versenden,
verb. ,
ags. forsendan;
ahd. farsenten Graff 6, 238;
mhd. versenden
mhd. wb. 2, 2, 298
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 225; versenden,
legare. Stieler 2009;
weiter verzeichnet bei Kramer
deutsch-it. dict. 2, 769
c (1702). Steinbach 2, 345. Frisch 2, 264
b. Adelung
und Campe;
mnd. vorsenden Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 442
b; fersenden,
prät. fersund,
part. prät. fersunden. ten Doornkaat Koolman
ostfries. wb. 1, 463
a.
nld. versenden,
part. prät. versonden. Kilian 2, 724
b. 727
a;
neunld. verzenden.
dän. forsende,
schwed. försända.
die geschichte des deutschen verbums ist eine ganz eigenthümliche; von den ahd. glossierungen sind amittere und praetermittere als unbeholfene übersetzungen anzusehen; die bedeutung, die für das wort im verlauf der nächsten zeit sich als charakteristisch erweist, ist: wegschicken ins elend, in verschlimmerte lage, verbannen; so wird das wort auch im ags. gebraucht; diese bedeutung wirkt bis ins ältere nhd. nach; daneben kommt schon ziemlich früh eine neutrale anwendung des verbums auf (
aussenden, wegschicken, auf personen bezogen).
im älteren nhd. kommt das wort überhaupt nur selten vor, in Luthers
bibelübersetzung z. b. gar nicht. in einer neuen entwicklung beginnt sich dann das wort wieder zu verbreiten; jene alte ungünstige bedeutung wird aber nicht wieder aufgenommen, sie bleibt dem verbum verschicken
vorbehalten. Adelung
sagt, dasz versenden '
in der edleren schreibart für das gemeinere verschicken'
gebraucht werde, '
am häufigsten von sachen'
; von personen sei es nicht so üblich, obgleich auch da verschicken
gebraucht werde. Campe
will bei personen das einfache senden
anwenden; bei sachen bedeute versenden '
in die ferne, an einen entfernten ort, so dasz es dort längere oder kürzere zeit, wenn nicht immer bleibt, senden; das edlere wort, wofür im gemeinen leben oder in gemeinen fällen verschicken
gebraucht wird'. versenden
ist im allgemeinen sprachgebrauch gegenüber verschicken
nicht das edlere, sondern das geschäftsmäszigere wort (
vgl. oben versand,
m. sp. 1040
und dazu Schmeller
bair. wb. 2, 305);
es ist ein wort des handels, des privaten und öffentlichen verkehrs, gewöhnlich nur auf sachen bezogen; die bedeutung des weg- schickens tritt scharf hervor, man sagt: er versendet täglich eine unzahl briefe,
aber nicht: ich habe ihm (an ihn) gestern einen brief versendet;
vgl.: ich habe gestern an ihn eine anzahl warenproben versendet,
dabei liegt der ton darauf, dasz ich sie gestern expediert habe; jemehr versenden
so in geschäftsmäszigem sinne von sachen gebraucht wird, desto mehr wird es bei personen gemieden, weil dabei das versandte
leicht als willenlos erscheint (truppen versenden);
vgl. aber unten unter 2
die citate aus Kramer,
bei denen es sich um ein aussenden in amtlichem auftrage handelt. der freiere gebrauch von versenden
in gehobener rede (blicke, pfeile versenden
u. ä.)
ist jung. 11)
das verbum in dem alten scharfen sinne; das verbum wird dabei entweder ganz prägnant gebraucht oder nach seinem schlimmen sinne durch zusätze verdeutlicht: ahd. fersentan,
exilari, relegare. Graff 6, 238;
relegare, versenden, in dasz elende senden. Diefenbach
gloss. 790
c;
relegatus, versent.
ebenda; relegare, vorsendin.
nov. gloss. 316
a; versenden,
relegare, exulem facere. Kilian 2, 724
b (1777); hê mid eotenum weard on feonda gewealdford forlâcen, snûde fersended.
Beowutf 905; dô Johannes der bote was versant sô verre in des meres lant. Müllenhoff-Scherer
denkm. XLIV, 1, 1 (
vgl. die anmerkung zur stelle 2
3, 265); si wâren dar versendet ze pînlîcher hûte. Lamprecht
Alexander 3573; er hieʒ in an ain scef werfen, er hieʒ in versenden verre in ellende.
kaiserchron. 5615; versendet ward er ûʒ dem lande. er mûse daʒ ellende bûwen iemer mêre. Kraus
ged. d. 12. jh. 4, 169 (
vgl. die anm. zur stelle); wie gar âne missetât der künic Fênix mich versande. Konrad Fleck
Flore 6045; sîn arclistiger rât wolde in heimelich versenden.
passional 129, 69
Köpke; obe ich sie versande in ein wildeʒ einlant. Heinrich v.
d. Türlin
krone 5100; die reinen bîhter alle, die bîden selben jâren versendet verre wâren, die lieʒ der künic kêren mit vröuden und mit êren wider in ir vaterlant. Konrad v. Würzburg
Silvester 2408; des ward Helias verr versandt, und Joseph in den kercher tieff versmitt. Oswald v. Wolkenstein 110, 3, 5; fersanta er in ellende unde in fiendo hant,
tradidit in captivitate. Notker
ps. 77, 61; er wart versendet in das ellende.
spec. eccl. 34; (
die) in vil sêre clagete dô in der keiser vorsant hatte. Leyser
pred. 79, 10; Herodem, der sente Johannem Baptistam unthoubet, den vorsanten die Rômere zu Vienne. Schönbach
pred. 1, 145, 13; tet mêre ûʒ daʒ si der keiser vorsant hete.
myst. 1, 147, 9; he wart vorsant in ein ewich elende.
d. städtechron. 7, 116, 21; geet jr buoben, got versend euch, das jr niemmer herwider komment.
Aimon A 3;
übertragen: mit der vreude wart versant zuht und êre; disîu driu sît leider niemen vant. Neidhart v. Reuenthal 96, 10;
reflexiv: swer sich verlæʒet an getiht (
das dichten), der muoʒ gar werden enwiht, wan er sich versendet gar mit gedanken, daʒ ist wâr. Thomasin v. Zirclaria
d. wälsche gast 12269. 22)
aussenden: ein engel bedûtit alsô vil alse ein bote und hôret die engel an di dô versant werden ûʒ der nidersten jerarchîen; und ûʒ der anderen und ûʒ der dritten enhôret dirre name niht zu, wanne si niht vorsant werden, iʒ ensî danne umme grôʒe dinc.
myst. 1, 208, 29; der heiligen zwelfbotin tach, als sie unser herre Jhesus Christus in die werlt vorsante zu toufene und zu predigene. Schönbach
pred. 1, 218, 5;
in neuerer sprache nur selten von personen (
s. oben vor 1);
von einem, der in amtlichem, geschäftlichem auftrage ausgeschickt wird: einen deputirten, anwald, einen courrier, einen an die ketzer und die unglaubigen versenden. Kramer
deutsch-it. dict. 2, 769
c (1702); er wird öfters in wichtigen handlungen versandt, ein apostolischer versandter. 770
a; der könig helfe! der hat ihn versendet. Uhland
gedichte 448 (1864);
in weniger prägnantem sinn: auf befehl der götter hab ich dich, als kleines kind, aus meinen väterlichen armen versandt. Geszner 4, 38; und Reinhold wird versandt, ihr frische (
blumen) herzubringen. Hagedorn
poet. werke 2, 82 (1771). 33)
von sachen (
über die begrenzung des gebrauchs s. oben vor 1):
transmittere, versenden. Diefenbach
gloss. 593
b; einen brief versenden,
spedire, incaminare una lettera; eine wahre, ein gut versenden. Kramer
deutsch-it. dict. 2, 769
c (1702); die an euch versandte kiste no. 1 mit vorstehendem zeichen geliebe wohl conditionirt zu empfangen, und dem willen des hn.
N. von
N. damit nachzuleben. 770
a; güter auf der achse nach Berlin versenden. Adelung; die schreiben mit dem befehle sind in alle häfen zugleich versandt worden. Campe. 44)
freierer und übertragner gebrauch; von geschossen: bald dann hätte der mann das letzte mal pfeile versendet. Voss
Od. 22, 78; indem ich nach des thieres lende aus starker faust den speer versende. Schiller 11, 280; nur jetzt
noch halte fest, du treuer strang, der mir so oft den herben pfeil beflügelt — entränn' er jetzo kraftlos meinen händen — ich habe keinen zweiten zu versenden.
Tell 4, 3.
übertragen: grausame! welcherlei rede versendest du! pfeile des hasses. Göthe
Achilleis 189 (50, 278
Weim. ausgabe).
blicke versenden: (
wenn liebchen) nach gärten und feldern mit sehnsucht hinaus die blicke versendet. Göthe
Pandora (50, 302
Weim. ausgabe); welch ein anblick ward dem guten Assad, als er rund umher den blick versandte. Platen 339
b (1839).
sonnenstrahl: und die sonne versendet glühenden brand. Schiller 11, 287;
vgl. noch: wenn aus der stilleren mitte der schlacht der denkende feldherr um sich herum, ihm gebot es gott! verderben versendet. Klopstock
Messias 6, 73.