Wossidia
vergäten a. Spr. vörgeten vergessen; Formen: Prä
s. vergät, -gettst, -gett, -gäten; Imp. verget, vergeten;
Part. Prät. vergäten Nerg. 159; Mi 101
a; allgem. 1. etwas, jem. ganz oder zeitweilig aus dem Gedächtnis verlieren, sich nicht an etwas, jem. erinnern a. trans.: 'dat scal endet ... wesen ... unde vorgeten' (1307) UB. 5, 351; 'de dinge ... werden ... vorgeten' (1339, Abschr. 16.
Jh.) 9, 215; denn hest dat all lang' vergäten S. Neum. Märchenfrau 105; Vergät din Let (Leid) Egg. Trems. 16; in Doppelformeln: 'de Kluckhenne ... vorgedt unde vorledt ... ere Kken' Gry. Wed. L 2
a; ganz verget un vergew he mi dat ok nie nich Bri. 2, 24; Rdaa.: Käuh, dei am düllsten brüllen, vergäten dei Kalwer am iersten von Eltern in bezug auf ihre Kinder gesagt HaHagenow@LankLank; dei Sœg' vergett ümmer, dat sei 'n Farken wäst is in bezug auf alte Leute gesagt Wa Waren@SchwarzSchwarz; der Langschläfer vergett jo woll den Kalenner Nds. 8, 77
a; zu jem., dessen Rede man unterbricht: vegett dien Word nich Brückn. Pirdj. 187; vergät nich din Räd'! Wa; oft; du, vergät dinen Namen nich! bedenke, was du tust! RoRostock@MüritzMür; dee Mil (eine falsch gemessene) hett de Deuwel mäten un 'n Swanz vergäten Wa; der Melkerin zugerufen: vergät 'n Bullen ok nich! RoRostock@RibnitzRibn; dei annern Mahltiden (außer der Kaffeemahlzeit, die es stets gibt) vergäten wi oft (bei sehr eiliger Arbeit) WiWismar@PoelPoel;
s. Lichtmeß;
sonn' (schlecht steuerbare) Schäpen vergäten, dat se 'n Roder achter sick hebben RoRostock@WarnemündeWarn; Beispielsprw.: dat du mi dat nich vergettst, säd' dei Vadder tau den Jung', donn sned' hei em ne Karw in 't Uhr GüGüstrow@BützowBütz. In fester Verbindung: ne vergäten Krankheit das Wochenbett WiWismar@PoelPoel; HaHagenow@BesitzBes; denn so is dat ne vergäten Krankheit, as de jung' Fru säd, as se nah de Wochen Kirchgang höll Bri. 6, 48. b. besondere syntaktische Konstruktionen; mit altem Gen. statt Akk.: 'dat se ... des Balcken in eren egenen Ogen ... vorgeten' Gry. Wed. K 1
a; 'Verget nich min' (die Pflanze Vergißmeinnicht; 1656) Kohf. Hg. 1, 2; unpersönl. Subj. steht mit refl. Akk.: so wat vergett sick (wird leicht vergessen) Zand. Bill. 189; dor (von Sagen
etc.) lett sick väl von vergäten StaStargard@HelptHelpt; dat lett sick vergäten un ok wedder lihren, hadd' dei Jung' ok seggt näml. zum Pastor, als er das Vaterunser vergessen hatte PaParchim@GanzlinGanzl; mit zusätzlichem Dat.:
dat heff ick mi vergäten LuLudwigslust@ConowCon; dat is mi vergäten ist aus meinem Gedächtnis entschwunden, ich erinnere mich nicht mehr Wa; GüGüstrow@KritzkowKritzk; H. Schrö
d. Buerh. 3, 80; von Ansicht kenn ick den Baukstawen woll, œwer de Nam is mi vergäten HaHagenow@RedefinRed; dat is mi vergäten worden desgl. StaStargard@WeisdinWeisd; mi vergett dat all' ich vergesse das alles LuLudwigslust@NeustadtNeust. 2. ohne Absicht unterlassen; Rdaa.: dei (jem. mit Löchern im Strumpf) hett vergäten, dei Finstern tautaumaken WaWaren@JabelJab; dei (Schnarchender) hett dat Smeren vergäten, kann nich dörchkamen (durch den Knorren) SchöSchönberg@SchlagsdorfSchlagsd; an schlechtem Bier is Hoppen un Molt an vergäten HaHagenow@RedefinRed; an di (langweiligen Menschen) is Solt un Smolt vergäten ebda; uns' Veih vergett 't Upstahn wird kraftlos Ro Rostock@KühlungsbornKühl; dat Upstahn vergäten sterben: Bri. 4, 180; Reut. 7, 497; dat Lufthalen vergäten desgl.: Stillfr. Stopps. 12; dat Äten vergäten desgl. Wa; dat Wedderkamen vergäten desgl.: Nds. 8, 78
b; auch Abschiedsgruß für einen Besucher: vergät ok nich dat Wedderkamen! RoRostock@DierhagenDierh; ein Pfuscher wird so kräftig hinausgeworfen, dat hei dat Wedderkamen vergett Bri. 5, 123; die schwer arbeitenden Pferde vergäten dat Pissen RoRostock@KühlungsbornKühl; denn' hebben s' jo vergäten to beierdigen er sieht sehr elend aus Wa; er ist verrückt LuLudwigslust@GrabowGrab; lebensmüde Alte klagen: mi hett uns' Herrgott vergäten to halen Wi; Aberglaube: bei den Seeleuten galt es als böses Vorzeichen, wenn jem. vor der Ausfahrt etwas von seinem Zeug mitzunehmen vergaß RoRostock@RibnitzRibn. 3. ohne Absicht zurücklassen; Rdaa.: jem., der sich erbricht, hett 'n Slœtel to 'n Noors vergäten, schitt œwer de Tung' StaStargard@WulkenzinWulk; der Vergeßliche vergett noch eins Rock un Stock Wo. Sa.; jem. mit dünnen, also keinen Waden hett sin vergäten, hett s' to Hus laten Wa; tau Hus hebben ok väl nicks vergäten sind nicht gern zu Hause RoRostock@DoberanDob; Abfertigungen auf das Geständnis, etwas vergessen zu haben: dat heff 'ck (heck) vergäten. — Heckvergäten ward in 'n Sack haalt PaParchim@DobbertinDobb; Wo.
V. 3, 1491; Vergät man nich eens dinen Noors, denn mööst dörch de Rippen schiten 1492. 4. refl. sich vergessen, das Bewußtsein der Situation, in der man sich befindet, verlieren: Un ehn jeder de dat sach, de vergatt sick ganz Babst Kö
n. 16; dor hett hei sick vergäten un den Spitzbauben dalslahn RoRostock@RibnitzRibn; das geschwängerte Mädchen hett sick vergäten hatt Wa. — Abl.: gott-, unvergäten. — Br. Wb. 1, 378; Dä. 520
b; Da. 237
b; Kü. 3, 592; Me. 5, 383.