verklagen,
verb. klagend vorgehen, mit klagen zu ende bringen. mhd. verklagen,
mnd. vorklagen,
nl. verklagen,
altfries. urklagia.
die bedeutung hat sich nach zwei seiten hin entwickelt, je nachdem ver
verstärkende oder verneinende kraft äuszerte. stets aber hat ver
das einfache zeitwort transitiv gemacht. 11)
aus der mhd. literatur ist das wort nur in der zweiten der aufgeführten bedeutungen aufgeführt, '
mit klagen zu ende führen, bringen': wir haben manegen sûren tac mit naʒʒen ougen verklaget, ich und Lîâʒe diu maget. Wolfram
Parz. 190, 1.
bis zu ende klagen, aufhören über einen, etwas zu klagen: dô sprach der herre Sigemunt: lât daʒ schimpfen sîn unt alsô bœsiu mære von dem sune mîn, daʒ ir daʒ saget iemen, daʒ er sî erslagen; wande ich en künde in nimmer unz an mîn ende verklagen.
Nibel. 960
Lachmann; nhd. (
sehr selten): sie hett bald die todten verklagt, wie dieser leute art ist. Wirsung
Calistus d 2;
daher verschmerzen: dâ von sô neweiʒ ich (
das herz), waʒ der an mir richet, der immer daʒ gesprichet, swâ er dîne (
des geistes) missetât gesiht, daʒ er sâ zehant giht, daʒ eʒ ein valscheʒ herze tuo. dâ kume ich wunderlîchen zuo und verwiʒʒe man mir eʒ niht, swaʒ lasters dir geschiht, daʒ het ich schiere verklagt. Hartmann
büchl. 1, 931.
auch diese bedeutung nhd. nur vereinzelt: sind also verfüret und leider mehr denn 5 tausent auf einmal umb leib und seele komen .. und were noch alles zu verklagen, wenn nur jrer seele geraten were. Luther 3, 134
b. 22)
die oben aufgeführten bedeutungen ragen nur trümmerhaft ins nhd. hinein. die bedeutung, in der verklagen
heute sich fast allein erhalten und in der es weiteste ausdehnung gewonnen, ist '
anklagen, über jemand klagen'.
aus dem mhd. belegt Lexer 3, 145
diese bedeutung nur einmal und zwar aus später zeit (
ende des 15.
jahrh.).
und hier ist es ein klagen vor der behörde. häufiger noch sich verklagen.
etwas früher findet sich die fügung sik vorklagen
in allgemeinerer bedeutung (
sich beklagen über ..)
im nd.: ok vorclaget sik L., dat juwe kopman sinen broder let upsetten vor seerof (
in haft bringen).
Livl. urk. nr. 1811 (1409). Schiller-Lübben 5, 378
b.
in gerichtlicher klage (
md.): die wollenweber meynster hant sich bie uns vorclaget und geuffint, wie das ...
Frankf. archiv (
Alsfeld) 1458. 2@aa)
nhd. in allgemeiner bedeutung '
klage führen, klage äuszern über etwas' (
heute gebrauchen wir lieber sich beklagen über ..): ich wil mich selb schelten, so lobet mich gott, wil mich schenden, so ehret mich gott, ich wil mich verklagen, so entschüldiget mich gott. Luther 1, 24; (
der teufel) hat lust dran, das er sie (
die creaturen gottes) mag dadurch zu schanden machen, lestern, verklagen und verdammen, wie er zu schanden worden ist.
Hans Wurst 11
neudruck; er setzt zwei mal: gott der rache. wie die pflegen zu thun, die hefftig .. reden .. doch auch daneben anzeigen, das er zweierlei verfolger verklaget. Luther 3, 301; ein herrliches wesen (
die liebe) ... wann sie nicht eben diejenige wäre, darüber so viel hirtengedichte schreyen, welche auff allen schauplätzen gezeigt und in allen fabeln verklaget wird. Opitz 2, 251; adieu welt, dann du nimmst uns gefangen und läst uns nicht wieder ledig .. du verklagst uns und hast keine ursache.
Simplic. 2, 110, 11
Kurz; dann ward die katze bös, knurrte und kratzte, dann schrieen die kinder und wollten die katze schlagen und verklagen. Gotthelf
leid. u. fr. eines schulm. 1, 6; es ist warlich iezunt darzuo komen, welicher iez die warheit thuot sagen, den thuot man iez so hoch verklagen. Schade
sat. u. pasqu. 1, 16, 124; was soll ich von den vetteln sagen, ich mus noch edler geschlecht verklagen; nemlich die zarte jungfraubilder, die sich auch nicht erzaigen milter. Fischart
dicht. 2, 22, 746
Kurz; wenn das volk mich verklagt (
als sittenlos verschreit), ich musz es dulden und bin ich etwa nicht schuldig? Göthe 1, 267; das ich der schwachen schwächster ihn verklage. Schiller (
don Cartos act 4, 6).
part.: das gewissen ist doch mehr als die ganze uns verklagende welt. Lessing 2, 1.
mit angabe des grundes: die ist gewisz vorher verführt gewesen, die dich getreuer hirt der kupplerei verklagt. Wieland 17, 6; zwar mein (
der verschwendung) erbarer herr aehne (
der geiz) nehme sich bey der nasen! überredet er nicht die menschen, .. er sey die gesparsamkeit? solte ich ihn darum deszwegen tadeln oder gar verklagen?
Simpl. 2, 135, 30
Kurz; wer die zeit verklagen wil, dasz so zeitlich sie verraucht, der verklage sich nur selbst, dasz er sie nicht zeitlich braucht. Logau 2, 94, 84 (308
Eitner).
bildlich: ein teuffel jagt den andern nicht aus, sünd verklagt auch jre gleichen nicht. Luther; bei ihrer rede hängt mein klausner, von gedanken, die einander verklagen und entschuldigen, gedrängt, den kopf und ziemlich lange fand er die sprache nicht. Wieland 18, 110; die sich verklagenden und richtenden gedanken. Hagedorn 1, 17; welch andrer schuld verklagt dich dein gewissen. Schiller
hist.-kr. ausg. 12, 563 (
M. Stuart 5, 7); mein tisch, der darff mich nicht um übersatz verklagen; der gurgel ess' ich nicht, ich esse nur dem magen. Logau 1, 140, 3 (138
Eitner); jeder seufzer und fluch, welcher dein lied verklagt. Hölty 252
Voigts. 2@bb) verklagen
hat nhd. ganz besonders die bedeutung angenommen '
jemand behufs bestrafung vor eine behörde oder eine persönlichkeit, der ein strafrecht zusteht, ziehen'
und ist ein vorwiegend im gerichtswesen verwendeter ausdruck. absolut: accuso ich verklage Dasypodius 2
b,
accuso 2
a,
deferre heymlich verklagen 72
c; es sol nimmer mer den geistlichen gestattet werden krieg zuo füren oder eigen menschen zuo töten noch verklagen so zuom tod dienen mag, wie grosz die ursach ist. Schade
sat. u. pasqu. 3, 31, 6 (
scheint eigen menschen nicht object zu verklagen); da er (
Paulus) aber beruffen ward, fieng an Tertullus zu verklagen und sprach ..
apostelg. 24, 2.
mit acc. der person: von stund an tratten hin zu ettliche chaldeische menner und verklagten die Jüden, fiengen an und sprachen zum könige Nebucad Nezar.
Dan. 3, 8; da nun Demetrius das reich innen hatte, kamen zu jm viel gottlose ... diese verklagten Judam und jr eigen volck. 1
Macc. 7, 4; Pilatus aber fragete jn abermal und sprach, antwortestu nicht, sihe wie hart sie dich verklagen.
Marc. 15, 4; der kanzler des löwen, der wolf, ward von allen thieren verklagt, dasz kein lebendiges geschöpf vor seinem räuberzahn sicher sei. Lessing 6, 56; kann ichs ihm (
dem vater) dank wissen, dasz ich ein mann werde? so wenig als ich ihn verklagen könnte, wenn er ein weib aus mir gemacht hätte. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 27 (
räuber 1, 1); (
wäre nicht die buhlschaft) die abgöt Salmon nit anbät, Amon wer an synr swester stät, Joseph würd nit verklagt umb susz. Brant
narrensch. (13) 71, 16
Zarncke; da ward Esopus hart verklagt, der feigen halb von jn besagt und solt dasselb mit schlegen büszen. B. Waldis 1, 7, 71
Kurz; die zehen sün auch sind erschlagen Hamans, der euch vor thet verklagen. H. Sachs 1, 29 (1, 130, 8
Keller); wir haben den könig so gar bethört, das er niemandt gelaubt und hört, wer dem gott ubels nach wolt sagen, oder wolt sein priester verklagen. 3, 1, 154 (11, 69
Keller); die priester und falschen propheten Jeremiam verklagen theten. 3, 1, 135 (11, 1, 17
Keller); der nachbar hat nichts einzuwenden, ihr habt das gröszte recht in händen, aus euren reden zeigt es sich. genug, verklagt den ungestümen. Gellert 1, 71; man führ' ihn (
Davison) nach dem Tower, es ist mein wille, dasz man auf leib und leben ihn verklage. Schiller
hist.-kr. ausg. 12, 579 (
M. Stuart 5, 15).
selten mit sächlichem objecte: weil fehler oder verbrechen im dienste des staats begangen, vom privatmanne nur ins geheim angezeigt, nicht öffentlich verklagt werden können. Garve
anm. zu Cic. off. 2, 231.
das die anklage verursachende im genetiv: wenn wir nu also mit gott versünet und eins sind, so können wir auch wol gegen den leuten den rhum behalten, das sie uns nichts sollen auffrücken des sie uns für jm verklagen oder verdammen möchten. Luther 6, 55; sie können mir auch nicht beybringen, des sie mich verklagen.
apostelg. 24, 13; habe ich aber jemand leide gethan und des todes werth gehandelt, so wegere ich mich nicht zu sterben, ist aber der keines nicht, des sie mich verklagen, so kan mich jnen niemand ergeben. 25, 11; einen eines lasters verklagen,
deferre reum criminis, aliquem crimine accersere. Maaler 422
c; du bist des hochverraths verklagt. Schiller
Wallenst. tod 1.
aufz. 7.
auftr. 2@cc)
mit angabe der behörde, wo man den unrecht thuenden verklagt (
dativisch): geduld sprach: gsell, verklag dein feind der öbrigkeit! die ist zu schutz bereit. H. Sachs 1, 248 (3, 135, 30
Keller). bei: den alten aber verklage man beim pfarrer, der sei zwar auch nicht der beste, aber für solche donnerwerk werde er doch wohl ohren haben. Gotthelf
leid. u. fr. eines schulm. 61; (
das hofgesind soll) bey der herrschafft niemandt versagen, mit lügen und listen verklagen. H. Sachs 3, 1, 153 (11, 66, 3
Keller); Josippe, erst merck ich dein gier. umb sunst bist nicht bey mir verklagt. 3, 1, 173 (11, 140, 31
Keller). gegen: herzog George .. mach seine schrifft warhafftig, darin er mich gegen meinem gnedigsten herrn herrn herzog Johans Friderich kurfürsten verklagt, das ich jme seine unterthanen widersetzig und ungehorsam mache. Luther 6, 7; verklagten mich die Hispanier durch botschafft hart gegen dem künig zuo Hispania. Frank
weltb. 224
a. vor, für: sol ich yhn den vorklagen fur der gemeyne, szo musz ich sie ja zusammen bringen. Luther
adel 15
neudruck; ich will uch das nit verhalten, das ier zum nünden mall vor radt verklagt sind. Th. Platter 104; benebens andeuten liese .. dasz er sie noch dazu, wann sie wieder in Engelland anlangen würden, als verderber der jugend und die seinem sohn zu solcher verschwendung verholffen gewesen, vorm parlament verklagen wolte.
Simpl. 2, 158, 6
Kurz; und uber den geitzigen hund machet das gmein volck einen pund vor dem keyser in zu verklagen. H. Sachs 2, 3, 158 (8, 617, 18
Keller); ich wil sie beidt in kurtzen tagen durch brieff vor dem keiser verklagen. 3, 1, 175 (11, 147, 21
Keller).
bildlich: weil noch das unversöhnliche gewissen vor keinem richter dich verklagt. Gotter 1, 174. 2@dd) sich verklagen: das du dich selbst solt offentlich dargeben, noch bey einem andern dich selbs verklagen, oder unschuldig geben. Luther 6, 371. 2@ee)
das participium nimmt adjectivische (
substantivische)
bedeutung an: es ist der Römer weise nicht, das ein mensch ergeben werde umb zu bringen, ehe denn der verklagte habe seine kleger gegenwertig, und raum empfahe, sich der anklage zu verantworten.
apostelg. 25, 16; dem nach was hat diesen verklagten gezwungen gifft zu trincken, dann die weykhayt? Frank
Erasmus lob der thorh. 17
b; ich eilte gleich, den erhabnen verklagten zu sehn. da hatten die götter mir des verklagten mutter gesandt. Klopstock
Mess. 7, 377.