versieden,
verb. ,
ahd. firsiudan,
discoquere. Graff
ahd. sprachschatz 6, 165;
mhd. versieden
mhd. wb. 2, 2, 361
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 227. Schmeller
bayer. wb. 2, 227; versieden,
defervere, defervescere. Maaler 431
b; versieden,
consumer quelque liqueur en bouillant, bollir troppo. Hulsius
dict. 355
b (1616); versieden,
nimio aestu corrumpi. Stieler 2015; versieden,
guastare con troppo bollire, it. consumarsi à bollire. Kramer
deutsch-ital. dict. 2, 808
b (1702); versodten,
präs. ich versiede,
debullio. Steinbach 2, 597; versieden,
durch sieden oder zum sieden verbrauchen. Adelung.
den intrans. gebrauch bezeichnet er als ungewöhnlich; die bedeutung kochen, zu lange kochen wird weder bei ihm noch bei Campe
erwähnt. mnd. vorseden Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 440
a; fersêden, fersôd, fersâden. ten Doornkaat Koolman 1, 462
b;
nld. versieden
vel insieden,
decoquere, bulliendo consumere. Kilian 2, 724
b (1777).
über die entwicklung der nhd. flexion des verbums vgl. oben sieden
th. 10, 1,
sp. 867,
dem sich das zusammengesetzte verbum anschlieszt. das starke prät. ind. versott
ist wenig gebräuchlich, wird aber durchaus als sprachgemäsz empfunden, besonders beim activen gebrauch des verbums, das gleiche gilt vom part. prät. versotten.
das schwache prät. versiedete,
part. versiedet
scheint beim intrans. gebrauch vorgezogen zu werden, das wasser versiedete langsam auf dem heerde.
in Norddeutschland wird für das zubereiten von speisen in erhitztem wasser nur kochen
gebraucht, nicht sieden,
so ist auch in diesem theile Deutschlands versieden
in dem activen sinne '
zu sehr sieden, im sieden verderben'
nicht gebräuchlich und wird gegenüber verkochen
als ein gewählter ausdruck empfunden. —
dagegen wird sieden
ganz allgemein in wissenschaftlicher sprache (
vgl. siedepunct)
und im gewöhnlichen leben gleichberechtigt neben kochen
gebraucht, um die erscheinung zu bezeichnen, dasz der im innern der flüssigkeit sich bildende dampf genügend seine expansionskraft verstärkt, um den auf ihm lastenden druck zu überwinden und nach oben in blasen durchzubrechen, wobei die flüssigkeit in wallung gerät. in entsprechendem sinne wird im nhd. auch versieden
gebraucht und von feinerem sprachgefühl dem verbum verkochen
vorgezogen. die zusammensetzung mit ver-
bezeichnet die durchführung der handlung bis zum ende in der bedeutung '
gar kochen' (
weiter noch bis zur aufhebung des zwecks der handlung in der schon erwähnten bedeutung '
zu sehr kochen').
im sinne von gar kochen wird versieden
in älterer sprache viel gebraucht, jetzt aber nicht mehr, dagegen hat es sich in entsprechendem gebrauche in technischer sprache besser gehalten oder von diesem gebrauche aus weiter entwickelt. dem sinne der zusammensetzung mit ver-
angemessen ist es auch, wenn versieden
bezeichnet '
durch sieden aufbrauchen',
doch wird das wort in diesem sinne nur selten vorkommen. [] 11)
etwas gar kochen: versottene hüener.
beleg von 1519
bei Schmeller
bayer. wb. 2, 227; also dasz der reisz nicht gar versotten wird, sondern die kernlein noch gansz bleiben. Tabernaemontanus
kräuterb. 806 (1588); wanns also versotten, distillieren sie es durch eyn glock. Fischart
bienenk. 241
a; ein gantz gelber alter und fast versottener speck. Würtz
practica d. wundarznei 34 (1612); ein versoten huon sul wir hân mit guotem specke eberî
n. Reinhart 1936; weiʒ ieman noch ob daʒ huon mit petersiljen versoten sî. 2083; sô wil ich eʒʒen ditze daʒ man dâ heiʒet huon versoten.
Meier Helmbrecht 475; ein huon gebrâten, einʒ versoten. 881; swaʒ ich versieden wil, daʒ wil si brâten. Hadamar v. Laber
jagd 509; und prediget von dem lutenly und von versotnem haberbry. Murner
narrenbeschw. 32, 46
neudruck; als bald bracht man jm höflich her, als ob er ein credentzer wer, ein schön versottne henn zu ehren. Dedekind
Grobian. übers. von Scheidt 3426
neudruck. 22)
zu lange kochen, sodasz die speise übergar, unschmackhaft, verdorben wird. precoquere, uberkochen, gar versieden. Diefenbach
gloss. 452
c; das fleisch ist versotten,
la carne è stracotta, cioè troppo cotta. Kramer
deutsch-it. dict. 2, 808
b (1702); der muszversotten, verspanischpfeffert ... plunder. Fischart
Garg. 82
neudruck; die spîse er dô gar versôt, daʒ dâ nicht wan ein brüege wart. Boner
edelstein 37, 10; und so ich nimb das kraudt int hendt, so ists an der ein seiten verbrendt und gar zu einem dreck versotten. H. Sachs 14, 173, 14
Keller-Götze; ein fleisch, ist gar versotten, das steckt foll würm und groszer motten. Montanus
schwankbücher 437, 35
Bolte; gesotten und gebachen fisch, die sind allsand zuo lumpen versotten. 443, 9. 33)
zu tode sieden: wer durch gebrauch eines entwendeten insiegels sich gewinn verschafft, den sol man versieden.
beleg des 14.
jh. bei Schmeller
bayer. wb. 2, 227;
ebenso werden münzfälscher bestraft. ebenda; vgl. Scherz-Oberlin 2, 1775; zuo derselben zit do ward Utz Küning zu Laugingen versoten von falscher insigel wegen.
d. städtechron. 4, 50, 16; Grâlant, den man gar versôt, wart nie grœʒer nôt beschert, danne mir.
minnes. 1, 108
b Hagen; ir werdet dar umbe versoten einem ketzer gelîch.
Mai und Beaflor 165, 26; aber den bischolf wolt der grâf Ruodolf als einen ketzer hân versoten. Ottokar
reimchron. 86037. 44)
kochend verbrauchen, aufbrauchen; wasser: daʒ mer man ê versiudet und alleʒ sîn geslehte. ê man dîn lop ze rehte biʒ an den grunt erkirne. Konrad v. Würzburg
goldne schmiede 44. alles wasser versieden. Adelung.
dann auf das heizmaterial bezogen, das man zum sieden braucht: viel holz versieden. Adelung. 55)
in technischem gebrauch, durch sieden in den gewünschten zustand bringen, siedend verarbeiten: in diesem salzwerke wird lauter zehnlötige sohle versotten. Adelung; im salzwerk gebraucht man viel flöszholz zum versieden. Frisch 2, 275
b;
die sole wird in groszen pfannen zum verdampfen erhitzt. das ist das eigentliche versieden.
doch bezeichnet man auch damit das auflösen (abätzen, verätzen)
des salzes aus dem salzthon. Scheuchenstuel
idiot. d. österr. berg- u. hüttensprache 254. die jhennen, die die sole versotten hetten. Spittendorff 122, 13; die heuszlein darinn das ehrlich gut versotten und saltz gemacht wird. Mathesius
Sarepta 126
b (1571). 66)
intransitiv, von flüssigkeiten, im sieden verdampfen: wie ein heis wasser vom hefftigen fewr verseudet.
Jes. 64, 2;
von der im wasser bereiteten speise, gar werden (
vgl. 1): die vierd eingentschafft des eschengrüdels ist braten und den hafen schumen, bisz das das kalbfleisch versüdet. Geiler v. Keisersberg
eschengrüdel a 4
b;
zu stark gekocht werden, im sieden verderben (
vgl. 2): es verbrind mir der braten und versied mir die speisz. Ayrer 5, 3153, 35
Keller. [] versieden,
nimio aestu corrumpi. Stieler 2015; das essen, das fleisch versieden
ò gar zu weich sieden lassen. Kramer
deutschital. dict. 2, 808
b (1702).
hinrichtung (
vgl. 3): daʒ ir tôt was ûfgezoget und si nicht mit des tôdes nôt in der pfannen versôt.
passional 642, 14
Köpke. verbrennen, in freierer anwendung: sijn doot maect mi so onvro, dat mi dat herte dunct versieden.
Reinaert 6193.