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verständnis

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

verständnis n.

Bd. 25, Sp. 1596
verständnis, n. , das älteste und in der älteren periode weitest verbreitete wort für verstand. form. es ist von ahd. stantan abgeleitet und weist eine form auf, in der die stammsilbe des part. und infinitivs zusammenfallen Wilmanns gramm. 2 2, § 271, 4. im ahd. erscheint das neutrum firstantnissi bei Otfrid, for furstantnessi 'intellectus' bei Tatian, neben einem fem. ferstantnissa, ferstantennissa 'sensus' bei Steinmeyer-Sievers gloss. 2, 63, 5 und einer doppelt suffigierten fem.-bildung des 11. jh. ferstantnessida 81, 22, ferstantnissida 'sensus' Graff sprachschatz 6, 609. die formen des suffixes wie des präfixes sind die bei Otfrid und Tatian stets erscheinenden. auf grund eines vocalwechsels vor dem ss, der wohl in alter verschiedenheit der betonung begründet sein mag, treten im mhd. die formen verstantnisse, -stentnisse einerseits, verstantnusse, -stentnusse, -stantnüsse, -stentnüsse anderseits auf mhd. wb. 2, 2, 590b; Lexer hdwb. 3, 250a; Jelinek wb. 846. bisweilen erscheinen auch die formen verstantnust, verstentnust mit unorganischem t, wenn sie nicht auf -nussida zurückgehen. Seuse hat die formen verstantnisse, -stentnisse, -nusse, -nús, -núst nebeneinander (s. Bihlmeyer). obd. wird der vocal u, umlautend ü, mitteld. i vorgezogen Weinhold mhd. gramm. 2 § 268. die ältere nhd. zeit kennt die formen verstentnis, -nus, -nüs nebeneinander, ohne umlaut nur vereinzelt obd.: verstantnusz Keisersberg bilgerschafft (1512) C IIa; voc. inc. teut. ii 5a; Diefenbach gloss. 298b; verstantnisz 23c. sonst verstentnisz, -stentenisz 302c; verstentnusz 284c, 643b; verstentnisz, -nüsz voc. inc. teut. ii 5a. während die endung -nis den sieg erringt, hält sich doch bis ins 18. jh. hinein in einer reihe von lexicalischen zeugnissen -nus-, nüs, aber nur in der bedeutung 'einverständnis' (6): verständnusz Apinus (1728) 293; verständnüsz Frisch 2, 319a; Kramer hoch-niderteutsch. dict. 247c (dagegen it. dict. 2, 942c in derselben bedeutung verständnis). die schreibung des stammvocals beginnt sich im 16. jh. an verstand anzulehnen. in der literatur des 17. jh. wird verständnus selten; die letzten vorliegenden belege stammen von Harsdörffer und Moscherosch (1650). verständnüs hält sich im 17. jh. noch neben verständnis. die ältesten belege für verständnis reichen bis zum ausgang der mhd. periode zurück: verstentnisz bei Riederer rhetoric (1493) C VIa; Hutten opera 2, 125; N. v. Wyle 10, 6 Keller; Tauler sermones (1508) A 1b a. daneben ist für Hutten verstäntnusz (1, 448; 2, 79), für Wyle verstäntnüsz (92, 4) zu belegen; Taulers predigten (Vetter) weisen durchweg verstentnisse auf. das geschlecht solcher bildungen könnte mundartlichen einflüssen unterliegen. im mhd. aber finden sich fem. und neutr. nebeneinander bei ein und demselben schriftsteller, ohne dasz damit ein bedeutungsunterschied verknüpft wäre: bei Eckhart die verstentnüsse (106, 30; 325, 28; 326, 15 Pfeiffer) neben daʒ verstentnisse (78, 16; 307, 29; 386, 35), daʒ verstantnüsse (330, 23); bei Tauler die verstentnisse (120, 16; 21 Vetter) neben daʒ verstentnisse (8, 28; 184, 27). nhd. kommt die verständnüs in der 2. hälfte des 17. jh. noch bei Zesen 1650 (Gombert bemerk. u. ergänz. 3, 21), Neumark (1668) palmbaum 166, die verständnis bei A. U. v. Braunschweig (1677) Octavia 1, 650 vor; vereinzelt begegnen wir dem fem. noch im 18. jh., so auch bei Lessing: (so) will ich den ganzen epilog .. zu leichterer verständnisz nothdürftig interpunktiren 14, 5; bei Schubart: man lese zur besseren verständnis schwäb. chron. (1791) 254; bei J. G. Jacobi: um sich zur verständnisz der bibel vorzubereiten 8, 26. an anderer stelle ist es einer älteren quelle in derselben form entlehnt, so die verständnüs bei Stranitzky (1711) ollapatrida 344; die verstendnisz bei Kästner (1755) 1, 225; in Grimms märchen (1812) 1, 142. doch bucht noch Kramer (1724) im it. dict. 2, 942c die verständnis, Frisch (1741) 2, 319a die verständnüsz. von dem sprachgebrauch einzelner schriftsteller ist anzumerken, dasz H. Sachs die verstendtnusz schreibt (7, 208, 19; 16, 309, 6; 18, 552, 20 Keller-Götze); Luther das verstentnis Luc. 24, 45; 1 Kor. 14, 20; Ephes. 1, 18; das vorstentnisz 101, 1, 180 Weim.; plur. vorstendtnisse 18, 423; aber 8, 146: sag zu der weyszheyt: du bist meyne schwester, und nenne die vorstentnis deyn freundyn. Lohenstein weist allein im ersten bande des Arminius (1689) die verständnüsz (54b), das verständnüsz (365a, 367a) und das verständnisz (500a, 923b) auf. Leibniz verwendet gewisses verständnisz (1, 468) neben gutem und guter verständnisz (1, 460; 2, 268). der plural. wird von Adelung nur für verständnis C zugelassen und noch von Pückler angewandt (s. unten); doch schreibt Göthe in beiderlei sinne: er steht in geheimen verständnissen mit dem hof 40, 41 Weim.; meine verständnisse sind dunckel, nur ist mir ziemlich klar, dasz ich sie liebe IV 3, 169 (1777). mnd. vorstandenisse, -stantnisse, -stentenisse, -stentnisse, f. Schiller-Lübben wb. 5, 460b, 461a, 463a; Lübben-Walther hdwb. 525a b; verstendenisse Diefenbach gloss. 303a; mnld. verstandenisse, -stantenisse, -stantnisse, -stannisse Verdam hdwb. 638a; nld. verstandenisse Kilian (1599) 604b. im ndd. spielt verstand von anfang an eine bedeutendere rolle als verständnis, das auf hochdeutschem boden erst allmählich vor verstand an häufigkeit des gebrauchs zurückweicht. in den mundarten scheint verständnis zu fehlen; Fischer 2, 1354 bucht es nur als veraltet. Adelung; Campe; Weigand-Hirt; Heyne; Paul; Grimm gramm. 2, 323 f.; Wilmanns 2, § 270 ff. AA. verständnis als geistiges vermögen. entwicklung des begriffs. A@11) seit der ältesten zeit ist verständnis ausdruck für verschiedenartige bethätigung des seelenlebens. die lexicalischen umschreibungen 'intellectus, ingenium, intelligentia' sind selbst nicht eindeutig und verrathen uns daher wenig. A@1@aa) allgemein als inbegriff geistiger fähigkeiten, wo heute verstand allein gebraucht wird: ydea intellectualis, eingeworffen pilldung der verstentnusz Diefenbach gloss. 284a; planta, sole, ein lebendiger lyp on verstentnusz 643b; nov. gloss. 294a; die manigfeltikeit der künst erlüchtet des menschen vorstentnysz buch der weisen 1501 bei Adelung; werdet nicht kinder am verstentnis, sondern an der boszheyt seyt kinder 1 Kor. 14, 20; und befleckten auch nit ire verstentnus mit des Wiclefen onvernunfft Münster cosmogr. (1550) 482; nu dieweil du zu verständigem alter kommen bist, so ist mein beger und will, dasz du zu hoher lehr dein verständnisz schickest buch der liebe (1587) 125d. wie mnld. verstandenisse 'bewustzijn, bewustheid' (Verdam hdwb. 638a) bedeutet nhd. verständnis vereinzelt 'bewusztsein, besinnung', ist aber ungebräuchlich (vgl. verstand B 2): wenn aber in der trunck erschleicht, all sein vorständnis von im weicht Ringwalt lauter warheit (1597) 65 (1650 bei Moscherosch Philander 2, 754 verstendnusz); was es nur ist, als seines vaters tod, das ihn so weit von dem verständnisz seiner selbst gebracht, kann ich nicht rathen Shakespeare 3, 195 (Hamlet 2, 2); wo bin ich? wie bin ich hierher gekommen? ich seh' mich zwischen diesen feuchten wänden und finde mich und das verständnisz nicht Tieck 3, 479. A@1@bb) verständnis und vernunft. verständnis als umfassender der vernunft übergeordnet: die vernunfft der verstentnusz beweiszet gesundthait des hirns Braunschweig chirurgia (1539) 82. verständnis gleichbedeutend mit vernunft als 'fähigkeit zu verstehen, zu vernehmen': wan Peter antwurt, er sprach czu im: under schaid uns die gelichsam. und er sprach: und ir sti noch on furnuft (var. verstentnusz)? codex Teplensis 1, 21 (Matth. 15, 16); vgl. ahd.: inti ir birut noh ûʒan uorstantnissi? sine intellectu Tatian 84, 8; mhd. pfui dich, dû geschriftlastrær, wâ tuost dû dein verstantnüsz hin? Megenberg 203, 13. verstäntnis gleich verstand neben vernunft: got geb dir vernunft und verstentnüsz Arigo decamerone 449, 26; sie (die weiber) machen dir thumm sinn und muot der vernunfft unküscheit we thuot. dein frien willen dir befleckt dein recht verstentnüsz ouch bedeckt Gengenbach 123. A@1@cc) neben den kräften des sinnen- und gemüthslebens genannt: daʒ bedäut ain guot nâtûr und ainen guoten sin und aine guot verstäntnüsz Megenberg 47, 11; wil ich dir .. mit krefften meiner synnen, und vermögen der verstäntnusz, treulich und fleiszigklich thienen Hutten opera 1, 448; du hast den rhat zum besten auszgeführt, wie sichs gebührt. es wohnt dir mut und auch verständnisz bey Tscherning Judith 1, 1 (1646) Bij; die ordnung der natur ist dieses, das .. das gemütte dem verständnüsse, und das verständnüs gotte gehorche Butschky Pathmos (1677) 145. ähnlich ahd.: thaʒ her sî giminnôt fon allemo herzen inti fon allemo furstantnesse inti fon allero sêlu inti fon allero strengidu Tatian 128, 4. A@1@dd) die thätigkeit wird bezeichnet: der einbildung eigentliches ampt ist, nur die bildnüsz der dinge .. dem verständtnüsz zu begreifen unnd zu urtheilen uberantworten Nigrinus von zäuberern (1592) 120; der gewisser weg aller künst sye zuobegründen, ist von erkantnüsz der usszeren und sichtlichen zuo den unsichtlichen und inneren. als durch die sinnlich gegenwürff zuo der vernunfftlichen verstäntnüsz Gersdorff wundtartzney (1517) 1, 1b; der glaub kommpt an die ende dahin die natürlich verstentnusz des menschen nit kommen mag A. v. Eybe spiegel der sitten (1511) A Va; durch ein klare, lautre verstendtnusz alle ding gründtlich zu probiern H. Sachs 7, 208, 19 Keller. A@22) eine besondere darstellung verlangt der gebrauch in der theosophisch-theologischen literatur. wie die übrigen bildungen auf -nisse, -nüsse wird auch dieses wort wegen seiner fähigkeit, abstracte begriffe sprachlich auszudrücken, von den theologischen und philosophischen schriftstellern des 14.—15. jh. mit vorliebe benutzt, von den weltlichen dichtern dagegen gemieden Weinhold mhd. gramm. § 268. A@2@aa) eintheilung der seelenvermögen. Eckhart scheidet die geisteskräfte in obere und untere, die oberen nach augustinischem vorbilde in memoria (vorstellungsvermögen), intellectus (geistige fassungskraft), voluntas (transscendentes vermögen, gott zu minnen), meistens wiedergegeben durch gehügnisse, verstantnisse, wille (383, 20 Pfeiffer), auch in anderer anordnung (240, 12; 251, 16 mit besserung der lesart; 499, 3; 622, 35; 386, 35; 635, 34). doch wird verstantnisse auch durch vernunft ersetzt (20, 22; 411, 10); vgl. Kramm zeitschr. f. d. philologie 16, 5 ff. auch bei anderen läszt sich diese scheidung beobachten: die sele hat drie edele krefte, in den ist sú ein wor bilde der heiligen drivaltikeit, gehugnisse, verstentnisse und frige wille Tauler predigten 9, 10 Vetter; dú erst (tugent) ist gehúgde vervarner ding, dú ander ist verstantnust gegenwúrtiger dinge, dú dritte ist fúrsehung kúnftiger dinge St. Georgener prediger 188, 22; wir könnend nit könig sin on ein hoffgesind, wer ist aber das selb gesind. ich sprich, es ist die verstantnusz, gedechtnusz und der will Keisersberg bilgerschafft (1512) C IIa. doch wird auch abweichend von dieser ordnung verständnis zu den niederen fähigkeiten gerechnet: die verstäntnusz oder underer tail der sel, so inn leib fleuszt Berthold v. Chiemsee 233. A@2@bb) die thätigkeit des verständnisses. verständnis geht auf das verstehn zurück: daʒ verstentnisse heftet sich an den sun, daʒ si (die seele) mit dem sune verstêt Eckhart 78, 17. fassungskraft, begriffsvermögen: verstentnüsse, der werk ist .. bekennen (erkennen) 106, 32; wan in allen geschaffenen dingen, diu ich mit verstentnisse überloufe, sô enist niht sicherer stat mîner sêle denne in dir, got, alleine 324, 5; das enkein menschliche verstentnisse enmöhte die luterkeit nút begriffen noch verston mit vernunften Tauler 120, 16 Vetter; die verstandenisse (intelligentia) gheeft enen menschen kennisse van den dinghen die syn mnd. quelle bei Schiller-Lübben 5, 460b. die fähigkeit, die den menschen vom thier unterscheidet, also unserer vernunft entspricht: daʒ ist daʒ lieht des verstantnüsses, dar an der mensche underscheiden ist von allen tieren Eckhart 330, 24; crêâtûren, die niht verstantnisse habent, wan die hânt ouch niht verdampnisse David v. Augsburg (zeitschr. f. d. alterthum 9, 12). meistens aber ist verständnis der inbegriff aller höheren geistigen kräfte, der intelligentia Augustins gleichkommend, die ihrerseits wieder aus ratio, verstand und intellectus, vernunft sich zusammensetzt (zeitschr. f. d. philologie 16, 11, 17), und eine über der vernunft stehende kraft: alse der mensch tôt ist an den gebresten, sô rihtet sih diu oberste vernunft ûʒ in daʒ verstantnisse unde schrîet got an umbe genâde Eckhart 126, 13. deshalb wird diese fähigkeit vorzugsweise gott und den engeln beigelegt: dâ von erkennet gotes verstentnüsse alle sünde und übel 327, 21; der vatter an siner persönlicher eigenschaft so kert er in sich selber mit sime götlichen verstentnisse und durchsiht sich selber in clorem verston den wesenlichen abgrunde sins ewigen wesen Tauler 8, 28; tusent werbe me wenne des obersten seraphins verstentnisse úbertriffet eins esels verstentnisse, unsprechenlichen vil me úbertriffet dis alle verstentnisse und sinne 114, 25; sy fragten sy was die götliche liebe were. sy sprach das ist kluogheit der verstentnusse der ewigen wiszheit betbüchlin (1518) 105a. bisweilen wird diese kraft im menschen als fähig dargestellt, göttliche dinge zu begreifen und zu erkennen âne bilde, âne mittel und âne glîchnisse Eckhart 320, 7; daʒ (verstentnisse) mac begrîfen die drîveltikeit, diu doch unbegrîfenlich ist, mit allen iren werken 521, 23; der haiʒet intellectus, daʒ spricht ain verstantnust .. der mentsch .. sol da verstan was got si St. Georgener prediger 133, 16; eʒ wirt dîn verstantnis dan von sîner wîsheit sô verstanden, daʒ sie dir in tuot wol bekanden ân aller slahte irretuom Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 933; verstentnusz ist der gelaub und das geistlich urteyl, welchem entgegen ist, unwissenheyt gottis unweyszheit Melanchthon annotationes zur ep. a. d. Römer (1522) 9, 12. bisweilen aber wird von denselben schriftstellern diese fähigkeit abgesprochen: durch daʒ ir die wîse der êwigen geburt dester baʒ verstânt diu doch allen verstentnüssen unverstentlich ist Eckhart 336, 1; me wanne alle die einunge si die menschliche verstentnisse erdencken mag in alle und úber alle verwandelunge Tauler 120, 21; du endarft dich ouch des niht vermeʒʒen, daʒ dehein verstantnisse dîns herzen sin des hie gewisse, wie got in sîner trinitât daʒ himelrîch geordent hât Lamprecht tochter Syon 824. wo verständnis machtlos ist, da dringt wille hin: dâ daʒ verstentnisse niht mêr enmac, dâ wirfet sich des willen obenheit ûʒ in dem liehte und in der edelkeit des gelouben. dâ wil der wille oben aller verstentnisse sîn Eckhart 384, 11. an anderer stelle aber soll verstentnüsse dem willen vorgehn 106, 32. David v. Augsburg betrachtet beide als praktische fähigkeiten: diu verstantnüsse lêret tugende, der wille enphâhet sie und üebet sie ûʒ mit den werken 310, 9 Pfeiffer. A@33) verständnis in einem unserem heutigen gebrauch verwandten sinne findet sich schon ahd.: (thaʒ) in themo firstántnisse wir giháltan sin gewísse Otfrid 1, 140 (dazu Kelle glossar. 278a); nu wíll ih hiar gizéllen ein bílidi ginénnen, thaʒ thaʒ firstántnissi uns allen líhtera si 2, 9, 30; mhd. nu stûnt ouch an der warte ein zentgrâve ein fromer man. verstentnisse der gewan und sprach wiʒʒenlîchen die erlösung 4875 Bartsch. im älteren nhd. ist es durchaus nicht selten und wird im allgemeinen von verstand nicht unterschieden. erst im 18. jh. beginnt man beide begrifflich zu scheiden: verstand, intellectus, entendement, .. die krafft der vernünfftigen seelen, nach welcher sie zuforderst sich in sich selbst, und dann die dinge auszer ihr .. betrachtet, und was an einem jeden wahres zu befinden .. erkennet Jablonski lex. d. künste u. wissenschaften (1721) 815a; verständnis, intelligentia, intelligence .. der verstand in seiner ausübung, oder ein jeder begriff und erkäntnis, die wir von dingen haben .. der beyfall des verstandes, den er einer wahrheit gibt, .. die aus dem bloszen begriff ohne anderweite erklärung erkannt wird 815b. 1784 nennt es Jacobsson im technol. wb. 4, 532a als in der malerei gebräuchliches kunstwort. um so mehr überrascht es, wenn Adelung und Campe verständnis in diesem sinne als veraltet bezeichnen: 'zwar haben einige neuere es wieder einzuführen versucht, und es von der fähigkeit, sich einen deutlichen begriff von etwas zu machen, gebraucht, um es von dem verstande, dem bloszen vermögen, zu unterscheiden, aber damit noch wenig beifall gefunden'. vgl. Chr. Wolff: da ein klarer ob gleich undeutlicher begriff zureichet die sache zu erkennen, .. so sind die klaren, aber undeutlichen begriffe ein anfang zum verständnisz v. d. menschen thun (1720) 176; verständnisz, die fertigkeit, sich einen deutlichen begriff von etwas zu machen Hübner zeitungslex. 4, 803b. wir würden den unterschied zwischen verstand und verständnis etwas anders als Jablonski (s. oben) formulieren. verständnis ist nicht nur 'der verstand in seiner ausübung', nicht reingeistige, sondern auch im gefühls- und gemüthsleben wurzelnde fähigkeit zu verstehen: das verständnis reicht oft viel weiter als der verstand Ebner-Eschenbach 1, 22. feinfühliges nachempfinden oder entgegenkommen: er ist ein mensch, dem man .. durch wirkliches verständnis etwas geben kann Herwegh briefe 48; auch da konnten wir auf verständnis rechnen Scherer gesch. d. d. lit. 238; mit feinem verständnis versetzt sich Boyen in die seele des soldaten Meinecke leben Boyens 1, 32; ein ungestüm, der über den tiefen sinn des thuns Jesu ohne feineres verständnis hinwegfährt D. F. Strausz 4, 131; (er) hätte diese fragen .. dem nächsten mehlsack vorlegen können. dieser würde eben so viel verständnis gezeigt haben Holtei erz. schriften 5, 130; zu liebenswürdig, um nicht für neckereien .. ein bereitwilliges verständnis zu haben Fontane 1, 121; wind! o hättest du verständnis, wort' um worte trügst du wechselnd, sollt' auch einiges verhallen, zwischen zwei entfernten liebchen Göthe 1, 155 Weim. dann bedeutet es in jüngster zeit geradezu 'sinn, neigung für etwas': ohne sympathie kein verständnis Justi Winckelmann 1, 219; im ganzen ging es mir mit meiner freude an der poesie wie den meisten menschen, welche in empfänglichkeit und verständnis fast ebenso fortschreiten wie die nationen Freytag 1, 74; die drohende trennung liesz mich manches angehende verständnis (für zeichenstudien) sicherer ergreifen, als es sonst geschehen wäre Keller 1, 230; der mann hat mir aber kein verständnis entgegengebracht Seidel Leberecht Hühnchen 144. häufig mit präpos.: den deutschen staaten .. etwas mehr verständnis für ihre pflicht .. beizubringen Meinecke leben Boyens 2, 57; sie hatte ein ohr und verständnis für alles Storm 1, 44; schliff, bildung, .. vor allem jegliches verständnis für kunst und schönheit Fontane 1, 175; der weder neigung noch verständnis für den landbau hatte Polenz Grabenhäger 1, 224. BB. gebrauch. B@11) verständnis in sinnlicher und concreter anschauung (vgl. verstand B 1). B@1@aa) das verständnis öffnen: da öffenet er inen das verstentnis, das sie die schrifft verstunden Luc. 24, 45; nit hatt er die schrifft auffthon, sondern das vorstentnisz, denn die schrifft ist offen, unser augen sind nit gar offen Luther 10 1, 1, 180 Weim.; der vater der herlickeyt gebe euch .. erleuchtete augen euers verstentnis, das yhr erkennen mugt Ephes. 1, 18; so wird euch die thüre zum verständnisz schon geöffnet werden Weise erznarren 93 neudr.; so solte bald das verständnusz geöffnet .. werden Arnold ketzerhistorie (1699) vorr. 45; Gottsched hat mich .. verklagen wollen, die gräfin .. hat ihm noch das verständnis deswegen eröfnet Lessing 17, 57; wenn sie eine perrücke auf hätten, versetzte Philine, würde ich sie ihnen ganz säuberlich abnehmen: denn es scheint nöthig, dasz man ihnen das verständnis eröffne Göthe 22, 192 Weim.; gott helfe dir, einfältiger mensch! gott eröffne dir das verständnis! du bist ein strohkopf Shakespeare 4, 223 (wie es euch gefällt 3, 2); die mythen von Thebä und Ilium wären nicht dargestellt worden, wenn nicht gesang das gemüth des anschauenden zum verständnisz geöffnet hätte Niebuhr m. geschichte 1, 88. mit präpos. bestimmung über: öffnen sie unter dessen, liebster freund, unserm grenadier nur über zwey stellen meines so anstöszig befundenen briefes das verständnis Lessing 17, 158. andere derartige bildliche wendungen sind: so wil ich in deinem hertzen ein liecht der verstenntnusz anzünden Züricher bibel (1531) 4 Esdr. 14 c; von erkenntnis zu erkenntnis! von licht zu licht! bis das verständnis löscht alle düstern wahne aus Arndt 3, 257. ebenfalls bildlich: die andechtigen seelen, die da spinnen an der weichnächt gunckel, die haben erwüscht die spindel mitt den fingern irer verstentnusz Keisersberg granatapfel (1510) evja; da fiel mir das wort ein, das mir vielleicht eine brücke zu ihrem verständnis schlagen könnte Brentano 4, 181. B@1@bb) die sinnliche fähigkeit, zu verstehen: sie schreien mit worten, du aber gibst den (!) gehör verständnisz Joh. Arnd Thomas a Kempis (1631) 65. geistig: bey got ist weyszheit und stercke, er hat radt und verstentnisz Hutten opera 2, 125; gib götlich weiszhait aller maist, gib recht verstantnusz, als du waist Hätzlerin liederbuch 253 (nr. 63); dieweil in gott darzu hat geben sein geist, vernunfft, sinn und verstentnusz H. Sachs 18, 552, 20 Keller-Götze; Mopsus hat ein grob verständnusz, meint, es sei ihm trefflich nützig; dann was tölpisch, tauret lange, stumpff wird leichtlich, was zu spitzig Logau 549; wer der ist des angesicht und wesen hüpsch ist, da ist nit unmüglich das ehr auch hab guott verstentnusz Braunschweig chirurgia (1539) 1; welches alter das glückseligste? .. das, so reiffes verständnusz auff sich hat Harsdörffer gesprechspiele (1641) 1, C IIa; der (sohn) was einer groben unnd dollen verständnusz Frey gartengesellschaft 8, 5 (vgl. Grimm märchen 1, 142); eine zuhörerin von so viel »feinem verständnis« Fontane 4, 312. mnd. ein jungelinck van groter verstantnisse quelle bei Schiller-Lübben 5, 461a. nhd. an der gestallt des leibs, an der edlen natur, unnd an der verstendtnusz, bin ich meinen gesellen weit vorgangen buch der liebe (1587) 109a; dadurch in worten und verstentnisz geschickt und dapfer zewerden Riederer rhetoric (1493) b VIa; arbeiten, denen an gründlichkeit und verständnis keine frühere zeit etwas an die seite zu setzen hat D. F. Strauss 6, 142. im besonderen ,fähigkeit zu erfassen': es fehlte das schnelle verständnis des ungewöhnlichen, die behende aufmerksamkeit Freytag 15, 65. fassungskraft: die gabe, thierfabeln fremden ursprungs für afrikanisches verständnis umzugestalten Peschel völkerkunde 495; ein lehrer .. müsse sich nach dem verständnisse des geringsten unter seinen zuhörern bequemen Nicolai Nothanker 1, 93. schon mhd.: da von ahte ich es nit wan ein werk, man welle es denne nach menschlicher verstentnúst Seuse 348, 11. nhd. nach meiner verständtnusz (so gut ich's verstehe) gib ich den (mann) meiner mummen zu einem gemahel buch der liebe (1587) 272a; dise geschicht leget eyn itlicher ausz nach seinem sinn und verstentnusz Carbach Tit. Liv. (1551) 390v; das geht über mein verständnis, rief der legationsrath kopfschüttelnd Holtei erz. schriften 7, 214; eine der heutigen umgangsprache durchaus geläufige wendung. äuszerung von verstand: fürstin, ob die tugend euch, oder ob ihr sie gelehret, zweiffelt der, der euer thun siht und solch verständnüsz höret Logau 563. B@22) die fähigkeit wird im besonderen falle angewendet, um den sinn einer sache zu ermitteln, sie in allen ihren beziehungen zu durchschauen. Herder definiert sie als 'intellectio': nothwendig musz also die methode vom vernunftschlieszen oder vom verständnis reden 16, 576. dieses verständnis knüpft an verstehen I B 2 an und läszt sich gradezu durch einen entsprechenden infinitiv wiedergeben: das richtige verständnisz dieser stelle hängt hauptsächlich davon ab, dasz man die dabey gebrauchten technischen ausdrücke richtig versteht Eichhorn staats- u. rechtsgeschichte 2, 316. B@2@aa) mit objectivem genetiv: eynem christen menschen, der des heyligen euangeliums verstendtnisse hat Luther 18, 423 Weim.; Aristoteles, der alle andere .. inn verstäntnusz .. der natur übertrifft Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 45; dasz der leser dises büchlins verstentnüs habe Stainhöwel Äsop 4; noch viel weniger einige verständnisz löblicher tugenden (scheinet bey dem kerl zu seyn) Schottel friedens sieg 52 neudr.; so sind sie (die nachrichten) zum verständnisz des folgenden unentbehrlich Wieland Agathon (1766) 2, 101; überall mit unzulänglichen begriffen, mit dem halbigen verständnisse der kunstwörter zufrieden zu sein Lessing 4, 320; was das für einen gewaltigen einflusz auf das verständnisz ihrer sprache hat Herder 5, 14; beygehendes lied .., zu dessen vorläufigem verständnisz ich folgenden commentar schreibe Göthe IV 38, 73 Weim.; wie viel rechtsgelehrte unter uns ohne den geist der gesezgebung und des verständnisses der geseze! Schubart leben 2, 114; wer dies nicht verstehe, .. der könne nimmer zum verständnisz der hohen griechischen kunstwerke kommen Bettine Günderode 1, 422; spiele immer recht viel und thue deine ohren auf, um recht zu hören was die andern spielen und singen, damit dir ein innres verständnisz der musik aufgehe Caroline briefe 1, 274. vom verstehen der künstler selbst: darum sind auch alle die keine meister, zu deren verständnis es einer besonderen geschmacksrichtung oder einer künstlichen schule bedarf Keller 2, 15; haben seine gegner auch vergessen, was Tieck für das verständnisz Shakespeares in Deutschland geleistet Hebbel 12, 24; nun läszt Goethe den Wilhelm Meister aber auch das verständnisz Hamlets erleben Riehl deutsche arbeit 283; (die classischen studien) führen uns zum verständnisz des menschen der gegenwärtigen zeit, dessen moralische natur ewig dieselbe bleibt Liebig chem. briefe 5; im heil'gen Weda hat sein wort gott offenbart; doch sein verständnisz nun, wo ist es aufbewahrt? Rückert 8, 11. B@2@bb) adverbialer ausdruck mit verständnis: wie sie (Kassandra) lang dar vor, ... des künigs undergang mit lutrer stimm, bedútlicher verstentnüsz gewyszaget habe Stainhöwel de claris mulieribus 118; der laleinischen (sprache) .. wurde er hernach so wohlkündig, dasz er die fremden gesandten, so ihn in dieser sprach anredeten, mit verständnisz anhören .. konde Birken ostländ. lorbeerhäyn (1657) 158; traurig nur, wenn ein kind, das der bildenden rede des vaters kundiger schon aufmerkt, mit verständnis, oder mit ahndung, sich das erwähltere dünkt, das einzige! Voss ged. (1802) 1, 45; sprach er in warnendem tone und zwinkerte mir voll verständnis zu Ebner-Eschenbach 4, 120; es war natur der sache, dasz die musik (sich) zuerst und lange an tänze und lieder hielt, nicht etwa blos .. des besseren verständnisses wegen Herder 22, 182; die .. textstellen übersetzt zu geben, allgemeinerem verständnisz zu liebe Göthe IV 41, 80 Weim.; zum besseren verständnis (wird es) doch nötig sein, dir .. das ganze verhältnis der dinge auseinander zu setzen E. T. A. Hoffmann 10, 37. B@2@cc) einzelnes. mit präpos. für: die berufsfreudigkeit der bettelleute ist eine gar wunderliche antiquität, für die uns bald das verständnisz ausgehen wird Riehl deutsche arbeit 124; (ich) wollte zunächst den versuch mal machen, ob du für den fall wohl'n verständnis kriegst G. Hauptmann Rose Bernd 115. seltener von: se sollten' s nich übel nehmen, a so a kind hätte halt doch no nich a so's verständnis dervon (vom stehlen) weber 101. bisweilen steht verständnis in passivem sinne für verstanden werden: denn jene einzige verbindung von künstlerischem genie und bürgertugend .. hat noch keineswegs das rechte verständnis in Deutschland gefunden Treitschke hist. aufsätze 1, 2; denn wie die autoritäten, welche die objectiven ideen repräsentiren, verschiedenen ursprungs sind, so haben sie sich in unserm abendländischen Europa immer nur kurze zeit in vollkommenem verständnis erhalten können Ranke 14, 38. B@33) die fähigkeit etwas praktisch zu verstehen, irgend eine fertigkeit auszuüben (vgl. verstehen I B 3, verstand B 4). zu derselben zeit, da Adelung und Campe verständnis in diesem sinne als nicht zulässig in der guten sprache verpönen, bezeugt es Jacobsson im technol. wb. im sinne von intelligence, ententement als kunstwort in der malerei: man sagt verständnis des helldunkeln, der farben; das ist die geschicklichkeit, der farben ihre verwandtschaft zu erkennen, um sie dergestalt mit einander zu brechen, dasz sie die gegenstände wahr vorstellen .. anstatt dieses wortes sagt man auch zuweilen einsicht 4, 532a; dise loblichen kunst .. die doch vil der gelerten nit anders danne mit arbait und groszem flysze haben erfolget und zuo dero verstentnisz und bruhe komen sint Wyle translationen 10, 6; den reinen ausdruck der .. schauspielkunst müszen, selbst ohne verständnisz der sprache, Griechen, Römer .. empfinden Herder 23, 74; seine opern sind mit tiefem verständnisse der dichtkunst und musik gesetzt Schubart ästhetik der tonkunst 44; dasz er mit sicherheit und verständnis allereinfachste landschaftsbilder .. hervorbringen könne Keller 2, 141; als inn Sparta, der statt, köng Agesilaus regiert mit verstendtnusz, wie er hat in sein tagn geantwort auff sechs fragn mit weiszheit und verstandt, wie hernach kurtz benannt H. Sachs 16, 309, 6 Keller-Götze. verständnis bedeutet hier 'sachliche kenntnis', verstand allgemein 'einsicht, klugheit'. verständnis von etwas haben: wenn ich einiges anders verständnüs von lieben hette schausp. engl. com. 100, 7 Creizenach. B@44) selten wird verständnis wie verstand B 5 im anschlusz an verstehen I B 4 als 'die besondere art der auffassung, auslegung' gebraucht: wo Lessing den Aristoteles erklärt, erscheint sein verständnis des Griechen unserer gegenwart ... nicht überall genügend Freytag 14, 7. objectiv 'der sinn, die bedeutung', die einem dinge zukommt: allegoricus sensus, ein ander verstantnisz Diefenbach gloss. 23c; nun ist zewissen, daʒ dryerlay puncten, in allen reden gewonlich werden geseczet, underschidliche verstentnusz gebende Stainhöwel de claris mulieribus 312; (daß) frembde wörter .. dem gebrauch durchgehenden verständnisz und der teutschen schreibung nach keines wegs verwerfflich .. behalten werden Harsdörffer secretarius (1656) 1, S Va; des traums verständnisz löszte mir ein mönch Schiller 14, 65 (braut v. Messina 1347); das entdeckte verständnisz der Aristotelischen stelle war mir ein groszer gewinn Göthe IV 42, 95 Weim.; ihr habt manches äuszerliche gesehen, welches nicht sogleich sein verständnisz mit sich führt I 24, 239. CC. in anderem sinne gebraucht (vgl. verstand C). C@11) von der redensart sich mit jemandem verstehen (vgl. I C 1) ist das verständnis: das mitwissen um eine geheime sache, besonders das mitwissen und die theilnehmung an einer geheimen unternehmung. ehedem gebrauchte man nur dafür verstand Adelung. er will auch in diesem als einzigem falle dem worte den plural verstatten; doch ist er selten und uns nicht geläufig. neben verstant kommt schon mhd. verstantnisse in diesem sinne vor. Haltaus belegt: verstand item verständnus, sensus concors et amicus, consensus, conspiratio, conventio, unio, foedus; ducenda vox a phrasi sich verstehen, una mente consentire, concordare, colludere, conspirare 1898. die zeugnisse für verstand ebd. umfassen lückenlos die zeit von 1516—1613; die letzten literarischen belege stammen aus der mitte des 17. jh. von A. Gryphius und Roberthin (vgl. sp. 1548). die älteste urkunde, die verständnis aufweist, wird bei Haltaus schon dem jahre 1461 zugewiesen: wo sy dann mit dem Türcken in verstendnüsz geen müsten, wiewol sy das ungern tun, dasz man sy darumb nit verdencken solle 1899; die nächste dem jahre 1534. urkundliche zeugnisse für das 16. jh. bringt Fischer schwäb. wb. 2, 1354; für das 17. Haltaus 1899, das letzte vom jahre 1686. die literarischen belege beginnen erst in der mitte des 17. und sind um die wende des 18. jhs. am häufigsten. die wörterbücher erst des 18. jhs. kennen dieses verständnis, und noch Campe nennt es gegenüber verständnis als geistiger fähigkeit durchaus geläufig als 'das allgemeine wort, dessen arten das gute verständnis, einverständnis, das üble oder schlimme verständnis, miszverständnis ist'. dann wird es durch das weniger zweideutige einverständnis (vgl. vernehmen: einvernehmen) zurückgedrängt, das Adelung als ein 'ohne noth verlängertes wort der kanzelleyen für verständnis' miszbilligt; vor Wieland (Heyne wb.) ist es bisher nicht in der literatur nachgewiesen worden (th. 3, 336 f. ungenügend nur für Klinger). Ranke stellt einverständnis unmittelbar neben verständnis in derselben bedeutung; letzteres nimmt er wohl wie häufig (vgl. sp. 1547) aus seinen quellenschriften auf: der papst hatte ihm aufgetragen sich vor allem mit dem churfürsten von Baiern in gutes einverständnisz zu setzen: in kurzem meldet er, dasz dies verständnisz in tiefstem geheimnisz erhalten werde 38, 365. auf nld. boden fehlt diese bedeutung; sie wird von verstandhouding übernommen. C@1@aa) die enge beziehung zwischen verständnis und verstehen tritt bisweilen besonders fühlbar hervor. selten ist ein trans. verstehen vorauszusetzen: auch mylady verstand mich, und dies verständnis weckte wieder ihre gute laune H. Heine 3, 414; die hunde knurrten auf mich, weszhalb er einige worte zu ihnen sagte, auf die sie sich sogleich, wie im verständnisse, beruhigten Stifter 2, 264. meist liegt ein reflex. verb. zugrunde. das verstehen erfolgt auf zeichen: es schien ein gutes verständnisz zwischen leuten durch die augen zu herrschen, die noch kein wort gesprochen hatten Klinger 4, 85; jeder wechselseitige blick, jedes begleitende lächeln sprach ein verborgenes edles verständnisz aus Göthe 29, 42 Weim.; Ingo wechselte einen blick des verständnisses mit dem alten Freytag 8, 118. durch die sprache: ohne eine gemeinschaftliche landes- und muttersprache .. giebt es kein wahres verständnisz der gemüther, keine gemeinsame patriotische bildung Herder 17, 288. C@1@bb) gewöhnlich liegt ein ständiges verhältnis vor: gute verständnis mit einem haben, passare buona intelligenza con uno Kramer it. dict. 2, 942c; so viel als vernehmen, d. i. eintracht: in einem guten, bösen, schlechten verständnisse mit jemanden leben Adelung; der zustand, in welchem man in bezug auf einen andern stehet oder sich befindet, von der art und weise, wie man sich mit ihm verstehet oder mit ihm stehet, in ansehung der denkart, der meinungen, da vernehmen sich mehr auf das betragen, auf äuszere handlungen bezieht Campe. gutes verständnis; schon mnd.: godt wyl .. de gantze broderschop in gouder vorstentenüsse, fryde unde enycheyt erholden livl. urkunde bei Schiller-Lübben 5, 463a. nhd.: dasz das gerüchte von der guten verständnis zwischen dem Nero und der Acte müste grund haben A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 650; dasz churfürstl. durchl. .. nicht allein wegen guter verständnisz mit Moskau nach China .. treffliche handlung anrichten Leibniz 2, 268; aber ein so gutes verständnisz sollte nicht lange dauern Göthe 28, 107 Weim.; der erste schritt auf seiner reise galt der befestigung des guten verständnisses zwischen den beiden höfen Ranke 4, 24; meine theologischen händel .. haben ein loch in unser gutes verständnisz gemacht Lessing 18, 310. mit anderem attribut: welche personen dann .. die deutliche nachrichten durch gewisses verständnisz unter einander zusammen bringen könnten Leibniz 1, 468; da er über das besondere verständnisz, welches er zwischen ihm und dem Dion wahrnahm, eifersüchtig war Wieland Agathon (1766) 2, 123; wenn deine organische natur ganz philosophie ist, so wird sie ... ein anderes verständnisz haben mit dem geistigen der welt Bettine Günderode 2, 131. C@1@cc) in engerer bedeutung zuweilen auch wohl für gutes verständnis oder einverständnis gebraucht Campe; dasz den pflichten der ehelichen freundschaft durch diese abwesenheit ein abbruch geschehe, glaube ich nicht. im gegentheil ist's ein verständnisz, das durch zu langes beyeinanderseyn erkaltet Bode Montaigne (1793) 5, 484; will ich an Ottokars hof einen erfahrnen und sicheren mann senden, der dir in allen fällen mit rath und that an die hand gehen und unser verständnisz unterhalten soll Babo schauspiele (1793) 46; ich wollte mit ihnen in ein verständnisz kommen Pückler 1, 139. mit präp. bezeichnung dessen, worüber man sich einigt: wie das schwächere Preuszen schon während des Krimkriegs momente hatte, in denen es .. sein verständnis mit Oestreich über deutsche fragen fördern konnte Bismarck gedanken 2, 294. C@1@dd) besonders von einem liebesverhältnis, wenn zwei lie bende sich verstehen; zuerst nachweisbar bei Petrasch 1765 und Wieland 1766; das gespräch .. entdekte eine übereinstimmung in unserm geschmack und in unsern neigungen, welche gar bald ein eben so freundschaftliches und vertrauliches verständnisz zwischen unsern seelen hervorbrachte Wieland Agathon (1766) 1, 299; hat die gräfin ein verständnis mit ihm, so wird es sich aufklären Petrasch lustspiele 1, 700; der alte S. bemerkte das kommende verständnis und neckte beide Novalis 4, 160; da ich eure verbindung, wuszt ich um euer verständnis, weder verhindert noch verzögert haben würde Ludwig 2, 602; Julie schien mich zu lieben .. sie hob nun das verständnisz mit mir auf .. der oheim, ein alter narr, that endlich auch das seinige Tieck 12, 362. gern mit attributivem zusatz: wenn zwischen dem prinzen und der königin geheime verständnisse gewesen Schiller 52, 357 (Karlos 3871); fort mit des hofes kaltem, läst'gen zwange, der jedes trauliche verständnisz trennt! Göthe 132, 19 Weim. (schutzgeist 388); er hätt' es nicht gewagt, wenn zwischen ihnen sich kein geheim verständnisz angesponnen. sie liebt ihn! 9, 424 (Tancred 4, 2); er unterstand sich, dem Dionys wegen seines geheimen verständnisses mit der schönen Bacchidion vorwürfe zu machen Wieland 2, 167 Hempel; (er) glaubte .. das wiederaufleben zärtlicheren verständnisses zwischen beiden zu entdecken Holtei erz. schriften 14, 137. bisweilen bezeichnet es nicht das verhältnis zwischen den liebenden selbst, sondern das mitwissen um das liebesgeheimnis: Elmirens schwester war mit im verständnisz Göthe 22, 237 Weim.; er unterhielt ein verständnisz mit Liesen, die er zu seiner geheimen kundschafterin machte Pfeffel pros. versuche (1810) 7, 43. so sagen wir von heimlichkeiten noch heute: einen mit ins verständnis ziehen; Hermann zieht die mutter ins verständnis. diese verwendung fehlt noch bei verstand C 1. C@22) verständnis, von der redensart sich verstehen zu etwas (I C 2) hergeleitet. C@2@aa) vereinbarung, bündnis: mnd. eine christlike, ewige vorstentnisse, contract und handeling upgerichtet quelle bei Schiller-Lübben 5, 463a; mhd. gemeiner stat vereynung und verstenntnusz ye zu zeiten mit den fürsten Nürnberg. polizeiord. 136; dasz sie .. die von Nurmberg also aus der verpuntnus und verstentnus, die dann der hertzog vor mit in hette wider die marggrafen, bringen wolten d. städtechron. 11, 719, 8; damit zwischen .. hern Heinrichen .. und den .. hern des groszen punds obertütschen landen .. püntnüsz, einung und frintschaft, oder getrüwe verstäntnüsz volzogen, gehandlet und angenommen möge werden Anshelm Berner chron. 4, 15; durch welche .. proceduren protestirende churfürsten und stände Ober Teutschlands gereitzet worden, sich einer mehrern, nähern, vertreulichern verstandnusz und zusammensetzung mitteinander .. zu vergleichen Chemnitz schwed. krieg (1648) 1, 4. von Ranke aus der sprache seiner quellen entlehnt: dasz bereits in dieser zeit ein verständnisz zwischen Baiern und Oestreich »wider die lutherische secte« geschlossen worden sei 2, 107; könig Ferdinand .. eilte den frieden .. zu schlieszen, in welchem er .. sogar in ein engeres verständnisz mit dem landgrafen selber trat 37, 79. im engeren sinne wird verständnis sogar zur benennung eines bestimmten bündnisses, nämlich des Schmalkaldischen bundes, verwandt: und bahten sie in die Schmalkaldischen verständnisz mit einzunehmen quelle v. 1534 bei Haltaus 1899; deszhalb der christliche fürst landgraaf Philips zu Hessen, als hauptmann der evangelischen verstendnusz, .. sich aufgemacht Stumpf Schwytzerchron. (1606) 117b. C@2@bb) geheime verabredung, verschwörung, complott: das mitwissen und die theilnehmung an einer geheimen unternehmung, wo es vorzüglich im nachtheiligen verstande von einer unerlaubten unternehmung gebraucht wird Adelung; es gehet einige verständnisz unter ihnen; heimliche verständnisz mit jemand haben; verständnissen, id est, gute freunde, aber eigentlich zu reden, verräthereyen unter den feinden zuwegen bringen; eine stadt oder vestung mit verständnis einbekommen .. v. verrätherey Kramer it. dict. 2, 942c; hoch-niderteutsch. dict. 247c; heimliches verständnusz, conspiratio, tacita consilia Apinus 293; Kirsch 2, 313b; Frisch 2, 319a; er hat ein verständnis mit dem feinde, cum hoste colludit Steinbach; ein verständnisz mit jemandem haben, mit ihm im verständnisse stehen Adelung; seine verständnisse mit dem feinde sind entdeckt worden Campe; ereignete sich auch, dasz vom Dagobert ausgesprengt ward, er hätte mit den Caledoniern und Römern ein verständnüsz gehabt Lohenstein Arminius 1, 365b; schon längst hatte er nämlich verständnisse mit Pyrrhus .. angeknüpft Raumer Hohenstaufen 1, 146; in der hoffnung dasz ein verständnisz, das er vorbereitet hatte, ihm die überraschung dieses seeplatzes möglich machen werde Ranke 4, 26; mit welchem bösen geist steht der mensch im verständnisz, dasz er mir alle mädchen raubt Klinger theater 4, 241; nur der bauherr, der mit Apollonius im verständnisse war, wurde zu ihm gelassen Ludwig 1, 290; seine feinde beschuldigten ihn eines verständnisses mit dem grafen von Tyrane, den die rebellen in Irland zu ihrem haupte erwählt hatten Lessing 9, 275; weil die tempelherren aus orient kamen und oft des politischen verständniszes mit den Saracenen beschuldigt waren Herder 15, 104; wenn wir auch keine unterstützung von auszen zu erwarten hätten, .. so wären wir mit unsern tausend soldaten und den verständnissen, die wir in der stadt haben, schon sicher genug Schiller 4, 163; weh' mir, wenn er beweise hat! erfährt die königin, dasz zwischen mir und der Maria verständnisse gewesen — gott! wie schuldig steh' ich vor ihr! 12, 518 (M. Stuart 2745); gebt mir die kenntnisz meines fehlers mit. wenn ich verständnisz hatte mit mir selbst, ja, irgend meine eignen wünsche kenne, ....... nie, mein werther oheim, selbst nicht mit ungeborenen gedanken beleidigt' ich eu'r hoheit Shakespeare 4, 184 (wie es euch gefällt 1, 3); selbst der graf von Nola, wiewohl des verständnisses mit Alfons verdächtig, huldigte ihr Platen 3, 126. oft wird das geheime des anschlages betont: als ob man durch diese teutschhertzige gesellschaft heimliche verstäntnüsz .. verbindlich auswürken wolte Neumark palmbaum (1668) 166; dasz Essex mit den rebellen in einem heimlichen verständnisse stehen müsse Lessing 10, 9; könnt ihr es leugnen, dasz ihr mit der Stuart in heimlichem verständnis wart Schiller 12, 527 (M. Stuart 2928). man empfand schon um die wende des 18. jh. diesen ausdruck als nicht ganz klar und verdeutlichte ihn entweder durch einen zusatz oder ersetzte ihn: der zeugen harmonie, sein eigenes bekenntnisz beweist ein sträfliches verständnisz nur allzu stark Wieland (1793) 10, 292; die dinge, worin die Tiburter angeklagt waren, .. können nichts andres seyn als ein angeschuldigtes verrätherisches verständnisz Niebuhr m. geschichte 3, 311. bei der aufnahme des Agathon in die gesammtausgabe 1793 (2, 289) ersetzt Wieland verständnis, das noch die ausgabe von 1773 (2, 21) aufweist, durch verschwörung (zeitschr. f. d. wortforschung 8, 59b). C@33) nur in vereinzelten fällen berührt sich verständnis mit verständigung 2 'mittheilung, erklärung': das si die juden .. tzwelf gantze jare .. an alles absagen haben sullen und der genyezen mogen noch irer notdurfft und vorstantnusse d. städtechron. 4, 171, 24; ain clare verstentnusz in tütsch uff doctor J. R.s ratschlag von den juden büchern Reuchlin titel eines buches v. 1512 (s. quellenverzeichnis); da doch die sprachen den menschen deswegen, dasz sie sich dadurch, als durch eine algemeine innerliche verständnüs, zu einander gesellen sollen .. Zesen rosenmând (1651) 8; personen .., deren namen schon von der unterhaltungsweise genungsames verständnisz giebt Göthe im jahrbuch 19, 14; die vielen bilder .. schienen mir hier von den wänden über manches ein verständnisz zuzuwinken, worüber es mir in der schwedischen geschichte und dem schwedischen karakter bisher noch nicht hatte hell werden wollen Arndt an s. l. Deutschen 1, 214; wer kann ein licht mir zünden, ihre heimlichkeit zu ergründen? da sprach sein hauptspürer und obermeuteführer: es gibt kein besseres verständnisz als ihr eigenes geständnisz, und kein sichreres erkenntnisz, als ihr eigenes bekenntnisz Rückert makamen (1837) 1, 71.
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Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    verständnisn.

    Grimm (DWB, 1854–1961) · +2 Parallelbelege

    verständnis , n. , das älteste und in der älteren periode weitest verbreitete wort für verstand. form. es ist von ahd. s…

  2. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    Verständnis

    Goethe-Wörterbuch

    Verständnis [bisher nicht publizierter Wortartikel]

  3. modern
    Dialekt
    Verständnis

    Mecklenburgisches Wb. · +1 Parallelbeleg

    Verständnis in der Zs. Unverständnis .

  4. Spezial
    Verständnis, des Textesn

    Dt.-Russ. phil. Termini · +1 Parallelbeleg

    Verständnis , n des Textes понимание , ср текста → FiloSlov Textverständnis, n

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit verstaendnis

15 Bildungen · 12 Erstglied · 1 Zweitglied · 2 Ableitungen

Ableitung von verstaendnis 3 Analysen

ver- + staendnis

verstaendnis leitet sich vom Lemma staendnis ab mit Präfix ver-.

Alternativen: ver-+stand+-nis verstand+-nis

verstaendnis‑ als Erstglied (12 von 12)

verständnisgebend

DWB

verständnisgebend , adj. gebrauchtes part. prät., nicht üblich: in dem theater, das von dem gottesaltare .. aus, sich zu der verständnisgebe…

verständnisinnig

DWB

verstaendnis·innig

verständnisinnig , adj. und adverb., wie verständnisvoll eine bildung erst des 19. jh. und zwar aus der zeit des jungen Deutschlands. es war…

verständnislos

Pfeifer_etym

verstaendnis·los

verstehen Vb. ‘wahrnehmen, begreifen, geistig erfassen, etw. beherrschen, deutlich hören’, auch (reflexiv) ‘mit jmdm. auskommen, gleiche Int…

verständnismittel

DWB

verstaendnis·mittel

verständnismittel , n. , wie verständigungsmittel; zu verständnis C 3: 800 jahre lang fühlte niemand den drang, sich dieses verständnismitte…

verständnisreich

DWB

verstaendnis·reich

verständnisreich , adj. , seltener als verständnisvoll ( vgl. auch verstandreich): ( er ) sah mit einer eben so geistreichen und verständnis…

verständnisvoll

DWB

verstaendnis·voll

verständnisvoll , adj. , seit mitte des 19. jhs. nachzuweisen, löst verstandvoll ab, das um die wende des 18. jhs. erlischt und nur noch ein…

verstaendnis als Zweitglied (1 von 1)

Selbstverständnis

RDWB1

Selbstverständnis n самовосприятие (а не "нечто само собой разумеющееся")

Ableitungen von verstaendnis (2 von 2)

Mißverständnis

DERW

Mißverständnis, F., ›falsches Verständnis‹, Lüt. lat. dissensio, F., ›Nichtüberein- stimmen‹?, s. miß, Verständnis mit, Adv., Präp., Präf., …

unverständnis

DWB

unverständnis , n. , mangel an verständnis ( s. d. B 1, 2) und dessen gs. ; mhd. unverstentnus, mnl. onverstandenisse, -stentnisse: unverste…

Zitieren als…
APA
Cotta, M. (2026). „verstaendnis". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 12. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/verstaendnis/dwb?formid=V04833
MLA
Cotta, Marcel. „verstaendnis". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/verstaendnis/dwb?formid=V04833. Abgerufen 12. May 2026.
Chicago
Cotta, Marcel. „verstaendnis". lautwandel.de. Zugegriffen 12. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/verstaendnis/dwb?formid=V04833.
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