch doch auch in höhere regionen und betrachtet von da herab die verschiedenen pantomimen der menschengattung Göthe 45, 148
Weim.; zu hohen würden sieht man tausende aus freier wahl sich drängen, in vermess'nen entwürfen schwindelnd sich versteigen Schiller 6, 168 (
Iphigenie in Aulis 405); so gar hast dich im obern gmach deiner vernunfft verstigen gach Fischart
gegenbadstüblein 370
Kurz; du siehst nicht, .. dasz du die gränzen der vernunft überspringest, da du dich in die intellektuelle welt versteigst? Klinger
werke 5, 385; der verstand versteigt sich mit seinen begriffen über die grenzen seines gebrauchs Kant 3, 235
Hartenstein. B@2@bb) man versteigt sich in ausdrücken,
wenn man schwülstige, übertriebene ausdrücke gebraucht Adelung; einen phantasten .., der sich überstudiret, und in der poeterey gewaltig verstiegen
Simpl. 208
Kögel; (
dasz) niemand sich in seinen hohen gedanken versteigen möge A. U. v. Braunschweig
Octavia 3, 959; drum will ich deinen ruhm viel lieber hier verschweigen und mich mit worten nicht, wie Phaeton, versteigen
ged. v. Hoffmannswaldau
u. and. 2, 226
Neukirch; dichter! wohin versteigest du dich? Göthe 1, 242
Weim.; doch ich versteige mich und verdiene darum billig ausgelacht zu werden, als ein schuster, der über seinen leisten will Gotthelf 1, 163; hatte doch ein .. mitglied .. zu dem doktrinären ausspruch sich verstiegen Bennigsen
nat.-lib. partei 12.
in älterer sprache bedeutet es gradezu '
lügen, schwindeln': wer viel redet und selten schweyget, derselb sich liederlich versteyget, hie in des lügenperges wendten Sachs 5, 325, 17
Keller; bistu so zornig denn dasz ich mich so verstiegen Opitz
teutsche poem. 40, 13
neudr.; was Canitz grosz gemacht und Bessern hat erhoben, war nicht der blosze reim, doch wohl ein zug von oben: der wörter kluge wahl und ein beglückter trieb, so nimmer sich verstieg und bey der wahrheit blieb Hagedorn
ged. 59
neudr. B@2@cc) '
sich vermessen in gedanken und thaten': man versteigt sich im nachdenken,
wenn man sich an unerforschliche dinge wagt; in unternehmungen,
wenn man etwas unternimmt, was über seine kräfte ist Adelung; denn gemeiniglich diejenige, die etwas neues anfangen und sich darinnen zuviel versteigen, in schimpff und spott und in euszerste noth kommen und gerahten Schupp
schriften 550; in seinem leben finde er nichts zu entschuldigen, und .. wäre nicht zu besorgen, dasz er im widrigen den reichs-stab würde lassen aus der hand fallen, im guten aber sich versteigen Lohenstein
Arminius 1, 183
a; so wird er bald sehen, wie weit er sich mit andern ausgaben versteigen darf Chr. Wolff
von der menschen thun und lassen 352; wie viel zeit damit nicht gewonnen? in wie viel kühnheiten und vielbeschäftigungen mich nicht verstiegen? Herder 4, 347; auszerdem hatte sie von frühester jugend an schon eine masse verwirrender moderner schriften gelesen und sich dadurch in ein verkehrtes, phantastisches wesen verstiegen Holtei
erz. schriften 4, 217.
übertragen auf unpersönliches subject: kein traum, der heute früh glock achte noch zu solchem glücke sich versteigen durfte Kleist 1, 341 (
krug 290); so weit, dachte ich, hat sich wohl diese kleine schüchterne hand, deren unschuld ich so genau kannte, noch nicht verstiegen Thümmel
reise in die mittägl. provinzen 4, 70; ein tropfen weckt die lust nach einem glase, ein glas die sehnsucht nach einer flasche, und eine flasche die wuth nach mehreren, ja, bei wahrhaft groszen gemüthern kann sich der gedanke bis zu einem fasz versteigen Beer 438 (
Struensee 4, 1); das vierte gebot .. versteigt sich .. nirgends zu dem zusatzparagraphen: du sollst onkel und tante ehren Fontane 5, 69. B@33)
ohne den begriff der vermessenheit '
sich verrennen in etwas': sich greulich in etwas versteigen Kramer 2, 948
c; ich hatte mich wie ein nachtwandler unter meine gedanken verstiegen Jean Paul 3, 180; etliche eltern versteigen sich inn geitz, zusamt dem kinderhasz, so weit, das sie .. irn sönen ganz ungescheut nichtswürdige leut zu zuchtmeysteren bestellen Fischart
ehzuchtbüchlin 286
Hauffen; dieser untreüe neüsichtige Teutsche hat sich in seinen kleidern und gebärdungen also verstiegen, dasz er es uns wälschen teufflen in dem a la mode weit bevor gethan Moscherosch
Philander 1, 498; versteigst du dich schon wieder in die politik Bode
Thomas Jones 3, 41. B@44)
ohne die vorstellung der vermessenheit und verirrung, '
sich auf ein gebiet wagen und darin umthun und hervorthun'
: a doctrina parum instructus, an der kunst, was die kunst anlanget, beläufft es sich nicht hoch mit ihm, hat er sich nicht grosz verstiegen Corvinus
fons latinitatis 2; er hat sich in den studiis nicht allzu hoch verstiegen Kramer 2, 948
c; auch verstieg er sich inn derselbigen plätterkunst .. also hoch, dasz er beides inn der theorie und practic, in ertürung und ersprechung derselben vortreflich ward berümt Fischart
Garg. 276
neudr.; hier legte sich Gelanor dazwischen, und sagte, sie solten sich in der lateinischen weisheit nicht zu tief versteigen Weise
erznarren 145
neudr.; kaum dasz ich mir mehr zutraue, etwas besseres bearbeiten zu können, als solchen bettel. wenn ich mich weit versteige, so sammle ich zu unserm wörterbuche Lessing 17, 346. B@55)
im besonderen sinne '
sich betrinken' Frischbier
preusz. wb. 2, 442
b;
allgemein '
sich vergallopieren' Kluge
studentensprache 133
a. CC.
das part. verstiegen '
überspannt'
begegnet schon in der literatur des 17.
jhs., wird aber noch bei Adelung
und Campe
nicht erwähnt; ein verstiegener mensch,
mit überspannten ansichten und wünschen Heyne
wb.; in der bedeutung geht es von B 2—3
aus; es werde denn sache, dasz die gar verstiegene welt den himmel selbst .. zwingen wolte Schottel
friedens sieg 69
neudr.; es sey ein band nöthig, die durch die vernunft verstiegenen und verflogenen geister der menschen wieder zu fesseln Klinger
werke 12, 258; sonnet auf einen verstiegenen poeten Drollinger
ged. 127; leute, denen Neukirch, Scheyb, Schönaich heldendichter und nebenbuhler des Homers und Virgils sind, werden den Noah beschuldigen, er sey verstiegen Wieland 3, 320
akad. ausg.; wie sehr ich mich über den verstiegenen witz des verfassers aufhalte Bodmer im
Göthe-jahrbuch 5, 185; vielleicht erschüttert dieses seines stolzes verstiegne weisheit Klopstock
werke 9, 38 (
Salomo 2, 1).
auch als adj. gesteigert: dieses verfahren .. ist .. oft geübt worden, in der verstiegensten weise ja von Clauren in seinen verschiedenen werken
zeitschr. f. d. wortforschung 10, 130.
substantivisch: die ekelhafte rafinirung im ausdruck der empfindungen und so viel gezwungenes und verstiegenes in dem ausdruck der rede, haben einige dichter aufgebracht Sulzer
schöne künste 2, 18.
dazu ist das subst. verstiegenheit
gebildet (
s. d.),
über ein trans. versteigen
vgl. versteigern I.