verständnis,
n. ,
das älteste und in der älteren periode weitest verbreitete wort für verstand.
form. es ist von ahd. stantan
abgeleitet und weist eine form auf, in der die stammsilbe des part. und infinitivs zusammenfallen Wilmanns
gramm. 2 2, § 271, 4.
im ahd. erscheint das neutrum firstantnissi
bei Otfrid, for furstantnessi '
intellectus'
bei Tatian,
neben einem fem. ferstantnissa, ferstantennissa '
sensus'
bei Steinmeyer-Sievers
gloss. 2, 63, 5
und einer doppelt suffigierten fem.-bildung des 11.
jh. ferstantnessida 81, 22, ferstantnissida '
sensus' Graff
sprachschatz 6, 609.
die formen des suffixes wie des präfixes sind die bei Otfrid
und Tatian
stets erscheinenden. auf grund eines vocalwechsels vor dem ss,
der wohl in alter verschiedenheit der betonung begründet sein mag, treten im mhd. die formen verstantnisse, -stentnisse
einerseits, verstantnusse, -stentnusse, -stantnüsse, -stentnüsse
anderseits auf mhd. wb. 2, 2, 590
b; Lexer
hdwb. 3, 250
a; Jelinek
wb. 846.
bisweilen erscheinen auch die formen verstantnust, verstentnust
mit unorganischem t,
wenn sie nicht auf -nussida
zurückgehen. Seuse
hat die formen verstantnisse, -stentnisse, -nusse, -nús, -núst
nebeneinander (
s. Bihlmeyer).
obd. wird der vocal u,
umlautend ü,
mitteld. i
vorgezogen Weinhold
mhd. gramm. 2 § 268.
die ältere nhd. zeit kennt die formen verstentnis, -nus, -nüs
nebeneinander, ohne umlaut nur vereinzelt obd.: verstantnusz Keisersberg
bilgerschafft (1512) C II
a;
voc. inc. teut. ii 5
a; Diefenbach
gloss. 298
b; verstantnisz 23
c.
sonst verstentnisz, -stentenisz 302
c; verstentnusz 284
c, 643
b; verstentnisz, -nüsz
voc. inc. teut. ii 5
a.
während die endung -nis
den sieg erringt, hält sich doch bis ins 18.
jh. hinein in einer reihe von lexicalischen zeugnissen -nus-, nüs,
aber nur in der bedeutung '
einverständnis' (6): verständnusz Apinus (1728) 293; verständnüsz Frisch 2, 319
a; Kramer
hoch-niderteutsch. dict. 247
c (
dagegen it. dict. 2, 942
c in derselben bedeutung verständnis).
die schreibung des stammvocals beginnt sich im 16.
jh. an verstand
anzulehnen. in der literatur des 17.
jh. wird verständnus
selten; die letzten vorliegenden belege stammen von Harsdörffer
und Moscherosch (1650). verständnüs
hält sich im 17.
jh. noch neben verständnis.
die ältesten belege für verständnis
reichen bis zum ausgang der mhd. periode zurück: verstentnisz
bei Riederer
rhetoric (1493) C VI
a; Hutten
opera 2, 125;
N. v. Wyle 10, 6
Keller; Tauler
sermones (1508) A 1
b a.
daneben ist für Hutten verstäntnusz (1, 448; 2, 79),
für Wyle verstäntnüsz (92, 4)
zu belegen; Taulers
predigten (
Vetter)
weisen durchweg verstentnisse
auf. das geschlecht solcher bildungen könnte mundartlichen einflüssen unterliegen. im mhd. aber finden sich fem. und neutr. nebeneinander bei ein und demselben schriftsteller, ohne dasz damit ein bedeutungsunterschied verknüpft wäre: bei Eckhart die verstentnüsse (106, 30; 325, 28; 326, 15
Pfeiffer)
neben daʒ verstentnisse (78, 16; 307, 29; 386, 35), daʒ verstantnüsse (330, 23);
bei Tauler die verstentnisse (120, 16; 21
Vetter)
neben daʒ verstentnisse (8, 28; 184, 27).
nhd. kommt die verständnüs
in der 2.
hälfte des 17.
jh. noch bei Zesen 1650 (Gombert
bemerk. u. ergänz. 3, 21), Neumark (1668)
palmbaum 166, die verständnis
bei A. U. v. Braunschweig (1677)
Octavia 1, 650
vor; vereinzelt begegnen wir dem fem. noch im 18.
jh., so auch bei Lessing: (
so) will ich den ganzen epilog .. zu leichterer verständnisz nothdürftig interpunktiren 14, 5;
bei Schubart: man lese zur besseren verständnis
schwäb. chron. (1791) 254;
bei J. G. Jacobi: um sich zur verständnisz der bibel vorzubereiten 8, 26.
an anderer stelle ist es einer älteren quelle in derselben form entlehnt, so die verständnüs
bei Stranitzky (1711)
ollapatrida 344; die verstendnisz
bei Kästner (1755) 1, 225;
in Grimms
märchen (1812) 1, 142.
doch bucht noch Kramer (1724)
im it. dict. 2, 942
c die verständnis, Frisch (1741) 2, 319
a die verständnüsz.
von dem sprachgebrauch einzelner schriftsteller ist anzumerken, dasz H. Sachs die verstendtnusz
schreibt (7, 208, 19; 16, 309, 6; 18, 552, 20
Keller-Götze); Luther das verstentnis
Luc. 24, 45;
1 Kor. 14, 20;
Ephes. 1, 18; das vorstentnisz 10
1, 1, 180
Weim.; plur. vorstendtnisse 18, 423;
aber 8, 146: sag zu der weyszheyt: du bist meyne schwester, und nenne die vorstentnis deyn freundyn. Lohenstein
weist allein im ersten bande des Arminius (1689) die verständnüsz (54
b), das verständnüsz (365
a, 367
a)
und das verständnisz (500
a, 923
b)
auf. Leibniz
verwendet gewisses verständnisz (1, 468)
neben gutem
und guter verständnisz (1, 460; 2, 268).
der plural. wird von Adelung
nur für verständnis C
zugelassen und noch von Pückler
angewandt (
s. unten);
doch schreibt Göthe
in beiderlei sinne: er steht in geheimen verständnissen mit dem hof 40, 41
Weim.; meine verständnisse sind dunckel, nur ist mir ziemlich klar, dasz ich sie liebe IV 3, 169 (1777).
mnd. vorstandenisse, -stantnisse, -stentenisse, -stentnisse,
f. Schiller-Lübben
wb. 5, 460
b, 461
a, 463
a; Lübben-Walther
hdwb. 525
a b; verstendenisse Diefenbach
gloss. 303
a;
mnld. verstandenisse, -stantenisse, -stantnisse, -stannisse Verdam
hdwb. 638
a;
nld. verstandenisse Kilian (1599) 604
b.
im ndd. spielt verstand
von anfang an eine bedeutendere rolle als verständnis,
das auf hochdeutschem boden erst allmählich vor verstand
an häufigkeit des gebrauchs zurückweicht. in den mundarten scheint verständnis
zu fehlen; Fischer 2, 1354
bucht es nur als veraltet. Adelung; Campe; Weigand-Hirt; Heyne; Paul;
Grimm gramm. 2, 323
f.; Wilmanns 2, § 270
ff. AA. verständnis
als geistiges vermögen. entwicklung des begriffs. A@11)
seit der ältesten zeit ist verständnis
ausdruck für verschiedenartige bethätigung des seelenlebens. die lexicalischen umschreibungen '
intellectus, ingenium, intelligentia'
sind selbst nicht eindeutig und verrathen uns daher wenig. A@1@aa)
allgemein als inbegriff geistiger fähigkeiten, wo heute verstand
allein gebraucht wird: ydea intellectualis, eingeworffen pilldung der verstentnusz Diefenbach
gloss. 284
a;
planta, sole, ein lebendiger lyp on verstentnusz 643
b;
nov. gloss. 294
a; die manigfeltikeit der künst erlüchtet des menschen vorstentnysz
buch der weisen 1501
bei Adelung; werdet nicht kinder am verstentnis, sondern an der boszheyt seyt kinder
1 Kor. 14, 20; und befleckten auch nit ire verstentnus mit des Wiclefen onvernunfft Münster
cosmogr. (1550) 482; nu dieweil du zu verständigem alter kommen bist, so ist mein beger und will, dasz du zu hoher lehr dein verständnisz schickest
buch der liebe (1587) 125
d.
wie mnld. verstandenisse '
bewustzijn, bewustheid' (Verdam
hdwb. 638
a)
bedeutet nhd. verständnis
vereinzelt '
bewusztsein, besinnung',
ist aber ungebräuchlich (
vgl. verstand B 2): wenn aber in der trunck erschleicht, all sein vorständnis von im weicht Ringwalt
lauter warheit (1597) 65 (1650
bei Moscherosch
Philander 2, 754 verstendnusz); was es nur ist, als seines vaters tod, das ihn so weit von dem verständnisz seiner selbst gebracht, kann ich nicht rathen
Shakespeare 3, 195 (
Hamlet 2, 2); wo bin ich? wie bin ich hierher gekommen? ich seh' mich zwischen diesen feuchten wänden und finde mich und das verständnisz nicht Tieck 3, 479. A@1@bb) verständnis
und vernunft. verständnis
als umfassender der vernunft übergeordnet: die vernunfft der verstentnusz beweiszet gesundthait des hirns Braunschweig
chirurgia (1539) 82. verständnis
gleichbedeutend mit vernunft
als '
fähigkeit zu verstehen, zu vernehmen': wan Peter antwurt, er sprach czu im: under schaid uns die gelichsam. und er sprach: und ir sti noch on furnuft (
var. verstentnusz)?
codex Teplensis 1, 21 (
Matth. 15, 16);
vgl. ahd.: inti ir birut noh ûʒan uorstantnissi?
sine intellectu Tatian 84, 8;
mhd. pfui dich, dû geschriftlastrær, wâ tuost dû dein verstantnüsz hin? Megenberg 203, 13. verstäntnis
gleich verstand
neben vernunft: got geb dir vernunft und verstentnüsz Arigo
decamerone 449, 26; sie (
die weiber) machen dir thumm sinn und muot der vernunfft unküscheit we thuot. dein frien willen dir befleckt dein recht verstentnüsz ouch bedeckt Gengenbach 123. A@1@cc)
neben den kräften des sinnen- und gemüthslebens genannt: daʒ bedäut ain guot nâtûr und ainen guoten sin und aine guot verstäntnüsz Megenberg 47, 11; wil ich dir .. mit krefften meiner synnen, und vermögen der verstäntnusz, treulich und fleiszigklich thienen Hutten
opera 1, 448; du hast den rhat zum besten auszgeführt, wie sichs gebührt. es wohnt dir mut und auch verständnisz bey Tscherning
Judith 1, 1 (1646) Bij; die ordnung der natur ist dieses, das .. das gemütte dem verständnüsse, und das verständnüs gotte gehorche Butschky
Pathmos (1677) 145.
ähnlich ahd.: thaʒ her sî giminnôt fon allemo herzen inti fon allemo furstantnesse inti fon allero sêlu inti fon allero strengidu Tatian 128, 4. A@1@dd)
die thätigkeit wird bezeichnet: der einbildung eigentliches ampt ist, nur die bildnüsz der dinge .. dem verständtnüsz zu begreifen unnd zu urtheilen uberantworten Nigrinus
von zäuberern (1592) 120; der gewisser weg aller künst sye zuobegründen, ist von erkantnüsz der usszeren und sichtlichen zuo den unsichtlichen und inneren. als durch die sinnlich gegenwürff zuo der vernunfftlichen verstäntnüsz Gersdorff
wundtartzney (1517) 1, 1
b; der glaub kommpt an die ende dahin die natürlich verstentnusz des menschen nit kommen mag A. v. Eybe
spiegel der sitten (1511) A V
a; durch ein klare, lautre verstendtnusz alle ding gründtlich zu probiern H. Sachs 7, 208, 19
Keller. A@22)
eine besondere darstellung verlangt der gebrauch in der theosophisch-theologischen literatur. wie die übrigen bildungen auf -nisse, -nüsse
wird auch dieses wort wegen seiner fähigkeit, abstracte begriffe sprachlich auszudrücken, von den theologischen und philosophischen schriftstellern des 14.—15.
jh. mit vorliebe benutzt, von den weltlichen dichtern dagegen gemieden Weinhold
mhd. gramm. § 268. A@2@aa)
eintheilung der seelenvermögen. Eckhart
scheidet die geisteskräfte in obere und untere, die oberen nach augustinischem vorbilde in memoria (
vorstellungsvermögen), intellectus (
geistige fassungskraft), voluntas (
transscendentes vermögen, gott zu minnen),
meistens wiedergegeben durch gehügnisse, verstantnisse, wille (383, 20
Pfeiffer),
auch in anderer anordnung (240, 12; 251, 16
mit besserung der lesart; 499, 3; 622, 35; 386, 35; 635, 34).
doch wird verstantnisse
auch durch vernunft
ersetzt (20, 22; 411, 10);
vgl. Kramm zeitschr. f. d. philologie 16, 5
ff. auch bei anderen läszt sich diese scheidung beobachten: die sele hat drie edele krefte, in den ist sú ein wor bilde der heiligen drivaltikeit, gehugnisse, verstentnisse und frige wille Tauler
predigten 9, 10
Vetter; dú erst (tugent) ist gehúgde vervarner ding, dú ander ist verstantnust gegenwúrtiger dinge, dú dritte ist fúrsehung kúnftiger dinge
St. Georgener prediger 188, 22; wir könnend nit könig sin on ein hoffgesind, wer ist aber das selb gesind. ich sprich, es ist die verstantnusz, gedechtnusz und der will Keisersberg
bilgerschafft (1512) C II
a.
doch wird auch abweichend von dieser ordnung verständnis
zu den niederen fähigkeiten gerechnet: die verstäntnusz oder underer tail der sel, so inn leib fleuszt Berthold v. Chiemsee 233. A@2@bb)
die thätigkeit des verständnisses. verständnis
geht auf das verstehn
zurück: daʒ verstentnisse heftet sich an den sun, daʒ si (
die seele) mit dem sune verstêt Eckhart 78, 17.
fassungskraft, begriffsvermögen: verstentnüsse, der werk ist .. bekennen (
erkennen) 106, 32; wan in allen geschaffenen dingen, diu ich mit verstentnisse überloufe, sô enist niht sicherer stat mîner sêle denne in dir, got, alleine 324, 5; das enkein menschliche verstentnisse enmöhte die luterkeit nút begriffen noch verston mit vernunften Tauler 120, 16
Vetter; die verstandenisse (
intelligentia) gheeft enen menschen kennisse van den dinghen die syn
mnd. quelle bei Schiller-Lübben 5, 460
b.
die fähigkeit, die den menschen vom thier unterscheidet, also unserer vernunft
entspricht: daʒ ist daʒ lieht des verstantnüsses, dar an der mensche underscheiden ist von allen tieren Eckhart 330, 24; crêâtûren, die niht verstantnisse habent, wan die hânt ouch niht verdampnisse David v. Augsburg (
zeitschr. f. d. alterthum 9, 12).
meistens aber ist verständnis
der inbegriff aller höheren geistigen kräfte, der intelligentia
Augustins gleichkommend, die ihrerseits wieder aus ratio, verstand
und intellectus, vernunft
sich zusammensetzt (
zeitschr. f. d. philologie 16, 11, 17),
und eine über der vernunft
stehende kraft: alse der mensch tôt ist an den gebresten, sô rihtet sih diu oberste vernunft ûʒ in daʒ verstantnisse unde schrîet got an umbe genâde Eckhart 126, 13.
deshalb wird diese fähigkeit vorzugsweise gott und den engeln beigelegt: dâ von erkennet gotes verstentnüsse alle sünde und übel 327, 21; der vatter an siner persönlicher eigenschaft so kert er in sich selber mit sime götlichen verstentnisse und durchsiht sich selber in clorem verston den wesenlichen abgrunde sins ewigen wesen Tauler 8, 28; tusent werbe me wenne des obersten seraphins verstentnisse úbertriffet eins esels verstentnisse, unsprechenlichen vil me úbertriffet dis alle verstentnisse und sinne 114, 25; sy fragten sy was die götliche liebe were. sy sprach das ist kluogheit der verstentnusse
der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 105
a.
bisweilen wird diese kraft im menschen als fähig dargestellt, göttliche dinge zu begreifen und zu erkennen âne bilde, âne mittel und âne glîchnisse Eckhart 320, 7; daʒ (verstentnisse) mac begrîfen die drîveltikeit, diu doch unbegrîfenlich ist, mit allen iren werken 521, 23; der haiʒet intellectus, daʒ spricht ain verstantnust .. der mentsch .. sol da verstan was got si
St. Georgener prediger 133, 16; eʒ wirt dîn verstantnis dan von sîner wîsheit sô verstanden, daʒ sie dir in tuot wol bekanden ân aller slahte irretuom Lamprecht v. Regensburg
tochter Syon 933; verstentnusz ist der gelaub und das geistlich urteyl, welchem entgegen ist, unwissenheyt gottis unweyszheit Melanchthon
annotationes zur ep. a. d. Römer (1522) 9, 12.
bisweilen aber wird von denselben schriftstellern diese fähigkeit abgesprochen: durch daʒ ir die wîse der êwigen geburt dester baʒ verstânt diu doch allen verstentnüssen unverstentlich ist Eckhart 336, 1; me wanne alle die einunge si die menschliche verstentnisse erdencken mag in alle und úber alle verwandelunge Tauler 120, 21; du endarft dich ouch des niht vermeʒʒen, daʒ dehein verstantnisse dîns herzen sin des hie gewisse, wie got in sîner trinitât daʒ himelrîch geordent hât Lamprecht
tochter Syon 824.
wo verständnis
machtlos ist, da dringt wille
hin: dâ daʒ verstentnisse niht mêr enmac, dâ wirfet sich des willen obenheit ûʒ in dem liehte und in der edelkeit des gelouben. dâ wil der wille
oben aller verstentnisse sîn Eckhart 384, 11.
an anderer stelle aber soll verstentnüsse
dem willen
vorgehn 106, 32. David v. Augsburg
betrachtet beide als praktische fähigkeiten: diu verstantnüsse lêret tugende, der wille enphâhet sie und üebet sie ûʒ mit den werken 310, 9
Pfeiffer. A@33) verständnis
in einem unserem heutigen gebrauch verwandten sinne findet sich schon ahd.: (thaʒ) in themo firstántnisse wir giháltan sin gewísse Otfrid 1, 140 (
dazu Kelle
glossar. 278
a); nu wíll ih hiar gizéllen ein bílidi ginénnen, thaʒ thaʒ firstántnissi uns allen líhtera si 2, 9, 30;
mhd. nu stûnt ouch an der warte ein zentgrâve ein fromer man. verstentnisse der gewan und sprach wiʒʒenlîchen
die erlösung 4875
Bartsch. im älteren nhd. ist es durchaus nicht selten und wird im allgemeinen von verstand
nicht unterschieden. erst im 18.
jh. beginnt man beide begrifflich zu scheiden: verstand, intellectus, entendement, .. die krafft der vernünfftigen seelen, nach welcher sie zuforderst sich in sich selbst, und dann die dinge auszer ihr .. betrachtet, und was an einem jeden wahres zu befinden .. erkennet Jablonski
lex. d. künste u. wissenschaften (1721) 815
a; verständnis, intelligentia, intelligence .. der verstand in seiner ausübung, oder ein jeder begriff und erkäntnis, die wir von dingen haben .. der beyfall des verstandes, den er einer wahrheit gibt, .. die aus dem bloszen begriff ohne anderweite erklärung erkannt wird 815
b. 1784
nennt es Jacobsson im
technol. wb. 4, 532
a als in der malerei gebräuchliches kunstwort. um so mehr überrascht es, wenn Adelung
und Campe verständnis
in diesem sinne als veraltet bezeichnen: '
zwar haben einige neuere es wieder einzuführen versucht, und es von der fähigkeit, sich einen deutlichen begriff von etwas zu machen, gebraucht, um es von dem verstande,
dem bloszen vermögen, zu unterscheiden, aber damit noch wenig beifall gefunden'.
vgl. Chr. Wolff: da ein klarer ob gleich undeutlicher begriff zureichet die sache zu erkennen, .. so sind die klaren, aber undeutlichen begriffe ein anfang zum verständnisz
v. d. menschen thun (1720) 176; verständnisz,
die fertigkeit, sich einen deutlichen begriff von etwas zu machen Hübner
zeitungslex. 4, 803
b.
wir würden den unterschied zwischen verstand
und verständnis
etwas anders als Jablonski (
s. oben) formulieren. verständnis
ist nicht nur '
der verstand
in seiner ausübung',
nicht reingeistige, sondern auch im gefühls- und gemüthsleben wurzelnde fähigkeit zu verstehen: das verständnis reicht oft viel weiter als der verstand Ebner-Eschenbach 1, 22.
feinfühliges nachempfinden oder entgegenkommen: er ist ein mensch, dem man .. durch wirkliches verständnis etwas geben kann Herwegh
briefe 48; auch da konnten wir auf verständnis rechnen Scherer
gesch. d. d. lit. 238; mit feinem verständnis versetzt sich Boyen in die seele des soldaten Meinecke
leben Boyens 1, 32; ein ungestüm, der über den tiefen sinn des thuns Jesu ohne feineres verständnis hinwegfährt D.
F. Strausz 4, 131; (
er) hätte diese fragen .. dem nächsten mehlsack vorlegen können. dieser würde eben so viel verständnis gezeigt haben Holtei
erz. schriften 5, 130; zu liebenswürdig, um nicht für neckereien .. ein bereitwilliges verständnis zu haben Fontane 1, 121; wind! o hättest du verständnis, wort' um worte trügst du wechselnd, sollt' auch einiges verhallen, zwischen zwei entfernten liebchen Göthe 1, 155
Weim. dann bedeutet es in jüngster zeit geradezu '
sinn, neigung für etwas': ohne sympathie kein verständnis Justi
Winckelmann 1, 219; im ganzen ging es mir mit meiner freude an der poesie wie den meisten menschen, welche in empfänglichkeit und verständnis fast ebenso fortschreiten wie die nationen Freytag 1, 74; die drohende trennung liesz mich manches angehende verständnis (
für zeichenstudien) sicherer ergreifen, als es sonst geschehen wäre Keller 1, 230; der mann hat mir aber kein verständnis entgegengebracht Seidel
Leberecht Hühnchen 144.
häufig mit präpos.: den deutschen staaten .. etwas mehr verständnis für ihre pflicht .. beizubringen Meinecke
leben Boyens 2, 57; sie hatte ein ohr und verständnis für alles Storm 1, 44; schliff, bildung, .. vor allem jegliches verständnis für kunst und schönheit Fontane 1, 175; der weder neigung noch verständnis für den landbau hatte Polenz
Grabenhäger 1, 224. BB.
gebrauch. B@11) verständnis
in sinnlicher und concreter anschauung (
vgl. verstand B 1). B@1@aa) das verständnis öffnen: da öffenet er inen das verstentnis, das sie die schrifft verstunden
Luc. 24, 45; nit hatt er die schrifft auffthon, sondern das vorstentnisz, denn die schrifft ist offen, unser augen sind nit gar offen Luther 10
1, 1, 180
Weim.; der vater der herlickeyt gebe euch .. erleuchtete augen euers verstentnis, das yhr erkennen mugt
Ephes. 1, 18; so wird euch die thüre zum verständnisz schon geöffnet werden Weise
erznarren 93
neudr.; so solte bald das verständnusz geöffnet .. werden Arnold
ketzerhistorie (1699)
vorr. 45; Gottsched hat mich .. verklagen wollen, die gräfin .. hat ihm noch das verständnis deswegen eröfnet Lessing 17, 57; wenn sie eine perrücke auf hätten, versetzte Philine, würde ich sie ihnen ganz säuberlich abnehmen: denn es scheint nöthig, dasz man ihnen das verständnis eröffne Göthe 22, 192
Weim.; gott helfe dir, einfältiger mensch! gott eröffne dir das verständnis! du bist ein strohkopf
Shakespeare 4, 223 (
wie es euch gefällt 3, 2); die mythen von Thebä und Ilium wären nicht dargestellt worden, wenn nicht gesang das gemüth des anschauenden zum verständnisz geöffnet hätte Niebuhr
röm. geschichte 1, 88.
mit präpos. bestimmung über: öffnen sie unter dessen, liebster freund, unserm grenadier nur über zwey stellen meines so anstöszig befundenen briefes das verständnis Lessing 17, 158.
andere derartige bildliche wendungen sind: so wil ich in deinem hertzen ein liecht der verstenntnusz anzünden
Züricher bibel (1531) 4
Esdr. 14 c; von erkenntnis zu erkenntnis! von licht zu licht! bis das verständnis löscht alle düstern wahne aus Arndt 3, 257.
ebenfalls bildlich: die andechtigen seelen, die da spinnen an der weichnächt gunckel, die haben erwüscht die spindel mitt den fingern irer verstentnusz Keisersberg
granatapfel (1510) evj
a; da fiel mir das wort ein, das mir vielleicht eine brücke zu ihrem verständnis schlagen könnte Brentano 4, 181. B@1@bb)
die sinnliche fähigkeit, zu verstehen: sie schreien mit worten, du aber gibst den (!) gehör verständnisz Joh. Arnd
Thomas a Kempis (1631) 65.
geistig: bey got ist weyszheit und stercke, er hat radt und verstentnisz Hutten
opera 2, 125; gib götlich weiszhait aller maist, gib recht verstantnusz, als du waist Hätzlerin
liederbuch 253 (
nr. 63); dieweil in gott darzu hat geben sein geist, vernunfft, sinn und verstentnusz H. Sachs 18, 552, 20
Keller-Götze; Mopsus hat ein grob verständnusz, meint, es sei ihm trefflich nützig; dann was tölpisch, tauret lange, stumpff wird leichtlich, was zu spitzig Logau 549; wer der ist des angesicht und wesen hüpsch ist, da ist nit unmüglich das ehr auch hab guott verstentnusz Braunschweig
chirurgia (1539) 1; welches alter das glückseligste? .. das, so reiffes verständnusz auff sich hat Harsdörffer
gesprechspiele (1641) 1, C II
a; der (
sohn) was einer groben unnd dollen verständnusz Frey
gartengesellschaft 8, 5 (
vgl. Grimm
märchen 1, 142); eine zuhörerin von so viel »feinem verständnis« Fontane 4, 312.
mnd. ein jungelinck van groter verstantnisse
quelle bei Schiller-Lübben 5, 461
a.
nhd. an der gestallt des leibs, an der edlen natur, unnd an der verstendtnusz, bin ich meinen gesellen weit vorgangen
buch der liebe (1587) 109
a; dadurch in worten und verstentnisz geschickt und dapfer zewerden Riederer
rhetoric (1493) b VI
a; arbeiten, denen an gründlichkeit und verständnis keine frühere zeit etwas an die seite zu setzen hat D.
F. Strauss 6, 142.
im besonderen ,fähigkeit zu erfassen': es fehlte das schnelle verständnis des ungewöhnlichen, die behende aufmerksamkeit Freytag 15, 65.
fassungskraft: die gabe, thierfabeln fremden ursprungs für afrikanisches verständnis umzugestalten Peschel
völkerkunde 495; ein lehrer .. müsse sich nach dem verständnisse des geringsten unter seinen zuhörern bequemen Nicolai
Nothanker 1, 93.
schon mhd.: da von ahte ich es nit wan ein werk, man welle es denne nach menschlicher verstentnúst Seuse 348, 11.
nhd. nach meiner verständtnusz (
so gut ich's verstehe) gib ich den (mann) meiner mummen zu einem gemahel
buch der liebe (1587) 272
a; dise geschicht leget eyn itlicher ausz nach seinem sinn und verstentnusz Carbach
Tit. Liv. (1551) 390
v; das geht über mein verständnis, rief der legationsrath kopfschüttelnd Holtei
erz. schriften 7, 214;
eine der heutigen umgangsprache durchaus geläufige wendung. äuszerung von verstand: fürstin, ob die tugend euch, oder ob ihr sie gelehret, zweiffelt der, der euer thun siht und solch verständnüsz höret Logau 563. B@22)
die fähigkeit wird im besonderen falle angewendet, um den sinn einer sache zu ermitteln, sie in allen ihren beziehungen zu durchschauen. Herder
definiert sie als '
intellectio': nothwendig musz also die methode vom vernunftschlieszen oder vom verständnis reden 16, 576.
dieses verständnis
knüpft an verstehen I B 2
an und läszt sich gradezu durch einen entsprechenden infinitiv wiedergeben: das richtige verständnisz dieser stelle hängt hauptsächlich davon ab, dasz man die dabey gebrauchten technischen ausdrücke richtig versteht Eichhorn
staats- u. rechtsgeschichte 2, 316. B@2@aa)
mit objectivem genetiv: eynem christen menschen, der des heyligen euangeliums verstendtnisse hat Luther 18, 423
Weim.; Aristoteles, der alle andere .. inn verstäntnusz .. der natur übertrifft Schwarzenberg
teutsch Cicero (1535) 45; dasz der leser dises büchlins verstentnüs habe Stainhöwel
Äsop 4; noch viel weniger einige verständnisz löblicher tugenden (scheinet bey dem kerl zu seyn) Schottel
friedens sieg 52
neudr.; so sind sie (
die nachrichten) zum verständnisz des folgenden unentbehrlich Wieland
Agathon (1766) 2, 101; überall mit unzulänglichen begriffen, mit dem halbigen verständnisse der kunstwörter zufrieden zu sein Lessing 4, 320; was das für einen gewaltigen einflusz auf das verständnisz ihrer sprache hat Herder 5, 14; beygehendes lied .., zu dessen vorläufigem verständnisz ich folgenden commentar schreibe Göthe IV 38, 73
Weim.; wie viel rechtsgelehrte unter uns ohne den geist der gesezgebung und des verständnisses der geseze! Schubart
leben 2, 114; wer dies nicht verstehe, .. der könne nimmer zum verständnisz der hohen griechischen kunstwerke kommen Bettine
Günderode 1, 422; spiele immer recht viel und thue deine ohren auf, um recht zu hören was die andern spielen und singen, damit dir ein innres verständnisz der musik aufgehe Caroline
briefe 1, 274.
vom verstehen der künstler selbst: darum sind auch alle die keine meister, zu deren verständnis es einer besonderen geschmacksrichtung oder einer künstlichen schule bedarf Keller 2, 15; haben seine gegner auch vergessen, was Tieck für das verständnisz Shakespeares in Deutschland geleistet Hebbel 12, 24; nun läszt Goethe den Wilhelm Meister aber auch das verständnisz Hamlets erleben Riehl
deutsche arbeit 283; (
die classischen studien) führen uns zum verständnisz des menschen der gegenwärtigen zeit, dessen moralische natur ewig dieselbe bleibt Liebig
chem. briefe 5; im heil'gen Weda hat sein wort gott offenbart; doch sein verständnisz nun, wo ist es aufbewahrt? Rückert 8, 11. B@2@bb)
adverbialer ausdruck mit verständnis: wie sie (
Kassandra) lang dar vor, ... des künigs undergang mit lutrer stimm, bedútlicher verstentnüsz gewyszaget habe Stainhöwel
de claris mulieribus 118; der laleinischen (
sprache) .. wurde er hernach so wohlkündig, dasz er die fremden gesandten, so ihn in dieser sprach anredeten, mit verständnisz anhören .. konde Birken
ostländ. lorbeerhäyn (1657) 158; traurig nur, wenn ein kind, das der bildenden rede des vaters kundiger schon aufmerkt, mit verständnis, oder mit ahndung, sich das erwähltere dünkt, das einzige! Voss
ged. (1802) 1, 45; sprach er in warnendem tone und zwinkerte mir voll verständnis zu Ebner-Eschenbach 4, 120; es war natur der sache, dasz die musik (sich) zuerst und lange an tänze und lieder hielt, nicht etwa blos .. des besseren verständnisses wegen Herder 22, 182; die .. textstellen übersetzt zu geben, allgemeinerem verständnisz zu liebe Göthe IV 41, 80
Weim.; zum besseren verständnis (
wird es) doch nötig sein, dir .. das ganze verhältnis der dinge auseinander zu setzen E. T. A. Hoffmann 10, 37. B@2@cc)
einzelnes. mit präpos. für: die berufsfreudigkeit der bettelleute ist eine gar wunderliche antiquität, für die uns bald das verständnisz ausgehen wird Riehl
deutsche arbeit 124; (
ich) wollte zunächst den versuch mal machen, ob du für den fall wohl'n verständnis kriegst G. Hauptmann
Rose Bernd 115.
seltener von: se sollten' s nich übel nehmen, a so a kind hätte halt doch no nich a so's verständnis dervon (
vom stehlen)
weber 101.
bisweilen steht verständnis
in passivem sinne für verstanden werden: denn jene einzige verbindung von künstlerischem genie und bürgertugend .. hat noch keineswegs das rechte verständnis in Deutschland gefunden Treitschke
hist. aufsätze 1, 2; denn wie die autoritäten, welche die objectiven ideen repräsentiren, verschiedenen ursprungs sind, so haben sie sich in unserm abendländischen Europa immer nur kurze zeit in vollkommenem verständnis erhalten können Ranke 14, 38. B@33)
die fähigkeit etwas praktisch zu verstehen,
irgend eine fertigkeit auszuüben (
vgl. verstehen I B 3, verstand B 4).
zu derselben zeit, da Adelung
und Campe verständnis
in diesem sinne als nicht zulässig in der guten sprache verpönen, bezeugt es Jacobsson
im technol. wb. im sinne von intelligence, ententement
als kunstwort in der malerei: man sagt verständnis des helldunkeln, der farben;
das ist die geschicklichkeit, der farben ihre verwandtschaft zu erkennen, um sie dergestalt mit einander zu brechen, dasz sie die gegenstände wahr vorstellen .. anstatt dieses wortes sagt man auch zuweilen einsicht 4, 532
a; dise loblichen kunst .. die doch vil der gelerten nit anders danne mit arbait und groszem flysze haben erfolget und zuo dero verstentnisz und bruhe komen sint Wyle
translationen 10, 6; den reinen ausdruck der .. schauspielkunst müszen, selbst ohne verständnisz der sprache, Griechen, Römer .. empfinden Herder 23, 74; seine opern sind mit tiefem verständnisse der dichtkunst und musik gesetzt Schubart
ästhetik der tonkunst 44; dasz er mit sicherheit und verständnis allereinfachste landschaftsbilder .. hervorbringen könne Keller 2, 141; als inn Sparta, der statt, köng Agesilaus regiert mit verstendtnusz, wie er hat in sein tagn geantwort auff sechs fragn mit weiszheit und verstandt, wie hernach kurtz benannt H. Sachs 16, 309, 6
Keller-Götze. verständnis
bedeutet hier '
sachliche kenntnis', verstand
allgemein '
einsicht, klugheit'. verständnis von etwas haben: wenn ich einiges anders verständnüs von lieben hette
schausp. engl. com. 100, 7
Creizenach. B@44)
selten wird verständnis
wie verstand B 5
im anschlusz an verstehen I B 4
als '
die besondere art der auffassung, auslegung'
gebraucht: wo Lessing den Aristoteles erklärt, erscheint sein verständnis des Griechen unserer gegenwart ... nicht überall genügend Freytag 14, 7.
objectiv '
der sinn, die bedeutung',
die einem dinge zukommt: allegoricus sensus, ein ander verstantnisz Diefenbach
gloss. 23
c; nun ist zewissen, daʒ dryerlay puncten, in allen reden gewonlich werden geseczet, underschidliche verstentnusz gebende Stainhöwel
de claris mulieribus 312; (
daß) frembde wörter .. dem gebrauch durchgehenden verständnisz und der teutschen schreibung nach keines wegs verwerfflich .. behalten werden Harsdörffer
secretarius (1656) 1, S V
a; des traums verständnisz löszte mir ein mönch Schiller 14, 65 (
braut v. Messina 1347); das entdeckte verständnisz der Aristotelischen stelle war mir ein groszer gewinn Göthe IV 42, 95
Weim.; ihr habt manches äuszerliche gesehen, welches nicht sogleich sein verständnisz mit sich führt I 24, 239. CC.
in anderem sinne gebraucht (
vgl. verstand C). C@11)
von der redensart sich mit jemandem verstehen (
vgl. I C 1)
ist das verständnis:
das mitwissen um eine geheime sache, besonders das mitwissen und die theilnehmung an einer geheimen unternehmung. ehedem gebrauchte man nur dafür verstand Adelung.
er will auch in diesem als einzigem falle dem worte den plural verstatten; doch ist er selten und uns nicht geläufig. neben verstant
kommt schon mhd. verstantnisse
in diesem sinne vor. Haltaus
belegt: verstand
item verständnus,
sensus concors et amicus, consensus, conspiratio, conventio, unio, foedus; ducenda vox a phrasi sich verstehen,
una mente consentire, concordare, colludere, conspirare 1898.
die zeugnisse für verstand
ebd. umfassen lückenlos die zeit von 1516—1613
; die letzten literarischen belege stammen aus der mitte des 17.
jh. von A. Gryphius
und Roberthin (
vgl. sp. 1548).
die älteste urkunde, die verständnis
aufweist, wird bei Haltaus
schon dem jahre 1461
zugewiesen: wo sy dann mit dem Türcken in verstendnüsz geen müsten, wiewol sy das ungern tun, dasz man sy darumb nit verdencken solle 1899;
die nächste dem jahre 1534.
urkundliche zeugnisse für das 16.
jh. bringt Fischer
schwäb. wb. 2, 1354;
für das 17. Haltaus 1899,
das letzte vom jahre 1686.
die literarischen belege beginnen erst in der mitte des 17.
und sind um die wende des 18.
jhs. am häufigsten. die wörterbücher erst des 18.
jhs. kennen dieses verständnis,
und noch Campe
nennt es gegenüber verständnis
als geistiger fähigkeit durchaus geläufig als '
das allgemeine wort, dessen arten das gute verständnis, einverständnis, das üble
oder schlimme verständnis, miszverständnis
ist'.
dann wird es durch das weniger zweideutige einverständnis (
vgl. vernehmen: einvernehmen)
zurückgedrängt, das Adelung
als ein '
ohne noth verlängertes wort der kanzelleyen für verständnis'
miszbilligt; vor Wieland (Heyne
wb.)
ist es bisher nicht in der literatur nachgewiesen worden (
th. 3, 336
f. ungenügend nur für Klinger). Ranke
stellt einverständnis
unmittelbar neben verständnis
in derselben bedeutung; letzteres nimmt er wohl wie häufig (
vgl. sp. 1547)
aus seinen quellenschriften auf: der papst hatte ihm aufgetragen sich vor allem mit dem churfürsten von Baiern in gutes einverständnisz zu setzen: in kurzem meldet er, dasz dies verständnisz in tiefstem geheimnisz erhalten werde 38, 365.
auf nld. boden fehlt diese bedeutung; sie wird von verstandhouding
übernommen. C@1@aa)
die enge beziehung zwischen verständnis
und verstehen
tritt bisweilen besonders fühlbar hervor. selten ist ein trans. verstehen
vorauszusetzen: auch mylady verstand mich, und dies verständnis weckte wieder ihre gute laune H. Heine 3, 414; die hunde knurrten auf mich, weszhalb er einige worte zu ihnen sagte, auf die sie sich sogleich, wie im verständnisse, beruhigten Stifter 2, 264.
meist liegt ein reflex. verb. zugrunde. das verstehen
erfolgt auf zeichen: es schien ein gutes verständnisz zwischen leuten durch die augen zu herrschen, die noch kein wort gesprochen hatten Klinger 4, 85; jeder wechselseitige blick, jedes begleitende lächeln sprach ein verborgenes edles verständnisz aus Göthe 29, 42
Weim.; Ingo wechselte einen blick des verständnisses mit dem alten Freytag 8, 118.
durch die sprache: ohne eine gemeinschaftliche landes- und muttersprache .. giebt es kein wahres verständnisz der gemüther, keine gemeinsame patriotische bildung Herder 17, 288. C@1@bb)
gewöhnlich liegt ein ständiges verhältnis vor: gute verständnis mit einem haben,
passare buona intelligenza con uno Kramer
it. dict. 2, 942
c;
so viel als vernehmen,
d. i. eintracht: in einem guten, bösen, schlechten verständnisse mit jemanden leben Adelung;
der zustand, in welchem man in bezug auf einen andern stehet oder sich befindet, von der art und weise, wie man sich mit ihm verstehet
oder mit ihm stehet,
in ansehung der denkart, der meinungen, da vernehmen
sich mehr auf das betragen, auf äuszere handlungen bezieht Campe.
gutes verständnis; schon mnd.: godt wyl .. de gantze broderschop in gouder vorstentenüsse, fryde unde enycheyt erholden
livl. urkunde bei Schiller-Lübben 5, 463
a.
nhd.: dasz das gerüchte von der guten verständnis zwischen dem Nero und der Acte müste grund haben A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 650; dasz churfürstl. durchl. .. nicht allein wegen guter verständnisz mit Moskau nach China .. treffliche handlung anrichten Leibniz 2, 268; aber ein so gutes verständnisz sollte nicht lange dauern Göthe 28, 107
Weim.; der erste schritt auf seiner reise galt der befestigung des guten verständnisses zwischen den beiden höfen Ranke 4, 24; meine theologischen händel .. haben ein loch in unser gutes verständnisz gemacht Lessing 18, 310.
mit anderem attribut: welche personen dann .. die deutliche nachrichten durch gewisses verständnisz unter einander zusammen bringen könnten Leibniz 1, 468; da er über das besondere verständnisz, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm, eifersüchtig war Wieland
Agathon (1766) 2, 123; wenn deine organische natur ganz philosophie ist, so wird sie ... ein anderes verständnisz haben mit dem geistigen der welt Bettine
Günderode 2, 131. C@1@cc)
in engerer bedeutung zuweilen auch wohl für gutes verständnis
oder einverständnis
gebraucht Campe; dasz den pflichten der ehelichen freundschaft durch diese abwesenheit ein abbruch geschehe, glaube ich nicht. im gegentheil ist's ein verständnisz, das durch zu langes beyeinanderseyn erkaltet Bode
Montaigne (1793) 5, 484; will ich an Ottokars hof einen erfahrnen und sicheren mann senden, der dir in allen fällen mit rath und that an die hand gehen und unser verständnisz unterhalten soll Babo
schauspiele (1793) 46; ich wollte mit ihnen in ein verständnisz kommen Pückler 1, 139.
mit präp. bezeichnung dessen, worüber man sich einigt: wie das schwächere Preuszen schon während des Krimkriegs momente hatte, in denen es .. sein verständnis mit Oestreich über deutsche fragen fördern konnte Bismarck
gedanken 2, 294. C@1@dd)
besonders von einem liebesverhältnis, wenn zwei lie bende sich verstehen;
zuerst nachweisbar bei Petrasch 1765
und Wieland 1766; das gespräch .. entdekte eine übereinstimmung in unserm geschmack und in unsern neigungen, welche gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches verständnisz zwischen unsern seelen hervorbrachte Wieland
Agathon (1766) 1, 299; hat die gräfin ein verständnis mit ihm, so wird es sich aufklären Petrasch
lustspiele 1, 700; der alte S. bemerkte das kommende verständnis und neckte beide Novalis 4, 160; da ich eure verbindung, wuszt ich um euer verständnis, weder verhindert noch verzögert haben würde Ludwig 2, 602; Julie schien mich zu lieben .. sie hob nun das verständnisz mit mir auf .. der oheim, ein alter narr, that endlich auch das seinige Tieck 12, 362.
gern mit attributivem zusatz: wenn zwischen dem prinzen und der königin geheime verständnisse gewesen Schiller 5
2, 357 (
Karlos 3871); fort mit des hofes kaltem, läst'gen zwange, der jedes trauliche verständnisz trennt! Göthe 13
2, 19
Weim. (
schutzgeist 388); er hätt' es nicht gewagt, wenn zwischen ihnen sich kein geheim verständnisz angesponnen. sie liebt ihn! 9, 424 (
Tancred 4, 2); er unterstand sich, dem Dionys wegen seines geheimen verständnisses mit der schönen Bacchidion vorwürfe zu machen Wieland 2, 167
Hempel; (
er) glaubte .. das wiederaufleben zärtlicheren verständnisses zwischen beiden zu entdecken Holtei
erz. schriften 14, 137.
bisweilen bezeichnet es nicht das verhältnis zwischen den liebenden selbst, sondern das mitwissen um das liebesgeheimnis: Elmirens schwester war mit im verständnisz Göthe 22, 237
Weim.; er unterhielt ein verständnisz mit Liesen, die er zu seiner geheimen kundschafterin machte Pfeffel
pros. versuche (1810) 7, 43.
so sagen wir von heimlichkeiten noch heute: einen mit ins verständnis ziehen; Hermann zieht die mutter ins verständnis.
diese verwendung fehlt noch bei verstand C 1. C@22) verständnis,
von der redensart sich verstehen zu etwas (I C 2)
hergeleitet. C@2@aa)
vereinbarung, bündnis: mnd. eine christlike, ewige vorstentnisse, contract und handeling upgerichtet
quelle bei Schiller-Lübben 5, 463
a;
mhd. gemeiner stat vereynung und verstenntnusz ye zu zeiten mit den fürsten
Nürnberg. polizeiord. 136; dasz sie .. die von Nurmberg also aus der verpuntnus und verstentnus, die dann der hertzog vor mit in hette wider die marggrafen, bringen wolten
d. städtechron. 11, 719, 8; damit zwischen .. hern Heinrichen .. und den .. hern des groszen punds obertütschen landen .. püntnüsz, einung und frintschaft, oder getrüwe verstäntnüsz volzogen, gehandlet und angenommen möge werden Anshelm
Berner chron. 4, 15; durch welche .. proceduren protestirende churfürsten und stände Ober Teutschlands gereitzet worden, sich einer mehrern, nähern, vertreulichern verstandnusz und zusammensetzung mitteinander .. zu vergleichen Chemnitz
schwed. krieg (1648) 1, 4.
von Ranke
aus der sprache seiner quellen entlehnt: dasz bereits in dieser zeit ein verständnisz zwischen Baiern und Oestreich »wider die lutherische secte« geschlossen worden sei 2, 107; könig Ferdinand .. eilte den frieden .. zu schlieszen, in welchem er .. sogar in ein engeres verständnisz mit dem landgrafen selber trat 37, 79.
im engeren sinne wird verständnis
sogar zur benennung eines bestimmten bündnisses, nämlich des Schmalkaldischen bundes, verwandt: und bahten sie in die Schmalkaldischen verständnisz mit einzunehmen
quelle v. 1534
bei Haltaus 1899; deszhalb der christliche fürst landgraaf Philips zu Hessen, als hauptmann der evangelischen verstendnusz, .. sich aufgemacht Stumpf
Schwytzerchron. (1606) 117
b. C@2@bb)
geheime verabredung, verschwörung, complott: das mitwissen und die theilnehmung an einer geheimen unternehmung, wo es vorzüglich im nachtheiligen verstande von einer unerlaubten unternehmung gebraucht wird Adelung; es gehet einige verständnisz unter ihnen; heimliche verständnisz mit jemand haben; verständnissen,
id est, gute freunde, aber eigentlich zu reden, verräthereyen unter den feinden zuwegen bringen; eine stadt oder vestung mit verständnis einbekommen ..
v. verrätherey Kramer
it. dict. 2, 942
c;
hoch-niderteutsch. dict. 247
c; heimliches verständnusz,
conspiratio, tacita consilia Apinus 293; Kirsch 2, 313
b; Frisch 2, 319
a; er hat ein verständnis mit dem feinde,
cum hoste colludit Steinbach; ein verständnisz mit jemandem haben, mit ihm im verständnisse stehen Adelung; seine verständnisse mit dem feinde sind entdeckt worden Campe; ereignete sich auch, dasz vom Dagobert ausgesprengt ward, er hätte mit den Caledoniern und Römern ein verständnüsz gehabt Lohenstein
Arminius 1, 365
b; schon längst hatte er nämlich verständnisse mit Pyrrhus .. angeknüpft Raumer
Hohenstaufen 1, 146; in der hoffnung dasz ein verständnisz, das er vorbereitet hatte, ihm die überraschung dieses seeplatzes möglich machen werde Ranke 4, 26; mit welchem bösen geist steht der mensch im verständnisz, dasz er mir alle mädchen raubt Klinger
theater 4, 241; nur der bauherr, der mit Apollonius im verständnisse war, wurde zu ihm gelassen Ludwig 1, 290; seine feinde beschuldigten ihn eines verständnisses mit dem grafen von Tyrane, den die rebellen in Irland zu ihrem haupte erwählt hatten Lessing 9, 275; weil die tempelherren aus orient kamen und oft des politischen verständniszes mit den Saracenen beschuldigt waren Herder 15, 104; wenn wir auch keine unterstützung von auszen zu erwarten hätten, .. so wären wir mit unsern tausend soldaten und den verständnissen, die wir in der stadt haben, schon sicher genug Schiller 4, 163; weh' mir, wenn er beweise hat! erfährt die königin, dasz zwischen mir und der Maria verständnisse gewesen — gott! wie schuldig steh' ich vor ihr! 12, 518 (
M. Stuart 2745); gebt mir die kenntnisz meines fehlers mit. wenn ich verständnisz hatte mit mir selbst, ja, irgend meine eignen wünsche kenne, ....... nie, mein werther oheim, selbst nicht mit ungeborenen gedanken beleidigt' ich eu'r hoheit
Shakespeare 4, 184 (
wie es euch gefällt 1, 3); selbst der graf von Nola, wiewohl des verständnisses mit Alfons verdächtig, huldigte ihr Platen 3, 126.
oft wird das geheime des anschlages betont: als ob man durch diese teutschhertzige gesellschaft heimliche verstäntnüsz .. verbindlich auswürken wolte Neumark
palmbaum (1668) 166; dasz Essex mit den rebellen in einem heimlichen verständnisse stehen müsse Lessing 10, 9; könnt ihr es leugnen, dasz ihr mit der Stuart in heimlichem verständnis wart Schiller 12, 527 (
M. Stuart 2928).
man empfand schon um die wende des 18.
jh. diesen ausdruck als nicht ganz klar und verdeutlichte ihn entweder durch einen zusatz oder ersetzte ihn: der zeugen harmonie, sein eigenes bekenntnisz beweist ein sträfliches verständnisz nur allzu stark Wieland (1793) 10, 292; die dinge, worin die Tiburter angeklagt waren, .. können nichts andres seyn als ein angeschuldigtes verrätherisches verständnisz Niebuhr
röm. geschichte 3, 311.
bei der aufnahme des Agathon in die gesammtausgabe 1793 (2, 289)
ersetzt Wieland verständnis,
das noch die ausgabe von 1773 (2, 21)
aufweist, durch verschwörung (
zeitschr. f. d. wortforschung 8, 59
b). C@33)
nur in vereinzelten fällen berührt sich verständnis
mit verständigung 2 '
mittheilung, erklärung': das si die juden .. tzwelf gantze jare .. an alles absagen haben sullen und der genyezen mogen noch irer notdurfft und vorstantnusse
d. städtechron. 4, 171, 24; ain clare verstentnusz in tütsch uff doctor J. R.s ratschlag von den juden büchern Reuchlin
titel eines buches v. 1512 (
s. quellenverzeichnis); da doch die sprachen den menschen deswegen, dasz sie sich dadurch, als durch eine algemeine innerliche verständnüs, zu einander gesellen sollen .. Zesen
rosenmând (1651) 8; personen .., deren namen schon von der unterhaltungsweise genungsames verständnisz giebt Göthe im
jahrbuch 19, 14; die vielen bilder .. schienen mir hier von den wänden über manches ein verständnisz zuzuwinken, worüber es mir in der schwedischen geschichte und dem schwedischen karakter bisher noch nicht hatte hell werden wollen Arndt
an s. l. Deutschen 1, 214; wer kann ein licht mir zünden, ihre heimlichkeit zu ergründen? da sprach sein hauptspürer und obermeuteführer: es gibt kein besseres verständnisz als ihr eigenes geständnisz, und kein sichreres erkenntnisz, als ihr eigenes bekenntnisz Rückert
makamen (1837) 1, 71.