verhüllen,
verb. mit hüllen zudecken. das einfache hüllen
wird durch ver
nur verstärkt, nicht in seiner bedeutung verändert. in den ältern sprachzweigen nicht nachweisbar, doch mhd. 11)
sinnliche bedeutung. 1@aa)
praevelare, velum obducere Stieler 864;
tegere vestimento, velum obducere Frisch 1, 474
b.
ohne object: die bildnerei kann gar nicht bekleiden; denn offenbar verhüllet sie gleich unter dem kleide, es ist nicht mehr ein menschlicher körper, sondern ein langgekleideter block. Herder
lit. u. kunst 11, 253 (1820); gabs kein mittel, dem fremden drucke zu entkommen oder sich mit ihm abzufinden? zu bekleiden, dasz doch nicht verhüllt würde, gewand anzubringen und der körper doch seinen wuchs, seine schöne runde fülle behielte? 11, 259 (1821).
mit sächlichem objecte, '
mittels kleider'
ist zu ergänzen: Phebus erzurnet schuff er Myde esels ohren an, welche er also verhüllet und verbarg das es niemandt gewar ward. Frank
lob d. thorheit 4
b; der keyser verhült sein angesicht, spricht ... H. Sachs 2, 3, 41 (8, 155, 29
Keller); sie verhüllen sich ebenso wenig den kopf, wenn sie vom markte zum hurenwirth gehen, als wenn sie in ihrer zunft zu eines verdammung ihre stimme geben. Lessing 3, 50; sein gemählde von der opferung der Iphigenia, in welchem er allen umstehenden den ihnen eigenthümlich zukommenden grad der traurigkeit ertheilte, das gesicht des vaters aber, welches den allerhöchsten hätte zeigen sollen, verhüllete, ist bekannt. 6, 385; wie dort der weise idiot Griechenlands .. an der seite seines lieblings sein gesicht verhüllte und geheimnisse der schönheit sah. Herder
phil. u. gesch. 13, 9 (1820); der losere zustand, in dem eine solche gesellschaft lebt, macht ihre genossen mehr mit der eigentlichen schönheit der unverhüllten glieder bekannt .. selbst verschiedene costüms, nöthigen zur evidenz zu bringen, was sonst herkömmlich verhüllt wird. Göthe 23, 23; er konnte das letzte nur mit thränen sagen, er verhüllte sein angesicht und bemerkte nicht, dasz die fremden .. abschied nahmen. Tieck 17, 58; giengens all zu dem kercker dar, sam in klagkleydern bösz entwicht, heten verhült ire angesicht. H. Sachs 2, 3, 184 (8, 722, 6
Keller); alle verhüllen vor gott, ihn anzubeten, ihr antlitz. Klopstock
Mess. 5, 15; stille stand Eloa.er hatte sein haupt in wolken verhüllet. 5, 721; bald wieder .. .. sank sie auf ihn, verhüllte in ihrem busen sein todesgesicht. Wieland 18, 265.
mit persönlichem objecte: da lieff ich geschwind in den stall, sattelte den darinnen stehenden groszen bock, deckte einen langen schwartzen mantel über mich und verhüllte mich ganz darein.
Simpl. 2, 298, 8
Kurz; er, der leydige ward mit einem schwartzen tüchin mantel verhüllet bisz auff den boden, hatte eine lange trauerbinde umb seinen hut herabhangen. Philander 1, 72.
bildlich: wenigstens soll kein trügendes prachtkleid einer angemaszten allwissenheit die mängel verhüllen, die der geschichtschreiber der menschheit .. mit sich trägt. Herder
philos. u. gesch. 4, 3 (1820); der goldne tag verhüllt sein antlitz, traurig rauschts, wie seufzer durch die palmen. Wieland
Oberon 6, 10; verhüllen
mittels andrer dinge als kleider: der mittag kam und ward doch nacht; die sonn, die alles fröhlich macht, war selbst mit leid erfüllet. des lichtes schöpfer fühlet pein, drum musz mit finstern schatten sein das schönste licht verhüllet. P. Gerhard 37, 253; zu diesen unannehmlichkeiten gesellte sich noch die äuszere traurigkeit, die unter dem antarktischen himmel herrscht, wo sie oft ganze wochenlang in undurchdringliche nebel verhüllt zubringen muszten. Wieland
suppl. 5, 166; die hohen bretterwände, die den augen des publicums jene arbeiten verhüllten. H. Heine 8, 56; schlummer sank, und kühle noch hier in die thäler und stille dunkle, gesellige wolken verhüllten noch ihr gebirge. Klopstock
Mess. 1, 527; diesz röschen, in der knospe noch verhüllt. Gotter 1, 182; da nebel mir die welt verhüllten, die knospe wunder noch versprach. Göthe 12, 15; dunkel brennt das feuer nur augenblicklich und dampfet wenn das wasser die gluth stürzend und jählings verhüllt. 4, 268; und den nebel theilt sie leise, der den blicken sie verhüllt. Schiller
eleus. fest. mit personificiertem abstracten begriffe: ich hatte ebenso viel schwestern, wie du, und die erde hat sie verhüllt. J. Paul 20, 181; er watete durch nasse entschlummerte fluren, die ihre blumen verhüllten. 8, 103.
bildlich: besonders hatte er (
Klotz) einen schwarm junger aufschieszender scribler sich zinsbar zu machen gewuszt, die .. ihn in eine solche wolke von weihrauch verhüllten, dasz es kein wunder war, wenn er endlich augen und kopf durch den narkotischen dampf verlor. Lessing 8, 203; (
ich) verhüllte, durch Hamans und Herders beispiel verführt, diese ganz einfachen gedanken und betrachtungen in eine staubwolke von seltsamen worten und phrasen. Göthe 26, 99; diese epoche aus Saladins leben ertrug vielleicht allein das licht der geschichte und es war wohl gethan, die übrigen partien in eine gefällige nacht zu verhüllen. Schiller
hist.-krit. ausg. 9, 214. 1@bb)
reflexiv, von kleidern: sich fest in seinen rock verhüllen. Lokman
fab. 33; schweig Eloa, verhülle dich, auzubeten! Klopstock
Mess. 5, 285; zuletzt verhüllte sie sich und weinte sprachlos. 7, 304;
auf andere weise: bei einem gemeinen künstler hätte die jüngste tochter (
der Niobe) sich ganz in den schoosz der mutter verhüllt. Herder
lit. u. kunst 11, 227 (1821); zufolge ihrer erzählung hatte dieser Emanuel eine hart erhabne stellung unter den menschen: er war allein, an seiner brust waren grosze freunde gewesen — aber alles war ihm unter die erde gegangen — darum wollt' er auch sich darunter verhüllen. J. Paul 7, 107; dem allen ab zu seyn wolt ich mich gantz verhüllen mit tausend bücher schar und meinen hunger stillen an dem, was von Athen bisher noch übrig bleibt. Opitz 1, 140, 469; der mond, die sterne, die so freundlich erst hernieder lauschten, hoffend auf musik, die haben gleich dem fräulein sich verhüllt. Uhland 177 (1834). 1@cc)
particip. prät.: es schien mir dasz ihr herz gleich der erdkugel mit einer bis auf eine ziemliche tiefe kalten oberfläche anfange, in seinem innersten aber eine verhüllte wärme vermehre. J. Paul 40, 21; die gestalt seines geliebten Dahone, die gestalt seines geliebten vaters, die gestalt seiner verhüllten (
d. i. begrabenen) mutter und alle geliebten bilder ruhten wie monde .. über ihm. 7, 240; wie ein kinderherz, dem die vorhänge .. das nahe weihnachtsgeschenk verdecken, zog er .. mit fester binde dem nahen himmelreiche entgegen. Dian trug .. eine zeichnung von dem verhüllten träumer in sein studienbuch. 21, 11; wo sonst nur der hohepriester betend, mit verhülltem gesicht, zu dem gnadenstuhle hintrat. Klopstock
Mess. 4, 320; kurz vor dem fall des groszen Julius standen die gräber leer, verhüllte todte schrien und wimmerten die römschen gassen durch. Schlegel
Shakespeare Hamlet 1, 1. 22)
übertragen, verhüllen
der erkenntnis, wahrnehmung entziehen. 2@aa) ich sollte schweigen auf ewig — denn er ist euer sohn: ich sollte seine schande verhüllen — denn er ist mein bruder. Schiller
hist.-krit. ausg. 2, 15 (
räuber 1, 1); die niedrigkeit seiner geburt im glanze hoher würden zu verhüllen .. hatte ihn die regentin .. mit dem purpur zu bekleiden gewuszt.
werke 806; ihre fliegende seele hatte längst die flügel zusammenzulegen, die thränen und wünsche zu verhüllen gelernt. J. Paul 9, 56; so hattest du auch mir dein groszes werk verhüllt? Stolberg 4, 211; in dieser fälschlich angegebnen hochzeit hab ich der kinder opferung der mutter verhüllet. Schiller (
Eurip.) 219 (
Iphig. in Aulis 1, 1); entschliesze dich zu meiden und zu darben und vor dir selbst sogar, o herz, verhülle den ganzen reichthum deiner liebesfülle. Platen 1, 45 (1848).
unkenntlich machen: denn die mutter des unerschaffnen zeigte, wiewohl der schmerz sie verhüllte, in ihren geberden eine hoheit. Klopstock
Mess. 7, 319; 2@bb)
reflexiv: ich löse nun das band, das mich so innig an die menschen knüpfte, und verhülle mich ihrem blick. Klinger 2, 429; sich in sein leiden verhüllen.
ebenda; also habt jr nu vernomen woher der span und streit sey komen zwischen diesen beiden münchen, der sich noch nicht lest verdünchen bey jren orden, münchen, secten, wiewol sie solchs gar gern verdeckten, auff das man nicht sol mercken heut ir zwytracht und uneinigkeit, und darumb syncretismos spieln da sich darmit zu verhüln. Fischart 1, 143, 411; alls treten unter sich und sich in sich verhüllen, ist sonst kein beszrer schild für, unfall, deinem willen. Logau 3, 95, 96 (525, 9
Eitner); nein niemand schalt sie — man verhüllte sich in ein so lastend feyerliches schweigen. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 98 (
Piccol. 2, 2). 2@cc)
particip, von personen: der unbegreifliche verhüllte (
gott). Klinger 5, 242; wo ist der unendliche? das verhüllte ich greift nach sich selber umher und stöszet an seine kalte gestalt. J. Paul 7, 151; am wehesten that ihm gerade die sinnliche kleinigkeit, dasz sein vater noch allein und verhüllt in der insel geblieben war. 7, 239; es fiel mir nicht auf, dasz er dem guten verhüllten Julius verbarg, dasz er sein vater war (=
Julius, den man nicht als solchen kannte). 10, 182; dich, höherer mensch, der unser leben ... kleiner findet als sich und den tod und dessen herz ein verhüllter groszer geist in dem todtenstaube anderer zerfallener menschenherzen heller und reiner schleift. 7, xxiv; der verhüllte mann der zeit, der eben so kühnen herzens wie kundiger zunge ist, und der das grosze beschwörungswort weisz .. er steht vielleicht schon in eurer nähe. H. Heine 8, 39.
von dingen und begriffen: ich schrieb ehemals ein blatt verhüllter innigkeit, das wenige lasen. Göthe 44, 13; zwischen dieser erhobenen arbeit ... sperren sich auch deine kleinen tage ein: dieses ist die verhüllte geburtstäte deiner künftigen thränen, deiner künftigen entzückungen. J. Paul 8, 25; alles das sind Albanos verhüllte schlüsse; offne anklagen waren seinem ehrgefühl versagt. 22, 205 (
verhüllte schlüsse: schlüsse die er bei sich behält); schauerliche ahnungen einer verhüllten zukunft. Bettina
tageb. 47; nun verlasz ich diese hütte, meiner liebsten aufenthalt, wandle mit verhülltem schritte durch den öden finstern wald. Göthe 1, 46; es ist ein blutger krieg, in den wir gehn und ungewisz, verhüllt ist der erfolg. Schiller
hist.-krit. ausg. 12, 266 (
Wallenst. tod 2, 7).
mit näherer bezeichnung dessen, vor dem man sich unkenntlich macht: eurem auge verhüllt. Klinger 2, 432.
und dessen, wodurch man sich unkenntlich macht: verhüllt vom schmerze, stieg sie am tiefsten zu den menschen hinab, von ihnen bewundert zu werden. Klopstock
Mess. 7, 322 jammernd denkt er, und in sich verhüllt, an diese geschichte seiner heiligen jugend. 2, 647; weil alles hier den wechsel fühlet, das glück mit unsern wünschen spielet, das beste herz sich oft verirrt und seines irrthums opfer wird, soll ich mit finsterm blick und träge tief in mich selbst verhüllet gehn, nicht blumen pflücken, die am wege sich düftend mir entgegen blähn. Gotter 1, 6.