verbreiten,
verb. expandere, in den älteren germanischen mundarten nicht vorhanden, mnd. vorbreden,
nl. verbreeden, verbreiden,
nhd. erst seit vorigem jahrh. nachgewiesen. Adelung
versuch 4, 1387
führt es zuerst im wörterbuche auf. verstärktes breiten,
welches wort, jetzt in der umgangssprache seltener, durch ausbreiten
und verbreiten
ersetzt wird, ersteres mit stärkerer entwickelung der sinnlichen, letzteres der geistigen bedeutung. 11)
breit machen, in die breite ausdehnen: die hände verbreitend schwamm er. Voss
Od. 5, 374; auf kieseln im bache, da lieg ich so helle, verbreite die arme der kommenden welle. Göthe 1, 71;
part. praet. mit adjectivischem gebrauche: nicht lange so öffneten sich die durcheinander geschlungenen gruppen, um einer jungen tänzerin raum zu machen, die .. mit reitzend verbreiteten armen herangeschwebt kam. Wieland 8, 453; also sprach Eloa und stand mit verbreiteten armen gegen die erde gekehrt und segnete bei sich die erde. Klopstock
Mess. 5, 286; und sie knieete nieder und sah mit verbreiteten armen, und mit lautem weinen um sich die kinder erwachen. 11, 1276; gottes lebender wind hielt zwischen den ehernen bergen unbeweglich und wartete mit verbreiteten flügeln. 1, 362; es liegt auf ihren (
der pest) verbreiteten flügeln an den mauern der tod. 3, 540. 22)
nach verschiedenen richtungen ausdehnen: es ward ihm zu der äste vollem sprosz und der zweige wassers sie zu verbreiten genug. Klopstock 6, 245;
part. praet. mit adjectivischem gebrauche: Jesus wendete sich, ging hin zu dem tische und legte auf die verbreiteten teppiche sich.
Mess. 14, 1330; also stehn drei brüder um eine geliebtere schwester zärtlich herum, wenn sie auf weichverbreiteten blumen sorglos schläft. 3, 519; frei empfängt mich die wiese mit weithin verbreitetem teppich. Schiller
spaziergang; der kosmische nebel gestaltet oder formlos, allgemein verbreitet ... modificirt wahrscheinlich die durchsichtigkeit des weltraums. Humboldt
kosmos 1, 158. 33)
in übertragener bedeutung, vielfach noch als poetisches bild gefühlt: die wolken verbreiten finsternis über das land
und ähnl.; dies (
das hervorbrechen ihrer reize) verbreitete einen so blendenden glanz um sie her, dasz ich ... nicht aufhören konnte, mich ... von einer so angenehmen wahrheit immer gewisser zu machen. Wieland 33, 159; die aufklärung über des orients localität und costüm, welche immer mehr licht verbreiteten, nahm ich mit freuden auf. Göthe 26, 103; diese selbstbeherrschung .. macht uns geneigt .. unsre herrschaft auch über die andern zu verbreiten. 17, 121; selbst das einsame vorüberwogen und schilfgeflüster eines leise bewegten stromes ... verfehlte nicht einen entschieden beruhigenden zauber über den herantretenden zu verbreiten. 48, 46; krieg und verheerung in die beste stadt ... zu verbreiten. Schiller
Iphig. 1, 1; ins land verwüstung zu verbreiten. Chamisso 4, 79; um das gehörige licht über die geschichte dieses doppelpaares zu verbreiten. Wieland 38, 233; die chemischen elemente, aus denen die meteormassen bestehen und über welche Berzelius ein so groszes licht verbreitet hat. Humboldt
kosmos 1, 135; er verbreitete das gerücht in der stadt. Klinger 8, 334; der Seineflusz hatte die gute nachricht unmittelbar ins meer verbreitet. H. Heine
memoiren 239; die wahrheit darf und sie will sich zeigen, ein feiger, der von besorgnisz geleitet, sie nicht, so viel er vermag, verbreitet. Platen 161; verbreiten
durch zerstreuung: die Juden wurden über die ganze erde verbreitet; die kommunisten, welche isoliert in allen ländern verbreitet waren. H. Heine 9, 14; sie erblicken mit schauern .. den fürchterlichen gott der schlachten, der in tönendes erz eingekleidet sich um den Simois zahllos verbreitet. Schiller
hist.-krit. ausg. 6, 190 (
Iphig. in Aulis 3, 4);
part. praet. mit adjectivischem gebrauche: ein junges schönes frauenzimmer, über dessen holdem gesicht eine dunkle betrübnis verbreitet lag, wie ein schwarzer flor über einem blühenden rosenstrauch, flüsterte jetzt eine ganze lange, verweinte geschichte. H. Heine 3, 62; die folgen eines unglücklichen feldzugs, sowie die folgen jener verbreiteten gesinnungen und meinungen, blieben seinem scharfblicke nicht verborgen. Göthe 15, 88. 44)
reflexiv, sich ausweiten, ausdehnen in die breite. 4@aa)
sinnlich, heute sich verbreitern
geläufiger: das thal verbreitet sich und alle leden sind wo möglich zum feldbau umgearbeitet. Göthe 43, 147;
überhaupt sich ausdehnen: an den neuen zäunen, stacketen und lusthäusern, die sich weit um die stadt umher verbreiten, sieht man .. 15, 28; weinberge .. die sich auf dieser rechten seite des flusses .. verbreiten. 43, 62; ein anmuthiger buchenwald umgab den platz, der .. sich ihr zu beiden seiten verbreitete. 25, 325; der sternenhimmel, der sich immer zu verbreiten und alles zu umschlieszen schien. 21, 186; wie hier sich die städte glänzend und hoch voll unzählbarer menschen im thale verbreiten. Klopstock
Mess. 3, 608; eilet vogelschnell den thälern zu, die sich in unabsehbarn weiten an des gebirges fusz vor ihrem blick verbreiten. Wieland
Oberon 2, 6; ein reicher teppich liegt, so weit das gezelt sich verbreitet, auf seinem boden ausgespreitet. 3, 53; wie wird die welt so weit! je höher man steigt auf die berge, je weiter sie sich verbreit't. Uhland
ged. (1834) 37; kaum war das letzte wort über seine lippen gekommen, so verbreitete sich ein lieblich dämmerndes rosenlicht durch die grotte. Wieland 38, 109; als ich wieder aufwachte, hatte die dämmerung sich schon verbreitet. Göthe 48, 59; auf einmal steigt ein schwarzer rauch aus des gefäszes hohlem bauch, verbreitet sich immer weiter umher, liegt, wie ein berg, auf land und meer. Wieland 18, 222; eine krankheit verbreitet sich;
bildlich: dieser schnupfen der seele, den man viel zu gelinde üble laune nennt, verbreitet sich über alles, was der angesteckte berührt. Thümmel 1, 77; diese seuche (
revolutionäre anschauungen) verbreitet sich am gewaltsamsten zu den zeiten, wenn groszes glück und unglück auf der wagschale liegt. Göthe 43, 50. 4@bb)
von geistigen dingen gesagt: lasz dich fesseln, flüchtiger gedanke! wie weit er sich verbreitet und immer weiter. Lessing 2, 98; ich mache sie blosz deszwegen auf ihre wärme aufmerksam, freund, weil sie sich so leicht aus dem herzen in den kopf verbreitet. Wieland 29, 151; der philosophische geist hat sich auf alle theile der gelehrsamkeit verbreitet. Herder
z. lit. u. k. 1, 70; überallhin verbreitete sich sein günstiger einflusz. Göthe 17, 200; die joviale wirksamkeit des mannes verbreitete sich bis nach Weimar. 58, 92; rechtschaffenheit und patriotismus wird in diesem oder dem tone der Gleimischen kriegslieder am besten verbreitet. 33, 72; eine nachricht, ein gerücht verbreitet sich. 4@cc) sich über etwas verbreiten: der wahre geschmack ist der allgemeine, der sich über schönheiten von jeder art verbreitet. Lessing 7, 3; sie mögen recht haben, dasz die freiheit eine neue religion ist, die sich über die ganze erde verbreitet. H. Heine 3, 6. 4@dd)
durch zerstreuung nach verschiedenen richtungen sich ausdehnen: die fruchtwerkzeuge, sich von den kolben zu tausenden ablösend, verbreiten sich schwimmend auf dem wasser. Göthe 55, 128; da auf der freien erde menschen sich wie frohe heerden im genusz verbreiteten. Göthe 9, 142; jetzo hatten den himmel die cherubim feiernd verlassen, und sich überall schnell in der welten kreise verbreitet. Klopstock
Mess. 1, 516. 55)
abstract, sich über etwas verbreiten,
im gespräche, in der darstellung etwas eingehend darlegen: er (
Virgil) hielt sich daher lieber an darstellung der ursache des leidens (
des Laokoon) und fand für gut, sich umständlicher über .. die wuth, mit der sie (
die schlangen) ihr schlachtopfer anfallen, als über die empfindungen desselben zu verbreiten. Schiller 10, 162; ein brief, welcher sich über der tochter fortschritte mit behagen verbreitete. Göthe 17, 36; sie (
die monatsschrift) wird sich über alles verbreiten, was mit geschmack und philosophischem geiste behandelt werden kann. Schiller
an Göthe 1, 3; wenn der alte herr am abend in seinem garten sasz .. dann verbreitete er sich gern mit leiser sehnsucht über die vorzüge eines geschäftes. Freytag
soll u. haben 1, 7. 66)
nach verschiedenen richtungen beziehungen anknüpfen: wenn dieser (
der vater) in einer periode lebte, wo man lust hatte sich manches zuzueignen, dieses eigenthum zu sichern, zu beschränken, einzuengen und in der absonderung von der welt seinen genusz zu befestigen, so wird jener (
der sohn) sodann sich auszudehnen suchen, mittheilen, verbreiten und das verschlossene eröffnen. Göthe 17, 295.